Interview

Ulrike Guérot: Am liebsten würde ich einen Roman schreiben über diese absurde Zeit

Corona, Ukraine, ein handfester Streit mit der Universität und der Fall ins Bodenlose: Ulrike Guérot über ihre Konflikte, ihre Fehler und ihre Zukunft.

Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot hat vor Gericht gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber verloren. Ist sie ein Opfer politisch motivierter Verfolgung?
Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot hat vor Gericht gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber verloren. Ist sie ein Opfer politisch motivierter Verfolgung?Thomas Meyer/Ostkreuz

Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin und Autorin, spricht mit der Berliner Zeitung über ihre außergewöhnliche Reise – von der Vision einer „Europäischen Republik“ bis hin zu den juristischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die sie seit ihrer öffentlichen Kritik an der Corona-Politik und dem Ukraine-Krieg durchlebt hat.

Im Interview blickt sie auf die Entstehung ihres ersten Buches, den Widerstand gegen ihre Ideen und die Kontroversen, die ihre Haltung zu aktuellen politischen Themen nach sich zog. Von der Spaltung in der akademischen Welt bis hin zu ihren Zukunftsplänen – Guérot erzählt, wie sie sich nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern auch als Bürgerin und Demokratin versteht, die sich der Freiheit des Denkens verpflichtet fühlt.

Frau Guérot, wenn Sie heute zurückblicken – wie hat alles angefangen?

Im Jahr 2016 schrieb ich mein erstes Buch. „Warum Europa eine Republik werden muss. Eine politische Utopie“Es war fast ein Witz, wie schnell das ging. In nur drei Wochen. Das Buch ging verfrüht in Druck, wurde nicht lektoriert, darum konnte man später ein paar Zitierfehler finden. Ich hatte nie zuvor ein Buch geschrieben. Ich war als EU-Expertin viel unterwegs, in Brüssel, bei politischen Veranstaltungen. Aber irgendwann konnte ich nicht mehr über die Europäische Union (EU) im bestehenden Zustand schreiben. Ich dachte mir: „Dieses System funktioniert einfach nicht mehr.“ Mir kam die Idee eines neuen Europas, einer anderen Vision. Ich wollte eine Utopie schaffen, einen europäischen Neuanfang.

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Thomas Meyer/Ostkreuz
Ulrike Guérot
Ulrike Guérot ist eine deutsche Politikwissenschaftlerin und Autorin, bekannt für ihre Arbeiten zur europäischen Integration und Demokratie. Sie war Professorin an der Donau-Universität Krems und der Universität Bonn und gründete das European Democracy Lab in Berlin. Ihre Forschung fokussiert sich auf die Zukunft Europas und die Stärkung demokratischer Strukturen.

Zuvor, 2015, wollte die Deutsche Verlags-Anstalt (DVA) eigentlich ein Buch über die EU von mir und ich sagte: „Ich kann kein Buch mehr über die EU schreiben. Ich kann nur noch eine Utopie schreiben, wie Europa funktionieren könnte.“ Das wurde abgelehnt, man sagte, es sei zu wenig seriös, zu utopisch. Doch dann kam die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) nach einem Vortrag auf der Republica-Konferenz in Berlin auf mich zu und sagte: „Das ist großartig, Sie müssen das aufschreiben, wir helfen Ihnen.“ Sie fanden einen Verlag und garantierten die Veröffentlichung. Es war der Beginn einer unglaublichen Reise.

Am Anfang wurde also der Vorschlag weitgehend abgelehnt?

Genau. Das Buch wurde ein Erfolg, aber zu Beginn wollte niemand es drucken. Es war ein paradoxes Erlebnis. Zuerst wurde es abgelehnt, dann wurde es ein Bestseller. Es wurde in viele Sprachen übersetzt, darunter Polnisch und Niederländisch. Auch in Italien hatte die Idee einer „Europäischen Republik“ großen Anklang und wurde ernsthaft diskutierte. Nach Brexit und Trump war Europa erschüttert. Die Menschen suchten nach einer neuen Erzählung für Europa und ich hatte eine witzige Utopie. Es war überraschend, wie gut sie ankam, obwohl es eigentlich eine fundamentale Kritik an der EU war.

