Wer heute an Krieg denkt, dem kommen vermutlich moderne Waffentechnologien oder im Schützengraben liegende Soldaten in den Sinn. Die Nato richtet jedoch ihren Blick zunehmend auf ein anderes Schlachtfeld. Eines, das nicht auf Landkarten verzeichnet ist: den menschlichen Geist.
Ein Forschungsbericht der Nato vom vergangenen Dezember beschreibt die sogenannte Cognitive Warfare (auf Deutsch: „mentale Kriegsführung“). Dabei handelt es sich um den strategischen Wettbewerb um kognitive Überlegenheit. Gemeint ist die Fähigkeit, Wahrnehmung, Orientierung und Entscheidungsprozesse von Individuen und Gesellschaften gezielt zu beeinflussen und damit politische und gesellschaftliche Entwicklungen indirekt zu steuern.
Als praktisches Beispiel für solche Strategien der Einflussnahme verweist der Bericht ausdrücklich auf Russland. Dabei werden „widersprüchliche Narrative“ oder sogenannte Desinformationskampagnen schon vor der Ukraine-Invasion 2022 genannt. Russland und weitere nicht konkret genannte Akteure dieser Form der Einflussnahme werden von der Nato als „strategische Gegner“ bezeichnet.
Der Bericht betont ausdrücklich, dass es sich nicht um ein „politisches Positionspapier“, sondern um eine wissenschaftliche Analyse handelt, die als Entscheidungsgrundlage dienen soll.
Das Denken beeinflussen: Keine neue Idee
Die Idee, die Wahrnehmung und das Denken von Menschen gezielt zu beeinflussen, ist keineswegs neu, sondern ein Machtinstrument, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit zieht. Bereits der chinesische Stratege und Philosoph Sun Tzu beschrieb im 5. Jahrhundert v. Chr., dass der höchste Sieg darin bestehe, den Gegner geistig zu verwirren, heißt es im Bericht.
Moderne Technologien wie Künstliche Intelligenz und soziale Medien machen es heute einfacher denn je, große Gruppen von Menschen zu erreichen. Doch dieselben Mechanismen, die Möglichkeiten schaffen, erleichtern auch die Verbreitung von gezielt gestreuten oder falschen Informationen und erhöhen zugleich unsere Anfälligkeit für Manipulation und Propaganda.
Wir alle kennen es: die permanente Reizüberflutung durch Nachrichten und soziale Medien. Widersprüchliche Narrative, emotionale Trigger, zunehmende Polarisierung. Ständig die Frage: Wo stehe ich eigentlich noch, wenn die einen A sagen und die anderen B? Am Ende bleibt oft ein resigniertes Gefühl zurück – ein tiefer Vertrauensverlust.
Und manchmal sogar etwas, das noch gefährlicher ist: Gleichgültigkeit.
Der Bericht stützt sich auf Erkenntnisse aus Psychologie und Neurowissenschaft. Im Zentrum steht die sogenannte OODA-Schleife. Diese beschreibt, wie Menschen Informationen wahrnehmen (Observe), einordnen (Orient), Entscheidungen treffen (Decide) und schließlich handeln (Act). Jede individuelle und gesellschaftliche Entscheidung durchläuft demnach diese vier Schritte.
Doch die OODA-Schleife erklärt lediglich, wie einzelne Entscheidungen entstehen. Das im Bericht visualisierte „Hausmodell“ erweitert diese Perspektive um eine strategische Ebene: An seiner Spitze – gewissermaßen als Dach – steht das Untersuchungsziel, Entscheidungsprozesse gezielt zu beeinflussen oder zu stören. Also die Entscheidungsarchitektur ganzer Gesellschaften ins Visier zu nehmen.
Konkret bedeutet das, dass vor allem dort angesetzt wird, wo Entscheidungen ihren Anfang nehmen: bei der Wahrnehmung einer Situation und ihrer Einordnung. Das Modell beschreibt, welche Effekte dabei ausgelöst werden können – etwa Verunsicherung, Misstrauen oder Polarisierung –, welche Methoden dafür eingesetzt werden und wie Technologien wie soziale Medien oder Künstliche Intelligenz diese Wirkung verstärken. Auf diese Weise wird Einflussnahme als systematischer Prozess verstanden, der darauf zielt, Orientierung zu verschieben, bevor überhaupt eine bewusste Entscheidung getroffen wird. Ein Ansatz, der über klassische Propaganda deutlich hinausgeht.

Doch betrifft diese Form der „mentalen Kriegsführung“ tatsächlich nur externe Einflussnehmer? Ist der Bericht nicht selbst ein Beleg dafür, dass genau diese Mechanismen auch vom Westen systematisch erforscht werden und damit auch im Inneren Anwendung finden könnten?
Der Bericht betont, dass kognitive Angriffe nicht nur das Militär betreffen, sondern die ganze Gesellschaft. Die Kultur, Schulen, den Sport. Demnach könne man sich gegen solche Einflussversuche nur schützen, wenn staatliche Stellen und gesellschaftliche Akteure eng zusammenarbeiten. Immer wieder hört man, dass eine „gesamtgesellschaftliche Resilienz“ vonnöten sei. Im sicherheitspolitischen Jargon ist Resilienz – spätestens seit Corona und der Ukraine – zum Trendwort mutiert.
„Eine Maschinerie, die den Kalten Krieg in den Köpfen fortsetzt“
Genau hier setzt die Kritik der BSW-Außenpolitikerin Sevim Dagdelen an, die sich seit Jahrzehnten mit Nato-Strategien und sicherheitspolitischen Fragen auseinandersetzt.
„Der Bericht selbst behauptet von sich, einen defensiven Ansatz zu haben und auf Bedrohungen hinzuweisen, die von anderen ausgehen – hier ganz besonders aus Russland – und fordert Investitionen in defensive, aber eben auch offensive Fähigkeiten, beispielsweise im Kontext des Ukraine-Kriegs oder auch von Covid-19.“
Aus Dagdelens Sicht handelt es sich aber nicht um ein defensives Papier, sondern um einen „alarmierenden Beleg“ für eine expansive „Kriegsagenda der Nato“, da „unter dem Deckmantel der Verteidigung der menschliche Geist zum Schlachtfeld erklärt wird, wo Wahrnehmungen, Verhalten und Entscheidungen mit KI, Deepfakes und Biotechnologien manipuliert werden sollen“. Es sei nichts anderes als eine moderne Form der psychologischen Kriegsführung, die nicht nur Soldaten, sondern ganze Gesellschaften ins Visier nehme.
Besonders kritisch sieht Dagdelen die im Bericht geforderte „ganzheitliche Gesellschaftsantwort“, bei der staatliche Institutionen, Militär, Wissenschaft und Zivilgesellschaft eng koordiniert auf kognitive Bedrohungen reagieren sollen. Denn wenn der Schutz vor äußerer Einflussnahme zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe erklärt werde, könne daraus auch eine stärkere Steuerung des öffentlichen Raums durch mehr Überwachung, mehr Propaganda, mehr Einmischung in den Alltag entstehen.
Die Frage, die sie daraus ableitet, ist grundsätzlicher Natur: „Wo bleibt die Demokratie, wenn der Staat lernt, Gedanken zu sichern?“ Für Dagdelen entsteht so eine sicherheitspolitische Struktur, „um Kritik zu unterdrücken, Kriegsbereitschaft zu erzeugen und die den Kalten Krieg in den Köpfen fortsetzt“.




