Vorbild Deutschland

Sklaven jedes Zeitgeists: Deutschland ist Meister der pervertierten Form des Guten

Als Deutsche wollen wir vom Guten träumen und Vorbild sein. Politik ist da hinderlich. Warum das Land nach Kaiserzeit und zwei Weltkriegen wieder im Biedermeier ankommt.

Untertanengeist bevorzugt: Kaiser Wilhelm II.  inspiziert seine Truppen.
Untertanengeist bevorzugt: Kaiser Wilhelm II. inspiziert seine Truppen.Heritage Images/imago

„Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen“, schrieb 1861 der heute vergessene Lübecker Dichter Emanuel Geibel. Sein Gedicht „Deutschlands Beruf“ beschwört in sieben Strophen die Stabilisierung der europäischen Mitte. Nach Jahrhunderten kleinstaatlicher Zerrissenheit, nach der Kirchenspaltung, dem 30-jährigen Krieg und dem Untergang des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation sah Geibel, und mit ihm viele Zeitgenossen, in der Vorstellung eines starken, geeinten Deutschlands auch ein stabilisierendes Moment: „Macht Europas Herz gesunden / und das Heil ist euch gefunden.“

Es war nicht nur völkischer Nationalismus, der damals die politischen Kräfte trieb. Dennoch bleibt der Nachgeschmack des Pathos, die nicht eben bescheidene Geste, die vom genesenen Deutschland einen Bogen spannt zum Gesundheitszustand der Welt. Eine Parallele finden wir im „Lied der Deutschen“, das August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 20 Jahre vor Geibels „Beruf“ dichtete. Der Halbvers „Deutschland, Deutschland über alles“ enthält bereits den ganzen Gedanken: das eine Vaterland über den drei Dutzend souveränen Staaten – Königreiche, Herzogtümer, eine Landgrafenschaft und freie Städte –, die damals beherrschten, was Deutschland war.

Des „über alles in der Welt“ hätte es gar nicht bedurft. Hat Fallersleben die Worte nur gesetzt, weil er anders keinen Reim auf „brüderlich zusammenhält“ schmieden konnte? Wohl kaum. Man will den romantischen Dichtern aber auch nicht vorwerfen, sie hätten die expansive Großmannssucht antizipiert, die ein halbes Jahrhundert später unter Kaiser Wilhelm Zwo die Politik (und die Massen) elektrisierte. Ganz zu schweigen vom „Heute gehört uns Deutschland / und morgen die ganze Welt“ des entarteten Nationalismus nach 1933.

Oh deutsche Seele, wie stolz ist dein Flug

Bemerkenswert ist jedenfalls die Selbstverständlichkeit, mit der sowohl Fallersleben als auch Geibel ihrem vaterländischen Enthusiasmus ganz unverhohlen Weltbedeutung beimessen. Offensichtlich besitzt Deutschland – seinerzeit ein Sprach- und Kulturraum, kein staatliches Subjekt – in ihren Augen globale Relevanz. Um deren Wurzeln nachzuspüren, lohnt es sich, einen dritten Dichter heranzuziehen: Heinrich Heine.

„Oh deutsche Seele, wie stolz ist dein Flug / in deinen nächtlichen Träumen!“ – keiner hat die fatale Neigung, Politik mit Fantasie zu verwechseln, mit schärferer Klinge seziert als der jüdische Exilant in Paris. Mit bitterem Sarkasmus zerpflückt er die deutsche Unfähigkeit zur politischen Freiheit – im Gegensatz zur Freiheit in der Traumwelt moralischer Ideale oder philosophischer Vollkommenheit. Dort halten die Deutschen das Zepter; ihr unangefochtener Herrschaftsanspruch im Reich der Träume ist ein Leitmotiv in Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“, erschienen 1844.

Das ist gerade 180 Jahre her, zwei lange Menschenleben. Die Parallelen zur Jetztzeit liegen auf der Hand. Wir würden die Seelenverwandtschaft mit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts inniger fühlen, läge dazwischen nicht wie ein monströses Gebirge, zugleich tiefgrau und blutrot, die singuläre Phase eines sich pervertierenden Nationalismus mit den Eckdaten 1888 (Amtsantritt von Wilhelm II.) und 1945.

