Ganz nüchtern betrachtet waren es der Tabellenachte und der -18., die da am Sonnabend im eiskalten Stadion An der Alten Försterei aufeinandertrafen. Weil Fußball allerdings nur in den seltensten Fällen ganz nüchtern betrachtet wird, steckte im Aufeinandertreffen des 1. FC Union Berlin mit dem FSV Mainz 05 so viel mehr. Fast schon nebensächlich geriet die Rückkehr von Lennard Maloney, einst für die Köpenicker am Ball, und Benedict Hollerbach, der von 2023 bis zum vergangenen Sommer das Union-Trikot getragen hatte.
Die ganze Aufmerksamkeit richtete sich vor allem vor Anpfiff Richtung Seitenlinie, wo mit dem Mainzer Co-Trainer Markus Hoffmann und Urs Fischer seit Ende des vergangenen Jahres zwei Personen bei den Gästen in der Verantwortung stehen, die die erfolgreichste Zeit in der Vereinsgeschichte des 1. FC Union Berlin entscheidend geprägt hatten. Am 1. Juli 2018 hatten sie die sportlichen Geschicke im Südosten der Hauptstadt übernommen, den Verein anschließend erst in die Bundesliga und danach in sämtliche internationale Wettbewerbe geführt.
Höhepunkt war die Qualifikation für die Champions League im Mai 2023, die für Hoffmann und Fischer letztlich Fluch und Segen zugleich sein sollte. Europäische Abenteuer, wie das Gastspiel bei Real Madrid, konnten nur bedingt genossen werden, weil es in der Bundesliga steil bergab ging. Am Ende einer langen Negativserie musste das Duo im November 2023 gehen.
Insbesondere Fischer wurde vor Anpfiff von den Fans lautstark empfangen, auf eine offizielle Verabschiedung hatte der 59-Jährige allerdings keine Lust. Zu brisant sei die sportliche Situation bei seinem aktuellen Arbeitgeber, mit dem er den drohenden Sturz in die 2. Bundesliga unter allen Umständen verhindern will. Im Gastspiel bei Union gelang Fischer dabei ein Teilerfolg. Der Tabellenletzte holte beim 2:2 (1:0) einen Punkt, verspielte aber eine Zwei-Tore-Führung.
Im Vergleich zum 1:0-Sieg beim 1. FC Köln kurz vor Weihnachten setzte Fischers Gegenüber Steffen Baumgart auf drei Änderungen in der Startelf. Janik Haberer ersetzte auf der rechten Schiene Kapitän Christopher Trimmel. Offensiv sollten Andrej Ilic und Livan Burcu, das erste Mal von Beginn an, für Wirbel sorgen. Ilyas Ansah und Wooyeong Jeong blieb nur der Platz auf der Bank.
Amiri bringt Mainz nach einer halben Stunde in Führung
Burcu war es auch, der die erste richtig dicke Möglichkeit der Partie hatte. Nach guter Vorarbeit von Rani Khedira setzte der 21-Jährige die Kugel am langen Pfosten vorbei. Die Gäste meldeten sich in Person von Phillip Tietz das erste Mal im gegnerischen Strafraum an. Frederik Rönnow hatte in dieser Szene (11.) aber ebenso wenig Mühe wie mit dem Abschluss von Hollerbach fünf Minuten später.
In dieser Phase übernahmen die Rheinhessen immer mehr die Spielkontrolle, ohne sich die ganz großen Chancen herauszuspielen. Das änderte sich nach exakt einer halben Stunde: Jae-sung Lee schickte mit einem herausragenden Pass Nadiem Amiri auf die Reise, der sich die Chance zur Mainzer Führung frei vor Rönnow nicht nehmen ließ – 0:1. Aljoscha Kemlein, der den Torschützen einfach laufen ließ, gab dabei keine gute Figur ab. Urs Fischer nahm den Treffer zumindest äußerlich ganz gelassen hin.
Union brauchte danach eine ganze Weile, um den Nackenschlag abzuschütteln. Erst in der 44. Minute hatte Burcu wieder eine gute Chance, scheiterte mit seinem Schlenzer aber am Mainzer Keeper Daniel Batz. Oliver Burke war beim Abpraller zu überrascht, setzte den Ball deutlich übers Tor.

Nach Wiederanpfiff entwickelte sich auf dem immer tiefer werdenden Boden ein echter Abnutzungskampf. Beide Teams verstrickten sich gegenseitig immer wieder in etliche Zweikämpfe, Torchancen waren zunächst Mangelware. Erst nach einer Stunde hatte Burke in halblinker Position einen Gelegenheit, scheiterte aber an Batz. Auf der anderen Seite machte es ausgerechnet Hollerbach besser. Nach einer feinen Kombination über die linke Angriffsseite musste der Stürmer den Ball nur noch über die Linie drücken (69.).


