Trügerische Stärke

Nach Tod von El Mencho: Eskaliert der Drogenkrieg? Die gefährlichen Parallelen zu Plan Colombia

Der Boss des Drogenclans CJNG wurde getötet. Mexiko brennt, die USA feiern. Warum Europa das nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte.

Nach der Tötung von Drogenboss „El Mencho“ brannten bei Acatlán Lastwagen, Zivilisten starben.
Nach der Tötung von Drogenboss „El Mencho“ brannten bei Acatlán Lastwagen, Zivilisten starben.ULISES RUIZ

Am Sonntag haben mexikanische Spezialkräfte in dem Bergstädtchen Tapalpa im Bundesstaat Jalisco den meistgesuchten Drogenboss des Landes getötet: Nemesio Oseguera Cervantes, bekannt als „El Mencho“, den Anführer des Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG). Es war eine Operation, die in Washington als Triumph gefeiert wurde – und die in Mexiko innerhalb von Stunden ein Inferno auslöste.

Mindestens 62 Menschen starben: 34 mutmaßliche Kartellmitglieder, 25 Angehörige der mexikanischen Nationalgarde, ein Staatsanwalt, ein Wachmann und eine schwangere Zivilistin, die in ein Feuergefecht geriet. In 20 Bundesstaaten errichteten Kartellkämpfer 252 Straßensperren.

Rauchsäulen über Urlaubsparadies

Über Puerto Vallarta, dem Urlaubsparadies an der Pazifikküste, stiegen schwarze Rauchsäulen auf. Internationale Fluglinien strichen ihre Verbindungen. Das US-Außenministerium rief US-Staatsbürger in fünf mexikanischen Bundesstaaten auf, sich nicht mehr im Freien zu bewegen. Guadalajara, die zweitgrößte Stadt des Landes und einer der Austragungsorte der Fußball-WM der Männer in diesem Jahr, versank im Rauch brennender Barrikaden.

Und doch sprach Karoline Leavitt, die Sprecherin des Weißen Hauses, von einem Sieg der Gerechtigkeit. Präsident Trump habe klargestellt, dass „Narkoterroristen die volle Wucht der Justiz zu spüren bekommen“ würden. Die Vereinigten Staaten hätten „Intelligence Support“ geleistet.

Mexikos Verteidigungsminister General Trevilla Trejo bestätigte, dass die Operation „im Rahmen bilateraler Kooperation“ mit US-Geheimdiensten geplant worden sei. Laut Time lieferten US-Behörden ein sogenanntes target package – ein Zielpaket mit Aufklärungsdaten, Bewegungsprofilen, Abhörprotokollen. Die Washington Post berichtete von einer gemeinsamen Taskforce.

Formal waren keine amerikanischen Soldaten vor Ort. Faktisch war die Operation ohne Washington nicht denkbar.

Der Trugschluss einer militärischen Lösung

Wer die Geschichte des US-amerikanischen Drogenkriegs in Lateinamerika kennt, erkennt in den Ereignissen von Tapalpa ein Muster, das sich seit einem Vierteljahrhundert wiederholt – mit stets gleichem Versprechen und stets gleichem Ergebnis. Es ist das Muster des „Plan Colombia“.

Im Jahr 2000 starteten die USA und Kolumbien das bis dahin ambitionierteste Programm zur Drogenbekämpfung in der sogenannten westlichen Hemisphäre. Das offizielle Ziel: die Kokainproduktion in sechs Jahren um 50 Prozent senken, die Farc-Guerilla schwächen, den kolumbianischen Staat stabilisieren.

Milliarden US-Dollar flossen in Hubschrauber, Spezialeinheiten, Geheimdiensttechnik und großflächige Sprühkampagnen mit Herbiziden über Kokafeldern. Die Strategie beruhte auf einer bestechend einfachen Logik: Man zerstört die Plantagen, tötet oder verhaftet die Bosse, und das Problem verschwindet.

Die Logik war falsch.

Sicherheitskräfte bewachen die Staatsanwaltschaft nach dem Tod von „El Mencho“.
Sicherheitskräfte bewachen die Staatsanwaltschaft nach dem Tod von „El Mencho“.Félix Márquez

„Plan Colombia“: Eine Lektion, die niemand lernen will

Die Zahlen sprechen eine unmissverständliche Sprache. Zwischen 2001 und 2004 ging die kolumbianische Kokaanbaufläche zunächst tatsächlich von rund 170.000 auf 114.000 Hektar zurück. Das wurde in Washington als Beweis für den Erfolg des eigenen und militärischen Ansatzes gefeiert. Doch der Rückgang war eine Fata Morgana. Die Produktion verlagerte sich – innerhalb Kolumbiens in entlegenere Gebiete, nach Peru, nach Bolivien. Ökonomen nennen das den „Ballon-Effekt“: Drückt man an einer Stelle, bläht sich eine andere auf.