Später, in der Zeit um die Corona-Pandemie, gerieten Sie in Konflikt mit den herrschenden Meinungen. Wann begannen Ihre öffentlichen Zweifel an der Corona-Politik?

Anfang 2020 war ich, wie viele andere auch, verunsichert. Die Pandemie war neu, und es war schwer, die richtige Einschätzung zu treffen. Aber als die Maßnahmen immer autoritärer wurden, äußerte ich meine Bedenken öffentlich. Ich sagte, man müsse vorsichtig sein, wenn unter dem Vorwand des Guten – Schutz, Solidarität – plötzlich autoritäre Mechanismen greifen. Ich verglich das im Oktober 2020 in einer TV-Sendung mit dem Milgram-Experiment: Menschen drücken Knöpfe, weil jemand im weißen Kittel sagt, sie sollen es tun – auch wenn sie selbst ein schlechtes Gefühl haben. Diese Passage wurde sehr breit diskutiert. Das Video war zeitweise online, aber später nicht mehr abrufbar. Es war wie ein Weckruf: Hier läuft etwas schief. Ich wurde plötzlich als „Corona-Maßnahmen-Kritikerin“ sichtbar, obwohl ich einfach nur Zweifel äußerte. Ich fragte mich, wie es sein kann, dass in einer Demokratie Debatten und legitime Zweifel so schnell ausgeklammert wurden.

Ich hatte das Gefühl, dass etwas Größeres im Gange war. Die Frage war plötzlich nicht mehr, wie wir das Virus bekämpfen, sondern: Wie weit darf der Staat in das Leben der Menschen eingreifen? Es ging nicht nur um Gesundheit, es ging um die Freiheit und die Frage, wie wir als Gesellschaft miteinander umgehen. Aber mit der Kritik an der Corona-Politik begannen die öffentliche Isolierung und die Shitstorms. Es wurde immer schwerer, seine Stimme einzubringen, also die Maßnahmen zu kritisieren, zum Beispiel die Auswirkungen auf die Kinder.

Medien haben Sie ja sehr stark begleitet – wie haben Sie das erlebt?

Es war ein schleichender Prozess. Zu Beginn, bis etwa Herbst 2021, kam ich mit meiner Kritik noch in die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, in Deutschland wie in Österreich. Ich war ja zuvor gerngesehene Expertin für Europa. Doch bei Corona war der Diskurs spürbar verhärtet. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Interview im Deutschlandfunk im April 2021, als ich die Aktion der Filmemacher „Alles dichtmachen“ kommentierte. Die Journalistin war meinem Empfinden nach nahezu eisig. Es war kein normales Gespräch, sondern hatte in meiner Wahrnehmung etwas sehr bohrendes. Im Herbst 2021 wurde ich dann noch mal zum Thema Corona und Demokratie in eine Maybrit-Illner-Sendung eingeladen und hatte sogar schon das Flugticket Bonn-Berlin.

Und was ist dann passiert?

Ich wurde kurzfristig wieder ausgeladen. Das war alles sehr merkwürdig, einfach anders als zuvor. Plötzlich schien es, als dürfe es nur noch eine gültige Meinung geben – und jede andere Meinung wurde entweder ignoriert oder diffamiert. Das ist eine einschneidende Erfahrung, wenn Sie in einem Land aufwachsen, dass sich stets seiner Demokratie und seines herrschaftsfreien Diskurses à la Habermas gerühmt hat.

Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot spricht im Interview mit der Berliner Zeitung.
Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot spricht im Interview mit der Berliner Zeitung.Thomas Meyer/OSTKREUZ

Gleichzeitig wurde ich, wie viele andere Maßnahmenkritiker, zu einer Art Projektionsfläche, so habe ich es damals empfunden. Nach jeder öffentlichen Intervention gegen die Maßnahmen bekam man auf sozialen Medien einen Shitstorm, aber zugleich Dutzende E-Mails von Bürgern, die einem schrieben, man habe ihnen aus der Seele gesprochen. Es war extrem polarisiert: für die einen war man „Schwurblerin“, für die anderen mutig.

Wie war Ihre Haltung zum Ukraine-Krieg und wie haben sich Ihre öffentlichen Äußerungen dazu entwickelt?

