Seit dem 6. Mai 2025 ist Friedrich Merz Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Kaum im Amt, machte er – wie üblich – eine Reihe von Staatsbesuchen: Paris, Warschau, Kiew, Tirana und Rom, im Juni 2025 Antrittsbesuch bei US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus und im Anschluss G7 in Kanada, im Januar 2026 Indien, Anfang Februar Saudi-Arabien, Katar und die VAE. Doch ein Land fehlt. Monat um Monat. Demonstrativ. China.
Was auffällig ist und zunehmend zur politischen und wirtschaftlichen Schieflage wird: China, Deutschlands wichtigster Handelspartner der letzten Dekade und unbestritten zentrale Macht des 21. Jahrhunderts, wurde – monatelang – vom Bundeskanzler links liegen gelassen. Kein Staatsbesuch, kein offizielles Gespräch in Peking oder Shanghai hat bisher stattgefunden. Doch nun steht endlich die erste Chinareise des Kanzlers an.
Politik durch Unterlassen
China ist nicht irgendein Staat unter vielen, den man später „auch noch“ besucht. China ist der wichtigste wirtschaftliche Machtfaktor des 21. Jahrhunderts, die aufsteigende Supermacht unserer Zeit. Für eine Volkswirtschaft, die stark auf Export, Hightech-Werte und globale Wertschöpfungsketten angewiesen ist, ist das schlicht nicht nachvollziehbar. Wie nennt man es, wenn ein Bundeskanzler alles tut – nur nicht das Notwendige? Man nennt es Politik durch Unterlassen. Und genau diese Politik betreibt Friedrich Merz gegenüber China. Warum ist das so verhängnisvoll?
1. China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner im letzten Jahrzehnt; zudem wichtigster Handelspartner aller wirtschaftlich wichtigen Ländern und Regionen, von den USA, Japan, Europa, Deutschland, ASEAN, von mehr als 120 Nationen.
2. Neue Supermacht: Chinas rasante ökonomische Expansion hat es zur zentralen aufsteigenden Macht der Welt gemacht – politisch, wirtschaftlich und strategisch. Das zu ignorieren ist Realitätsverweigerung in Reinform.
3. Technologie-Führerschaft: Laut dem Australian Strategic Policy Institute (ASPI) führt China in 66 von 74 Spitzen- und Schlüsseltechnologien – etwa KI, 5G/6G, Batteriezellen, Hochleistungsfertigung.
4. China ist unangefochtener Weltmarktführer im Bereich Seltene Erden – dem Nervensystem moderner Industrie, ohne das keine Energiewende, keine Hightech-Industrie existieren kann. Seine Rolle in diesen Lieferketten und diese Rohstoff-Abhängigkeiten machen China für Deutschland unverzichtbar.
5. Globale Herausforderungen: China ist der unverzichtbare Akteur, wenn es um die größten globalen Herausforderungen unserer Zeit geht, insbesondere in der Klima- und Umweltpolitik sind globale Lösungen ohne China schlicht unmöglich.
Jeder einzelne dieser Punkte reicht für sich aus, China zu priorisieren, es zur Chefsache zu machen. Und: Diese Fakten haben nichts mit Ideologie zu tun. Aber was tut der Bundeskanzler? Er tut: nichts.
Warum Merz China ignoriert – und Deutschland riskiert
Dieses Nichts ist keine Neutralität. Es ist ein politisches Statement. Ein Statement, das in Peking sehr wohl verstanden wird – und in deutschen Vorstandsetagen zunehmend für Kopfschütteln sorgt. Denn während Merz symbolische Reisen absolviert, fehlt der strategisch wichtigste Dialog vollständig. Merz ignoriert China nicht nur in der Chronik seiner ersten Amtsmonate – er signalisiert strategisch und rhetorisch, dass Deutschland bereit ist, seine größten wirtschaftlichen Interessen zugunsten eines alten West-Narrativs zu opfern.