Und dann kehrte der Anbau zurück. 2022 meldete das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) einen neuen Rekord: 230.000 Hektar Kokaanbau in Kolumbien, ein Produktionspotenzial von 1738 Tonnen Kokain – die höchsten jemals gemessenen Werte. 2023 stieg die Produktion weiter. Kolumbien stellt inzwischen rund 67 Prozent der weltweiten Kokaanbauflächen. Ein Vierteljahrhundert nach dem „Plan Colombia“ produzierte das Land mehr Kokain als je zuvor.

Die Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution fasste es nüchtern zusammen: Die Strategie habe die Produktionsbedingungen verändert, aber nicht die ökonomische Logik des Geschäfts. Solange die Nachfrage in den Konsumentenländern bestehe und die Gewinnmargen astronomisch seien, werde jeder zerstörte Hektar, jeder getötete Boss, jede zerschlagene Route durch eine neue ersetzt.

Der Preis, den niemand zählt

Was der Plan Colombia hingegen sehr wohl veränderte, waren die Lage der Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit und das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft in Kolumbien – und zwar zum Schlechteren.

Zwischen 2002 und 2008 ermordeten kolumbianische Soldaten mindestens 6402 Zivilisten und präsentierten sie als im Gefecht getötete Guerilleros. Die sogenannten falsos positivos – falschen Gefallenen – waren kein isoliertes Phänomen einzelner Einheiten, sondern ein systemisches Ergebnis einer Anreizstruktur, die auf „body counts“ ausgerichtet war. Vorgesetzte setzten Quoten. Es gab Wettbewerbe zwischen Brigaden. Wer nicht genug hingerichtete „Feinde“ vorweisen konnte, wurde sanktioniert. Human Rights Watch dokumentierte, dass hochrangige Offiziere direkte Verantwortung trugen. Das in Berlin ansässige Europäische Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte (ECCHR) stufte die Praxis als potenzielles Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein.

Eine Studie zeigte, dass Brigaden mit mittlerem US-Unterstützungsniveau signifikant höhere Raten extralegaler Tötungen aufwiesen. Die US-Militärhilfe korrelierte direkt mit der Zunahme von Menschenrechtsverbrechen. Formal existierte das Leahy Law, das Hilfen an Einheiten mit Menschenrechtsverstößen verbot. Faktisch wurde es systematisch umgangen.

Die Herbizid-Sprühflüge zerstörten nicht nur Kokafelder, sondern auch legale Ernten – Mais, Bananen, Maniok –, die Lebensgrundlage verarmter Bauern. Hunderttausende wurden vertrieben. Die Marginalisierung der ländlichen Peripherie schuf genau jene Rekrutierungsbasis, die Guerillas und Kartelle brauchten. Der Staat gewann militärische Schlagkraft und verlor moralische Autorität. Er stärkte seine Fähigkeit zur Gewaltanwendung und schwächte seine Fähigkeit zur Legitimation.

Aktion gegen die Farc-Guerilla in Arauca am 24. Februar 2022
Aktion gegen die Farc-Guerilla in Arauca am 24. Februar 2022REDACCIÓN JUSTICIA/imago

Mexiko 2026: Die Wiederholung als Tragödie

Und nun Mexiko. Die Parallelen sind frappierend – und die Unterschiede machen die Lage eher gefährlicher als besser.

Seit seinem Amtsantritt im Januar 2025 hat Donald Trump den Druck auf Lateinamerika in einer Weise eskaliert, die historisch beispiellos ist. Er ließ das CJNG und das Sinaloa-Kartell als „Foreign Terrorist Organizations“ einstufen – eine Klassifizierung, die weit über Drogenbekämpfung hinausgeht und militärische Maßnahmen rechtlich erleichtert. Bereits 2019, in seiner ersten Amtszeit, hatte er laut seinem damaligen Verteidigungsminister Mark Esper vorgeschlagen, Raketen auf mexikanische Kartellziele abzufeuern, und auf Einwände geantwortet: „Niemand wird wissen, dass wir es waren.“

Im November 2025 drohte Trump öffentlich mit solchen Luftschlägen in Mexiko. Im Januar 2026 erklärte er in einem Fox-News-Interview, die USA würden nun mit „Angriffen auf Landziele“ beginnen – also nicht mehr nur Schmuggelrouten auf See.

