Die Liste des seit 1975 jährlich vergebenen Goslarer Kaiserrings nannte bislang noch keine ostdeutschen Künstlerinnen. Nun steht da ihr Name: Gabriele Stötzer, Erfurt. Eine, die nie daran dachte, die DDR zu verlassen. Trotz allem. Obwohl sie nicht mehr hatte glauben können, was die sozialistische Idee versprach.
Der prestigeträchtige Kunstpreis bringt ihr kein Geld, dafür höchste Ehre. Den in Gold gefassten Aquamarin mit eingraviertem Siegel von Kaiser Heinrich IV. bekommt die Erfurterin angesteckt für ein mutiges, visionäres, feministisches Werk, das gesellschaftliche und politische Strukturen konsequent hinterfragt. Die Jury nennt sie „eine der zentralen Figuren der DDR-Kunstszene“. In Körperbildern, Texten, gefilmten Aktionen widersetzte sie sich der Enge, den starren Normen, hohlen Phrasen. Auch dem Macho-Verhalten etlicher Künstlerkollegen in der subversiven Szene.

Stötzers subversive Super-8-Filme wie „Stolpern, bitte“ oder „Zelle 5“ erzählen von Repressalien und Widerstand, von körperlichen und, emotionalen Zuständen. Sie wurde 1976 von der Pädagogischen Hochschule Erfurt exmatrikuliert, weil sie sich mit einem Kommilitonen solidarisierte, der Rede- und Denkfreiheit gefordert hatte. Kurz darauf kam sie in U-Haft: Sie hatte gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestiert, verweigerte Nahrung, wurde zwangsoperiert, schließlich wegen „Staatsverleugnung“ verurteilt und ins berüchtigte Frauengefängnis Hoheneck bei Stollberg gesperrt. Dort, unter extremen Bedingungen, wurde der Punk zur Künstlerin. Von ihren „Selbsterkundungen“ erzählt auch der Kinofilm „Die Unbeugsamen II“.
