Die britische Turner-Preis-Jury weiß immer wieder zu überraschen mit ihrer Wahl: Letzte Nacht kürte sie im südenglischen Bradford die Künstlerin Nnena Kalu, eine Zeichnerin mit nigerianischen Wurzeln, die neurodivergent ist, also jemand, dessen Gehirnfunktionen wie Denken, Wahrnehmung, Lernen, Sozialverhalten signifikant von dem abweichen, was gesellschaftlich als „normal“ oder „typisch“ gilt.
Die Jury lobte Kalus farbintensive Zeichnungen und Skulpturen, die unter anderem aus gefundenen Stoffstücken und VHS-Kassettenband bestehen. Kalu arbeitet mit der Londoner Organisation ActionSpace zusammen, die Künstlerinnen und Künstler mit Lerneinschränkungen unterstützt. Der Juryvorsitzende Alex Farquharson, Direktor der Tate Britain, sagte in der Laudatio, der Preis für Kalu sei „endlich ein Wendepunkt für die internationale Kunstwelt“, er werde „aufgrund seiner künstlerischen Qualität“ verliehen, nicht etwa aus sozialem Mitleid. Aber da Kalu in ihrer verbalen Kommunikation eingeschränkt sei, sei sie im früheren Kunstbetrieb außen vor geblieben. Es sei nun Zeit, die Grenzen zwischen „neurotypischer und neurodiverser Kunst auszuradieren“. Dafür hatte sich seinerzeit schon der französische Maler Jean Dubuffet mit seinem Engagement für die „Art Brut“ eingesetzt.


