Die Medien stehen in der Kritik, allen voran die öffentlich-rechtlichen. Die Vorwürfe: Belehrung, Bevormundung, Aktivismus, Framing. Skandale wie um den Spiegel-Redakteur Claas Relotius oder um KI-Videos im ZDF erhärten für viele den Verdacht, in den Medien würde nur noch eine Scheinwelt abgebildet, nicht die Realität. Haben sich die Journalistinnen und Journalisten (gendern!) gegen das Publikum verschworen? Mary Abdelaziz-Ditzow, selbst Medienprofi von Rang, hat ein Buch geschrieben, das die Verantwortung beider Seiten im Auge behält: „Behind the News. So navigierst du sicher zwischen Manipulation und Information“. Die Berliner Zeitung hat mit ihr gesprochen.
Frau Abdelaziz-Ditzow, in „Behind the News“ setzen Sie sich kritisch mit Ihrer eigenen Branche auseinander. Gibt es noch nicht genug Medienkritik oder bewirkt sie nichts?
Ich würde sagen, nie war Medienkritik wichtiger als heute – und bei mir kommt sie aus dem Maschinenraum. Ich bin selbst Journalistin und kenne die grundsätzlichen Routinen und Dynamiken. Der große Unterschied zu anderen Medienkritiken ist: Mein Buch zielt doppelt. Es richtet sich an das Publikum, um Medienmechanismen verständlicher zu machen und Medienkompetenz zu steigern, und an meine Branche, um aufzuzeigen, wo journalistische Routinen problematisch werden und warum immer mehr Menschen das Vertrauen in die Medien verlieren.
Beginnen wir im Maschinenraum. Wenn Sie sagen, journalistische Routinen werden problematisch – was steht Ihnen konkret vor Augen? In welche Richtung entwickelt sich der Journalismus?
In jedem Fall immer weiter weg von der Bevölkerung. Diverse Studien zeigen den gleichen Trend: Etablierte Nachrichtenmedien entkoppeln sich von der Gesellschaft. Die bequeme Erklärung ist „Konkurrenz durch das Internet“. Die unliebsame: Zu bestimmten Themen entsteht oft schon früh ein enger Meinungskorridor – und das bei öffentlich-rechtlichen wie bei privaten Medien. Also ein temporäres „mediales Gruppenkuscheln“.
„Die Medien“, die eigentlich sehr heterogen sind, werden verstärkt als homogene Masse wahrgenommen. Viele Bürger fühlen sich nicht mehr repräsentiert, nehmen nur noch den Gleichklang wahr und wenden sich deshalb ab. In meinem Buch belege ich das mit Beispielen aus den letzten Jahren, auch das sogenannte Gut-Böse-Narrativ.
Gesellschaft fragmentiert sich
Medien machen es sich oft zu einfach, indem sie die komplexe Wirklichkeit einseitig framen und sich damit auf eine Seite stellen – bewusst oder unbewusst. Damit verstärken sie die Etikettierungen, die in der Gesellschaft gerade triggern: Antisemit, Nazi, Corona-Leugner, Putinfreund. Digitale Filterblasen und Echokammern verstärken das Phänomen des „Labelns“, da immer mehr Menschen sich nur noch in ihrer Bubble bewegen. All das trägt dazu bei, dass sich die Gesellschaft in immer mehr Einzelteile fragmentiert.
Triggern solche Etiketten, weil es manche Menschen befriedigt, wenn sie andere als minderwertig abtun? Oder gibt es eine rationale Erklärung dafür, warum zunehmend etikettiert wird und immer weniger argumentiert?
Die Antwort darauf hätte ein eigenes Buch verdient. Wer besonders laut und klar Position bezieht, bekommt mehr Aufmerksamkeit – während differenziertere Stimmen oft untergehen. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Die Lauten werden lauter, die Leisen leiser. Immer mehr Menschen, auch Journalisten, üben Selbstzensur, weil sie fürchten, sonst sofort in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden. Die Logiken der digitalen Öffentlichkeit tun ihr Übriges.
