Eskalationsfalle

US-Militärexperte warnt vor totalem Kontrollverlust im Iran-Konflikt

Tarnkappenbomber, verschwundenes Uran und ein neuer Hardliner in Teheran. Der US-Stratege Robert Pape analysiert, warum Amerika im Nahen Osten in eine fatale Falle tappt.

Rückkehr von einem Bombardement: Ein B-1B Lancer Überschallbomber der amerikanischen Streitkräfte landet Anfang März 2026 an einem geheimen Ort.
Rückkehr von einem Bombardement: Ein B-1B Lancer Überschallbomber der amerikanischen Streitkräfte landet Anfang März 2026 an einem geheimen Ort.Usaf/U.S. Air/imago

Wer in diesen Tagen verstehen will, warum der Krieg gegen den Iran trotz massiver Luftangriffe nicht einfach „gewonnen“ ist, stößt schnell auf einen Namen: Robert Pape. Der Politikwissenschaftler von der University of Chicago, seit Jahrzehnten bekannt für seine Arbeiten zu Luftkrieg, Terrorismus und politischer Gewalt, war jetzt zu Gast im YouTube-Format „Diary of a CEO“.

Dort entwirft er ein Szenario, das in Washington viele lieber nicht hören dürften: Nicht militärische Schwäche, sondern politische Dynamik könne die USA und Israel in eine immer tiefere Eskalation treiben. Pape ist kein Internet-Provokateur, sondern ein etablierter Wissenschaftler, der unter anderem an der Air Force lehrte und seit Jahren zu Sicherheitsfragen publiziert.

Die Illusion des taktischen Erfolgs

Der Ursprung der Krise, so Pape, liege in der gefährlichen Annahme, man könne tiefe politische Konflikte allein durch militärische Zerstörung lösen. So haben die USA hochentwickelte Tarnkappenbomber eingesetzt, um iranische Atomanlagen tief unter der Erde zu zerstören.

Doch während die Bomben ihre physischen Ziele mit immenser Präzision träfen, offenbare sich nun ein strategisches Fiasko: Das angereicherte Uran, das theoretisch für den Bau von 16 Atombomben ausreichen würde, sei verschwunden.

Satellitenbilder hätten bereits im Vorfeld der Angriffe verdächtige Lkw-Bewegungen an den Nuklearanlagen gezeigt. Pape betont nachdrücklich, dass Kriege nicht nur aus militärischer Hardware bestünden. Bomben veränderten die Politik – und zwar sowohl beim Angreifer als auch beim Angegriffenen. Die USA tappten aktuell in die sogenannte Eskalationsfalle.

Ein neuer, radikalerer Führer

Ein anschauliches Beispiel für diese politische Veränderung sei die Tötung des obersten geistlichen Führers des Irans. Für viele Laien möge es logisch klingen, den Kopf eines feindlichen Regimes auszuschalten, um einen Krieg schnell zu beenden.

Doch Regimes wie das iranische seien keine fragilen Gebilde, die beim Wegfall einer Einzelperson in sich zusammenstürzten. Sie funktionierten vielmehr wie hochgradig anpassungsfähige Netzwerke. Der getötete Führer sei paradoxerweise ein Garant gegen die atomare Bewaffnung des Landes gewesen, da er religiöse Edikte gegen den Bau von Nuklearwaffen erlassen habe.

Sein Nachfolger und Sohn gelte hingegen als weitaus aggressiver und sei eng mit den paramilitärischen Revolutionsgarden verbunden. Durch die fortlaufenden Angriffe und die drohende Zerstörung hätten die Iraner laut Pape nun den ultimativen Überlebensanreiz, sich tatsächlich mit einer Atombombe unangreifbar zu machen.

Die zweite Stufe der Eskalation

Der Konflikt habe laut Pape mittlerweile seine zweite Phase erreicht. Der Iran setze nicht mehr nur auf direkte Vergeltungsschläge gegen Israel, sondern bediene sich einer sogenannten horizontalen Eskalation. Mit Schwärmen von präzisionsgesteuerten Drohnen würden amerikanische Verbündete wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate ins Visier genommen.

Das erklärte Ziel dieser Strategie sei es, die Koalition gegen den Iran zu brechen, indem man die Wirtschaft und den Tourismus am Persischen Golf ins Wanken bringe. Wenn Nadelöhre der Weltwirtschaft wie die Straße von Hormus nicht mehr sicher für Handelsschiffe seien, stiegen unweigerlich die globalen Energiepreise. Erschwerend komme in diesem Geflecht hinzu, dass Russland dem Iran Zieldaten für die präzisen Drohnenangriffe liefere – eine direkte politische Revanche für die amerikanische Unterstützung der Ukraine.

Droht ein zermürbender Bodenkrieg?

Die wohl größte Sorge des Militärstrategen ist das Erreichen der dritten Konfliktstufe. Pape schätzt die Wahrscheinlichkeit auf beunruhigende 75 Prozent, dass die USA in naher Zukunft gezwungen sein würden, Bodentruppen in den Iran zu entsenden.

Der Auslöser dafür sei schlichtweg die zunehmend panische Suche nach dem verschollenen nuklearen Material, aus Angst, dieses könnte in die Hände von Terrornetzwerken fallen. Sollten tausende amerikanische Soldaten iranischen Boden betreten, um Anlagen zu durchsuchen und Areale zu sichern, drohe ein endloser Zermürbungskrieg. Pape zieht hier eine klare Parallele zum Vietnamkrieg: Auch dort hätten die USA den Krieg nicht auf dem Schlachtfeld verloren, sondern durch die ausweglose Dauer des Einsatzes und den schwindenden politischen Rückhalt in der Heimat.

Peking profitiert im Schatten

Während die Vereinigten Staaten ernsthaft Gefahr liefen, sich in einem weiteren ausweglosen Konflikt aufzureiben, stehe der lachende Dritte auf der weltpolitischen Bühne bereits fest. China, so habe Pape kürzlich auf einer ausgedehnten Reise beobachtet, treibe seine eigene wirtschaftliche und technologische Entwicklung rasant voran.

Für Peking sei ein amerikanisches Feststecken im Nahen Osten von enormem strategischem Vorteil. Es binde amerikanische Ressourcen und politische Aufmerksamkeit, während China ungestört seine Expansion im asiatischen Raum ausbaue. Die Rolle der USA als unangefochtene globale Supermacht gerate durch diese Fehlkalkulationen massiv ins Wanken.

Die Bedrohung im eigenen Land

Am Ende seiner weitreichenden Ausführungen richte der Professor den Blick jedoch auf ein Problem, das selbst diese geopolitischen Verwerfungen in den Schatten stellen könnte. Die weitaus größte Gefahr für die USA sei derzeit die zunehmende Normalisierung politischer Gewalt im eigenen Land.

Gewalttätige Ausschreitungen, politische Attentate und stark militarisierte behördliche Einsätze spalteten die amerikanische Gesellschaft derzeit so tief wie seit den 1960er Jahren nicht mehr. Eine Weltmacht, die im Inneren derart zerrissen agiere und zunehmend zu ihrem eigenen schlimmsten Feind werde, resümiert der Stratege, werde letztlich kaum in der Lage sein, die komplexen außenpolitischen Krisen unserer Zeit zu bewältigen.