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„Meine Hand für mein Produkt“: Erinnerungen an die Ausbildung zur DDR-Facharbeiterin

Um auf die Oberschule zu kommen, absolvierte unsere Autorin eine Ausbildung im Maschinenbau. Doch die Passion fürs Handwerk und die Nähe zur Arbeiterklasse blieben aus.

Herstellung eines Trabants im VEB Sachsenring Automobilwerk in Sachsen in den 1960er-Jahren
Herstellung eines Trabants im VEB Sachsenring Automobilwerk in Sachsen in den 1960er-JahrenSC/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


„Einen Beruf musst du lernen“, sagte meine Mutter. „Irgendwas nützliches. Irgendein Handwerk. Dann kannst du mir im Haushalt immer helfen.“ – „Du musst die Arbeiterklasse kennenlernen“, sagte mein Bruder. Mein Vater sagte nichts, er war nicht mehr bei uns.

Ich hatte keine eigenen Vorstellungen. Ich war 14 und wollte auf die Oberschule. Alles andere war mir nicht so wichtig. Eine gleichzeitige Ausbildung zum Facharbeiter war damals jedoch die Bedingung für die Oberschule, wie die Vorbereitung zum Abitur.

Wir gingen zur Berufsberatung, meine Mutter und ich. Auf einem hektografierten Zettel waren die meisten Berufe schon ausgestrichen. Werkzeugmacher und Maschinenbauer waren übrig. Mir war es egal. Unter beidem konnte ich mir nichts vorstellen. Man lernt Feilen, Bohren, Drehen, später kannst du Maschinenbau studieren.

„Du willst doch studieren?“ Der Berufsberater schaute mich an, vorher hatte er nur mit meiner Mutter geredet. Ich nickte vage. „Dann fängst du bei VEB Bergmann Borsig an zu lernen. Am 1. ist Schulbeginn, eine Woche später beginnt die Ausbildung zum Facharbeiter als Maschinenbauer. Viel Erfolg.“

Am einem 8. September fuhr ich mit dem Bus nach Pankow in das große Werk. Traf am Eingangstor unsicher umher blickende Lehrlinge. Wir bekamen blaue Jacken und blaue Hosen vom VEB Berufsbekleidung. Für die Köpfe erhielten wir blaue Schirmmützen. Die Jungs setzten sie verkehrt herum auf. Das machte sie nicht attraktiver. Wir waren wenig Mädchen. Die zu weiten Hosen und die gerade geschnittenen Arbeitsjacken machten uns auch nicht hübscher.

Öde Arbeit und köstliche Buletten

In einer großen Halle, der Lehrwerkstatt, standen lange Reihen von Schraubstöcken. Darunter eine Kiste mit Werkzeugen. Feilen und Feilenreiniger. Schraubenzieher, Hammer. Jeder bekam ein Haarlineal. „Das ist genauer und präziser als jeder Blick des Lehrmeisters“, sagte der Lehrmeister. Dann erhielten wir ein Werkstück aus Metall, das wir mit der Feile gerade feilen sollten. Bald bekamen die ersten Schmerzen im Handgelenk. Eisensplitter im Daumen. Und Hass auf diese öde Arbeit. Die keine Arbeit war, sie galt als Ausbildung. Der Lehrmeister ging herum, kontrollierte die Haltung jedes Einzelnen, korrigierte die Finger, die sich verkrampfend um die Feile legten.

Vor uns war eine große Uhr, deren Zeiger sich immer langsamer bewegte. Kurz nach neun zog Bouletten-Geruch durch die Halle. Die Frühstückspause rückte unendlich langsam näher, bis eine Sirene erscholl, alle die Feilen aus der Hand schmissen und zur Kantine rannten. Zeit zum Händewaschen nahm sich niemand. Diese Bouletten waren die köstlichsten, die ich jemals in meinem Leben gegessen hatte.

15 Minuten Zeit, zwei Bouletten zu essen, aufs Klo zu gehen, zurück zur Werkbank zu eilen, um dann die längste Zeit bis zur Mittagspause weiter zu feilen. Das Werkstück solange zu bearbeiten, bis es die nötige Länge und Breite hatte, um dann deren Oberfläche passgenau zu feilen, bis es beim Betrachten durch den hauchdünnen Streifen des Haarlineals als glatt erschien. Unmöglich. Immer wieder taten sich neue Buckel oder Rinnen auf. Ein Jahr lang, jeden Montag in diese Werkhalle, ein Jahr lang sinnlose Metallstücke, die niemand je gebraucht hat, zurechtzufeilen. Die parallele Handhaltung der Feile kann ich bis heute.

