Alltagskultur

Berlin, deine Imbisse: Die schönsten und schrecklichsten Buden von Lankwitz bis Friedrichshain

Der Imbiss ist ein Treffpunkt für Plauderei und Mittagspause. In Berlin gehören die Buden zur Alltagskultur. Wie unterschiedlich sie aussehen, hat Björn Kuhligk dokumentiert.

Eis oder Ketwurst, das ist hier die Frage: am Platz der Vereinten Nationen in Friedrichshain.
Eis oder Ketwurst, das ist hier die Frage: am Platz der Vereinten Nationen in Friedrichshain.Björn Kuhligk

Björn Kuhligk ist Berliner, Schriftsteller – und seit einem Jahr auch Imbiss-Fotograf. Für sein Buch „Berlin in 80 Imbissen“ durchquerte er die Stadt von Buch bis Lankwitz, von Friedrichshain bis Steglitz, immer auf der Suche nach frei stehenden Imbissen. Nach Unikaten im Stadtbild, die langsam verschwinden.

Kein kulinarischer Führer, kein nostalgisches Heimweh-Projekt. Was dabei entstand, ist vielmehr eine Dokumentation und ein stilles Plädoyer zugleich: für Orte, an denen noch gegessen wird, ohne handgeschnittene Pommes und vegane Soßen.

Herr Kuhligk, Sie haben ein Jahr lang Berliner Imbisse fotografiert. Was war der Auslöser für dieses Projekt?

Das begann alles etwas krumm: Ich fotografierte zunächst Tankstellen in Berlin, weil der Verlag und ich die Idee hatten, daraus ein Buch zu machen. Tankstellen sind allerdings, wie ich mir nach zwei Wochen eingestehen musste, zumindest in Berlin, wahnsinnig langweilige Objekte. Die Hälfte gehört Firma X, die andere Firma Y, und die Architektur sieht einfach uniform und langweilig aus. Ich hatte eine romantisierte Vorstellung, die von der Realität plattgemacht wurde.

Mir fielen währenddessen aber immer wieder frei stehende Imbisse auf, die ich im Vorbeigehen fotografierte – als Notizen. Und je öfter ich sie fotografierte, desto stärker erinnerte ich mich an Situationen aus meiner Kindheit, verbunden mit Imbissen, und mir fiel auf, dass es diese Imbisse fast alle nicht mehr gibt. Da war plötzlich der Gedanke da: Ich gehe jetzt los und fotografiere die, die noch da sind. Also eigentlich der Wunsch, die Gegenwart einzufrieren und festzuhalten, zumindest auf Bildern.

Farblich ist einiges los an diesem Imbiss in Friedrichshain.
Farblich ist einiges los an diesem Imbiss in Friedrichshain.Björn Kuhligk

Ihr Fokus liegt auf frei stehenden Imbissen mit festem Standort. Warum diese Eingrenzung? Was macht gerade diese Form so besonders?

Die meisten Imbisse, die sich im Erdgeschoss eines Hauses befinden, finde ich fotografisch nicht interessant. Da sind der Eingang, große, meist bodentiefe Fenster, Schriftzug, poppige Farben, Hauswand und Schluss. Kann man machen, wenn man eine Vorliebe für Oberflächen hat, erschöpft sich aber schnell. Imbisse, die frei stehen, sind separate Körper im Stadtbild, sie fügen sich ein oder nicht, sie stehen an Straßenecken, am Waldrand, eingekeilt zwischen Hochhäusern. Da musste sich irgendwann irgendjemand Gedanken gemacht haben, wie so ein Ding überhaupt aussehen soll, und jeder sieht auch anders aus, jeder ist ein Unikat. Das hat mich interessiert.

Gibt es eine Bude, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist – vielleicht wegen ihrer Gestaltung, der Lage oder der Menschen dort?

Ich habe manchmal viel Zeit an den Imbissen verbracht, bis ich ein Bild gemacht hatte, mit dem ich zufrieden war. Manchmal bin ich ein zweites und drittes Mal hingefahren, weil das Licht besser war. In Buch, im Nordosten Berlins, bin ich durch Zufall an einem Imbiss vorbeigekommen, der in einem alten Pförtnerhäuschen untergebracht ist. Allein die Übernahme eines solchen Gebäudes durch einen Imbiss finde ich toll – und es ist ein einziger Imbiss, nicht die siebte Filiale irgendeiner Kette. Ich habe etwas gesehen, was es eigentlich nach den Regeln der Verwertungslogik gar nicht mehr geben dürfte. Von diesem Imbiss habe ich viel zu viele Bilder gemacht, so begeistert war ich davon. Er heißt übrigens „Andy’s Imbiss“.

