Fjodor Dostojewski gilt als einer der größten Schriftsteller der Welt. Kaum jemand anderer hat den Menschen so tief erforscht wie er, mit all seinen Tugenden und Abgründen. Albert Einstein bewunderte ihn und schrieb, Dostojewski gebe ihm „mehr als jeder Wissenschaftler, mehr als Gauß“. Sigmund Freud nannte ihn „einen der größten Schriftsteller, die jemals lebten“. Und selbst die Jugend von heute entdeckt ihn neu: 2024 ging seine Novelle „Weiße Nächte“ in Großbritannien viral und wurde laut The Guardian zum viertmeistverkauften übersetzten Buch.
Ich selbst habe vor wenigen Monaten im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann beobachtet, wie junge Menschen für ein dünnes Bändchen der „Weißen Nächte“ lange vor der Kasse anstanden. Dostojewski gehört längst der Welt – nicht irgendeiner Regierung.
Und er hatte bis vor kurzem in Dresden eines der wenigen Denkmäler in Deutschland – in der Stadt, in der er zwischen 1869 und 1871 lebte, wo er Raffaels Sixtinische Madonna im Zwinger verehrte und Inspiration für seine Romane fand.
Dresden: Dostojewski verschwindet aus dem Stadtbild
Als ich Anfang Oktober nach einem Besuch im Zwinger zum Ostra-Ufer hinübergehe, will ich das Denkmal kurz sehen. Doch der Platz vor dem Internationalen Congress Center Dresden, an dem Dostojewski einst über die Elbe blickte, ist leer. Der Ort liegt nicht einmal in der Altstadt, sondern rund zehn Gehminuten von der Augustusbrücke entfernt: ein stilles Stück Dresden, das kaum Touristen kennen. Kein Schild, keine Spur – nur Gras und Wind über der Elbe. Hinter einem hölzernen Bauzaun beginnt eine Baustelle. Das Denkmal – verschwunden.

In einer Mitteilung vom 15. August 2025 hatte das Deutsch-Russische Kulturinstitut (DRKI), der Eigentümer des Denkmals, die Öffentlichkeit noch beruhigt: Das Denkmal sei „in Sicherheit“. Laut seiner Webseite ist das DRKI ein gemeinnütziger Verein, der sich durch Spenden finanziert und in Dresden mit der Dostojewski-Bibliothek die drittgrößte russischsprachige Sammlung in Deutschland betreibt. Der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB), der dem Finanzministerium unter der Leitung von Christian Piwarz (CDU) untersteht, habe im Zuge der geplanten Erweiterung des Sächsischen Landtags eine „zeitweilige Demontage“ beantragt, um Beschädigungen zu verhindern. Während der bis 2030 laufenden Bauarbeiten solle Dostojewski „einen würdigen, gut zugänglichen Standort in der Landeshauptstadt“ erhalten. „Dostojewski wird in Dresden präsent bleiben“, hieß es damals in der einzigen Mitteilung zum Thema. Die Stadt Dresden selbst hat den Vorgang nicht kommuniziert.
Deutsch-Russisches Kulturinstitut warnt vor politischem Motiv
Mitte Oktober klingt der Ton weniger optimistisch. „Natürlich haben auch wir den Verdacht, dass hier mehr dahintersteckt“, sagt Dr. Wolfgang Schälike, Leiter des Deutsch-Russischen Kulturinstituts (DRKI), im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Der Abbau sei am 28. Juli 2025 mit dem Institut abgestimmt worden – man habe es vor 18 Jahren aufgestellt. Ursprünglich, so Schälike, habe es geheißen, dass das Denkmal nur fünf Meter versetzt werden solle, es sollte am selben Ufer bleiben. „Dann wurde uns […] mitgeteilt, man wolle es doch 25 Kilometer weit in ein Lapidarium bringen, wo Skulpturen aufbewahrt werden“, erzählt Schälike.
Nach Protesten habe das Institut erreicht, dass das Denkmal zumindest bei der Firma gelagert wird, die es einst aufgestellt hat. „Seit dem 28. Juni läuft die Suche nach einem neuen Platz, aber noch immer gibt es kein Ergebnis“, sagt Schälike. „In der SIB hat man inzwischen wohl verstanden, dass man Dostojewski nicht verstecken kann. Doch die Zeit vergeht.“