Im Mai des zuletzt genannten Jahres, zwei Wochen nach dem Untergang des „Dritten Reiches“, hielt der Schriftsteller Thomas Mann in Washington den Vortrag „Deutschland und die Deutschen“. Es sind Betrachtungen, die für unsere Gegenwart, wenn auch unter anderen Vorzeichen, mindestens so aktuell sind wie für die Zeitgenossen vor 80 Jahren.

Eine seiner Schlüsselthesen lautet: „Die Theorie von den zwei Deutschland, einem guten und einem bösen, lehne ich ab. Das böse Deutschland ist das fehlgegangene gute, das gute im Unglück, in Schuld und Untergang.“ Für Mann war der Nationalsozialismus nicht etwas dem „guten“ Deutschland völlig Fremdes, sondern eine fatale, ins Böse verkehrte Spielart typisch deutscher Eigenschaften wie Innerlichkeit, Romantik und Weltfremdheit – also eines Idealismus, der sich von der Realität und Politik entfremdet hatte und dadurch pervertiert werden konnte.

Als Homo politicus, also politisches Wesen, macht der Deutsche in Manns Augen keine gute Figur. Politik als „auf Kompromiss beruhendes Fertigwerden mit dem Leben“ liegt ihm nicht: „Von Natur aus nicht böse, sondern fürs Geistige und Ideelle angelegt, hält [der Deutsche] die Politik für nichts als Lüge, Mord, Betrug und Gewalt.“ Als Politiker glaube er, „sich so benehmen zu müssen, dass der Menschheit Hören und Sehen vergeht“.

Aus der Geschichte einiges gelernt

Nun haben wir, acht Jahrzehnte nach 1945, aus der Geschichte einiges gelernt. Hören und Sehen vergeht der Menschheit nicht mehr, wenn bundesdeutsche Politiker das internationale Parkett betreten. Allenfalls rollt man genervt mit den Augen, wenn deutsche Ministerinnen (oder Minister) dem Ausland beibringen wollen, was europäische Werte sind und wie die Demokratie funktioniert.

Dabei ist das alles nicht böse gemeint. Es ist die (noch) nicht pervertierte Form des guten Deutschland, von der Thomas Mann 1945 sprach. Allerdings wohnt auch dem guten Deutschland ein Machtanspruch inne, derselbe, der Heinrich Heine als „Herrschaft im Reich der Träume“ vor Augen stand. Natürlich will auch eine Annalena Baerbock (ihr Name pars pro toto) moralisch Macht ausüben. Sie will, dass die Welt sich nach ihren Vorstellungen richtet, nach ihren Idealen, nach ihrem (apolitischen) Begriff von Politik.

Die Brisanz von Thomas Manns Satz „Das böse Deutschland ist das fehlgegangene gute“ liegt eben darin, dass die beiden Deutschlands sich nur im Modus unterscheiden, nicht im Wesen. Es gibt keine hellen Deutschen und keine dunklen. Es gibt sie in helldunkel und je nachdem. Das erklärt die Zwiespältigkeit, mit der das Ausland uns seit jeher betrachtet. Wir selbst halten uns für vorbildlich, sei es beim Klimaschutz, beim Atomausstieg, bei der Migrationspolitik. Von außen dagegen sieht man Musterschüler und Oberlehrer, wenn nicht beides zugleich. Und Musterschülern und Oberlehrern begegnet selten Sympathie.

Was immer der Zeitgeist diktiert

Immerhin haben wir das autoritäre Gehabe abgelegt – um einmal pro Patria zu argumentieren. Der Imperativ des zweiten Wilhelm – „Am deutschen Wesen soll (!) dereinst die Welt genesen“ – gilt vielleicht als stille Hoffnung, wird aber nicht mehr laut gesagt. Nur die Neigung zur Musterschüler-Oberlehrer-Rolle ist ungebrochen. Was immer der Zeitgeist diktiert, wir exekutieren es. Das war in Zeiten der Sekundärtugenden nicht anders. Als Pflicht, Fleiß und Ordnung noch das Zusammenleben dominierten, war niemand pflichtbewusster, fleißiger und ordentlicher als wir Deutsche. Niemand konnte besser Wirtschaftswunder, keiner schaffte mehr Überstunden.

