Die AfD-Delegation berät sich noch ein letztes Mal während des Landeanflugs auf Shanghai. Chrupalla und sein Parteikollege, der parlamentarische Geschäftsführer und Wirtschaftsexperte Enrico Komning, reisen für fünf Tage durch die Volksrepublik. Müde nach 13 Stunden Flug? Eigentlich schon, ja, aber im Moment habe er „weder Zeit noch Lust, müde zu sein“, sagt Chrupalla und streckt sich. Und sagt dann mit einem fröhlichen Ton: „Wissen Sie, wir passen uns dem Land an, das wir besuchen. In China wird ja auch einfach gemacht und getan statt gejammert und getrödelt.“
Gebremst wird die Arbeitswut von Chrupalla und Komning dann aber schon wenig später am Gepäckband. Der Koffer von Chrupallas Büroleiter ist weg – und mit ihm auch die Anzüge, Hemden und Schuhe, die auf solchen Reisen gebraucht werden.
Hohe Energiepreise und selbstgeschmierte Leberwurstbrote
Für einen Außenstehenden ist es interessant zu sehen, welche Dynamik sich hier plötzlich entwickelt. Es wird trotz Zeitverschiebung versucht, jemanden am Flughafen in Frankfurt zu erreichen (natürlich erfolglos), man bittet sehr freundliche chinesische Angestellte am Gepäckband mit Händen und Füßen um Hilfe, und die fünfköpfige Delegation diskutiert, wer welche Kleidungsstücke dabeihat, die dem Büroleiter wohl passen und die man ihm notfalls leihen könnte. Und schließlich öffnet Enrico Komning seine Koffer und bietet der von der Anreise erschöpften Runde Schnitten an – „selbstgeschmiert, mit Wildleberwurst, man weiß ja nie, wann man eine kleine Stärkung braucht“. Mit vereinten Kräften gelingt es dann zwar tatsächlich, den Standort des vermissten Koffers herauszufinden – unglücklicherweise aber eine Gepäckaufbewahrungsstelle in Frankfurt am Main, rund 10.000 Kilometer weit weg. Gut, hilft nichts – der erste Termin steht an, die Delegation muss sich jetzt sputen. Und sitzt wenig später mit einigen deutschen Firmen- und Wirtschaftsvertretern beim gemeinsamen Essen.
Ihre Namen lesen wollen sie nicht, dafür aber offen und ohne Rücksicht auf etwaige politische Befindlichkeiten sprechen. Man müsse „mit dem chinesischen Tempo mithalten, sonst war’s das für uns“, sagt einer. Sie sprechen sowohl von deutschen Firmen in China als auch von chinesischen Firmen in Deutschland – so sie denn überhaupt noch kommen. Die hohen Energiepreise, der Fachkräftemangel und nicht zuletzt die ebenso aufwendige wie langsame Bürokratie würden, so die Wirtschaftsvertreter, in vielen Fällen dafür sorgen, dass chinesische Firmen sich immer häufiger in Ländern wie Ungarn, Polen oder Spanien und nicht mehr in Deutschland niederlassen würden.
„Wir brauchen den chinesischen Markt“

Zwar seien Unternehmen aus dem Reich der Mitte „Bürokratie per se“ durchaus gewohnt, aber „nicht das Schneckentempo, für das die deutschen Behörden in China bekannt“ seien. Und Tempo sei „für chinesische Unternehmer sehr, sehr wichtig. Was bremst, das stört, wird ignoriert und ist eher früher als später aus dem Rennen.“ Das aber „können wir uns als Deutsche nicht leisten“, sagt einer, der seit zwei Jahrzehnten in China lebt und arbeitet. „Wir brauchen den chinesischen Markt, sonst haben wir ein großes Problem in der deutschen Wirtschaft“, sagt auch Chrupalla. Vor allem für den Mittelstand sei China als Partner immens wichtig. Komning ergänzt: „Die Chinesen brauchen uns umgedreht leider nicht zwingend. Wenn es mit Deutschland nicht klappt, suchen sie sich einen anderen Partner. Das ist nicht schön, aber leider die Realität.“
Um das zu verhindern, müsse an erster Stelle „ein viel engerer Austausch der deutschen Bundesregierung mit China stattfinden“, sagt eine Deutsche, die in Peking lebt und in der Exportbranche tätig ist. Wenn Bundeskanzler Merz es in seiner bisherigen Amtszeit „nicht geschafft hat, nach China zu reisen, wird das hier gesehen und entsprechend gewertet“, sagt die Frau. Und fügt mit einem leichten Seufzen hinzu, dass das „bei Bundeskanzlerin Merkel anders war“. Bei aller Kritik – hier habe man sich „auf sie verlassen können“.
„China redet mit allen Parteien“
Das sagt auch Ma Hui, Vize-Minister der Internationalen Abteilung des Zentralkomitees der KP China (IDCPC), am nächsten Tag im Gespräch mit Chrupalla und Komning in Peking. Angela Merkel sei regelmäßig in China gewesen. Das stimmt: Von 2005 bis 2021 war Merkel zwölfmal gern gesehener Gast in der Volksrepublik. „Ganz unabhängig davon, ob sie Englisch oder Mandarin spricht“, sagt Chrupalla. Merz hingegen war als Kanzler bislang kein einziges Mal in China. Ma habe, berichten Chrupalla und Komning später aus dem Gespräch, in diesem Kontext zwar gesagt, dass er sich darauf freue, „den amtierenden Bundeskanzler auch bald begrüßen zu dürfen“. Ma habe aber auch gesagt: „Die Oppositionsparteien von heute können die Regierungsparteien von morgen sein, daher redet China mit allen Parteien.“

