Die Ausdruckskraft des Lyrikers kommt vor allem auch seiner Prosa zugute. In seinem der Wendeliteratur zugeschlagenen Roman „Stern 111“ beschreibt Lutz Seiler die Belagerung eines D-Zuges nach Berlin in den letzten Tagen der DDR: „Einigen Berlinfahrern gelang es, die Oberlichter der schmierigen Waggons zu erklimmen, um sich kopfüber in die überfüllten Abteile zu stürzen. Eine Szene aus Bombay oder Kalkutta – im Bahnhof von Leipzig wirkte sie maßlos, wie Teil einer überzogenen Choreographie, falsch, aber groß angelegt.“
Seinen Sinn für Genauigkeit weiß der soeben mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnete Schriftsteller Lutz Seiler in den von ihm erprobten Ausdrucksformen Lyrik, Prosa und Essay stets mit scharfsichtiger Lakonie zu verknüpfen. Auf begeisternde Weise war ihm das in dem Roman „Kruso“ gelungen, in dem Seilers Protagonisten Edgar Bendler und Alexander Krusowitsch sich ausgerechnet im Wendejahr 1989 der Welt entziehen, um auf der Ostsee-Insel Hiddensee eine Art innere Freiheit zu suchen.
Literatur als experimentell dramatisierte Zeitgeschichte
Als Seiler den 2014 erschienenen Bestseller auch im brandenburgischen Rheinsberg vorstellte, ging es nicht allein um Sprachfindung und Beschreibung. Vielmehr war sein sachkundiges Publikum an der Beschreibung von Fluchtversuchen über die Ostsee interessiert, die gewissermaßen eine Initialzündung für Seiler waren, sich überhaupt an der für ihn ungewohnten Gattung Roman zu erproben. Literatur als experimentell dramatisierte Zeitgeschichte.
Der 1963 im thüringischen Gera geborene Seiler begann noch während seiner Dienstzeit bei der Nationalen Volksarmee (NVA) zu schreiben, von 1993 bis 1998 war er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Moosbrand. Einer größeren literarischen Öffentlichkeit wurde Seiler 2007 bekannt, als er beim Vorlesewettbewerb in Klagenfurt mit der Erzählung „Turksib“ den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Zuvor war er vor allem mit der Veröffentlichung von Gedichten in Erscheinung getreten.