Gerade für Deutschland, die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, hochgradig technologie- und exportorientiert, ist ein strategisch belastbares Verhältnis zu China keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Wer das ignoriert, handelt nicht fahrlässig – sondern grob fahrlässig.
Und als wäre das nicht genug, es bleibt nicht beim Kanzler: Außenminister Wadephul setzte dem Ganzen noch die Krone auf. Seine ersten Asien-Reisen im Amt führten ihn im August 2025 nach Japan, in ein Land, das zwar Partner ist, zugleich aber als erklärter geopolitischer Gegenspieler Chinas wahrgenommen wird. Von dort reiste er nach Indonesien – wirtschaftlich für Deutschland von geringerer Bedeutung. Und China? Wieder ausgelassen. Auch Wirtschaftsministerin Reiche fällt durch bemerkenswerte Untätigkeit und Passivität gegenüber China auf. Keine wirtschaftspolitische Initiative, kein sichtbarer Dialog, keine neue industriepolitische Strategie. In einer Zeit, in der deutsche Unternehmen Orientierung, Planungssicherheit und politische Rückendeckung bräuchten, herrscht betretenes Schweigen.
Es ist ein schwerer politischer Affront, der für Peking kaum zu übersehen ist. Dort weiß man, dass diese Prioritätensetzung nicht zufällig geschah, sondern in enger Abstimmung mit dem Bundeskanzleramt.

In der Privatwirtschaft gilt eine einfache Regel: Der wichtigste Kunde erhält die größte Aufmerksamkeit. Jeder Handwerksbetrieb, jedes mittelständische Unternehmen weiß, dass ein Führungswechsel ohne frühzeitige persönliche Vorstellung beim wichtigsten Geschäftspartner fahrlässig wäre. Kein Unternehmer käme auf die Idee, in den ersten Wochen einer neuen Geschäftsführung Nebenbeziehungen zu pflegen und den wichtigsten Kunden zu übergehen. Entsprechend existieren in Unternehmen Leitlinien für die ersten 100 Tage: Prioritäten, Übergabebesuche, gemeinsame Termine mit dem Vorgänger – alles Selbstverständlichkeiten, weil wirtschaftliches Überleben davon abhängt. Dass ausgerechnet die Bundesregierung diese Grundlogik ignoriert, ist bemerkenswert – und beunruhigend.
Merz setzt damit den fatalen Kurs der Ampel-Regierung nahtlos fort. Schon unter Habeck und Baerbock war die China-Politik geprägt von moralischer Überheblichkeit und strategischer Ahnungslosigkeit. Eine belehrende Rhetorik gegenüber China, flankiert von einer sogenannten China-Strategie ohne jegliche positive und operative Substanz, hat über Jahre Vertrauen zerstört. Die Einteilung der Welt in „gute“ und „böse“ Länder, die offene Rede von Entkopplung und Systemrivalität – all das hat ein Klima geschaffen, das den Ansichten und Interessen der deutschen Wirtschaft widerspricht.
Dass sich eine deutsche Bundesregierung öffentlich und demonstrativ gegen ihren wichtigsten Handelspartner positionierte, hat es in der Geschichte noch nicht gegeben. Deutschland trat nicht als Partner auf, sondern als Besserwisser – und wurde entsprechend behandelt. Dass Merz diesen Kurs nicht korrigiert, sondern stillschweigend fortführt und durch demonstrative Ignoranz ergänzt, ist politisches Versagen.
Wirtschaft im freien Fall – und kein Rettungsanker
Dieser außenpolitische Realitätsverlust und das beschriebene Verhalten sind angesichts der wirtschaftlichen Lage Deutschlands geradezu grotesk. Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer maßgeblichen Krise. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Hiobsbotschaften: Produktionsrückgänge, Standortschließungen, Investitionsstopps, Stellenabbau. Die Zahl der Unternehmen, die Risiken neu bewerten, steigt kontinuierlich.