Eindeutige moralische Orientierung
In sozialen Netzwerken funktionieren zugespitzte Botschaften, etwa moralische Empörung oder Freund-Feind-Zuschreibungen, schlicht besser als komplexe Argumente. Sie verbreiten sich schneller, provozieren mehr Reaktionen und passen in kurze Aufmerksamkeitsfenster. Ein Label wird schneller verstanden als eine differenzierte Analyse. Dazu leben wir in einer Zeit, in der gesellschaftliche Konflikte stark zugenommen haben – Themen wie Migration, Pandemie, Ukraine oder Nahost. Da wächst der Wunsch nach klarer moralischer Orientierung. Solche Labels bieten diese vermeintliche Klarheit, auch wenn sie die Realität stark vereinfachen.
Nun wurde auch in der Vergangenheit hart gestritten. Die politischen Kontrahenten haben sich sogar mehr Widerspruch getraut als heute. Ist das Problem nicht eine Art moralisch verpackter Verspießerung? Diese Angst, den eigenen Ruf zu riskieren. Sind das nicht urkleinbürgerliche Reflexe?
Das Gegenteil ist der Fall. Bei den Lauten, die immer lauter werden, erkenne ich keine „moralisch verpackte Verspießerung“. Die Logik der Aufmerksamkeit ist mächtig. In Zeiten von Clickbaiting und schnellen Reichweitenmechanismen werden zugespitzte Aussagen, klare Positionen und auch Tabubrüche besonders stark belohnt. Wer provoziert oder sehr eindeutig Stellung bezieht, bekommt mehr Klicks, mehr Reichweite und mehr Reaktionen.
„Haltung“ hat an Bedeutung gewonnen
Differenzierte Argumente haben es schwerer, sich durchzusetzen. Die Wurzel des Problems liegt woanders: Im Journalismus hat der Begriff der „Haltung“ in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Dadurch wird die Berichterstattung – bewusst oder unbewusst – stärker von der eigenen Perspektive geprägt. Das führt nicht unbedingt zu weniger Widerspruch, sondern zu noch polarisierteren Lagern – und aus den genannten Gründen zu einem wachsenden kollektiven Schweigen.
Dann stehen die Journalisten und Medien auf der einen Seite der polarisierten Lager und Teile des Publikums auf der anderen. Richtig? Und die vielen, die lieber differenziert argumentieren, sind eingeschüchtert und schweigen. Wie kommt man da raus?
Die Polarisierung eines Themas ist das Ergebnis eines Zusammenspiels aus journalistischen Routinen, digitalen Aufmerksamkeitslogiken und gesellschaftlichen Konflikten. Die Leitmedien spielen in diesem Kreislauf eine entscheidende Rolle. Als Tonangeber entscheiden sie mit, was im Rahmen des Sagbaren liegt – und was nicht. Dahinter steckt das Prestige, das die Medienwelt als „vierte Gewalt“ hierzulande genießt. Viele Journalisten sind intellektuell stark, sind Meister der Sprache. Dieser Gabe und dieser Macht müssen sich Medienverantwortliche bewusst sein – und entsprechend handeln.

Ihr Buch „Behind the News“ ist bei Ullstein Taschenbuch erschienen, hat 336 Seiten und kostet 14,99 Euro.
Sehen Sie da Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Medien?
Private Medien können deeskalierend auf die Gesellschaft wirken, indem sie Abstand nehmen von einer zu engen Blattlinie und mehr Binnenpluralismus ermöglichen. Also mehr unterschiedliche Farben und Narrative innerhalb einer Redaktion. In Zeiten der Bezahlschranke ist das besonders wichtig, da die Leser nicht fünf Abos bezahlen, um sich divers zu informieren, sondern im Allgemeinen ihrem Lieblingsmedium treu bleiben. Die Öffentlich-Rechtlichen hingegen müssen den Medienstaatsvertrag ernster nehmen, der sie zur Objektivität im Gesamtprogramm verpflichtet.