Das Institut erinnert an einen früheren Fall: „Seit 2006 stand beim Albertinum eine Büste Dostojewskis, ein Geschenk des damaligen Botschafters Wladimir Kotenjow“, sagt Schälike. „Im September 2022 wurde sie von den städtischen Behörden still, ohne Presse, entfernt. Deshalb schließen wir politische Motive auch beim Denkmal nicht aus.“
Dostojewski-Denkmal: Land Sachsen verweist auf Bauarbeiten
Auf Anfrage der Berliner Zeitung teilt der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) mit, die Demontage sei „in der 30. Kalenderwoche 2025“ erfolgt und das Denkmal „zur Sicherung bei einer Fachfirma eingelagert“.
Der ursprüngliche Standort liege „im unmittelbaren Bereich der Baugrube und in einem räumlich sehr beengten Abschnitt“, dort bestehe ein „erhebliches Risiko für Beschädigungen durch Anfahrunfälle, Erschütterungen oder herabfallendes Material“.
Eine Begehbarkeit mit Besuchergruppen sei „nicht vertretbar“. Der Abbau diene „dem Schutz des Denkmals und der Öffentlichkeit sowie der Sicherheit auf der Baustelle“. Ein neuer Standort werde derzeit mit „verschiedenen Behörden“ abgestimmt; ein Datum für die Wiederaufstellung nenne die Behörde nicht.
Das Dostojewski-Denkmal am Ostra-Ufer wurde 2006 feierlich enthüllt – in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Wladimir Putin. Geschaffen vom Moskauer Bildhauer Alexander Rukawischnikow, zeigte es den Schriftsteller in stiller Nachdenklichkeit, den Blick auf die Elbe gerichtet. Es sollte kein politisches, sondern ein kulturelles Zeichen sein – ein Symbol für das, was Europa einmal verband.
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs 2022 gegen die Ukraine ist der Umgang mit russischem Kulturerbe in Deutschland allerdings ein heikles Thema. In vielen Städten wurden kulturelle Kooperationen mit russischen Partnern auf Eis gelegt, gemeinsame Projekte verschoben – aus Vorsicht, manchmal auch als symbolpolitische Geste.

Doch die Puschkinallee in Berlin heißt weiterhin Puschkinallee, und der Alexanderplatz weiterhin Alexanderplatz – vielleicht, weil sich Straßennamen schwerer entfernen lassen als ein einzelnes Denkmal. Oder gilt ein Monument, das vor fast zwei Jahrzehnten auch von Wladimir Putin mit enthüllt wurde, heute als zu heikel, um zu bestehen? Öffentliche Proteste gegen das Dresdner Denkmal hat es jedenfalls nie gegeben – zumindest sind keine in der Presse dokumentiert.
Dabei geht es hier gar nicht um Putin, sondern um Dostojewski – um einen Schriftsteller, der vor 150 Jahren über Schuld, Gewissen und Menschlichkeit schrieb. Er war ein reflektierter und zweifelnder Mensch, der seine eigenen Überzeugungen immer wieder hinterfragte. Seine tiefen Einsichten in Machtmissbrauch und moralischen Verfall in „Die Brüder Karamasow“ lassen sich heute ebenso gut auf moderne Herrscher anwenden – auf Putin wie auf jeden anderen, der seine Macht missbraucht.
Dostojewski in Dresden: Ein Denkmal als Spiegel der Gegenwart
In Dresden kommt hinzu, dass das Denkmal nicht unter Denkmalschutz steht. Ob es zurückkehrt, hängt weniger von Gesetzen als vom Willen der Verantwortlichen ab. Es handelt sich um ein Kunstwerk im öffentlichen Raum, errichtet auf Grundlage einer städtischen Genehmigung, jedoch nicht um ein eingetragenes Kulturdenkmal nach dem Sächsischen Denkmalschutzgesetz.
Der SIB spricht von „laufenden Abstimmungen“, das Deutsch-Russische Kulturinstitut von „offenen Fragen“, es hofft auf eine schnelle Lösung. Fachleute halten es in solchen Fällen für üblich, Denkmäler vorübergehend an einem Ersatzstandort zu zeigen – nicht jahrelang einzulagern.
Für den Spaziergänger bleibt nur die Leerstelle: ein Ort, der einst Erinnerung sichtbar machte. Im Jahr 2025, in einer Zeit zunehmender Polarisierung und kultureller Verunsicherung, wirkt diese Leerstelle in Dresden wie ein Symbol der Angst vor falschen Bildern. Differenzierung? Fehlanzeige.
Vielleicht steht das Denkmal nicht unter Bauaufsicht, sondern unter moralischer Kontrolle. Man kann die Bronze entfernen, aber das, was Dostojewski über Menschlichkeit und Gewissen lehrte, bleibt unangreifbar.
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