Ähnlich: Wenn man die Vorgeschichte des Krieges seit dem Maidan 2014 berücksichtigt haben wollte und unter anderen von einem Stellvertreterkrieg gesprochen hat, war man für die einen „Putin-Versteherin“ oder „Feindin der westlichen Werte“, für die anderen eine Verfechterin des Friedens. Und so ist es eigentlich bis heute – und beim Thema Gaza ist es fast am allerschlimmsten, wenn Kritik an Israel oft unredlicherweise mit „Antisemitismus“ gleichgesetzt wird. Die Grundlage vernünftiger Debatten, die auf Argumenten und nicht persönlichen Anfeindungen beruhen, ist uns bei all diesen Themen praktisch vollständig entglitten. Aus strittigen Argumenten sind heute „umstrittene Personen“ geworden.

Dann begann das juristische Verfahren. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Die ganze juristische Auseinandersetzung mit der Universität Bonn, die nunmehr fast drei Jahre dauert, aber schon die Zeit davor, war und ist bis heute quasi albtraumhaft. Ich hatte, als ich noch an der Uni war, immer wieder Gesprächsangebote gemacht, um zum Beispiel über die Corona-Maßnahmen oder den Krieg in der Ukraine sachlich zu diskutieren. Einmal habe ich über Corona mit einer Abordnung der Fachschaft gesprochen und den Studenten mehrere Leitz-Ordner mit wissenschaftlichen Studien mitgegeben. Das Gespräch wurde nicht fortgesetzt. Zum Ukraine-Krieg hatten Kollegen durchaus begründete, andere Positionen, das war schnell klar. Aber zu einem sachlichen Austausch ist es nie gekommen. Es war eher wie eine stille Absprache, mit mir darüber nicht zu reden beziehungsweise mich zu meiden.

Ulrike Guérot liest auf ihrem Handy das Urteil des Landesarbeitsgerichts (LAG) Köln.
Ulrike Guérot liest auf ihrem Handy das Urteil des Landesarbeitsgerichts (LAG) Köln.Thomas Meyer/Ostkreuz

Es kam zu Plagiatsvorwürfen …

Die Plagiatsvorwürfe erschienen dann erstmals in der FAZ, zwei Tage nach einer fast legendären Lanz-Sendung im Juni 2022, in der ich mich gegen emotionale Nötigung durch Kriegsbilder gewehrt habe und mich dem Krieg in der Ukraine und seinen Ursachen analytisch nähern wollte. Etwa einen Monat später sagte mir ein Kollege aus der Soziologie, man habe meine Bücher mal durch eine Plagiatssoftware laufen lassen und festgestellt, da sei ja nichts – außer ein paar geringfügigen Zitierfehlern. Die Uni müsse jetzt aufgrund äußeren Druckes eine Kommission einberufen, dann bekäme ich eine Rüge, ich solle mir keine Sorgen machen.

Ich war beruhigt, schrieb im Sommer 2022 mein Buch „Endspiel Europa“, in das ich alles schrieb, was ich bei Lanz nicht sagen konnte, weil ich ständig unterbrochen wurde. Zehn Tage nach Erscheinen gab es eine Presseerklärung, die man – obgleich mein Name nicht ausdrücklich erwähnt wurde – als öffentliche Distanzierung der Universität Bonn von mir werten kann, zumindest haben mehrere überregionale deutsche Zeitungen die Erklärung eindeutig auf mich bezogen. Ein Novum in der deutschen Universitätsgeschichte!

Die sogenannte „Plagiatskommission“, die auch noch unsachgemäß einberufen wurde – unter anderen saßen in ihr zwei Mediziner, die „Plagiate“ in der Politikwissenschaft ja eigentlich nicht beurteilen können – tagte dann im Januar 2023. Statt einer Rüge, wie mir im Juli 2022 noch angekündigt wurde, bekam ich postwendend eine Kündigung ohne vorherige Abmahnung, und ohne dass man zuvor mit mir gesprochen oder mich auch nur informiert hätte. Ich fiel buchstäblich aus alles Wolken! Dabei hatte ich der Uni zuvor zweimal – im Frühherbst 2022 und im Januar 2023 – einen Auflösungsvertrag angeboten, auf den die Personalabteilung überhaupt nicht reagiert hatte.