Im zweiten Lehrjahr kamen wir endlich in die Werkhalle, wo die Arbeiter waren und Turbinen herstellten. Jetzt durfte ich, wie mein Bruder mir empfohlen hatte, die Arbeiter kennenlernen. Wieder bekam ich eine Feile in die Hand und sollte ein großes gusseisernes Teil – Wozu diente es? – entgraten. Schon bei dem Wort wurde mir übel. Ich fuhr mit der Hand über die Unregelmäßigkeiten und versuchte diese zu glätten. Über mir fuhr eine „Laufkatze“ ein beweglicher Kran, lautquietschend hin und her und transportierte diese gusseisernen Ungetüme an andere Standorte.

Schüler mit Tornister gehen mit einer Lehrerin in eine Schule.
Schüler mit Tornister gehen mit einer Lehrerin in eine Schule.H. Blunck/imago

Keine Arbeiterklasse, keine produktive Arbeit

Von der Arbeit und dem ungeheuren Krach wurde ich so müde, dass ich, ich hatte es mir bequem gemacht, auf dem gusseisernen Teil, einschlief. Der Lehrmeister stand plötzlich neben mir, schüttelte fassungslos den Kopf und beorderte mich zurück in die Lehrwerkstatt, damit ich unter seiner Kontrolle bliebe. Zurück zu den Metallwerkstücken, um sie zu Quadern zu feilen.

In der Lehrwerkstatt war nur noch David aus der Parallelklasse, der sich ein Attest besorgt hatte, weil seine Hände nicht beschädigt werden durften. Er wollte Pianist werden. Deshalb durfte er Werkzeuge einsortieren. Alle anderen hatten es geschafft, neben den richtigen Arbeitern zu arbeiten. Mir war weinerlich zumute. Keine Arbeiterklasse, keine produktive Arbeit. Feilen hatte ich ein wenig gelernt. Auch wie man schummelt. An der Schleifmaschine konnte man, wenn man vorsichtig das Metallstück unter lautem Gequietsche und Funken sprühend an die Schleifbacken hielt, schnell das gewünschte Maß erreichen und durch Geschicklichkeit an dieser Maschine auch die Buckel und Rinnen begradigen. Erwischen lassen, durfte man sich nicht.

Nun hatte ich doch durch diese Art von Schummelei die nötige Qualifikation, um nun einige Wochen in der Schmiede arbeiten zu dürfen. Hier brannte tatsächlich noch ein Feuer. Unendlich schwere Hämmer, sollte man auf glühende Metallstücke schlagen. Vielleicht machten sich die Männer einen Jux daraus, mich diese Hämmer anheben zu lassen, um dann mein Scheitern zu belächeln. Und großzügig, „na gib ma her Mädchen“, um dann selbst auf das Stück zu hauen. „Du brauchst den Hammer nur hochzuheben, runter fällt er von allein“, lachten sie mich aus.

Vielleicht war ich allein in der Schmiede, während die Männer, unsere Arbeiterklasse, draußen Bier tranken, da wollte ich mir ein Messer schmieden. Zärtlich schlug ich auf das glühende Metallstück, dazu hatte ich dicke Lederhandschuhe an. Ich formte die Klinge, härtete sie mehrfach laut zischen im Eimer mit kaltem Wasser, dann zog ich die Lederhandschuhe aus und prüfte die Schärfe mit dem Daumen. Es war ungeheuer scharf und noch glühend heiß, ein Riss in der Haut tat sich auf, ein sprudelnder roter Quell. Im Nu tropfte mein Blut über den Amboss, von da in die Metallspäne auf dem Boden, während ich noch fasziniert darauf starrte, kam der Schmiedemeister, nahm mich am Arm und bugsierte mich zur Krankenstation. Eine muntere dicke Blutspur begleitete uns. Kaum war ich verbunden, hieß es, da wäre jemand in den Westen abgehauen.