Im Pekinger Gespräch mit Chrupalla und Komning geht es auch um das Thema Wirtschaftsinvestitionen und die Ungleichheit im Verhältnis zwischen deutschen und chinesischen Investitionen. Deutschland investiere „doppelt so viel in die Volksrepublik wie umgekehrt“. Damit die chinesischen Investitionen wieder steigen, müsse Deutschland „zunächst seine Hausaufgaben bei den Themen Bürokratiebeschleunigung und Senkung der Energiekosten machen“, so Chrupalla.
Ein weiteres Thema im Gespräch mit dem KP-Politiker ist das aktuelle Geschehen in Venezuela. Die chinesische Regierung hatte die Entführung Maduros als völkerrechtswidrig kritisiert. Das war auch die Linie Mas in den Gesprächen mit der AfD-Delegation. Die AfD selbst hält das Vorgehen Trumps nach offizieller Lesart derzeit zumindest bisher nicht für völkerrechtswidrig. Allerdings sagt Chrupalla, dass die AfD das Vorgehen Donald Trumps „in jedem Fall kritisch“ sehe. Nach dem Termin wirkt Chrupalla zufrieden mit dem Gespräch, er spricht „von gegenseitigem Respekt und Anerkennung“.
Dass die chinesische Seite den Gesprächsverlauf offenbar ähnlich positiv sieht, zeigt sich einen Tag später, als die Truppe um Chrupalla in die Verbotene Stadt am Platz des Himmlischen Friedens eingeladen wird. Hier gibt es ein strenges Anmelde- und Einlassprocedere mit scharfen Regeln. So sind etwa Feuerzeuge auf dem gesamten Platz strikt verboten – nach Angaben des eigens für die AfD-Delegation organisierten Reiseleiters soll so verhindert werden, dass sich etwaige Aktivisten aus Protest gegen die chinesische Regierung selbst entzünden können. Zudem weist der Mann darauf hin, dass man sich „keinesfalls mit beiden Knien auf dem Boden hinknien“ dürfe – das werde als Solidarisierung mit „Gegnern der chinesischen Regierung“ verstanden und sei daher ebenfalls streng verboten. Dutzende Kameras in allerlei Formen und Ausführungen sowie jede Menge Uniformierte lassen keinen Zweifel daran, dass diese Regeln von den chinesischen Behörden knallhart durchgesetzt werden.

