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Pastorenkinder in der DDR: Über Hintertür oder Schlupfloch zum Abitur und an die Uni

Pastorenkinder durften in der DDR nicht studieren. Angela Merkels Biografie und viele andere widerlegen dies als Lüge. Auch unser Autor steht in dieser Reihe.

Angela Merkel empfängt im Jahr 2005 als Bundeskanzlerin die Sternsinger verschiedener Diözesen aus Deutschland in Berlin.
Angela Merkel empfängt im Jahr 2005 als Bundeskanzlerin die Sternsinger verschiedener Diözesen aus Deutschland in Berlin.bonn-sequenz/Imago

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Ich bin getauft und konfirmiert, durfte jedoch weder das Halstuch noch das Blauhemd tragen. Dafür sorgte mein Vater, ein evangelischer Pfarrer in der DDR-Provinz – Protestant im doppelten Wortsinn. Nach heutiger Lesart hätte ich weder Abitur machen noch studieren dürfen. Und doch konnte ich es.

„Deutsche Lebenslügen“, titelte die Berliner Zeitung am 27. November, und unter deren Aufzählung erwähnte die Autorin beiläufig die Legende von den „bildungsgebremsten Pfarrerskindern“, welche auch die Pfarrerstochter Angela Merkel kolportierte. Mich hat man nicht gebremst, wenngleich ich zu bedenken gebe, dass jede Lebensgeschichte – auch solche von Pastorensöhnen und -töchtern in der DDR – einmalig und darum als Sammelbeweis untauglich ist. Wir sollten uns vor absoluten Urteilen hüten.

Mein bereits vor Jahrzehnten verstorbener Vater war vermutlich kein besonders gottesfürchtiger Mensch. Die Not trieb ihn auf die Kanzel, nicht sein Glaube. Wie seit fast zweihundert Jahren Familienbrauch übernahm er als Erstgeborener die Korbmacherwerkstatt seines Vaters, nachdem er aus britischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Die Nazis hatten den Achtzehnjährigen gegen Kriegsende noch in eine Uniform gesteckt und in der Ardennen-Offensive verheizen wollen, doch er überlebte die Schlacht um die „Festung Europa“ (Nazi-Propaganda). Westalliierte und Wehrmacht boten im Dezember 1944 mehr als eine Million Mann dort auf; zwanzigtausend Amerikaner verloren in den Ardennen ihr Leben.

Das Schloss Hartenfels in Torgau an der Elbe
Das Schloss Hartenfels in Torgau an der ElbeFrank Sorge/Imago

Allerlei Ärgernisse mit der Obrigkeit

Mein Vater kehrte also in seine Heimatstadt Torgau zurück und nahm das väterliche Gewerbe wieder auf. Allerdings fiel aus verschiedenen Gründen die Ernte der Weiden – Rohstoff für die Korbproduktion – in den Vierzigerjahren ruinös schlecht aus, weshalb er dem Rat eines Freundes aus Chemnitz, einem Pfarrer, folgte.

Den Bruder in Christo hatte er in der Gefangenschaft kennengelernt und sich mit diesem zu dessen Verwandten nach Hannover in der britischen Zone entlassen lassen. Von dort waren beide über die Demarkationslinie in die sowjetische Zone getürmt. Der Chemnitzer Pfarrer schlug ihm nach drei Missernten vor, das Gewerbe zu wechseln. Im Anschluss an den Besuch des Wittenberger Predigerseminars – das später Friedrich Schorlemmer leiten sollte, was mir dessen Bekanntschaft bescherte – bekam Pastor Werner Schumann drei Dörfer im Kreis Torgau zugewiesen. In jeder Gemeinde stand eine Kirche, am Sonntag verdiente ich mir als Teenager die Füllung für den Mopedtank: je Gottesdienst gab es fünf Mark – das war für drei Choräle und etwas Liturgie auf der Orgel eine ordentliche Bezahlung. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Wie eben auch die Ärgernisse mit der Obrigkeit, die mein Vater als Kirchenmann ausstand – sie passen auf keine Zeitungsseite. Von manchem Ungemach erfuhr ich erst nach seinem Tode, was ihn postum in meinen Augen rehabilitierte. So hatte er beispielsweise eine der drei Kirchen in seinem Sprengel als spätromanisches Bauwerk ausgemacht, es von allem Klimbim des 19. Jahrhunderts befreit und die dreischiffige Pfeilerbasilika in ihrer schlichten Schönheit von anno 1200 mit einem freigelegten großflächigen Fresko aus jener Zeit erstrahlen lassen.

