Mitten in der Kältewelle sind Deutschlands Gasspeicher so leer wie zu diesem Zeitpunkt seit Jahren nicht mehr. Nach Daten des europäischen Branchenverbandes Gas Infrastructure Europe (GIE) waren die Speicher am Mittwoch (7. Januar) nur noch zu gut 50 Prozent gefüllt – der niedrigste Wert für dieses Datum seit der Datenerfassung 2011 und deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von 74 Prozent.
Zum Vergleich: In Ländern wie Spanien (66 Prozent), Italien (70 Prozent) oder Polen (79 Prozent) liegen die Füllstände deutlich höher, in Portugal sogar bei 93 Prozent. Entsprechend wächst die Sorge, was eine länger anhaltende Kälteperiode auslösen könnte.
Eine Sprecherin des Energiekonzerns Uniper warnt: „Die Versorgungssicherheit ist derzeit gewährleistet, aber nicht garantiert.“ Sollten die Temperaturen länger niedrig bleiben oder es zu geopolitischen Störungen kommen, könnten Versorger gezwungen sein, kurzfristig teure Gasmengen am Spotmarkt zu beschaffen.
Bundesregierung: „Gasspeicher haben an Attraktivität verloren“
Während Versorger warnen, winkt die Aufsicht ab. Aus Sicht der Bundesnetzagentur gibt der geringe Füllstand der deutschen Gasspeicher keinen akuten Grund zur Sorge. „Der Gasspeicherfüllstand ist ein wichtiger Indikator für zusätzlich verfügbare Versorgungsabsicherungen, jedoch ist er nicht allein relevant“, teilt eine Sprecherin der Behörde auf Anfrage der Berliner Zeitung mit. Deutschland verfüge „über ausreichende Import- und Speichermöglichkeiten“, sagt sie. Händler und Lieferanten könnten außerdem bei Bedarf zusätzliches Gas beschaffen. „Die Versorgungssicherheit ist vor diesem Hintergrund gewährleistet.“
Auch die Bundesregierung reagiert gelassen auf die historisch schlechten Füllstände in den deutschen Gasspeichern. „Anders als in den Vorjahren stehen uns schwimmende LNG-Terminals für die Versorgung zur Verfügung“, betont eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWE) auf Anfrage. Durch diese LNG-Infrastruktur sowie durch die Hauptversorgung mit norwegischem Pipelinegas seien die notwendigen Importe nach Deutschland gesichert. „Die Flexibilität der LNG-Importe reduziert den Speicherbedarf zusätzlich“, so die Sprecherin. Zur Sicherstellung der Gasversorgung hätten die Gasspeicher daher „relativ gesehen an Attraktivität verloren“.

Kältewelle: Speicherbetreiber warnen vor steigenden Gaspreisen
In der Gasbranche stößt diese Einschätzung jedoch auf Widerspruch. Laut dem Verband der Gasspeicherbetreiber (INES) sind die niedrigen Speicherstände gerade mit Blick auf die aktuelle Kälteperiode ein zunehmender Risikofaktor. Die Ausgangslage für die Gasversorgung habe sich im Januar zwar zunächst verbessert, weil es im Dezember vergleichsweise mild gewesen sei und die Ausspeicherungen bis zum Jahresende „nur im normalen Umfang“ stattgefunden hätten, erklärt INES-Geschäftsführer Sebastian Heinermann auf Anfrage der Berliner Zeitung.
Seit Beginn des neuen Jahres habe sich die Lage jedoch deutlich verändert. Der Januar sei von deutlich niedrigeren Temperaturen geprägt, weshalb derzeit „in großem Umfang ausgespeichert“ werde. Mit einem Füllstand von aktuell unter 51 Prozent befänden sich die deutschen Gasspeicher auf einem historischen Tief. Ein Blick auf aktuelle Daten der Bundesnetzagentur zeigt zudem: Der Gasverbrauch in Deutschland lag in den letzten zwei Wochen teils deutlich über dem Durchschnittsverbrauch in den Jahren 2018–2021.
Dass die Großhandelspreise für Gas bislang stabil geblieben seien, führt Heinermann auf einen Sondereffekt zurück: Noch könne auf günstig eingekauftes Sommergas zurückgegriffen werden, das in den Speichern lagert. Dieser preisdämpfende Effekt sei jedoch nicht dauerhaft. Sollten die Entnahmen aus den Gasspeichern weiter auf hohem Niveau bleiben, könne der Preiseffekt der Ausspeicherungen nachlassen – mit negativen Auswirkungen auf die Gaspreise.
„Genau für solche Kälteperioden sind Gasspeicher wichtig“
Auch große Gasversorger betonen die zentrale Rolle der Gasspeicher gerade in Phasen extremer Kälte. „Genau für solche Kälteperioden wie jetzt sind Gasspeicher wichtig“, erklärt eine Sprecherin des Energiekonzerns Uniper. Im Winter deckten die Speicher regelmäßig rund 25 bis 30 Prozent des Gasbedarfs. An besonders kalten Tagen liege ihr Anteil an der täglichen Bedarfsdeckung sogar bei über 60 Prozent.
Unzureichend gefüllte Speicher könnten daher erhebliche Folgen haben. Eine von Uniper in Auftrag gegebene Studie beziffert den möglichen volkswirtschaftlichen Schaden bei länger anhaltenden Kälteperioden und deutlich schlechterer Versorgung auf bis zu 40 Milliarden Euro – die Berliner Zeitung berichtete.
Hinzu komme, dass Deutschland mit seinem großen Speichervolumen und seiner zentralen Lage in Europa eine Schlüsselrolle für die Gasversorgung mehrerer Nachbarländer spiele – insbesondere seit dem Wegfall russischer Lieferungen. Gut gefüllte Speicher seien daher nicht nur für Deutschland, sondern für die Stabilität der europäischen Gasversorgung insgesamt von zentraler Bedeutung.

Bundesregierung verteidigt Abschaffung der Gasspeicherumlage
Die Bundesregierung verteidigt dennoch die Abschaffung der Gasspeicherumlage. Die Umlage sei eingeführt worden, um Kosten aus dem Krisenjahr 2022 zu refinanzieren, und habe mit der aktuellen Speicherlage „nichts zu tun“, erklärt eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums. Ihr Wegfall entlaste Haushalte und Wirtschaft. Zugleich betont das Ministerium, dass Deutschland weiterhin in der Frühwarnstufe des Gasnotfallplans bleibe und die Lage „sehr genau“ beobachtet werde.