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Kein Ort für Eitelkeit

Das Gelände der Schmiede lag dicht an der Grenze, schon im Sperrgebiet. Das Werk war in Aufregung, niemand hatte wirklich Schüsse gehört, aber es muss jemand doch erschossen worden sein. Es gab sogar Zeugen dafür. Der Schmiedemeister brachte mir noch mein Messer, ansonsten durfte ich die Schmiede nicht mehr betreten. Wieder misslang der Versuch, die Arbeiterklasse näher kennenzulernen. Immerhin war ich krankgeschrieben und brauchte nun, wie David, der Klavierspieler, für eine Weile nicht in der Lehrwerkstatt Metallstücke bearbeiten.

Am Ende jedes Lehrjahres häuften sich meine schlechten Beurteilungen. Beim Lesen spürte man die Seufzer und Verzweiflung unseres Lehrmeisters. „W. fehlt die Intensität und Sorgfalt bei der praktischen Arbeit. Ihr Verhalten ist zeitweilig gleichgültig und nicht immer gut. Sie zeigt keinen Ehrgeiz und wenig Lernbereitschaft.“

Im dritten Lehrjahr durfte ich nun auch Arbeiten an der Bohrmaschine durchführen. Mein Lehrmeister zeigte mir, weil ich schon wieder keine Mütze trug, Fotos von blutigen, halbskalpierten Köpfen, mützenlos ohne den schützenden Schirm, hatten sich die Haare um den rotierenden Bohrer gewickelt,. Die Fotos überzeugten mich, gehorsam zu sein. Auf jegliche Eitelkeiten am Arbeitsplatz zu verzichten.

Das Seltsame war, dass ich trotzdem die Facharbeiterprüfung bestanden habe und tatsächlich, mit dem Abschlusszeugnis hätte Maschinenbau studieren können. Das aber wollte nur einer von uns. Ein dunkelgelockter, großer und kräftiger Junge, dem sogar irgendwann auch die Schutzkappe stand, Manfred G. Die Jungen wuchsen während der vierjährigen Ausbildung an uns Mädchen vorbei in ungeheure Höhen. Er bekam ein Motorrad von all seinen Verwandten geschenkt, zur bestandenen Facharbeiterprüfung. Abwechselnd nahm er uns Mädchen mit auf eine Probefahrt. Dann verunglückte er tödlich. Wir standen auf dem Friedhof und wir Mädchen mussten – wieso weiß ich bis heute nicht – in immer neuen Eruptionen fürchterlich lachen. Es half nicht, ab und zu unsere glutroten Köpfe schamhaft zu senken.

Die Jugendbrigade „August Bebel“ aus der Schmiede bei einer Besprechung mit dem Meister im IFA Autowerk Ludwigsfelde 1980
Die Jugendbrigade „August Bebel“ aus der Schmiede bei einer Besprechung mit dem Meister im IFA Autowerk Ludwigsfelde 1980Wolfgang Mallwitz/imago

Für die Hilfe im Haushalt hat es gereicht

Tatsächlich hatte ich, bei allem Widerwillen, doch einige Fertigkeiten gelernt, etwa wie man Ikea-Schränke zusammenbaut und Fahrräder repariert. Meiner Mutter habe ich oft geholfen, Nägel für ihre Bilder in die Wand zu schlagen. Den Lehrmeister im Ohr: „Erster Schlag vorsichtig, dann beherzt einmal zuschlagen und der Nagel sitzt.“ Ich konnte auch kleine Regale aufhängen, ihre Gardinenstangen befestigen. Ihr Wunsch, ihr im Haushalt zu helfen, ging in Erfüllung. Der Wunsch meines Bruders, die Arbeiterklasse näher kennenzulernen, erfüllte sich nicht. Nur für meinen Lehrmeister entwickelte ich irgendwann ein gewisses Verständnis, weil er die vorübergehende Kampagne des sozialistischen Staates brav erfüllen wollte, unwilligen Oberschülern seinen Beruf beizubringen.

Während sie mir einen Whiskey einschenkte gestand mir meine Mutter eines Tages, als Dank für meine Hilfe, dass auch sie feilen, bohren, schmieden gelernt hatte, um in der Kriegsindustrie in England Kanonen gegen Deutschland zu bauen. Sie war bald aufgestiegen in eine qualifiziertere Position und hatte mit der Mikrometerschraube die englischen Arbeiter kontrolliert. Damit die Teile auch „precise“ werden.

Wera Herzberg, Jahrgang 1948, hat in Berlin studiert. Sie hat an verschiedenen Theatern als Schauspielerin und Regisseurin gearbeitet und war Dozentin für Schauspiel und Regie an Schauspielschulen in Berlin, Potsdam und Hannover.

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