Drohungen gegen ganz Lateinamerika

Im Dezember 2025 sagte der Präsident bei einer Kabinettssitzung, „land strikes“ gegen mutmaßliche Drogennetzwerke würden „sehr bald“ beginnen. Er nannte in dem Zusammenhang ausdrücklich Venezuela und Kolumbien und erklärte, jedes Land, das Drogen für den US-Markt produziere, sei „ein Angriffsziel“.

Die Tötung von El Mencho fügt sich in dieses Bild ein. Formal war es eine mexikanische Operation. Aber der politische Kontext ist eindeutig: Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum stand unter enormem Druck, Trump Ergebnisse zu liefern. Die Operation war, wie die Nachrichtenagentur Associated Press schrieb, „der bislang größte Erfolg, um der Trump-Regierung die eigenen Anstrengungen vor Augen zu führen“. Es war also ein Tribut an eine Supermacht, die mit Invasion droht.

Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum
Mexikos Präsidentin Claudia SheinbaumCarlos Santiago

Warum die „Kingpin-Strategie“ scheitert

Sheinbaum selbst hatte die sogenannte Kingpin-Strategie – die gezielte Ausschaltung von Kartellführern – in der Vergangenheit kritisiert. Zu Recht. Die Geschichte Mexikos ist voll von Beispielen, in denen die Tötung oder Verhaftung eines Bosses nicht das Ende eines Kartells bedeutete, sondern den Beginn eines Zerfallsprozesses, der die Gewalt vervielfachte.

Als Joaquín „El Chapo“ Guzmán 2016 endgültig verhaftet und an die USA ausgeliefert wurde, zerfiel das Sinaloa-Kartell nicht – es spaltete sich in rivalisierende Fraktionen, die sich seitdem in blutigen Kriegen um Territorien und Routen bekämpfen. Als Osiel Cárdenas Guillén, der Chef des Golf-Kartells, 2003 festgenommen wurde, machte sich seine Sicherheitstruppe – die Zetas – selbstständig und wurde zum brutalsten Kartell der mexikanischen Geschichte.

El Menchos CJNG ist eine Organisation mit Präsenz in allen 50 US-Bundesstaaten, mit Milliardenumsätzen aus Fentanyl, Methamphetamin und Kokain, mit Drohnen, Raketenwerfern und gepanzerten Fahrzeugen. Es ist ein Unternehmen, das nicht von einer Person abhängt. Die Frage ist nicht, ob das Kartell überlebt, sondern wie viele Fraktionen um die Nachfolge kämpfen werden – und wie viele Menschen dabei sterben.

Die Fentanyl-Krise und die Grenzen militärischer Logik

Die Tötung von El Mencho wird als Schlag gegen die Fentanyl-Krise in den USA dargestellt. Mehr als 100.000 Amerikaner sterben jährlich an Überdosen, ein erheblicher Teil davon an synthetischem Fentanyl, das in mexikanischen Labors aus chinesischen Vorläuferchemikalien hergestellt wird. Die menschliche Tragödie ist real. Aber darauf gibt es keine militärische Antwort.

Fentanyl ist ein synthetisches Opioid. Im Gegensatz zu Kokain oder Heroin ist es nicht an landwirtschaftliche Anbauflächen gebunden. Es kann überall hergestellt werden, wo ein Labor und chemische Grundstoffe verfügbar sind. Die Gewinnmargen sind so hoch, dass selbst massive Beschlagnahmungen den Markt kaum beeinflussen.

Unglaubliche Gewinnmargen

Ein Kilogramm Fentanyl, das für wenige tausend Dollar produziert werden kann, hat auf der Straße einen Wert von Hunderttausenden. Solange die Nachfrage besteht – und sie besteht, weil die USA eine Opioid-Epidemie haben, die in den Verschreibungspraktiken der Pharmaindustrie wurzelt –, wird das Angebot folgen.

Die Vorstellung, man könne eine synthetische Droge durch die Tötung eines Kartellchefs aus der Welt schaffen, ist ungefähr so realistisch wie die Vorstellung, man könne das Internet abschalten, indem man einen Server zerstört.

Und Europa? Europa schaut auf die Ereignisse in Mexiko mit der trügerischen Distanz eines Kontinents, der glaubt, das alles gehe ihn nichts an. Das ist ein Irrtum.