Seit es darum geht, die Welt und das Klima zu retten, rettet keine Nation so empathisch wie wir. Beim Atomausstieg waren wir die ersten. Wenn Pazifismus angesagt ist, verschrotten wir unsere Panzer, und wenn Pünktlichkeit plötzlich als spießig gilt, kommt keine Bahn so spät wie die deutsche. Work-Life-Balance ist in? Wir können auch Hängematte. Weniger Arbeitsstunden als in den meisten anderen Ländern, höhere Krankenstände und kaum noch Wirtschaftswachstum – als Deutsche überwinden wir auch Untugenden wie Fleiß. Nichts kann uns erschüttern, das Gute und Richtige zu tun.

Weltfremdheit, Innerlichkeit und Idealismus als Essenz unserer kollektiven Seele – eine Mischung, die definitiv nicht zur Prägung des typischen Homo politicus gehört. Nun reichen die historischen Wurzeln eines jeden Nationalcharakters tief. Anders als in den klassisch „westlichen“ Ländern bildete sich in Deutschland kein früher Zentral- und Nationalstaat heraus. Als die großen Kolonialreiche entstanden, zerfleischte sich das Land in Religionskonflikten. Die in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzende Selbstverwaltung der alten Reichsstädte schuf zwar demokratische Tradition, blieb in ihren Horizonten aber provinziell, mit Ausnahme vielleicht einiger Hansestädte.

Während England und Frankreich über Jahrhunderte großformatige Politiker und Militärs produzierten, kam in Deutschland ein einziges politisches Genie an die Hebel der Macht: Otto von Bismarck im 19. Jahrhundert. Sein Reich war nicht von langer Dauer. Acht Jahrzehnte nach dessen endgültigem Abgang ähnelt das geopolitische Gewicht der Bundesrepublik demjenigen des Deutschen Bundes der Vormärzzeit, der Jahre vor 1848. Deutschland ist einmal „full circle“ gegangen; die Existenz der Europäischen Union macht da keinen Unterschied.

Das Bild trifft auch in geistiger Hinsicht. Nirgends fiel das Ende der Geschichte (Francis Fukuyama) auf ähnlich fruchtbaren Boden wie hierzulande. Das Jahr 1990 besiegelte nicht nur das Ende des existenziellen Konflikts der Weltanschauungen Kommunismus und Kapitalismus; es versprach auch eine Erlösung von der Politik. Die Zukunft, so schien es, gehörte erneut den Idealen: Demokratie, Menschenrechte, Normen und Regeln. Später kam die Klimarettung hinzu. Nach den Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts hatten die Deutschen erneut ihren „Beruf“ gefunden.

Wie reagiert das Land, wenn sich nun herausstellt, dass die Welt unerlöst bleibt? Dass die Politik als „Physik der Macht“ von neuem ihr Haupt erhebt? Die Analogie zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verspricht wenig Gutes. Romantik, Biedermeier und Innerlichkeit waren auch Reaktionen auf die immens politische Herausforderung durch die Französische Revolution. Und zwar durchgängig von Ablehnung geprägt.

Ist es heute so viel anders? Künstliche Intelligenz und die multipolare Welt überfordern uns ebenso wie Robespierre und Napoleon das erwachende 19. Jahrhundert. Rechts wie links träumt man von der Rückkehr der guten, alten Zeit, bietet alte Schläuche für den neuen Wein, den keiner trinken will. Also auf ins Reich der Ideale und der Moral, in unser Reich. Dort können wir unangefochten Vorbild sein. In Heinrich Heines Worten:

Franzosen und Russen gehört das Land / Das Meer gehört den Briten, /
Wir aber besitzen im Luftreich des Traums / Die Herrschaft unbestritten.

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