Israel und der Libanon wollen nach Angaben der USA in der kommenden Woche in Washington Gespräche zur Beilegung der Kämpfe führen. Im Libanon trifft diese Ankündigung jedoch auf wenig Zuversicht – zu tief sitzen der Schock und die Erinnerungen an die Ereignisse der vergangenen Tage.
So hatte in der Nacht vom 7. auf den 8. April der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif einen zweiwöchigen Waffenstillstand zwischen dem Iran und den USA erklärt – „überall, einschließlich Libanon und anderswo, mit sofortiger Wirkung“. Im Libanon wachten die Menschen am nächsten Morgen entsprechend mit einem Hoffnungsschimmer auf: Die Möglichkeit einer Pause des Krieges schien plötzlich real. Wenige Stunden später sollte diese Hoffnung wieder dahin sein: Der Leiter der Abteilung für arabische Medien der israelischen Armee, Avichay Adraee, veröffentliche eine Bombenwarnung für die südlichen Vororte Beiruts.
Angriff hat den Libanon in einen Schockzustand versetzt
Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu hatte kurz zuvor verkündet, dass Israel seinen Krieg gegen die Hisbollah trotz Waffenstillstands fortführen werde. Am frühen Nachmittag, um 14.30 Uhr Beiruter Ortszeit, waren plötzlich von allen Seiten laute Einschläge zu hören, und innerhalb weniger Minuten folgten die Schreckensmeldungen: Nicht nur die südlichen Vororte, sondern auch verschiedene Orte im Herzen Beiruts sowie im gesamten Süden des Landes wurden gleichzeitig bombardiert.
Stolz verkündete Adraee kurz darauf auf X, dass die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) innerhalb von zehn Minuten „etwa 100 Hisbollah-Hauptquartiere und militärische Infrastruktur“ getroffen hätten. Erschreckender als die Zahl der Bomben waren die im Laufe des Tages steigenden Opferzahlen: 254 Menschen wurden getötet, mehr als 1000 verletzt, die meisten von ihnen Zivilisten. Die betroffenen Viertel in Beirut und in der südlibanesischen Stadt Saida sind dicht besiedelt, an einem Werktag um 14 Uhr herrscht dort normales Straßen- und Fußgängeraufkommen. Vorwarnungen hatte es für diese Gebiete nicht gegeben, niemand hatte mit dem Angriff gerechnet, der das Land in einen kollektiven Schockzustand versetzte.
Der erneute Krieg im Libanon hatte einen Monat vorher begonnen, in der Nacht vom 1. auf den 2. März, als mehrere Detonationen die sonst verhältnismäßig ruhige Nacht in Beirut erschütterten: Die israelische Luftwaffe hatte nach monatelangem Waffenstillstand die südlichen Vororte der Haupstadt bombardiert, der Beginn einer neuen Eskalation des Konflikts zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah. Was die wenigsten in dieser Nacht kannten, war die Vorgeschichte: Als Reaktion auf die Ermordung des iranischen Revolutionsführers Ali Chamenei durch Israel am 28. Februar hatte die Hisbollah wenige Stunden vor dem Angriff auf Beirut sechs Raketen aus dem Süden des Libanons nach Israel abgefeuert.
Ein Abkommen auf wackeligen Beinen
Es war das erste militärische Lebenszeichen der libanesischen Miliz seit dem Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und dem Libanon vom 27. November 2024. Die Hisbollah hatte das Abkommen insofern eingehalten, als sie den israelischen Norden seither weder bombardiert noch angegriffen hatte, obwohl die israelische Luftwaffe den Süden des Landes nahezu täglich weiter bombardierte. Weitaus unklarer blieb hingegen, ob die Hisbollah ihre Kämpfer tatsächlich aus dem Süden des Landes abgezogen hatte und ob es irgendwelche Fortschritte bei der im Abkommen ebenfalls vorgesehenen Entwaffnung der Miliz gab. Israel seinerseits hatte trotz der mehr oder weniger verzweifelten Versuche libanesischer Politiker, diese anhaltende Verletzung des Abkommens anzuprangern, weiterhin täglich bombardiert.

