Machtpolitik

Eskalation im Iran-Krieg: Will Trump Irans Ölinsel Kharg besetzen lassen?

Die US-Angriffe auf Irans Ölinsel Kharg sind mehr als Militärschläge. Trump zielt auf 90 Prozent von Irans Ölexporten – und damit auf Chinas Energieversorgung und den globalen Ölpreis.

Die Insel Kharg im Persischen Golf
Die Insel Kharg im Persischen Golf-

Die US-Angriffe auf die iranische Ölinsel Kharg sind mehr als eine einzelne Kriegshandlung. Sie fügen sich in ein strategisches Muster ein, das weit über den Nahen Osten hinausreicht: Washington setzt zunehmend auf die Kontrolle globaler Rohstoff-Lieferketten als geopolitisches Druckmittel – nicht nur gegen den Iran, sondern vor allem auch gegen China.

Berichte über interne Diskussionen im Weißen Haus, die Insel durch US-Spezialkräfte besetzen zu lassen, verdichten sich. Eine offizielle Bestätigung solcher Pläne gibt es bislang nicht.

Das Muster: Von Venezuela bis Kharg

Bereits Anfang Januar 2026 hatten US-Streitkräfte in Venezuela Präsident Maduro entführt und sich Zugang zu den dortigen Ölfeldern verschafft. Die Operation stieß international auf scharfe Kritik, Völkerrechtler zweifeln an der Legitimität.

Nun zeichnet sich am Persischen Golf eine ähnliche Logik ab: Statt den Iran ausschließlich durch Luftschläge militärisch zu schwächen, zielen die USA offenbar darauf, die Kontrolle über zentrale Knotenpunkte der globalen Energieversorgung zu erlangen. Die Insel Kharg, über die laut J.P. Morgan rund 90 Prozent der iranischen Rohölexporte abgewickelt werden, ist dabei ein strategisches Schlüsselobjekt. Die Lagerkapazität der Insel beträgt etwa 30 Millionen Barrel, täglich können bis zu sieben Millionen Barrel verladen werden. Für die iranische Staatsführung ist Kharg die wirtschaftliche Schlagader des Landes.

Doch Kharg ist nur ein Puzzlestück. Trumps wiederholte Drohung, die Straße von Hormus „zu übernehmen“, deutet auf ein größeres Kalkül hin. Denn durch diese Meerenge fließen nicht nur 20 bis 30 Prozent des weltweiten Energiehandels – sondern auch 84 Prozent der Ölimporte Ostasiens. Wer Hormus kontrolliert, hat einen Hebel gegen die gesamte asiatische Wirtschaft in der Hand. Die Kombination aus dem Zugriff auf venezolanisches Öl, der Kontrolle über Kharg und der Dominanz über die Straße von Hormus ergäbe eine Rohstoff-Machtstellung, die in der Geschichte der Nachkriegsordnung ohne Beispiel wäre.

China als eigentlicher Adressat

Der wichtigste Abnehmer iranischen Öls ist China. Peking hat trotz westlicher Sanktionen über Jahre hinweg große Mengen iranisches Rohöl importiert und damit Teherans Staatshaushalt am Laufen gehalten. Sollten die USA die Straße von Hormus dauerhaft unter ihre Kontrolle bringen oder die iranische Exportinfrastruktur lahmlegen, träfe das nicht nur den Iran, sondern auch Chinas Energieversorgung empfindlich.

Alternative Lieferwege – etwa über Pipelines aus Russland oder Zentralasien – existieren zwar, reichen aber bei Weitem nicht aus, um die Mengen zu ersetzen, die über den Seeweg durch den Persischen Golf kommen. Chinas strategische Ölreserven reichen nach Schätzungen von Analysten nur für wenige Monate.

