Erstes Wiedersehen in Köpenick

Mehr als Urs Fischer: Schweizer haben in der Bundesliga große Spuren hinterlassen

Mit der Schweiz verbindet der deutsche Fußball viele historische Momente. Der 1. FC Union Berlin vor allem mit Urs Fischer, der nun die deutsche Hauptstadt besucht.

Auf dem Höhepunkt seiner Zeit beim 1. FC Union Berlin: Im Mai 2023 gelang Urs Fischer mit dem Verein die erstmalige Qualifikation für die Champions League.
Auf dem Höhepunkt seiner Zeit beim 1. FC Union Berlin: Im Mai 2023 gelang Urs Fischer mit dem Verein die erstmalige Qualifikation für die Champions League.Contrast/Imago

Deutschland und die Schweiz – das ist in der Fußball-Historie eine überaus besondere Konstellation. Dreimal gleich trug der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine ersten Länderspiele gegen die Eidgenossen aus. Am 5. April 1908 in Basel bei der Premiere mit einer 3:5-Niederlage, am 27. Juni 1920 in Zürich mit einem 1:4 bei der Rückkehr auf die internationale Bühne nach dem Ersten Weltkrieg und am 22. November 1950 in Stuttgart mit einem 1:0-Erfolg bei der Eröffnung des Spielverkehrs nach der deutschen Teilung. Immer waren es die Schweizer, die dem großen Nachbarn auf die Sprünge halfen und ihn nach beiden Weltkriegen wieder salonfähig machten.

Wenn man will, gab es sogar ein viertes erstes Mal. Als sich DFB und DFV (Deutscher Fußball-Verband der DDR) 1990 zusammenschlossen und es am 19. Dezember zum ersten gemeinsamen Länderspiel kam, hieß der Gegner wie selbstverständlich Schweiz. Dass Matthias Sammer und Andreas Thom, der mit seinem Tor den 4:0-Endstand erzielte, die beiden ersten Spieler aus der DDR waren, die im Team des damaligen Weltmeisters aufliefen, hat sich tief in die Historie eingebrannt. Nur stimmt das mit beiden nicht ganz.

In der Schweiz wird Deutschland zum ersten Mal Weltmeister

Es gibt nämlich noch mehr, was die Deutschen im Fußball mit dem Schweizerischen Fußballverband (SFV), der 1895 und damit fünf Jahre vor dem DFB gegründet wurde, verbindet. Gegen den Nachbarn gab es 1909 den ersten Sieg (1:0 in Karlsruhe), 1938 bei der WM in Frankreich aber auch die erste gravierende Pleite, als die Schweizer den aktuellen WM-Dritten gleich zu Beginn aus dem Wettbewerb warfen. Dafür hielt sich das DFB-Team 1954 in der Schweiz schadlos und wurde dort zum ersten Mal Weltmeister.

Hier klärt sich auch das Rätsel um die Rolle von Sammer und Thom als erste Spieler aus der DDR im DFB-Team. Auf dem Weg zum „Wunder von Bern“ wurde mit Friedrich „Fritz“ Laband auch ein Defensivspieler vom Hamburger SV Weltmeister (kam in beiden Spielen gegen die Türkei sowie im Viertelfinale gegen Jugoslawien zum Einsatz), der jedoch ursprünglich im Osten auf sich aufmerksam machte.

In der Premierensaison der DDR-Oberliga 1949/50 war der damals 24-Jährige für Motor Wismar in 24 Spielen dabei und wechselte erst danach zum HSV. Und: Nur wenige Wochen vor WM-Beginn gab Laband, mancher sieht in ihm einen Weltmeister aus der DDR, sein Debüt in der Nationalelf des DFB. Die Gefahr, sich für ein Land festgespielt zu haben, bestand in seinem Fall nicht. Die DDR gab ihr internationales Debüt erst im September 1952 gegen Polen, als Laband Wismar längst gen Hamburg verlassen hatte. Keine Frage allerdings ist, gegen wen er seine Premiere im Trikot mit dem Bundesadler feierte – natürlich gegen die Schweiz.