Doch bemerkenswert ist: Derisking findet immer weniger gegenüber China statt – sondern zunehmend gegenüber Deutschland selbst. Unternehmen ziehen sich nicht aus China zurück, weil China unattraktiv geworden wäre. Sie ziehen sich aus Deutschland zurück, weil Deutschland unberechenbar, moralisierend, strategielos geworden ist. Eine Politik, die sich im geopolitisch inszenierten China-Bashing, im Ignorieren und im symbolischen Abstandhalten profiliert, zahlt den Preis nicht selbst – ihn zahlen Industrie, Mittelstand und Arbeitnehmer. Wettbewerber schmunzeln, und deutsche Weltmarktführer verlassen das sinkende Schiff.
In dieser Situation wäre China kein Allheilmittel – aber ein möglicher Rettungsanker. Das Reich der Mitte hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten maßgeblich zum deutschen und globalen Wachstum und zum Wohlstand beigetragen. Es hätte auch heute ein Teil der Lösung sein können: nicht als Strohhalm, sondern als tragfähiger Bambusstab. Diese Option wird derzeit nicht einmal geprüft; Out-of-the-box-Denken, Fehlanzeige. Statt Dialog herrscht Schweigen, statt Strategie Abwesenheit.
Manchmal spricht Politik am deutlichsten durch das, was sie nicht tut. Deutschland braucht keine moralische Selbstinszenierung auf der Weltbühne, sondern eine nüchterne, interessengeleitete, strategische Außen- und Wirtschaftspolitik. Der Bundeskanzler und seine Minister scheinen zu übersehen, dass Außenpolitik heute immer auch Wirtschaftspolitik ist. Und dass Nicht-Handeln, Nicht-Reden, Nicht-Reisen ebenfalls Entscheidungen sind – mit realen Konsequenzen. Dabei geht es nicht um Sympathie, nicht um Werteprosa, sondern um nackte Interessen.
Ein Kanzler, der glaubt, man könnte sich die Wirtschaftsnation China einfach „aufsparen“ oder eine Politiklinie der Ignoranz fahren, verzichtet freiwillig auf Einfluss und spielt mit der Zukunft unseres Landes.
Die Chance zur Kurskorrektur gegenüber China?
Nach der Münchner Sicherheitskonferenz blickt Friedrich Merz nun mit vorsichtigem Optimismus auf China und seine bevorstehende Reise. Die Konferenz hat erneut vor Augen geführt, wie sehr globale Stabilität von belastbaren Dialogformaten abhängt – gerade zwischen wirtschaftlich eng verflochtenen Akteuren. Für Merz bietet sich nun die Gelegenheit, Handelsfragen, Investitionsbedingungen und strategische Abhängigkeiten offen anzusprechen und zugleich Kooperationsfelder wie Klimaschutz, Technologie und multilaterale Sicherheit pragmatisch auszuloten.
Zugleich ist die Reise mehr als nur ein diplomatischer Pflichttermin – sie ist ein politisches Signal. Nachdem Merz China seit seinem Amtsantritt auffällig gemieden hatte, steht er nun in der Verantwortung, Vertrauen wiederherzustellen. Merz hat die Chance, den fatalen und widersprüchlichen Kurs der Ampelkoalition in eine neue, klarere und realistischere China-Strategie zu überführen. Entscheidend wird sein, ob Merz erstmals erkennen lässt, dass er überhaupt eine kohärente eigene Linie gegenüber Peking entwickelt hat – eine, die deutsche und europäische Interessen selbstbewusst definiert und nicht primär als Reaktion auf die Schwankungen der amerikanischen Politik unter Donald Trump verstanden wird. Gelingt ihm dieser Balanceakt, könnte die Reise nach China zum Auftakt einer eigenständigen, strategisch fundierten Neujustierung der deutschen Außenwirtschaftspolitik werden.




