Die Berliner Zeitung möchte eine Debatte führen: Über die Frage, wie man in Deutschland auf den Ukraine-Krieg reagieren sollte. Die einen wollen den Ukrainern Waffen liefern, die anderen sehen eine Eskalationsgefahr und beziehen sich auf die Friedensbewegung, die eine Demilitarisierung beider Konfliktpartner fordert. Max Kühlem ist Journalist und porträtiert in diesem Text die Friedensaktivistin Laura von Wimmersperg, die auch dieses Jahr in Berlin einen Oster- (bzw. Friedens-)Marsch organisiert. Diskutieren Sie mit und lesen Sie weitere Texte, die bei uns zum Thema erscheinen. E-Mail an: briefe@berliner-zeitung.de
Seit 42 Jahren engagiert sich Laura von Wimmersperg für eine Welt ohne Kriege und Waffen. Man kann sagen: Die 87-Jährige, die dieses Jahr wieder zu den Organisatorinnen des Berliner Ostermarschs gehört, ist eine Ikone der örtlichen Friedensbewegung. Anhand ihres Beispiels lässt sich die Geschichte der Bewegung genauso erzählen wie die der Zerreißprobe, vor der sie angesichts des Kriegs in der Ukraine steht.
Die Friedensbewegung war immer ein heterogenes Netzwerk aus vielen lokalen Initiativen – und so ist sie jetzt auch heterogen in der Bewertung des Kriegs in Europa. „Es zerreißt uns“, räumt Laura von Wimmersperg ein, die schon 1980 gegen den Nato-Doppelbeschluss gestritten und 1984 die Friedensinitiative Wilmersdorf gegründet hat. Trotz ihres hohen Alters wirkt sie wach und schnell, ihre Worte überschlagen sich manchmal schon, bevor eine Frage zu Ende gestellt ist.

Die Russen haben ein starkes Sicherheitsbedürfnis
Von ihr selbst, die heute für die Friedenskooperation Berlin spricht, ist auch auf mehrfache Nachfrage keine klare Verurteilung des russischen Angriffs auf die Ukraine zu bekommen. Stattdessen deutliche Kritik an einseitiger medialer Berichterstattung, die die Politik des Westens der vergangenen Jahre außer acht lässt: „Die USA und die Nato-Partner haben ein gerüttelt Maß an Schuld an diesem Krieg. Er wäre zu vermeiden gewesen.“
Laura von Wimmersperg führt an, dass das Abkommen Minsk II auch von westlicher Seite nicht eingehalten worden sei, dass immer wieder an der Neutralität der Ukraine gerüttelt werde, die Nato näher an Russland herangerückt sei, indem sie Staaten, die früher im Warschauer Pakt vereint waren, aufgenommen habe. „Man muss verstehen, dass Russland und die im Land lebenden Menschen ein ganz starkes Sicherheitsbedürfnis haben“, sagt sie. „Gerade wir Deutschen haben ein großes Maß an Schuld gegenüber Russland nach Angriffskriegen mit vielen Millionen Todesopfern.“ Ob sie also Verständnis für den Angriff auf die Ukraine habe? „Verständnis wäre falsch, aber ich sehe eine logische Entwicklung. Das macht den Krieg natürlich nicht besser.“
„Dieser Krieg wird genutzt, um Aufrüstungspläne umzusetzen“
Erst später im Gespräch räumt die 87-Jährige ihre eigene Zerrissenheit ein. Großes Mitgefühl hat sie etwa mit den vielen Menschen, die aus dem Kriegsgebiet flüchten. „Ich bin selbst mit zehn Jahren mit meinen Eltern aus Breslau vor der vorrückenden Roten Armee geflohen“, erinnert sie sich. Doch ähnlich wie Sahra Wagenknecht im Interview mit dieser Zeitung plädiert die Friedensbewegte dazu, sich in diesen Tagen „nicht von Gefühlen leiten zu lassen, sondern den Verstand einzusetzen.“
Es gäbe in der Bewegung Stimmen, die sagten, „dieser verhältnismäßig kleine Krieg könne einen größeren verhindern.“ Tatsächlich hält sie die Gefahr eines dritten Weltkriegs derzeit für groß und ist sich sicher: „Hier in Deutschland wäre das erste Schlachtfeld.“ Dafür bekommt sie sogar von ihrem Freund den Kommentar: „Du spinnst. Übertreib mal nicht.“
Wenn sich am (heutigen) Ostersamstag die Ostermarschierenden auf dem Kreuzberger Oranienplatz treffen, dann kommen sie unter dem Motto „Die Waffen nieder!“ zusammen. Für Laura von Wimmersperg bedeutet das nicht nur, dass die Kriegsparteien an den Verhandlungstisch zurückkehren, sondern dass auch Deutschland nicht weiter Waffen in das Kriegsgebiet liefert (mit dem bekannten Argument „Waffenlieferungen verlängern den Krieg und das Leid der Menschen“) und seine Aufrüstung stoppt. „Dieser Krieg wird genutzt, um Aufrüstungspläne umzusetzen, die lange in der Schublade lagen“, sagt sie, „etwa um, wie kürzlich bekannt wurde, die Bundeswehr mit bewaffneten Drohnen auszustatten. Dagegen setzen wir uns seit Jahren ein.“
„Wir müssen die Glut über die Zeit tragen“
Der Friedensaktivistin ist allerdings auch klar, dass die Bewegung nicht mehr den breiten Rückhalt in der Bevölkerung hat wie etwa beim Irak-Krieg 2003. „Die Mehrheit der Bevölkerung ist wahrscheinlich nicht mehr gegen eine Kriegsbeteiligung, wir werden nicht mehr in dem Maße gehört.“ Und sie macht sich auch wenig Illusionen über die Signale, die die deutsche Politik aussendet: „Wenn Olaf Scholz wörtlich sagt, Russland dürfe diesen Krieg nicht gewinnen, dann ist das so, als ob man die Tür zuknallt.“
Laura von Wimmersperg bleibt trotzdem dabei: trotz ihres hohen Alters und zweier Hüftoperationen, trotz einer Haltung, für die sie manche Menschen als „Spinnerin“ oder „Russland-Versteherin“ brandmarken, trotz des schwindenden Rückhalts pazifistischer Positionen in der Bevölkerung. Sie handelt nach dem Satz einer ihrer bereits verstorbenen Vorgänger: „Wir müssen die Glut über die Zeit tragen.“
Info: Der Berliner Ostermarsch startet am Ostersamstag um 12 Uhr auf dem Oranienplatz.