Angesichts dieses seit Monaten auf wackeligen Beinen stehenden Abkommens war eine erneute Eskalation daher in gewisser Weise vorherzusehen. Gleichzeitig überwog die Einschätzung, dass die Hisbollah durch den letzten Krieg vor allem militärisch so geschwächt worden war, dass sie keinen neuen Konflikt mit Israel anstrebte. Diese Einschätzung schien sich zu bestätigen, als die Hisbollah im israelisch-iranischen Krieg im Juni 2025 nicht aufseiten des Irans in den Kampf eingegriffen, sondern sich zurückgehalten hatte. „Die Hisbollah gibt es quasi nicht mehr, jedenfalls nicht als Miliz“, hatte noch vor wenigen Wochen ein europäischer Diplomat im Gespräch mit dieser Zeitung beschwichtigend erklärt. „Was wir im Moment innerhalb des Libanons sehen, ist nur noch ein letztes Kräftemessen vor dem endgültigen Verschwinden.“
Das schnelle und verhältnismäßig starke Comeback der Hisbollah am 1. März hatte die Mehrheit innerhalb wie außerhalb des Libanons überrascht. Seit jener Nacht bombardiert die Miliz nicht nur den Norden Israels täglich mit ihrem vielfältigen Waffenarsenal, sondern liefert sich auch mit der israelischen Armee im Süden des Landes erbitterte Gefechte um die Kontrolle des Gebiets südlich des Litani, das sich etwa 30 Kilometer nördlich der Grenze erstreckt.
Ein Albtraum kehrt zurück
Für die Bewohner des Libanons ist der erneute Krieg wie eine albtraumhafte Wiederholung des Krieges vor weniger als eineinhalb Jahren. Wieder werden viele Regionen des Landes, einschließlich der Hauptstadt Beirut, regelmäßig bombardiert, mal nach vorheriger Warnung durch die israelische Armee in den sozialen Medien, mal ohne. Für die Menschen in Beirut, die in den so erklärten „sicheren“ Gebieten leben, bedeutet das vor allem: eingeschränkte Bewegungsfreiheit, explodierende Bomben und schwirrende Raketen als akustische Kulisse des Alltags, sowie Gespräche und Gedanken, die unablässig um den Krieg kreisen, um die Fragen, wann, wie und wo bombardiert wird, und vor allem, wann dieser erneute Albtraum endlich ein Ende findet.
Für etwa ein Sechstel der libanesischen Bevölkerung bedeutet der Krieg jedoch noch mehr: Sie können ihr Zuhause nicht bewohnen, weil es bereits zerstört ist oder in einer von Angriffen bedrohten Gegend liegt. Rund eine Million Menschen aus dem Süden des Landes, der Bekaa-Ebene und den südlichen Vororten Beiruts wurden in die Flucht getrieben. Ein Großteil von ihnen ist nicht in der Lage, vorübergehend eine Unterkunft zu mieten oder bei Freunden und Verwandten unterzukommen, und hat stattdessen in einer der vielen zu Notunterkünften umfunktionierten Schulen oder auf der Straße Zuflucht gefunden.
Vor allem entlang der Küste Beiruts, aber auch in der Nähe des größten Stadtparks Horsh Beirut sind über Nacht Zeltstädte entstanden. In diesen leben seit inzwischen einem Monat Hunderte von Menschen auf engstem Raum, ohne Zugang zu Duschen, fließendem Wasser oder Kochgelegenheiten. Sie müssen in noch kalten Nächten und bei fast täglichem Regen ausharren. Die meisten von ihnen haben zudem vorübergehend ihre Arbeit verloren. Es fehlt jeden Tag aufs Neue an allem: an Essen, Kleidung, Decken, Medikamenten, Windeln und Hygieneartikeln, aber auch an Schulen, Beschäftigung und Spielzeug für die vielen Kinder und Jugendlichen. Und es fehlt an dem, was sich kaum in Worte fassen lässt: ein Gefühl von Sicherheit, irgendeine Perspektive, irgendein Funken Hoffnung, dass dieser Zustand vielleicht bald ein Ende haben wird.
Solidarität am Limit
Wie beim letzten Mal haben viele Menschen, sei es über NGOs oder durch private Hilfsinitiativen, unmittelbar nach Ausbruch des Krieges damit begonnen, die Geflüchteten auf den Straßen und in den Schulen zu unterstützen und durch Sammelaktionen innerhalb und außerhalb des Libanons das Fehlende täglich zu verteilen. Viele Netzwerke, die im letzten Krieg entstanden waren, wurden schnell wieder aktiviert, um auch diesmal vor Ort zu sein und das Leid der Menschen zu lindern. Obwohl diese Aktionen bislang dort einspringen konnten, wo es am dringendsten fehlt und wo der bankrotte libanesische Staat nicht die Mittel hat, umfassender und systematischer zu helfen, ist auch unter den vielen Freiwilligen eine wachsende Erschöpfung und Perspektivlosigkeit zu spüren.

