Dass die alljährliche Wahl des begehrten Turner-Preises schon seit Jahrzehnten keine Schönmaler, Romantiker, gar Patrioten trifft, sondern eher konträr zur britischen Staatsräson und allem Konservativen, Starrsinnigen, Nationalistischen eingestellte Künstler, ist bekannt. Und sorgt für viel Respekt in der Kunstwelt.
Der in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch mit der wichtigsten britischen Auszeichnung für Gegenwartskunst bedachte Jesse Darling stand in der Galerie des Seebades Eastbourne an der Südostküste Englands vor seiner Installation „Enclosures, No Medals, No Ribbons“ und machte mit dem Werk eine starke Ansage: verzinkte Absperrgitter, verbogene Schienen, Stacheldraht, ein wüster Haufen von Aktenordnern; an der Wand lehnen Krücken, wie sie in Gemälden mit Kriegskrüppeln des deutschen Gesellschaftskritikers George Grosz zu sehen sind. Darüber hängen ausgeblichene Wimpel mit dem Union Jack.
Jessie Darling gewinnt den Turner-Preis:
Darling, ein zierlicher trans Mann von 42 Jahren – er selbst bezeichnet sich als „transmaskulin“–, der vor Jahren in die Berliner Kunstszene eintauchte, betont, sein Werk sei ein Statement zur britischen Sparpolitik, dem Brexit, dem Versagen der Regierung und der Behörden in der Pandemie; und zur feindseligen Einwanderungspolitik im United Kingdom.
Die Jury der Londoner Tate Britain wählte den 1981 in Oxford geborenen Pendler zwischen London und Berlin aus vier vorab nominierten Kandidaten aus. Der nach Britanniens berühmtestem Landschaftsmaler und Romantiker William Turner benannte Preis, der seit 1984 alljährlich verliehen wird, ist verbunden mit einem Scheck über 25.000 Pfund.


