Künstlerpaar

DDR-Opposition und Malerei: Strawalde und Dobslaff über das „andere Deutschland“

Strawalde zeigt in Adlershof neue und lange verborgene Werke – im Dialog mit den paradiesischen Bildern von Erika Dobslaff.

Strawalde vor seinen im Jahr 1990 in Paris gemalten expressiven Tafeln
Strawalde vor seinen im Jahr 1990 in Paris gemalten expressiven TafelnJordis Antonia Schlösser/Ostkreuz

In die Bilder der beiden vertieft, weiß man bald: Strawalde und Erika Dobslaff sind eigensinnige Seelenverwandte. Keine Konkurrenten. Ein Malerpaar mit längst erwachsenem Sohn, das nicht mehr den Alltag teilt. Und damit umso harmonischer und freier künstlerisch zusammenpasst.

Der Doppeltbegabte Strawalde nennt sich als Maler nach seinem Oberlausitzer Dorf Strahwalde nahe Görlitz, als Filmemacher und Regisseur ist er Jürgen Böttcher. Vier Monate vor seinem 95. Geburtstag wollte er nicht ohne „Dobse“ ausstellen: auf Augenhöhe mit ihrem vom Kunstbetrieb eher ignorierten Werk. Die gebürtige Breslauerin, Jahrgang 1940, ist als malende Schauspielerin ebenfalls doppelt begabt. Ihre farbsatten Traumlandschaften und floralen Ornamente haben Titel wie „Spuren“, „Delta“, „Labyrinth“, „Isola“, „Tsunami“, „Abendlicht“.

Diese rauschhaft paradiesisch-mediterrane Magie, diese positive Energie wollte Strawalde als Nachbarschaft haben zu seinen emotionalen Abstraktionen, den expressiven Pinselstrichgewittern und der bisweilen düsteren Melancholie. Das ergibt nun eine nur von Raumwänden getrennte, geradezu romantische Zwiesprache, die bei beiden ins Elementare des Daseins, in den Zustand der Natur und zum Wesen der menschlichen Spezies auf diesem malträtierten Planeten Erde führt – und zugleich abfliegt ins Rätselhafte, Surreale.

Erika Dobslaff, Malerin, Schauspielerin und Strawaldes Kunstgefährtin vor ihren rauschhaften „Paradiesbildern“
Erika Dobslaff, Malerin, Schauspielerin und Strawaldes Kunstgefährtin vor ihren rauschhaften „Paradiesbildern“Jordis Antonia Schlösser/OSTKREUZ

Zur Vernissage am vergangenen Wochenende sind trotz BVG-Streiks viele gekommen: Freunde, Kollegen, Sammler, einstige Schüler. Alle, die ihm in seinem Kunstleben am nächsten waren, sitzen am Ende des Abends um ihn herum, erzählen, debattieren, scherzen. Strawalde, der im hohen Alter schmal geworden ist, hat strahlende Augen und glühende Wangen vor Freude. Ganz typisch, wie ihn die Vertrauten kennen, übertüncht er seine Rührung mit Anekdoten. Mit Blick auf seinen Geburtstag am 8. Juli witzelt er: „Ich mag keine Geburtstagsfeiern. Aber wenn ihr halt feiern wollt und ich noch lebe, dann komm ich!“

Künstlerkollegen, Fans und Kritiker nennen Strawalde bis heute querbeet einen „kreativen Vulkan“. Und so stehen wir im Adlershofer Kulturzentrum Alte Schule vor einem vor Energie platzenden Werk mit malerischem Über-Grenzen-Gehen, ungebremstem Farbfluss, Übermalungen von Postkarten und Buchseiten, Collagen und Schallplattenhüllen zu Jazz und Blues.

Da sinniert dieser sanfte Berserker vor zwei seit 36 Jahren nicht mehr gezeigten riesigen Tafeln, die schon so lange an die Wand gelehnt in seinem Atelier standen, verborgen vor der Welt. Es ist, als würde er sich selbst befragen, wieso er sie damals gemalt hat. Auf einem großen Monitor läuft der Film über diesen Malprozess im Januar 1990 im Pariser Quartier La Villette. Wir sehen, wie Strawalde auf dem Fußboden malt, mit Farbe aus Eimern und mit Pinseln an einer langen Stange. Ein genialischer, auch sportlicher Akt von Freiheit, Gelöstheit, Energie.

Erika Dobslaff: Bilder einer Romantikerin in der Galerie Adlershof
Erika Dobslaff: Bilder einer Romantikerin in der Galerie AdlershofMichael Belhadi

Die Euphorie der Farben, die Malgestik sprengt fast die riesigen Bildflächen, macht sie zu Reliefs. „Es war“, erzählt er, „ein Dreitagefestival, Titel: ‚Das andere Deutschland außerhalb der Mauern‘ – mit gut 200 Künstlerinnen und Künstlern aus dem nicht-staatstragenden Spektrum der DDR.“ Er gibt keine Antwort auf die Frage, wieso gerade diese Tafeln seither nie in einem hiesigen Museum gezeigt wurden. War Strawalde am Ende selbst zu unsicher, ob das alles viel zu schnell entstanden war? Oft rühmt die Welt ja Maler, weil sie monatelang, ja, jahrelang an einem Bild herummachen.

