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Berlin erstickte im Übergang vom 19. auf das 20. Jahrhundert an zu schnell hochgezogenen Mietskasernen, Hinterhöfen, Armut und Dreck. Wildwuchs der Industrien und Wildwuchs an Wohnhäusern. Es muss auch anders gehen. Eine kleine Stadt im Grünen vor den Toren Berlins, mitten darin kleine Teiche mit alten Bäumen, ein alternatives Leben, so erträumte es sich Carl Woelck.
Er kannte sich aus mit Armut, Steuern, Grundstücken, zuständig dafür im Gemeinderat Charlottenburg. Und er litt an Atemnot, ein Lungenleiden seit früher Kindheit. Nun, in die Landgemeinde Weißensee berufen als Bürgermeister im Jahr 1905.

Konzept für ein vorbildliches Gemeinwesen
Er kam aus dem Westen in den unbeachteten Osten, staunte über die unverbaute Landschaft, an der Endhaltestelle der Pferdebahn am Weißen See. Fischreiher, Enten und Rallen herrschten über die Stille. 37.500 Bewohner hatte dieser seltsame Ort. Aus dem planlosen Gemenge von dörflichen Anwesen, Äckern, unbebauten Wegen, Häusern mit kleinen Handwerksbuden in den Höfen und Kartoffelschnapsbrennereien, aus all dem entstand seine Vision, eine Ordnung zu schaffen, eine städtische Struktur, ein vorbildliches Gemeinwesen zu konzipieren.
Hier muss man bauen, anders bauen als hoch und eng. Städtisch und doch dörflich. Zentriert um einen Stadtkern, rund um einen kleinen Teich, den Kreuzpfuhl, von dieser Mitte aus, sich wellenförmig nach außen ausdehnend. Munizipal-städtisch, mit vielen Lücken für Grünes, für die Bürger, die auch bereit sind, in eine moderne Art gemeinschaftlichen Lebens zu investieren. Eine Modell- und Vorzeigestadt vor den Toren Berlins.
Der Freund und Architekt Carl James Bühring war leicht zu überreden, die Bauwerke zu entwerfen. Er tat sich um, in der heimischen Art zu bauen, aus rotem Klinker, der vor Ort gebrannt wurde, sowie alten Feldsteinen. Das Vorgefundene diente als Inspiration und er entwickelte daraus seine Baupläne.
Genug Geld war vorhanden, das über einen Grunderwerbsfond generiert wurde, kommunale Bodenpolitik: Wer hier besitzt, kann auch investieren, und man legte los mit dem Bauen. Bürgermeister Woelck veranlasste den Ankauf des Weißen Sees und die Gestaltung der Uferpromenade als öffentliche Parkanlage. Wer hier wohnt, soll sich hier auch erholen können.

Sozial, kommunal, eine große Utopie
Innerhalb von vier Jahren entstand ein völlig neues Viertel. An Arbeitskräften mangelte es nicht; für sie errichtete man sogar ein Ledigenheim, um sie angemessen und geordnet unterbringen zu können. Es waren arme Landarbeiter aus der Umgebung, die hier endlich Beschäftigung fanden.
Moderne Wohnanlagen entstanden – ohne Hinterhöfe. Es gab ein Gemeindeforum für Versammlungen mit den Bewohnern, große Schulen, einen Sportplatz und eine Stadthalle, in der man sich vergnügen, tanzen und diskutieren konnte. Natürlich brauchte es auch ein Elektrizitätswerk und eine Pumpstation.
Hinzu kamen eine Post, ein Krankenhaus – alles fußläufig erreichbar –, außerdem eine Bibliothek und ein Rathaus. Öffentliche Räume und private Wohnungen waren durch Parkwege miteinander verbunden. Der Kreuzpfuhlteich bildete den gedachten Mittelpunkt dieser kleinen Stadt Weißensee.
Der alte Pferdemarkt blieb erhalten; hier wurden weiterhin dörfliche Produkte verkauft. Sozial, kommunal gedacht – eine große Utopie.
Woelcks Traum von einem eigenständigen Städtchen erwies sich als zu hoch gegriffen. Der Antrag der Bürger von Weißensee auf Verleihung des Stadtrechts wurde von den preußischen Ministerien abgelehnt. Berlin war der Moloch, in dem das Konzept und die Eigenständigkeit des Ortes untergingen. Die territoriale Ausdehnung der Stadt und die Eingemeindung der Vororte dienten dazu, günstigen Boden und billige Wohnungen für Arbeitskräfte bereitzustellen – und zugleich Profit daraus zu schlagen. 1920 wurde Weißensee in Groß-Berlin eingemeindet. Vorbei war es mit der Vision von einem überschaubaren Städtchen mit Gemeinschaftssinn, gemeinschaftlichen Gebäuden, mit einem kommunalen Konzept.

