Kunst

Kritiker der britischen Politik: Turner-Preis 2023 für Jesse Darling, einen trans Mann

Der auch in Berlin arbeitende Künstler Jesse Darling bekam die begehrte Auszeichnung für ein Werk, das die Feindseligkeit gegen Migranten anprangert. Sein Blick auf die Verbrechen der Hamas aber hat wohl einen blinden Fleck.

Turner-Preisträger Jesse Darling vor seiner politikkritischen Installation im südostenglischen Eastbourne.
Turner-Preisträger Jesse Darling vor seiner politikkritischen Installation im südostenglischen Eastbourne.David Parry/PA Wire/dpaIPTC

Dass die alljährliche Wahl des begehrten Turner-Preises schon seit Jahrzehnten keine Schönmaler, Romantiker, gar Patrioten trifft, sondern eher konträr zur britischen Staatsräson und allem Konservativen, Starrsinnigen, Nationalistischen eingestellte Künstler, ist bekannt. Und sorgt für viel Respekt in der Kunstwelt.

Der in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch mit der wichtigsten britischen Auszeichnung für Gegenwartskunst bedachte Jesse Darling stand in der Galerie des Seebades Eastbourne an der Südostküste Englands vor seiner Installation „Enclosures, No Medals, No Ribbons“ und machte mit dem Werk eine starke Ansage: verzinkte Absperrgitter, verbogene Schienen, Stacheldraht, ein wüster Haufen von Aktenordnern; an der Wand lehnen Krücken, wie sie in Gemälden mit Kriegskrüppeln des deutschen Gesellschaftskritikers George Grosz zu sehen sind. Darüber hängen ausgeblichene Wimpel mit dem Union Jack.

Jessie Darling gewinnt den Turner-Preis:

Darling, ein zierlicher trans Mann von 42 Jahren – er selbst bezeichnet sich als „transmaskulin“–, der vor Jahren in die Berliner Kunstszene eintauchte, betont, sein Werk sei ein Statement zur britischen Sparpolitik, dem Brexit, dem Versagen der Regierung und der Behörden in der Pandemie; und zur feindseligen Einwanderungspolitik im United Kingdom.

Die Jury der Londoner Tate Britain wählte den 1981 in Oxford geborenen Pendler zwischen London und Berlin aus vier vorab nominierten Kandidaten aus. Der nach Britanniens berühmtestem Landschaftsmaler und Romantiker William Turner benannte Preis, der seit 1984 alljährlich verliehen wird, ist verbunden mit einem Scheck über 25.000 Pfund.

Jurychef Alex Farquharson von der Tate Britain sagte, Darlings Werk reflektiere „teilweise den Zustand der Nation“. Wenige Stunden zuvor hatte der britische Innenminister Cleverly in Ruanda ein Migrationsabkommen unterzeichnet. Asylsuchende, die irregulär nach Großbritannien einreisen, sollen ohne Rücksicht auf ihre Herkunft in das ostafrikanische Land abgeschoben werden und dort Asyl beantragen, Rückkehr ausgeschlossen. 

Jesse Darling ist empört über diesen inhumanen Verstoß gegen internationale Gesetze. Und als der britische Sender BBC nach der Preisverleihung mit ihm sprach, machte er keinen Hehl aus seiner (allerdings einseitigen) Sicht auf den Krieg im Nahen Osten. Darling zog eine palästinensische Flagge aus der Tasche und erklärte: „Weil dort ein Genozid geschieht …“ Leider verlor der Preisgekrönte kein einziges Wort über die Verbrechen der Hamas-Terroristen gegen Israel und die eigene Bevölkerung. Warum nur ist auch derart engagierte Kunst auf einem Auge blind?