Damit ergibt sich eine mögliche Doppelstrategie: Washington könnte darauf setzen, Peking über den Ölhahn unter Druck zu setzen, damit China seinerseits die iranische Führung zu Verhandlungen drängt. Denn ein eskalierender Krieg am Golf, der die Energiepreise weiter in die Höhe treibt und Lieferketten unterbricht, liegt nicht im Interesse der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Chinas Führung steht vor einem Dilemma: Unterstützt sie den Iran weiter, riskiert sie ihre eigene Energiesicherheit. Drängt sie Teheran zu Verhandlungen, verliert sie einen wichtigen geopolitischen Verbündeten. Die Internationale Energieagentur (IEA) bezeichnete die derzeitigen Ausfälle bereits als „die größte Zerstörung von Öllieferketten in der Geschichte“ – eine Einschätzung, die in Peking mit Sicherheit registriert wird.

Saudi-Aramco-Chef Amin Nasser warnte, eine anhaltende Schließung der Straße von Hormus hätte „katastrophale Konsequenzen“ für die globalen Ölmärkte. Für China wären die Folgen besonders gravierend: Alternative Lieferwege existieren kaum in ausreichendem Umfang, und die strategischen Reserven Pekings reichen nach Schätzungen nur für wenige Monate.

Völkerrechtlich auf dünnem Eis

Was strategisch kalkuliert erscheint, steht völkerrechtlich auf äußerst fragwürdigem Boden. Artikel 2 der UN-Charta verbietet Gewaltanwendung gegen die territoriale Integrität eines Staates ohne UN-Mandat oder Selbstverteidigung. Das humanitäre Besatzungsrecht der IV. Genfer Konvention untersagt einer Besatzungsmacht ausdrücklich die Ausbeutung von Ressourcen zugunsten eigener Staatsbedürfnisse – erlaubt sind lediglich zwingend notwendige Requisitionen mit Entschädigung.

Die Venezuela-Operation vom Januar hat diese Grenzen bereits strapaziert. Rechtswissenschaftler kritisierten die mangelnde Legitimität des Zugriffs auf venezolanische Ölfelder. Eine vergleichbare Aneignung iranischer Infrastruktur wäre nach geltender Rechtslage ein Verstoß gegen internationales Recht. US-Senatoren räumten offen ein, dass der Kongress vor den Einsätzen weder in Venezuela noch im Iran formell konsultiert worden sei.

Besetzung Khargs: Militärisch möglich, strategisch riskant

Gregory Brew von der Eurasia Group stufte eine Besetzung Khargs als möglich, aber mit „beträchtlichem“ Risiko behaftet ein. Die Insel liegt nur 24 Kilometer vom iranischen Festland entfernt. Der Iran verfügt über Raketen und Seeminen und hat angekündigt, die Anlagen notfalls selbst zu zerstören, um sie nicht zu übergeben. Iranische Streitkräfte warnten laut Staatsmedien, Angriffe auf Öl- oder Wirtschaftsanlagen des Landes würden Vergeltungsschläge nach sich ziehen – auch gegen Einrichtungen von Ölunternehmen in der Region, die mit den USA zusammenarbeiten.

Ölarbeiter auf der iranischen Insel Kharg im Persischen Golf. Über den Hafen der Insel wird ein Großteil der iranischen Ölexporte abgewickelt.
Ölarbeiter auf der iranischen Insel Kharg im Persischen Golf. Über den Hafen der Insel wird ein Großteil der iranischen Ölexporte abgewickelt.Xinhua/imago

US-Truppen müssten Kharg dauerhaft besetzen und militärisch sichern. Die Insel ist mit rund 20 Quadratkilometern – etwa so groß wie der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg – eine weitgehend ebene Fläche ohne natürliche Barrieren. Versorgungswege wären anfällig für iranische Angriffe. Eine permanente Marinebasis stünde unter ständiger Bedrohung. Die amerikanische Kriegserfahrung der vergangenen Jahrzehnte – vom Irak bis Afghanistan – hat gezeigt, wie schnell sich solche Einsätze zu langwierigen und kostspieligen Besatzungen entwickeln können.