Diese noch heute gerühmte kulturelle Großtat trug ihm sowohl den Vorsitz in einem Festkomitee, das ein Dorfjubiläum vorbereitete, als auch eine niederträchtige Denunziation bei der SED-Kreisleitung ein. Es hieß: „Ein Pfaffe als Leiter einer staatlichen Kommission. Unerhört!“ Im Kreisarchiv fand sich die sachliche Entgegnung meines Vaters, die ihm meine nachträgliche Hochachtung eintrug. Sie war sachlich, frei von Opportunismus oder Anbiederei, klar und überzeugend.

Innenansicht der Kirche in Süptitz
Innenansicht der Kirche in SüptitzFrank Schumann

Und dann kam Zube nach Süptitz. Zube war Bergmann und hatte eine Staublunge. Menschenfreundliche Mediziner im Oelsnitzer Kohlerevier schickten ihn aufs Land, damit er an seinen letzten Lebenstagen frei atmen konnte. Die Genossen meinten, das Nützliche mit dem Notwendigen verbinden zu müssen und machten ihn zum Bürgermeister.

In den Sechzigerjahren wurde alle naselang gewählt. Das Wahllokal – die Schule – lag direkt neben Kirche und Pfarrhaus. An jedem Wahltag schwang sich mein Vater trotzig in den Talar und auf seinen Berliner Roller. Demonstrativ knatterte er an der Schule vorbei, um dann doch kurz vor 18 Uhr hinzugehen. Beim nächsten Wahltag klingelte es bereits kurz vor acht an unserer Tür, und Zube stand grinsend mit einer „fliegenden Wahlurne“ vor der Pforte: „Herr Pfarrer, den Spaß wollen wir uns diesmal sparen.“

Wie Don Camillo und Peppone

Es entwickelte sich zwischen beiden bald ein Verhältnis wie das zwischen Don Camillo und Peppone, jenen beiden Antipoden, die Giovanni Guareschi in Brescello miteinander streiten ließ. Sobald irgendeine Kalte-Kriegs-Nachricht im Rundfunk lief, kreuzte Zube-Peppone bei uns auf und suchte das Gespräch mit Don Camillo. Und als die Friedhofskapelle einstürzte, steckten er und mein Vater die Köpfe zusammen, holten den LPG-Vorsitzenden und den Leiter der Freiwilligen Feuerwehr dazu und beschlossen, gemeinsam und aus eigener Kraft eine neue, größere Kapelle zu errichten – zu Nutz und Frommen aller Dorfbewohner, gläubig wie ungläubig.

Und es begab sich zu der Zeit, dass der Genosse Ulbricht, der bekanntlich aus dem nahen Leipzig stammte, eine Initiative starten wollte, die an das Nationale Aufbauwerk (NAW) anknüpfen sollte. Die Menschen sollten animiert werden, sich für die Verbesserung ihrer unmittelbaren Lebensumwelt zu engagieren, also selbst aktiv werden. Dazu plante der Genosse WU eine Konferenz in Torgau. Und da nichts so sehr überzeugt wie ein gelungenes Beispiel, schwärmten seine Emissäre aus und suchten nach Vorzeigbarem in der Umgebung.

Prompt fanden sie in Süptitz die neue Kapelle. Die Einwände der SED-Kreisleitung (Friedhof, Kirchenbeteiligung, Gottesacker usw.) wischte der führende Genosse mit dem Satz vom Tisch: „Gestorben wird immer, auch im Sozialismus. Wir alle kommen, wenn auch nicht in den Himmel, unter die Erde.“ So geriet das Bauwerk, das noch heute steht, in die „Torgauer Initiative“, aus der später dann die Bewegung wurde „Schöner unsere Städte und Gemeinden – mach mit!“. Irgendwann kam auch ich ins Spiel.