Wer genau hinschaut, erkennt die Vision
Gehen Sie hier einmal heutzutage spazieren auf der linken Seite der Berliner Allee, die damals wie jetzt auch noch die Stadt Berlin mit dem Barnimer Land verbindet, bevor Sie weiter in die Uckermark oder zur Ostsee oder nach Hamburg fahren. Sie ahnen das Konzept immer noch, wenn auch vieles zugebaut wurde.
Sie finden die roten Klinkergebäude mit der Feldsteinanmutung, die luftige Bebauung, die kleinen Teiche. Die ehemaligen Beamtenwohnhäuser mit den Türmchen und Verzierungen, das ehemalige Bibliotheksgebäude. Was nicht durch Bomben zerstört wurde, steht klinkerfest da und lädt zu einem ausgedehnten Spaziergang ein.
Wer genau hinschaut, erkennt auch die ehemalige städtische Vision. Ach, hier ist die Woelckpromenade, das war doch der Bürgermeister, der diese schönen Häuser, mit diesen klaren roten und weißen Linien bauen ließ. Und dieses unglaublich große Gebäude ist das Gymnasium von Bührung, jetzt geschlossen, denn es wird renoviert.
Ach, und das hier ist die Schönstraße, Herr Schön hat das Rittergut Weißensee aufgekauft und das Land für Häuser und Wohnungsbauten veräußert. Schön ist die Schönstraße, mit den Häusern, die anmuten, als wären sie holländisch. Hausfassaden im Karree. Die Wohnblockbebauung mit Sechspartienhäusern innerhalb des Munizipialviertels, jetzt ein denkmalgeschütztes Ensemble.
Setzen Sie sich im Frühjahr oder Sommer in einen der Höfe, sie sind immer noch offen für jedermann. Lassen Sie sich nicht abschrecken durch die gusseisernen Tore, sie sind offen und bleiben offen, denn das ist die alte Idee dabei. Hier dürfen Sie verweilen. Schatten spenden Ligusterhecken, kleinkronige Kugelrobinien und Baumhasel. Sie können auch gegenüber in der Parkklinik Kaffee trinken, Kuchen essen und von dort auf die holländischen Fassaden schauen.

Kreuzpfuhl heißt jetzt Jürgen Kuczyinski
Nein, die Vision einer eigenständigen Stadt, mit einem eigenständigen Konzept des Gemeinschaftslebens ging nicht in Erfüllung. Damals nicht, heute nicht. Der Kreuzpfuhl ist verwahrlost. Besonders nach dem Winter tauchen aus dem tauenden Eis Stühle und Fernsehapparate auf.
Immer mal wieder gibt es Versuche, aus Weißensee ein Vorzeigeviertel zu machen. Bauzäune um die denkmalgeschützten Schulen, jetzt leerstehend. Fertig saniert sollten sie schon im Jahr 2021 sein. „Umzug! Uns reicht’s“, steht am Bauzaun. Das war die erste weltliche Schule für Mädchen und Jungen gemeinsam.
Gegenüber der Eingang zum Goldfischteich, nun benannt nach Werner Klemke, dem Illustrator, der an dieser Schule einmal Zeichenlehrer war. Jedes Kind aus der DDR kennt sein „Wolkenschaf“ und „Hirsch Heinrich“. Was für riesige, verkrüppelte, alte Bäume?
Nach Atem ringend lehnt eine Frau sich an die vernarbte Rinde. Stand der Baum nicht schon, als sie als Kind hier spielte? Wer wohnt denn in der Woelckpromenade? „Ach, das ist unbezahlbar inzwischen“, sagt die alte Frau. Munizipal? „Wat heißt dit? Nie gehört.“ Also, wie war das jetzt gedacht? Städtisch, Gemeinschaftsgebäude und rundherum bezahlbare Wohnungen für Leute, die eben bezahlen können. Beamte, Architekten, Grundstückseigner, Kaufleute. Mit der gut durchdachten Gestaltung eines kommunalen Zentrums rund um den Kreuzpfuhl? „Keene Ahnung.“
„Kreuzpfuhl heißt ja nicht Kreuzpfuhl mehr, heißt jetzt Jürgen Kuczyinski, so’n Wirtschaftswissenschaftler aus der DDR, der hier in der Parkstraße wohnte. Steht druff, uff’m Schild.“ Rechts vom Teich das Gymnasium. In der DDR „Paul-Österreich-Schule“, dann „Bühring- Gymnasium“, der es entworfen und gebaut hatte, nun „Primo Levi“.

Klingt schrecklich, sieht schrecklich aus
Die Namen gehen mit der Zeit, die Gebäude sollen erhalten bleiben. Man muss eben genau hinschauen, um das ursprüngliche Konzept zu erkennen. Nein, man erkennt es nicht mehr. Die Neubauten sind immerhin nicht so hochgewachsen, aber das Grün, das unendliche Grün, zwischen den Gebäuden, das gibt es noch.
Aber den Weißensee muss man jetzt schützen, mit enorm teurer Randverzäunung. Aus Totholz. Klingt schrecklich, sieht schrecklich aus. „Wird doch allet zertrampelt sonst“, sagt die Frau. Da wurden nun Millionen investiert, um das Ufer zu schützen und mit dem teuren Gestrüpp den Blick auf den See zu verhindern.