Das Nachrichtenportal Axios berichtete unter Berufung auf anonyme US-Regierungsbeamte über „Diskussionen“ im Weißen Haus bezüglich einer möglichen Besetzung. Ein Insider sagte der New York Post, die Einnahme der Insel sei „eine Frage der Zeit, nicht des Ob“. Auch der persischsprachige Dienst von Radio Free Europe (Radio Farda) analysierte diese Berichte und hielt sie für „teils plausibel“ im Sinne eskalierender Optionen, aber nicht bestätigt. Offiziell hat die US-Regierung solche Pläne weder bestätigt noch dementiert.

Historisch gibt es einen Präzedenzfall: Bereits 1979, während der Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran, erwog Präsident Jimmy Carter eine Besetzung Khargs als Druckmittel gegen die iranische Regierung – und sah letztlich davon ab.

Iranische Gegendrohungen: „Das Meer wird mit ihrem Blut gefüllt“

Im Iran selbst herrscht nach dem Tod des Obersten Führers Ali Chamenei Anfang März eine instabile innenpolitische Lage. Sein Sohn Modschtaba Chamenei übernahm die Nachfolge, verfügt jedoch noch über keine gefestigte Machtbasis. Brew merkte an, eine US-Besetzung Khargs könnte Modschtaba Chamenei paradoxerweise innenpolitisch stärken – als Mobilisierungsinstrument, das die Bevölkerung gegen den äußeren Feind eint. Parlamentssprecher Ghalibaf nannte US-Offiziere bereits „Blutsäufer“ und warnte, bei einer Invasion iranischer Inseln werde „das Meer mit ihrem Blut gefüllt“.

Irans Außenminister Abbas Araghtschi erklärte, Gespräche stünden weiterhin nicht zur Debatte. Die Revolutionsgarden stellten europäischen und arabischen Staaten zwar eine freie Durchfahrt durch die Straße von Hormus in Aussicht – allerdings nur unter der Bedingung, dass die betreffenden Länder zuvor die Botschafter der USA und Israels ausweisen.

Internationale Gemeinschaft zwischen Appellen und Ohnmacht

Die EU-Außenbeauftragte forderte „maximale Zurückhaltung“ und warnte vor einem Flächenbrand. Nato-Staaten wie Deutschland drängten auf eine Rückkehr zur Diplomatie. Im UN-Sicherheitsrat blieb ein Konsens aus – China und Russland blockieren schärfere Maßnahmen. Einige arabische Staaten wie Saudi-Arabien begrüßten den US-Druck auf den Iran implizit, während die Türkei und Katar zum Stillhalten aufriefen.

Rachel Tausendfreund, Senior Research Fellow der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), sieht in einer möglichen Besetzung Khargs eine Gefahr für das ohnehin gespaltene MAGA-Lager in den USA. Eine dauerhafte Truppenpräsenz sei innenpolitisch unpopulär. „Ich glaube nicht, dass er einem solchen Kurs wirklich verpflichtet ist“, sagte sie der Berliner Zeitung. Zwar zeige sich Trump empfänglich für Falken-Positionen – doch ein Bodeneinsatz mit ungewissem Ausgang widerspreche seiner bisherigen Rhetorik, keine langen Kriege führen zu wollen.

Ob Trumps Strategie der Lieferketten-Kontrolle Peking am Ende an den Verhandlungstisch zwingt – und zu Zugeständnissen bei der entscheidenden Frage der Seltenen Erden – oder den Konflikt weiter anheizt, dürfte sich in den kommenden Wochen entscheiden. Der Iran hat bislang keine Bereitschaft zu Gesprächen signalisiert. China schweigt öffentlich, beobachtet die Entwicklung am Golf hinter den Kulissen aber mit wachsender Nervosität. Europa bleibt derweil Zuschauer – abhängig von Energielieferungen, die durch eine Meerenge fließen, deren Kontrolle in den Händen anderer liegt.