Die Genossen haben ein Problem

Ich besuchte die achte Klasse, in der entschieden wurde, ob man zur Erweiterten Oberschule (EOS) wechselte oder am Ort an der Polytechnischen Oberschule (POS) verblieb und die Mittlere Reife erwarb, also die zehnte Klasse absolvierte. Nun hatten die dafür zuständigen Genossen in der Kreisstadt allerdings ein Problem: Es wollten im gleichen Jahr gleich drei Pastorensöhne an die EOS. Und alle drei waren nicht in der FDJ, was man höheren Ortes als Treubekenntnis verstand. Das lag sichtbar nicht vor. Zube bekam von der Verweigerung Wind. Und kreuzte bei meinem Vater auf. Vorher hatte er mich unbemerkt examiniert.

Alle im Dorf Heranwachsenden verdienten sich „auf der LPG“ Taschengeld: beim Umsetzen der Kühe, beim Rübenverziehen im Frühjahr und im Herbst beim Kartoffellesen. Und im Sommer beim Umschichten des Getreides. Mangels fehlender Lagerstätten wurde mit Gebläse das Korn auf Dachböden gepustet. Das musste regelmäßig mit riesigen Alu-Schaufeln umgeschichtet werde, damit es sich nicht entzündete oder verfaulte. Das Stroh musste ebenfalls per Hand abgeladen und in die Scheune gebracht werden. Besonders unangenehm war die Gerste mit ihren langen Grannen. Meist fuhren die Mähdrescher am Morgen über die Äcker, die Strohballen waren darum feucht und schwer.

Am 30. Juli 1966, einem Samstag, stand noch ein Fuder auf dem LPG-Hof und musste entladen werden. Die Leute, die dazu bestimmt worden waren, hatten sich alle davongemacht – im Fernsehen wurde das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft übertragen. In der sommerlichen Hitze kam Zube mit seinem Rad vorbei, sah mich mit der Forke einsam und allein auf dem Hänger arbeiten und rief nach oben: „Willst du keinen Fußball sehen?“ Doch, natürlich wollte ich.

Zube nickte, zog sein dunkles Jackett mit dem Parteiabzeichen aus und hängte es ans Fahrrad. Es war vermutlich der einzige Anzug, den er besaß. Beim Abladen, in Staub und Grannen gehüllt, röchelte er entsetzlich, dass es mich schmerzte. Aber so sah ich dann noch die zweite Halbzeit und das umstrittene dritte Tor für die Engländer in der Verlängerung, das bis heute diskutiert wird.

Juli 1953: Ernte „auf“ der LPG
Juli 1953: Ernte „auf“ der LPGH. Blunck/imago

Abitur im Blauhemd

Offenkundig hatte ich Zube mit meiner stoischen Standfestigkeit überzeugt. Er klingelte Tage später am Pfarrhaus. „Herr Pastor, ich hörte, da wollen einige nicht, dass ihr Sohn Abitur macht. Sauerei.“ Und dann, so erfuhr ich nach Jahren, schmiedeten sie konspirativ einen Plan, wie man getrennt marschieren, aber vereint siegreich sein würde. Mein Vater wählte den Weg über den Landesbischof und Zube den durchs ideologische Dickicht seiner Partei. Beide waren erfolgreich. Ich kam an die EOS und machte Abitur. Im Blauhemd. Denn irgendwann war ich freiwillig eingetreten. Auch wegen solcher Leute wie Zube, dir mir imponierten.

Dass ich Pastorensohn war, spielte an der EOS überhaupt keine Rolle. Und später, nach dem Abitur, hat mich auch kaum einer danach gefragt …

Nun lässt sich das gewiss nicht verallgemeinern, und ich räume zudem ein, dass Ereignisse, je länger sie zurückliegen, in mildem Licht erscheinen. Gleichwohl zeigt auch diese Geschichte etwas Grundsätzliches: Selbst wenn es Zwänge und Irrationales gab, fand sich immer ein Ausweg, ein Schlupfloch, ein Hintertürchen, eine Brücke. Das war typisch für dieses Land und seine Gesellschaft mit ihren etwa 4000 Pastoren. Doch man musste diese Optionen aktiv suchen, sich um sie bemühen. Chancen bekommt man nirgendwo geschenkt. Aber in der DDR bekamen sie auch „bildungsgebremste Pfarrerskinder“.

Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost.

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