Es gibt Momente, in denen man das deutsche Fernsehen dabei beobachten kann, wie es sich selbst beim Sterben zuschaut – und trotzdem stoisch weitermacht, als sei nichts geschehen. Silvester 2025 war so ein Moment.
Während das Zweite seine plappernde Allzweckwaffe Andrea Kiewel auf einem Hamburger Kahn übers Alsterwasser schippern ließ, als hätten wir 1980, zählt RTL derweil die Verluste seines teuersten Wiedergängers: Stefan Raab, der Mann, der das Privatfernsehen (und damit auch den ÖRR) vor vielen Jahren quasi showtechnisch revolutionierte, floppt nun Woche für Woche so konsequent, dass man die Uhr danach stellen könnte. Willkommen im Jahr 2026, dem Jahr der Abschiedsdämmerung des linearen deutschen Fernsehens.
Man muss sich nur die Zahlen ansehen: Die ZDF-Silvestersause erreichte 2,47 Millionen Zuschauer – das ist ein Marktanteil von 14,1 Prozent. Das klingt nach etwas, ist aber für eine Silvestersendung, die einst das halbe Land vor den Bildschirmen versammelte, schlicht blamabel. Und Andrea Kiewel? Sie moderierte, wie sie es seit zwei Jahrzehnten tut. Dieselbe aufgedrehte Fröhlichkeit, dasselbe pausenlose Geplapper, dieselbe Energie, die Mitte der 2000er vielleicht noch als erfrischend durchging.
Den Status quo verwalten
Das Problem ist indes nicht Kiewel selbst – sie macht ihren Job, wie sie ihn immer gemacht hat. Das Problem ist ein öffentlich-rechtlicher Sender, der jede Veränderung als Zumutung begreift. Das ZDF hat den Stillstand zum Geschäftsmodell perfektioniert.
Während Streaming-Plattformen mit mutigen Produktionen um Aufmerksamkeit buhlen, während sich Sehgewohnheiten in rasantem Tempo wandeln, verwaltet das bräsige Mainz lieber den Status quo. Hauptsache, niemand wird aus seinem Fernsehsessel aufgeschreckt. Die Zielgruppe altert aber kontinuierlich – aber das scheint in den Chefetagen des ZDF und der ARD niemanden zu beunruhigen. Warum auch? Die Gebühren fließen ja trotzdem.
Und genau das ist der eigentliche Skandal. Der Rundfunkbeitrag ist keine freiwillige Zuwendung, er ist eine dem Bürger abgenötigte Pflichtabgabe. 18,36 Euro pro Monat zahlt jeder Haushalt in Deutschland, ob er das lahme ZDF einschaltet oder nicht.
Über acht Milliarden Euro kassieren die öffentlich-rechtlichen Sender jährlich – eine Summe, die weltweit ihresgleichen sucht. Dafür dürfte man Innovation erwarten, Experimentelles, den Ehrgeiz, sich mit der internationalen Konkurrenz zu messen. Stattdessen bekommt man Silvesterpartys auf Ausflugsdampfern und Moderatoren, die seit Jahrzehnten dieselben Phrasen dreschen. Der Gebührenzahler finanziert kein Fernsehen der Zukunft, sondern eine Nostalgiemaschine.
Doch wer glaubt, das Privatfernsehen mache es besser, irrt. RTL hat gerade demonstriert, wie man mit enormem Kapitaleinsatz noch schneller scheitern kann. 90 Millionen Euro für Stefan Raab – ein Vertrag, den Programmchefin Inga Leschek einst als klügste Entscheidung ihrer Karriere pries.
Heute klingt das wie bittere Selbstironie. „Die Stefan Raab Show“ dümpelt quotenmäßig vor sich hin, während parallel 600 Mitarbeiter ihre Kündigung erhalten. Erfahrene Journalisten, langjährige Redakteure, Menschen, die über Jahre Sendungen mit Substanz geprägt haben – sie alle werden geopfert, damit ein Entertainer, dessen Glanzzeit über ein Jahrzehnt zurückliegt, weiter vor schwindendem Publikum auftreten kann.
Diese Welt existiert nicht mehr
Auch hier zahlt am Ende der Zuschauer – nur eben auf Umwegen. Werbung finanziert das Privatfernsehen, und die Kosten dafür landen in den Preisen der beworbenen Produkte. Wer einkaufen geht, sponsert indirekt auch Raabs teures Comeback. Der Unterschied zum öffentlich-rechtlichen System: Man kann wenigstens wegzappen, ohne weiter zur Kasse gebeten zu werden.
Die Ironie ist kaum zu übersehen: RTL wollte mit Raab vergangene Triumphe wiederbeleben und hat dabei die Gegenwart aus den Augen verloren. Der Sender hat nicht begriffen, dass Wehmut nach alten Zeiten kein tragfähiges Konzept ist. Raab war einmal ein Pionier, jemand, der Formate aus dem Nichts erschuf und Konventionen sprengte. Aber das war in einer anderen Ära, lange bevor YouTube, TikTok und Instagram die Aufmerksamkeitsökonomie umkrempelten. Diese Welt existiert nicht mehr. Und wer damals brillierte, hat heute nicht automatisch die Antworten auf die Fragen von morgen.
Was wir gerade erleben, ist das parallele Scheitern zweier Strategien, die beide in dieselbe Sackgasse führen. Das ZDF verharrt in Bewegungslosigkeit und hofft, dass die Zeit stehen bleibt – abgesichert durch Pflichtgebühren, die jeden Veränderungsdruck neutralisieren. RTL wirft Millionen auf vermeintliche Heilsbringer und hofft, dass große Namen automatisch große Quoten bedeuten. Beide irren. Beide verweigern sich der unbequemen Erkenntnis: Das lineare Fernsehen ist am Ende.
Die Gen Z hat längst andere Wege gefunden. Sie konsumiert YouTube, Serien bei Netflix, sie verlieren sich in TikTok-Feeds. Für sie ist das klassische Fernsehprogramm ungefähr so zeitgemäß wie eine Telefonzelle. Und die Sender? Sie reagieren, indem sie noch verbissener an dem festhalten, was schon länger nicht mehr funktioniert. Mehr Kiewel, mehr Raab, mehr Wiederverwertung dessen, was einmal war.