Der europäische Kokainmarkt ist in den letzten Jahren massiv gewachsen. Die Häfen von Antwerpen, Rotterdam und Hamburg sind zu den wichtigsten Einfallstoren für südamerikanisches Kokain geworden. Die beschlagnahmten Mengen brechen Jahr für Jahr Rekorde – kein Zeichen für eine erfolgreiche Bekämpfung des Drogengeschäfts, sondern für explodierende Handelsvolumina.

Europol warnt seit Jahren vor der zunehmenden Infiltration europäischer Häfen, Logistikunternehmen und Finanzstrukturen durch lateinamerikanische und europäische Drogennetzwerke.

Eine Beamtin steht im Hafen bei einer Aktion belgischer und niederländischer Zollbehörden.
Eine Beamtin steht im Hafen bei einer Aktion belgischer und niederländischer Zollbehörden.Kristof Van Accom

Die Routen verschwinden nicht, sie ändern sich

Wenn die aggressive US-Politik in Mexiko und Kolumbien kurzfristig Handelsrouten unterbricht, werden diese Routen nicht verschwinden – sie werden sich verlagern. Der Ballon-Effekt, den der „Plan Colombia“ so eindrücklich demonstrierte, funktioniert nicht nur innerhalb Lateinamerikas, sondern global. Bereits jetzt beobachten europäische Ermittler eine Diversifizierung der Schmuggelrouten: über Westafrika, über den Balkan, über Zentralasien. Eine militärische Eskalation in der westlichen Hemisphäre könnte paradoxerweise dazu führen, dass mehr Kokain und mehr synthetische Drogen nach Europa gelangen, nicht weniger.

Hinzu kommt ein zweiter, subtilerer Effekt. Wenn die USA den Drogenkrieg in Lateinamerika weiter militarisieren – mit Terrorlisten, Geheimdienstoperationen, Drohungen mit Luftschlägen –, dann verändert das die geopolitische Architektur der Region.

Die Logik der Sicherheitsabhängigkeit

Staaten wie Mexiko, Kolumbien oder Venezuela werden in eine Logik der Sicherheitsabhängigkeit gedrängt, die ihre außenpolitische Handlungsfähigkeit einschränkt. Für Europa, das in Lateinamerika wirtschaftliche und politische Partner sucht, bedeutet das eine Verengung des Spielraums.

Und es gibt einen dritten Effekt, der selten diskutiert wird: die Normalisierung extralegaler Gewalt. Wenn die mächtigste Demokratie der Welt offen damit droht, Raketen auf souveräne Staaten abzufeuern, um Drogenbosse zu töten; wenn sie Kartelle als Terrororganisationen einstuft, um militärische Maßnahmen zu legitimieren; wenn sie die Tötung eines Menschen ohne Gerichtsverfahren als „Sieg der Gerechtigkeit“ feiert – dann setzt das einen Standard, der auch anderswo Schule machen wird. Europa, das sich gerne als Hüter des Völkerrechts versteht, wird sich fragen müssen, wie laut es protestiert, wenn sein wichtigster Verbündeter dieses Recht systematisch aushöhlt.

Die falsche Frage und die richtige

Die Frage, die in Washington gestellt wird, lautet: Wie können wir den nächsten Kartellboss ausschalten? Die Frage, die gestellt werden müsste, lautet: Warum funktioniert der Drogenmarkt, und was müsste sich ändern, damit er es nicht mehr tut?

Der „Plan Colombia“ hat darauf eine Antwort gegeben, die niemand hören wollte. 25 Jahre, Milliarden Dollar und Tausende Tote später produziert Kolumbien mehr Kokain als je zuvor. Die militärische Lösung hat den Drogenhandel nicht beendet – sie hat ihn anpassungsfähiger gemacht, die Gewalt vervielfacht und die Institutionen untergraben, die ihn hätten eindämmen können.

In Mexiko wiederholt sich dieses Experiment nun unter verschärften Bedingungen: mit einem US-Präsidenten, der offen mit Souveränitätsverletzungen droht; mit einer synthetischen Droge, die sich jeder territorialen Kontrolle entzieht; mit einem Kartell, das auf den Tod seines Anführers mit landesweitem Terror reagiert.

Am Montagmorgen, einen Tag nach der Tötung von El Mencho, trat Mexikos Verteidigungsminister Trevilla Trejo vor die Kameras. Als er von den 25 gefallenen Nationalgardisten sprach, begann er zu weinen – ein seltener Moment für einen mexikanischen General in Uniform. „Sie haben ihre Mission erfüllt“, sagte er. „Was haben wir gezeigt? Die Stärke des mexikanischen Staates.“

Es ist eine Stärke, die sich in Toten misst. Und genau darin liegt das Problem.