„Investitionen in Ostdeutschland“
Entsprechend gesittet und geduldig stehen unzählige Menschen in langen Schlangen vor den Toren der Verbotenen Stadt, der weltberühmten kaiserlichen Palastanlage aus vergangenen Zeiten. Sie alle warten darauf, hineingehen zu dürfen – pro Tag, so der Reiseleiter, habe man derzeit um die 50.000 Besucher. Dass Tino Chrupalla und seine Begleiter völlig problemlos an sämtlichen Warteschlangen vorbei in die Verbotene Stadt gehen können und dazu weder Ausweis, Papierticket noch QR-Code benötigen, um einen der wichtigsten Orte chinesischer Zeitgeschichte ansehen zu können, ist keine Selbstverständlichkeit. Sondern vielmehr ein deutliches Zeichen dafür, dass die chinesische Seite zufrieden ist mit dem bisherigen Verlauf des AfD-Besuchs in Shanghai und Peking – ebenso wie Tino Chrupalla und Enrico Komning.
Interessanterweise scheinen beide Männer auf andere Besucher der Verbotenen Stadt sehr exotisch zu wirken – immer wieder kommen Menschen auf die Delegation zu und fragen, ob man denn vielleicht ein gemeinsames Foto machen könne? Mindestens fünfmal bleiben Chrupalla und Komning stehen und posieren bereitwillig mit wildfremden Menschen, die sich eigens für den Besuch in der Verbotenen Stadt in herrliche, traditionelle chinesische Gewänder gekleidet haben. Bis zum Mittag dauert die Besichtigung der Verbotenen Stadt, dann geht es wieder zum Flughafen und von hier los in Richtung Hongkong.
Auch am dritten Ziel der Reise wird die Delegation aus Deutschland mit offenen Armen empfangen. Der Minister für Handel und wirtschaftliche Entwicklung Hongkongs, Algernon Yau, lädt Chrupalla und Komning zum Gespräch. Er habe, wird danach berichtet, für den Standort Hongkong geworben, denn hier seien Geld und größere Finanzinvestitionen sicher. Das sei in deutschen Medien teils anders vermittelt worden. Chrupalla warb im Gegenzug für Investitionen etwa in energieintensive Industrien wie Glas und Stahl – speziell in Ostdeutschland. Als Beispiel nannte Chrupalla die Glasstadt Weißwasser. Am Ende des Gesprächs kündigte Algernon Yau laut Chrupalla einen Deutschlandbesuch an, zudem habe man vereinbart, dass die jeweiligen Büros in Kontakt bleiben werden.
Es sei eben „immens wichtig, dass man sich persönlich austauscht, auch interkulturell und nach dem Motto ‚listen and learn‘ statt ‚preach and teach‘“ auftrete, sagt einen Tag später ein millionenschwerer Unternehmer in Hongkong. Besagter Unternehmer hat sehr enge Verbindungen nach Deutschland und verfolgt die hiesige Politik sehr genau. Auch er lobt Angela Merkel mit Blick auf ihre regelmäßigen China-Besuche. In der Ära Merkel habe es aus chinesischer Sicht „eine Telefonnummer in Europa gegeben, und das war die von Angela Merkel“. Den Auftritt von Bundesaußenminister Johann Wadephul bezeichnet der Industrielle hingegen als „hochnotpeinlich“.

Dankeskarte und blutige Füße
Am Freitag äußert sich dann auch die chinesische Botschaft in Berlin zum Aufenthalt der AfD-Delegation im Reich der Mitte. Die dpa hatte in diesem Zusammenhang unter anderem gefragt, wie China zur AfD stehe. Mao Ning, Sprecherin des Außenministeriums, sagte dazu: „China und Deutschland pflegen seit langem einen umfassenden und tiefgreifenden Austausch in Politik, Wirtschaft, Kultur und anderen Bereichen, einschließlich der Zusammenarbeit zwischen Parlamenten und politischen Parteien. China ist bereit, den konstruktiven Austausch und die Kooperation mit verschiedenen Sektoren in Deutschland fortzusetzen und sich für eine nachhaltige und vertiefte Entwicklung der deutsch-chinesischen Freundschaft und der für beide Seiten vorteilhaften Zusammenarbeit einzusetzen.“
Wenig später und 10.000 Kilometer entfernt sitzen die AfD-Politiker im Flugzeug Richtung Deutschland. An Bord herrscht ein wenig Hektik, die Besatzung hängt dem Zeitplan in der Bordbetreuung hinterher. Als Enrico Komning eher scherzhaft fragt, ob er denn bei der Verteilung von Snacks helfen könne, nehmen die Stewardessen sein Angebot ebenso überrascht wie dankend an. Gesagt, getan: Der parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion serviert seinen Mitreisenden in den nächsten Minuten kleine Snacktüten mit Knabbereien. Und wird dafür später eine liebevoll geschriebene Dankeskarte der Crew und eine Ehrennadel der Lufthansa erhalten.

Unterdessen sitzt Chrupallas Büroleiter in seinem Sitz und verpflastert seine malträtierten Füße. Die hat er sich blutig gelaufen in den letzten Tagen – wie das eben so ist, wenn man neue Schuhe anhat, weil die eingelaufenen noch im Koffer in Frankfurt stehen. Trotzdem, sagt der Mann, habe sich „jeder Meter gelohnt“ auf diesem „spannenden und ereignisreichen“ Trip in das Reich der Mitte.
25.000 Kilometer in fünf Tagen
Am frühen Samstagmorgen, nach fünf Tagen und rund 25.000 Kilometern, geht die Reise in den asiatischen Raum dann endgültig zu Ende. Nach Thailand, Kambodscha, Vietnam, Laos, Japan und Indien war Chrupalla in seiner Funktion als Fraktionsvorsitzender der AfD nun also auch in China. Und ist hochzufrieden: „Dass wir von chinesischer Seite dermaßen respektvoll empfangen und behandelt worden sind, freut mich natürlich schon. Das zeigt ja, dass wir hier etwas erreichen können, was letzten Endes der deutschen Bevölkerung zugutekommen wird.“ Auch Enrico Komning freut sich über die vergangenen Tage. Er sagt: „Ich war wirklich positiv überrascht, wie offen, pragmatisch und rational uns die chinesischen Regierungs- und Parteivertreter begegnet sind. Und dass wir uns darin einig sind, dass ein Wiederausbau der Handelspartnerschaft notwendig ist.“