Und wann bitte, ist ein Bild denn fertig? Strawalde legt Bilder so offen an, dass nur die Fantasie, die Gedanken und Gefühle des Betrachtenden sie „vollenden“ können. Es sind nie „verkopfte“ Motive oder überfrachtete Themen; alles kommt bei ihm von der Anschauung, vom Erleben, vom Erinnern. Aber nichts ist konventionell abbildhaft, sondern klassisch-modern im besten Sinne, ziemlich wild abstrahiert, oft romantisch, bisweilen melancholisch.

Ihm gehe es, sagt er noch heute, „um sinnliche Wahrnehmung der Welt“. Aber er bezieht sich doch auf Vorbilder aus der Kunstgeschichte. Seine berückenden Frauenbilder verraten den innigen Verehrer des Weiblichen. Da denkt man an Giorgione, Matisse, auch an Rembrandt. Nicht anders war es mit seiner Filmarbeit. Ihn interessierte das Alltägliche der „kleinen Leute“, er suchte darin Lebenssinn und Schönheit. Sein einziger Langspielfilm „Jahrgang 45“, der Szenen einer „realsozialistischen“ Ehe nachzeichnet, einer Liebe unter den Bedingungen des Dreischichtsystems und der Wohnungsnot, wurde in der DDR stracks verboten.

Sein malerisches Handwerk eignete er sich in den 1950er-Jahren an der Dresdner Hochschule der Bildenden Künste an. Von Picasso inspiriert, ebenso von den harten Kindertagen der NS-Zeit, des Krieges und den Entbehrungen der Nachkriegszeit geprägt, scheint in seiner Bildsprache die Sehnsucht nach dem Schönen immer zugleich die düsteren Erinnerungen zu bekämpfen. Als er in den Sechzigern mit dunklen Farben existenzielle, expressive Formen auf alte Schullandkarten, seine „Rollbilder“, krachte, schlossen ihn stalinistische Funktionäre im DDR-Künstlerverband aus – wegen „Formalismus, westlicher Dekadenz“.

Strawalde: Bilder eines Romantikers  in der Galerie Adlershof
Strawalde: Bilder eines Romantikers in der Galerie AdlershofVG BIldkunst Bonn 2026/Michael Belhadi

Umso trotziger entwickelte er ein stilistisch eigenwilliges, vielschichtiges, ja subversives Spektrum seiner Malerei, von figürlich bis zu abstrakten Chiffren, mit zeichnerhaften Andeutungen, mal radikal, mal romantisch, mitunter schwermütig, immer ganz aus der Farbe heraus, unbekümmert um Inhalte.

Strawalde/Böttcher wurde zu einem der bedeutendsten oppositionellen Künstler des deutschen Ostens. Aber einer, der nicht in den Westen ging, weil er bis zum Untergang der DDR doch noch auf einen Sozialismus gehofft hatte, dem er mit seiner Kunst dienen wollte. Die Politkaste dankte ihm das mit Verboten. Um ihn sammelten sich in Dresden unangepasste Künstler: Peter Herrmann, Peter Graf, A.R. Penck, bis der in den Westen floh. Die höhlenmalereiähnliche Bildsprache von archaischen Zeichen und Chiffren hatte er sich von seinem Mentor Strawalde genommen. Und wurde damit berühmt.

Der nur wenig ältere Strawalde blieb im Osten. Euphorie über Freiheit und die „schöne, neue“ Zeit gibt es bei ihm nur im Farbfluss auf den Leinwänden, manchmal gestört von schwarzen Zeichen der Desillusion. Der Ausstellungskurator Christoph Tannert bringt es bei der Vernissage auf den Punkt: „In seiner Kunst begegnet man einem staunenden, forschenden Ich, das sich am eigenen Schopfe aus der Tagessuppe zieht und ständig konzeptionell neue Ansätze sucht.“ Dann spannt er den Bogen nochmals zu Erika Dobslaffs Zauberwaldmotiven, diesen „aus Naturerleben, Empfindung und Fantasie geschaffenen Gegenwelten“ – Hoffnungen im derzeitigen allgemeinen Krisengefühl.

Strawalde/Dobslaff, Galerie Berlin-Adlershof, Kulturzentrum Alte Schule, Treptow-Köpenick, Dörpfeldstr. 54–56. Bis 16. Mai, DiDo 1219, Fr 1217, Sa 1519 Uhr, Tel.: 030 902975717