Historische Kulisse mit Frühstücksangebot: Andy’s Imbiss in Buch
Historische Kulisse mit Frühstücksangebot: Andy’s Imbiss in BuchBjörn Kuhligk

Sie sind von den Rändern bis ins Zentrum gereist. Gibt es einen Unterschied zwischen den Imbissen in den Außenbezirken und denen in der City – nicht nur architektonisch, sondern auch atmosphärisch?

Ich glaube, dass Imbisse so eng zum öffentlichen Raum gehören, dass man sie gar nicht davon abgrenzen sollte. Oder griffig formuliert: Was am Imbiss passiert, passiert auch auf der Straße. Was mir aber natürlich als Erstes einfällt: In den Außenbezirken laufen keine Touristen herum und ich muss auch nicht darauf warten, bis diese drei Hipster durchs Bild gelaufen sind. Es gibt keine veganen Dips oder handgeschnitzte Pommes. Alles ist unaufgeregter, manchmal kleinbürgerlich, manchmal liegt weniger Geld auf der Straße. Gerade das sind Gegenden – so jedenfalls meine Wahrnehmung –, in denen der Imbiss sehr stark im Alltag der Leute präsent ist. Da gibt es eine Form der Identifikation.

Als Berliner haben Sie diese Stadt über Jahrzehnte beobachtet. Wie hat sich die Imbisskultur verändert seit Ihrer Kindheit in West-Berlin?

Zur Currywurst haben sich Döner, Asia-Pfanne, Hamburger und vieles mehr dazugesellt, und das finde ich großartig. Verändert hat sich, dass die meisten Imbisse mittlerweile in Häusern untergebracht sind, Sitzplätze und Heizung haben. Sie sind Teil des typischen stationären Einzelhandels geworden. Da gibt es nun Aneinanderreihungen von Bäckerei, Apotheke, Döner, Supermarkt, Currywurst, Drogerie – ja, warum auch nicht? Darunter leiden aber natürlich die frei stehenden Imbisse, die an Attraktivität verloren haben.

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Michel Kekulé
Zur Person
Björn Kuhligk, geboren 1975 in Berlin, ist Fotograf und Schriftsteller. Zuletzt erschienen das Fotobuch „Schönefeld“ und die „Berlin-Beschimpfung“, illustriert von Jakob Hinrichs.

„Berlin in 80 Imbissen“ ist bei Favoritenpresse erschienen, 120 Seiten, 15 Euro

Sie schreiben, dass diese Orte immer mehr verschwinden. Woran liegt das? Ist es nur die Gentrifizierung oder spielen auch andere Faktoren eine Rolle?

Die Gentrifizierung ist der wesentliche Grund. Ein weiterer ist, dass Imbisse und Kioske früher für einen Kiez oder Straßenblock eine wichtige soziale Funktion hatten. Wir lungerten als Kinder oft an einem Kiosk herum, weil dort was passierte. Leute kamen vorbei, man erfuhr Neuigkeiten. Einer von uns war beim Fußball hingefallen, blutete und wurde getröstet. Jutta, Jochen oder wer auch immer hatte schon das vierte Bier und wurde impulsiver. Der kleine Thomas kaufte Kippen für seinen Vater, weil der krank war – auch wieder eine Neuigkeit. Dieses soziale Gefüge findet sich im öffentlichen Raum nicht mehr. Zu Hause ist alles billiger und man kann dabei Nachrichten verschicken und das Weltgeschehen im Auge behalten.

Haben Sie während Ihrer Recherche Gespräche mit Betreibern oder Stammgästen geführt?

Nur ganz selten, weil ich auf das Fotografieren konzentriert war und mich bemühte, Gespräche zu vermeiden. Es ging mir darum, das für mich bestmögliche Bild zu machen. Ich habe überlegt, ob ich nah herangehe, die Umgebung mit einbeziehe, ob Menschen zu sehen sein sollen, weil es ohnehin ein Ort ist, der ohne Menschen gar nicht denkbar ist. Ob ich, weil die Sonne dann doch herauskam, noch mal an einem anderen Tag diese 30 Kilometer mit dem Fahrrad fahren soll – für einen einzigen Imbiss, für ein einziges Foto.

Hoch auf dem weißen Wagen: am Hanna-Renate-Laurien-Platz in Lankwitz
Hoch auf dem weißen Wagen: am Hanna-Renate-Laurien-Platz in LankwitzBjörn Kuhligk

Sie arbeiten sowohl als Fotograf als auch als Schriftsteller. Hätten Texte Ihre Bilder nicht ergänzen können?

