In der Debatte um das innerdeutsche Verhältnis fordert der Soziologe Denis Huschka einen neuen Blick auf die Rolle der Ostdeutschen in der Bundesrepublik. In einem Beitrag für die Zeitung Welt schreibt Huschka, ein „Perspektivwechsel könnte das Rumoren im Osten zum Ausgangspunkt einer neuen ostdeutschen Selbstbeschreibung werden“ lassen – „nicht als Defizitraum, sondern als Erfahrungsraum mit Zukunft“. Solches Herangehen könne eine „resilientere gesellschaftliche Grundstimmung“ schaffen, „in der man sich auch in aller Uneinigkeit auf Augenhöhe begegnet und Anderssein nicht als Makel definiert und reflexartig diskreditiert“. Der Osten dürfe „sich deshalb nicht in Opposition zur Republik setzen, sich weder politisch noch mental isolieren“.
Huschka, der viele Jahre als von der Bundesregierung berufener Geschäftsführer Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten sowie als Gründungsgeschäftsführer des Sachverständigenrats Verbraucherfragen tätig war, schreibt, eine Stärke Ostdeutschlands könne „darin liegen, aus der bereits gemachten Erfahrung mit einem Systembruch einen konstruktiven Beitrag zur Erneuerung unserer Gesellschaft zu leisten“. So könnten „neue Formen des Miteinanders erprobt werden“.
Huschka analysiert, dass die aktuellen Probleme, die in Deutschland den politischen Raum prägen, „wertegeladen, existenziell und global eingebettet“ seien: „Es gibt Streit über Grenzen, Gerechtigkeit, Sicherheit, Europa, Kriege und die Weltordnung.“ Eine „in sich widersprüchlichere Gesellschaft braucht differenziertere Antworten“: „Nicht jede Region, nicht jedes Milieu und nicht jeder Mensch reagiert gleich auf dieselben Herausforderungen.“ Der Osten kenne „die Brüchigkeit von Erwartungen, die Notwendigkeit, Wege neu zu denken, und die Kraft kleiner, konkreter Lösungen“.
Gerade in Kommunen, Vereinen, Schulen, Betrieben und Familien sei dies zu erkennen. Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen entstünden nicht durch zwanghafte Gleichmacherei, sondern „dadurch, dass man einander zuhört, miteinander auf Augenhöhe verhandelt und so eine gemeinsame Vorstellung von Zukunft entwickelt“.
Huschka glaubt, dass dem Aufstieg der AfD bei Wahlen in Ostdeutschland kein nachhaltiges Konzept zugrunde liege. Ihre Erfolge im Osten erklärten sich nicht „aus demokratischer Unreife der Ostdeutschen, sondern aus einem Gemisch von Protest, Misstrauen, Resignation und dem Wunsch nach einer Stimme, die die eigenen Befindlichkeiten überhaupt noch laut ausspricht“. Zwar fänden dort, „wo Enttäuschung, Nicht-Repräsentation und Kränkung“ eine Rolle spielen, „auch substanzarme Versprechen Resonanz“. Politische Kräfte würden sich in diesem Umfeld „über Abgrenzung und Spaltung definieren und dadurch versuchen, den Horizont sich auftürmender Problemlagen wieder kleiner erscheinen zu lassen“.
Mit diesem Konzept habe die AfD übrigens auch zunehmend im Westen Erfolg. Aus „Populismus“ entstehe allerdings „keine tragfähige Zukunft“. Huschka bezweifelt, dass „solche Wahlentscheidungen überhaupt auch nur die allerkleinste Chance in sich tragen, konstruktiv Fortschritt und erstrebenswerte Perspektiven zu ermöglichen“.