Zu den Kuriositäten zählt auch, dass die Eidgenossen im Mai vorigen Jahres mit Peter Knäbel einen Deutschen zum Präsidenten ihres Fußballverbandes gewählt haben. Knäbel, in Witten/Westfalen geboren, hat in den 1980er- und 1990er-Jahren für Bochum, St. Pauli und 1860 München zusammen 108 Spiele in der Bundesliga bestritten, ließ seine Karriere aber in der Schweiz ausklingen. In seine Laufbahn als Funktionär (Technischer Direktor beim FC Basel, Direktor Profifußball beim Hamburger SV, Technischer Direktor bei Schalke 04) fällt auch eine fünfjährige Tätigkeit als Technischer Direktor beim SFV. Seitdem gilt Knäbel als Deutsch-Schweizer, weshalb die Eidgenossen ihm auch das Präsidentenamt für ihr kickendes Personal anvertraut haben.

Als Deutsch-Schweizer gilt ebenso der neunzigjährige Helmut Benthaus, obwohl er Ende der 1950er-Jahre unter Sepp Herberger acht Länderspiele für den DFB bestritt und nach Einführung der Bundesliga mit dem 1. FC Köln 1964 erster Meister wurde. Weil er danach als Spieler wie Trainer fast 20 Jahre beim FC Basel angestellt war, mit seinem Team vielfacher Meister wurde und in der Schweiz seine Frau kennenlernte, erhielt er 1980 auch die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Kurz kehrte er als Coach in die Bundesliga zurück, übernahm 1982 den VfB Stuttgart und führte die Schwaben 1984 zum Titel. Damit ist Benthaus der Erste, der in der Bundesliga sowohl als Aktiver als auch als Trainer Meister wurde. Der Titelgewinn mit dem VfB war für ihn dennoch etwas ganz Außergewöhnliches. Jahre später sagte er: „Dieser Titel war mehr als ein Sieg. Es war für mich so etwas wie die letzte Bestätigung meiner Arbeit als Trainer. Ich war vorher ein paarmal Schweizer Meister geworden, gut. Aber im Hinterkopf plagt die Schweizer doch immer dieser Komplex: Der richtige Fußball beginnt erst jenseits des Schlagbaums – drüben, in der Bundesliga. Ich war, wie gesagt, siebenmal Schweizer Meister – als Deutscher. Dann ging ich rüber und wurde Deutscher Meister – als Schweizer. Vielleicht ahnen Sie jetzt, was dieser Sieg mir wert ist.“

Grüezi! Damit öffnete Benthaus die Tür für weitere Trainer von jenseits des Bodensees. Etliche kamen, weil sie gut ausgebildet waren und einen etwas anderen Blick mitbrachten. Doch keiner, nicht Hanspeter Latour und Marcel Koller, nicht Martin Schmidt und Christian Gross, auch nicht Lucien Favre und Gerardo Seoane vermochten in die Meister-Fußstapfen von Benthaus zu treten. Dabei coachten sie mit Köln und Mönchengladbach, Dortmund und Leverkusen frühere oder aktuelle Spitzenvereine.

Von den Spielern des FC Bayern München wurde Ottmar Hitzfeld nach dem Gewinn der Champions League im Frühjahr 2001 auf Händen getragen.
Von den Spielern des FC Bayern München wurde Ottmar Hitzfeld nach dem Gewinn der Champions League im Frühjahr 2001 auf Händen getragen.Sven Simon/Imago

Andersherum hat es mit Ottmar Hitzfeld besser geklappt. Bevor Hitzfeld mit Borussia Dortmund (1997) und Bayern München (2001) die Champions League gewann und mit beiden hierzulande auf Titeljagd ging, führte er beim Nachbarn den FC Aarau zum Pokalsieg und holte mit den Grasshoppers Zürich je zweimal die Meisterschale sowie den Pott. Zu seinem Karriereende als Trainer betreute der Fast-Schweizer – Hitzfeld stammt aus Lörrach, von wo Basel per Fahrrad in einer guten halben Stunde zu erreichen ist – die dortige Nati und qualifizierte sich mit ihr 2010 und 2014 für die WM-Endrunde.