Fotos haben eine große Kraft – und der muss Raum gegeben werden. Die Imbiss-Fotos erzählen von selbst ihre Geschichten, und damit ist auch schon alles gesagt. Ich hätte natürlich eine literarische Reportage schreiben können, aber ich hätte nicht viel Neues hinzugefügt. Und außerdem: Wenn ich losgehe, um zu fotografieren, dann mache ich nur das und nichts anderes. Da bekomme ich keine Ideen für Texte, nichts. Ich kann dabei nicht mal Musik hören. Ich gehe umher, richte die Kamera aus, das ist eine körperliche Tätigkeit, die recht anstrengend werden kann. Allein das Sehen erfordert Konzentration. Im Nachhinein habe ich dann allerdings für das Buch ein Nachwort geschrieben.

„Berlin-Beschimpfung“, „Schönefeld“ und nun „Berlin in 80 Imbissen“ – all Ihre jüngsten Projekte kreisen um diese Stadt. Warum?

Ich wurde in Berlin geboren und lebe hier immer noch. Das ist eigentlich bescheuert genug. Es gibt keinen Ort, zu dem ich eine tiefere Beziehung haben könnte. Ich habe zuletzt das Buch „Berlin-Beschimpfung“ geschrieben, in dem ich einmal über Berlin hergefallen bin und alles versammelt habe, was mich an dieser Stadt nervt. Verkehr, Bildung, Mieten. Als ich mit dieser Arbeit fertig war, dachte ich irgendwann, wer, verdammt noch mal, beschimpft denn mit so viel Wums eine Stadt? Kann ja nur einer sein, dem sie am Herzen liegt. Also meinetwegen Liebe oder auch Zuneigung. Sie können sich was aussuchen.

Ein Jahr Recherche bedeutet auch: Sommer, Winter, unterschiedliches Licht, verschiedene Jahreszeiten. Wie wichtig war dieser zeitliche Rahmen für Ihre fotografische Arbeit?

Bei einem solchen Buch finde ich es wichtig, dass die Jahreszeiten präsent sind. Ein Ort verändert sich ja enorm, wenn zum Beispiel Schnee liegt. Zeige ich einen verschneiten Imbiss, erzähle ich damit auch, wie es ist, bei Kälte an einem Imbiss zu stehen. Bäume im Winter sind persönlich nicht meine erste Wahl, aber zum Fotografieren finde ich sie perfekt, weil nur noch die Struktur geblieben ist. Im Frühling und Herbst sind die Konturen manchmal sehr gut. Also jede Jahreszeit bringt etwas hervor, was für ein Bild interessant sein kann, und darum ging es mir auch.

Wer Currywurst am Checkpoint Charlie verkauft, kommt um Mauerfolklore nicht herum.
Wer Currywurst am Checkpoint Charlie verkauft, kommt um Mauerfolklore nicht herum.Björn Kuhligk

Sie nennen die Imbissbude „eine wichtige kulturelle Errungenschaft“. Das klingt fast programmatisch. Warum verdienen Imbisse diese Würdigung?

Das habe ich durchaus augenzwinkernd gemeint, aber es hat auch einen wahren Kern. Die Imbissbude ist durch die Erfindung der Currywurst in der Nachkriegszeit entstanden. Trinkhallen gab es schon früher. Sogenanntes schnelles Essen kannten schon die Römer. Den Imbiss der Gegenwart eint zumeist, dass man dort für einen moderaten Preis essen und trinken kann und diese Orte mit anderen Menschen teilt, die vielleicht eine andere Herkunft haben und in anderen Einkommensverhältnissen leben als man selbst. Das ist doch schon ziemlich viel für einen Ort im öffentlichen Raum.

Hand aufs Herz: Haben Sie während der Recherche auch gegessen? Und wenn ja – was war Ihre beste Imbiss-Entdeckung?

Da muss ich Sie leider enttäuschen. Das Buch ist kein kulinarischer Führer. Ich war ganz Auge und habe nur zweimal etwas gegessen, weil ich es musste: „Wenn du ’nen Bild machen willst, musste ooch wat essen.“ Also habe ich was gegessen und dann erst fotografiert, Deal ist Deal. Im Buch stehen neben den Fotos die Adressen. Probieren Sie es selbst aus! Sie reisen durch die Stadt und schützen Berliner Kulturgut.

Wenn in 50 Jahren jemand Ihr Buch aufschlägt – was soll diese Person über das Berlin von heute erfahren?

Genau das Gleiche, was ich erfahre, wenn ich mir Fotos ansehe, die vor 50 Jahren gemacht wurden. Die Fotografie ist ja ihrem Wesen nach zuerst dokumentarisch. Ich sehe also, wie es dort früher aussah, wie die Menschen gekleidet waren, ich sehe die Architektur, das Stadtbild, die Werbung, das Design der Autos und wie im Stehen gegessen wurde. Und kenne ich die Orte oder Straßen, denke ich daran, wie es jetzt dort aussieht. Das ist doch ungeheuer spannend! Und vielleicht wird es gar keine frei stehenden Imbisse mehr geben, ich hoffe das jedenfalls nicht.