Wie gestaltete sich der Ablauf der rechtlichen Verfahren?

Die Verfahren meiner Kündigungsschutzklage waren dann in der ersten (Arbeitsgericht Bonn) wie in der zweiten Instanz (Landesarbeitsgericht Köln, LAG), um es höflich zu formulieren, abenteuerlich: Es wurden keine Zeugen vernommen und vor allem keine Sachverständigen gehört: Die Richter entschieden zweimal ohne unabhängige Sachverständige über die Frage, ob hier von einem wissenschaftlichen Fehlverhalten im Fach der Politikwissenschaft gesprochen werden könne, ohne selbst über entsprechende Sachkunde zu verfügen. Sie stellten nicht einmal die Frage, was ein „Plagiat“ – ein sehr evasiver Begriff – eigentlich ist; und welche Fehlertoleranzschwelle angesetzt wird. Üblicherweise liegt diese bei etwa vier Prozent. Meine Zitierfehler liegen weit darunter.

In der erstinstanzlichen Verhandlung deutete das Gericht kurz an, es könnte um mein Europa-Buch im Bewerbungsverfahren gehen. Im Urteil wurde dann die bloße Vorlage des Buches zur arglistigen Täuschung erklärt, die darin bestehen sollte, dass ich meine geringfügigen Zitierfehler im Zuge des Bewerbungsverfahrens nicht offenbart, also nicht ausdrücklich auf meine Fehler hingewiesen hätte.

Die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts (BAG), wonach man sich in einem Bewerbungsverfahren von seiner „schönsten Seite“ präsentieren und also „bewerben“ darf, spricht allerdings dagegen. „Arglistige Täuschung“ wäre zum Beispiel, wenn sich ein Augenarzt auf eine Professur für Chirurgie bewürbe und sich dabei bewusst war, dass er dafür völlig unqualifiziert wäre.Für eine Uni, die sich monatelang dezidiert um mich bemüht hat – ich bin ja extra von Wien nach Bonn gezogen – ist das schon starker Tobak. Zumal die Berufungskommission das Europa-Buch und meine Qualifikation genauestens geprüft und dabei sogar Gutachten von Professorenkollegen eingeholt hat. Das ganze Verfahren führe ich unter anderen auch deswegen, weil ich diesen Vorwurf so nicht stehen lassen kann und nicht möchte, dass meine Enkel mich noch fragen, ob ich „arglistig getäuscht“ habe.

Wie haben Sie das persönliche Umfeld, vor allem Ihre Familie, während dieser Zeit erlebt? 

Meine Familie war in dieser ganzen Zeit enorm betroffen. Mein Bruder bekam Seitenhiebe im Büro, über den Fall wurde ja mehrfach deutschlandweit berichtet. Besonders schwer war es, dass meine Söhne mitverfolgen mussten, wie ich öffentlich diffamiert wurde. Das war für sie emotional sehr belastend. Sie wurden in einen Sturm gezogen, mit dem sie nichts zu tun hatten. Wenn es eins gibt, was ich nicht verzeihe, dann das. Es war keine Kündigung, es war de facto Rufmord – „Chronik einer öffentlichen Hinrichtung“ heißt ja auch das Buch über meinen Fall – und meine beiden Söhne haben schwer gelitten.

Wie haben Sie die Reaktion der akademischen Welt auf Ihre kritische Haltung wahrgenommen?

Nun, es gab einige – wenige – Professoren oder Kollegen, die sich bei mir gemeldet haben, um mir gegenüber ihre Betroffenheit über die Vorgänge auszudrücken. Genau gesagt, waren es fünf von rund 500 Professoren an der Universität Bonn, also etwa ein Prozent, sowie einige Kollegen aus anderen Unis oder vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Aber das geschah weitgehend hinter vorgehaltener Hand. Meine Kündigung wurde ja des Öfteren als eine öffentliche Maßregelung gewertet, die für die akademische Welt wohl einen „Erziehungscharakter“ haben sollte: bestrafe einen, erziehe hundert.