Längst haben sich auch Spieler aus der Eidgenossenschaft in der Bundesliga Meriten erworben. Als Stephane Chapuisat 1999 nach acht Spielzeiten bei Borussia Dortmund zurück in die Schweiz ging, war er mit 106 Treffern der erste Ausländer, der die 100-Tore-Marke geknackt hatte. Ciriaco Sforza wurde sowohl mit dem 1. FC Kaiserslautern als auch mit Bayern München Meister, auch gewann er, wie Chapuisat mit dem BVB, mit den Münchnern die Champions League. Alain Sutter, Ludovic Magnin, Ricardo Rodriguez, Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka, Manuel Akanji, aber auch Fabian Lustenberger, der viele Jahre am anderen Ende der Stadt spielte, hinterließen markante Spuren.

Obwohl Deutschland gemeinhin als Land der Torhüter gilt (oder ist das nur die eigene etwas schmalspurige Wahrnehmung?), erhielten erstaunlich viele eidgenössische Schlussmänner Applaus und Anerkennung. Diego Benaglio wurde mit Wolfsburg Meister und Pokalsieger, Roman Bürki holte mit Dortmund zweimal den Cup, auch Marvin Hitz, erst recht Yann Sommer und derzeit BVB-Keeper Gregor Kobel verkörpern die exzellente dortige Torhüterschule.

Auf eine ähnliche Geschichte mit Spielern aus der Schweiz können sie beim 1. FC Union Berlin nur in Ansätzen verweisen. Silvio, zwar Brasilianer, aber er kam zu Zweitligazeiten aus der Schweiz (Lausanne Sports) und bleibt als erster Union-Schütze für das „Tor des Monats“ in angenehmer Erinnerung. Frederic Pagé, vom FC Aarau gekommen, für den er jetzt Gesamtleiter Sport ist, wurde gleich in seinem ersten Heimspiel des Feldes verwiesen, Mario Eggemann, zwar bundesligaerfahren, aber von Verletzungen geplagt, kam ebenso wenig in Schwung.

Siebatcheu und Bedia können Erwartungen nicht erfüllen

Eine Persönlichkeit war der Verteidiger damals schon. Nun bringt er sie als Geschäftsführer Sport bei Zweitligist Karlsruher SC ein. Mit Jordan Siebatcheu und Chris Bedia waren zwei Nichtschweizer von dort mit der Hoffnung auf Tore gekommen, erfüllten diese aber nicht. Dabei war Jordan 2021/22 Torschützenkönig der Super League geworden, Bedia führt die Liste dort aktuell an.

Dafür gibt es natürlich Urs Fischer, beim 1. FC Union Berlin mit dem Aufstieg in die Bundesliga und mit einer einzigartigen Performance danach zum Fußball-Gott geadelt. Es gibt viele Stimmen, die trotz Fischers Engagements bei Mainz 05, dem Gegner im ersten Spiel nach der Winterpause im Stadion An der Alten Försterei (15.30 Uhr), den Erfolgscoach als Ehrenmitglied der Eisernen akzeptieren würden.

Allerdings gibt es eine Gefahr. Die liegt auf dem Platz. Noch ist Fischer in seinem neuen Amt in der Bundesliga (2:2 in München, 0:0 gegen St. Pauli) zwar ungeschlagen, andererseits aber auch ohne Sieg. Wer sich jedoch daran erinnert, wo der Coach mit dem 1. FC Union Berlin nach dem Aufstieg den ersten Auswärtssieg geholt hat, dem könnte Böses schwanen. Es war mit einem 3:2 in Mainz …