„Ich habe bereits während des letzten Krieges Geflüchtete zusammen mit einer Gruppe Freiwilliger unterstützt. Auch nach dem Krieg haben wir eine Weile Menschen im Süden mit dem Nötigsten versorgt“, beschreibt ein junger Freiwilliger seine derzeitige Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit im Gespräch. „Und jetzt wieder, es sind mehr Menschen als beim letzten Mal“, erzählt er. „Aber ich mache das nur noch aus Pflichtgefühl, um überhaupt irgendetwas zu tun. Ich habe keine Kraft mehr und keine Hoffnung. Dieser Krieg könnte ewig weitergehen, und selbst wenn er endet, wird sich die Lage kaum verbessern. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte, und auch nicht, wie lange wir unsere Hilfe überhaupt noch aufrechterhalten können.“ Die Bedürfnisse seien enorm, das könne niemand auf Dauer stemmen, sagt der Mann.
Stellvertreterkrieg ohne Ausweg
Die Vorstellung eines lang andauernden und zermürbenden Krieges ist ein Albtraum, der viele Menschen im Libanon umtreibt, auch und vor allem deshalb, weil es sich diesmal um einen regionalen Krieg handelt, dessen Verlauf und damit auch dessen Ende noch stärker als beim letzten Mal von außen bestimmt wird. Libanesische Politik ist in diesem Geflecht einmal mehr Stellvertreterpolitik, in der verschiedene Parteien und Politiker ausschließlich die Interessen ihrer jeweiligen Schutzmacht vertreten, ohne Rücksicht auf nationale Interessen oder Verluste.
Viele Menschen befürchten zudem, dass der Krieg im Libanon weitergehen wird, selbst wenn sich der Iran, die USA und Israel auf eine Beilegung ihres Konflikts einigen sollten. Auf der einen Seite verfolgt Israel im Libanon eigene Interessen, die rhetorisch von der Errichtung einer Schutzzone im Süden des Landes bis hin zur Besatzung des Südens und der vollständigen Entwaffnung und Zerstörung der Hisbollah reichen. Auf der anderen Seite ist der derzeitige Krieg für die Hisbollah einmal mehr ein Überlebenskampf: Die fortdauernde Stärke der iranischen Regierung ist für die Partei und die Miliz als wichtigem Teil der „Achse des Widerstandes“ ebenso zentral wie ihre eigene Positionierung auf der innenpolitischen Bühne des Libanons.
Der Krieg ist für die Hisbollah demnach nicht nur eine Reaktion auf die Bedrohung beider Grundlagen, er ist ein bewusster Schritt und ein kalkuliertes Risiko, um gestärkt aus dem Konflikt hervorzugehen und sich national wie regional zu behaupten. Für beide Seiten könnte der Krieg also auch dann weitergehen, wenn regional eine Einigung auf einen neuen Status quo erzielt wird.
Kein Raum für Zwischentöne
Für den Libanon bedeutet das letztlich nicht nur die Fortsetzung einer humanitären Krise, die bald den Charakter einer Katastrophe annehmen könnte. Es bedeutet auch eine zunehmende Vertiefung des politischen und gesellschaftlichen Grabens, der die Polarisierung des Landes widerspiegelt und kaum Raum für Zwischentöne lässt. Auf der einen Seite verlieren die Hisbollah und ihre Kriegsaktionen zunehmend an Unterstützung und Verständnis, und Stimmen werden laut, die die Zerstörung der Miliz, einen Frieden mit Israel und sogar eine mögliche Besatzung des Südens durch Israel befürworten – ein Standpunkt, den teilweise auch die libanesische Regierung unter Premierminister Nawaf Salam und Präsident Joseph Aoun vertritt. Auf der anderen Seite hat die Partei nach wie vor ihre überzeugten Anhänger, für die die Bedrohung durch Israel den größten und realsten Albtraum darstellt und die die Hisbollah als die einzig mögliche Widerstandskraft im Land sehen, die dieser Bedrohung entgegentreten kann.
Zwischen diesen beiden Polen steht eine Gruppe, die derzeit kaum eine Stimme hat, weder innerhalb noch außerhalb des Libanons: Menschen, die sowohl die Bedrohung und Aggression Israels anerkennen und verurteilen als auch dem Widerstandsmythos der Hisbollah, der im Namen des Irans und ohne Rücksicht auf Verluste aufrechterhalten wird, keinen Glauben mehr schenken. Menschen, die sich letztlich einen Libanon wünschen, dessen politische Klasse die Souveränität des Landes verteidigt, seine nationalen Interessen vertritt und das Wohl und die Sicherheit seiner Bürger als oberste Priorität betrachtet, ohne die Interessen anderer Staaten über die des eigenen zu stellen.