Es war sehr spukig, am eigenen Leib zu erleben, wie sehr sich Aischylos noch Jahrtausende später bewahrheitet: „Es ist des Menschen Charakter, den, der fällt, noch zu treten“. Meine Kontakte in den Wissenschaftsbetrieb hinein sind in Deutschland weitestgehend versiegt. Im Ausland ist das anders: Ich war jüngst in Barcelona, Istanbul oder London für Vorträge und habe im Frühjahr 2026 einen Lehrauftrag für „Comparative Governance“ an einer französischen Universität erhalten, die im Netzwerk der „Grandes Ecoles“ ist. Andere Länder scheinen also diskursfähiger oder vernünftiger zu sein.

Guérot sieht hinter ihrer Kündigung politische Gründe.
Guérot sieht hinter ihrer Kündigung politische Gründe.Thomas Meyer/Ostkreuz

Sie sprechen von einem gefährlichen Trend in der akademischen Welt, in dem Meinungsvielfalt zunehmend eingeschränkt wird …

Ich habe immer geglaubt, dass die Universität hierzulande ein Ort ist, an dem auch wissenschaftlich unterschiedliche Einschätzungen, Bewertungen oder Perspektiven Platz haben – auch in schwierigen Zeiten. Aber das scheint nicht mehr der Fall zu sein, und es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Gerade ist in Halle wieder eine Professorin in Schwierigkeiten geraten, offenbar auch wegen „ideologischer Unbotmäßigkeit“, wie Heike Egner und Anke Uhlenwinkel es in ihrer empirischen Studie „Wer stört, muss weg“ nennen, nämlich wenn Professoren unter fadenscheinigen Gründen, de facto aber wegen ihrer Meinung, gekündigt werden.

Das ist ein gefährlicher Trend, denn gerade in der Wissenschaft muss es möglich sein, offen zu denken und zu diskutieren, ohne sich sofort einer Mehrheitsmeinung unterwerfen zu müssen. Wenn der akademische Raum beginnt, Debattenräume zu begrenzen, dann fehlt uns als Gesellschaft die Grundlage für tiefgehende, konstruktive Analysen und Auseinandersetzungen.

Und welche Fehler haben Sie gemacht?

Nun, ich habe einige Fehler gemacht. Zunächst gibt es ja diese Ungenauigkeiten oder auch Schlampigkeiten in meinem Buch, für die ich natürlich verantwortlich bin und die mir buchstäblich zum Verhängnis wurden. Es ist leider einfach mein Naturell, einige Dinge zu schnell zu tun und nicht genug Sorgfalt walten zu lassen.

Zum anderen wäre es sicherlich möglich gewesen, meine Kritik sowohl an den Corona- Maßnahmen als auch den Waffenlieferungen oder generell an der deutschen oder auch europäischen Position in dem Krieg in der Ukraine gedämpfter vorzubringen, als in zwei Bestseller-Büchern. Es wurde mir ja auch vorgeworfen, die notwendige Zurückhaltung als Professorin beziehungsweise Angestellte im öffentlichen Dienst nicht ausreichend respektiert und zu sehr „aktivistisch“ gehandelt zu haben. Da ist sicher etwas dran.

Wie sehen Sie die politische Landschaft in Europa heute, und welche Rolle spielen die Bürger in Ihrer Vision einer „Europäischen Republik“?

Die politische Landschaft ist heute leider von einer enormen Spaltung geprägt, und zwar überall in Europa. Die Schere zwischen den politischen Eliten und den Sorgen und Bedürfnissen der Bürger klafft immer weiter auseinander. Diese Kluft hat sich unter anderem durch den Brexit, die Reaktionen auf die Flüchtlingskrise, die Auseinandersetzungen um die Corona-Maßnahmen und den Krieg in der Ukraine noch weiter vertieft. All diese Spaltungen führen zudem zu einer Renationalisierung der Debatten. Es gibt praktisch kein konstruktives Nachdenken mehr über Europa und seine Zukunft, außer dass die EU gemeinsam in den Krieg gegen Russland muss. Das ist eine Tragödie! Wir erleben die Militarisierung und eine Art autoritäre Schließung der EU, die mit den ursprünglichen Zielen des europäischen Einigungsprojektes nicht vereinbar sind, ja, die ihnen dezidiert widersprechen.

Und was wäre Ihr Plan für Europa?

In meiner Vision einer Europäischen Republik ging es genau darum: Die europäischen Bürger müssten wieder die Gestaltung ihres eigenen Schicksals und Verantwortung für die Bewahrung des Friedens in Europa übernehmen, anstatt von ihren jeweiligen Regierungen in einen Krieg geführt zu werden. Das waren übrigens genau die Idee „Europas aus dem Widerstand“, wie sie sich in den 1940er-Jahren formierte. Der europäische Föderalismus hat dort seine Wurzeln.

In meiner Idee einer föderativen Europäischen Republik – dem genauen Gegenteil eines „EU-Superstaates“ – war es das Ziel, dass für alle europäischen Bürger der allgemeine politische Gleichheitsgrundsatz gilt, und sie nicht, wie der Münchener Soziologe Ulrich Beck es einst formulierte, in „nationalen Containers“ verbeiben. Anders formuliert, meine Vision war der Versuch, das politische Europa institutionell und demokratisch so zu organisieren, wie es für jeden Nationalstaat üblich und selbstverständlich ist. Natürlich hat sich die Idee inzwischen überlebt. Die Europäische Verfassung ist schon 2003 gescheitert, die EU ist weitergezogen und heute schert sich praktisch niemand mehr um eine europäische Demokratie.

Sollte man irgendwann an diese Debatte noch einmal anknüpfen wollen, sollte also die Frage der europäischen Zukunft und damit der Demokratie in Europa noch einmal virulent werden, dann müsste meines Erachtens eine dezentrale, subsidiäre und von starken Regionen getragene europäische Demokratie entstehen, mit einem Zweikammersystem, das nicht nur von nationalen beziehungsweise regionalen Einheiten, sondern vor allem von den europäischen Bürgern als eigentlichem Souverän getragen würde. Es ginge darum, dass sich die Menschen in Europa wieder als Teil eines gemeinsamen europäischen Projekts fühlten, wenn Europa sich in der gegenwärtigen geopolitischen Zäsur und dem sichtbaren Ende der Pax Americana einen Platz in der multipolaren Welt sichern wollte.

Und wie sieht Ihre Zukunft aus?

Nun, zunächst habe ich gerade gegen die Entscheidung des LAG Köln eine Nichtzulassungsbeschwerde eingelegt und hoffe sehr, dass das BAG die Revision zulässt. Der letzte Drops mit der Universität Bonn ist also noch nicht gelutscht. Ansonsten freue ich mich sehr auf den Lehrauftrag in Frankreich und ich arbeite an einem Buch zu „Zehn Jahre Europäische Republik: Eine Jubiläumsschrift“, das nächstes Jahr erscheinen soll und in dem ich die Perzeptionsgeschichte dieser Idee zusammentragen möchte, um damit eine Vorlage für künftige Europa-Ideen anzubieten. Schließlich war der Arbeitsauftrag des Europa-Instituts der Universität Bonn, das ich hätte leiten sollen, Europa und seine Rolle in der Welt aus deutsch-französischer Perspektive jenseits der paradigmatischen Annahmen des 20. Jahrhunderts neu zu denken.

Fühlen Sie sich außerhalb der Universität freier, um Ihre Projekte zu verfolgen?

Eigentlich mache ich jetzt genau das, nur eben außerhalb der Uni, wo es wahrscheinlich auch besser geht, weil man einfach freier ist und auch spielerischer sein kann. Ich habe ChatGPT gefragt, wie man eine Föderation Europäischer Republiken realisieren könnte und habe tatsächlich eine interessante Antwort darauf bekommen. Das Leben außerhalb einer Uni ist also wahrlich nicht langweilig und sehr kreativ. Ich habe inzwischen einen gutgehenden YouTube-Kanal, in dem ich zum Beispiel politikwissenschaftliche Bücher bespreche, und halte viele Vorträge in ganz Europa. Mein jüngstes Buch wurde gerade ins Türkische übersetzt. Ich freue mich also auf viele Diskussionen mit der türkischen Community in Deutschland.

Und wenn das juristische Gezerre über diese Kündigung einmal vorbei sein wird, dann würde ich am liebsten mal einen Roman über die Jahre schreiben, denn Absurditäten verarbeitet man am besten literarisch …

Dieses Interview ist zuerst am 28.12.2025 erschienen.