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Es gehört zu den ältesten Regeln der Diplomatie, dass während Verhandlungen die Waffen schweigen. Der jüngste Krieg, ausgelöst am 28. Februar durch den US-israelischen Angriff auf Iran, stellt dieses Prinzip nicht nur infrage – er unterminiert es fundamental. Wer die internationale Ordnung noch als ein System gegenseitiger Berechenbarkeit verstand, muss nun zur Kenntnis nehmen: Diplomatie ist zur taktischen Zwischenstation militärischer Planung geworden.
Der ehemalige US-Botschafter in Saudi-Arabien, Chas Freeman, formulierte es in einem Gespräch mit dem norwegischen Politikwissenschaftler Glenn Diesen offen: Die Verhandlungen mit Iran seien lediglich eine Täuschung gewesen. Wenn der Angriff tatsächlich – wie Freeman unter Berufung auf israelische Quellen berichtete – bereits Monate zuvor beschlossen wurde, stellt sich die Frage, welchen Zweck die parallel geführten Gespräche überhaupt noch hatten.
Dabei war die Ausgangslage keineswegs ausweglos. Gespräche über das iranische Atomprogramm standen offenbar kurz vor substanziellen Fortschritten. Selbst wenn man Iran Misstrauen entgegenbringt – angesichts regionaler Stellvertreterkonflikte, innenpolitischer Repression und Menschenrechtsverletzungen durchaus nachvollziehbar –, bleibt festzuhalten: Fragen nach möglicher Täuschung oder verdeckten Ambitionen sind klassische Gegenstände von Verhandlungen. Sie werden durch Kontrollmechanismen, Inspektionen und Verifikationsregime adressiert. Genau dafür existieren internationale zwischenstaatliche Abkommen, und zur Sicherstellung ihrer Einhaltung gibt es Kontrollbehörden oder Inspekteure vor Ort.
Die religiöse Dimension
Doch der Angriff erfolgte – während verhandelt wurde. Die symbolische und politische Dimension dieses Moments ist kaum zu überschätzen. Mit Ali Chamenei wurde nicht nur ein Staatsoberhaupt getötet, sondern der religiöse Führer und wichtigste schiitische Geistliche des Landes. Ein direkter Vergleich mit dem Papst wäre ungenau, da der Zwölfer-Schiismus kein globales Oberhaupt kennt. Dennoch besitzt der religiöse Führer Irans enorme spirituelle Autorität. Großajatollahs, denen annähernd vergleichbare religiöse Autorität zukommt, sitzen neben Iran auch im Irak und Libanon. In der schiitischen Tradition ist der Märtyrertod jedoch ein zentrales Narrativ – der Tod Chameneis wird zwangsläufig in die Erinnerung an Imam Hussein von Kerbala eingeschrieben werden, verraten und getötet im 7. Jahrhundert.
Der Tod Husseins und sein Aschura-Martyrium gelten Gläubigen als Inbegriff von Opferbereitschaft, Symbol für Widerstand gegen Tyrannei und bilden den emotionalen Kern der schiitischen Identität. Wer die religiös-politische Tiefenstruktur Irans kennt, weiß: Hier wurde vermutlich ein Mythos geschaffen, der weit über Tagespolitik hinauswirkt.
Der Westen mag diesen symbolischen Überschuss unterschätzen oder ignorieren. Für die schiitische Welt aber wird er identitätsstiftend sein – für Jahrzehnte, womöglich für Generationen. Wer die Feindschaft zum Westen in Iran zementieren wollte, hat demnach richtig gehandelt. Es wird abzuwarten sein, ob Europäer und Amerikaner die Folgen nicht noch bereuen werden.
Energie oder Bombe
Hinzu kommt die Frage nach dem iranischen Atomprogramm. Seit mehr als drei Jahrzehnten wird behauptet, Iran stehe kurz vor der Atombombe. Belastbare Hinweise auf eine unmittelbar bevorstehende Bewaffnung wurden jedoch bislang nicht vorgelegt. Iran selbst betont die zivile Nutzung zur Energieerzeugung. Zweifellos werfen die Anreicherungskapazitäten Fragen auf. Doch genau solche Fragen sind Gegenstand von Verhandlungen und Inspektionen.
Die westliche Argumentation, ein rohstoffreiches Land benötige keine Atomenergie, wirkt zudem widersprüchlich. Während europäische Staaten fossile Energien aus Klimaschutzgründen zurückfahren und auf erneuerbare Energien oder Kernkraft setzen, wird Iran faktisch untersagt, einen ähnlichen Weg einzuschlagen. Dabei leidet das Land unter wachsender Bevölkerung, Urbanisierung und zunehmender Trockenheit. Der Energiebedarf steigt. Unabgestimmt wollten die USA zusätzlich auch das iranische Raketenprogramm in die Gespräche einbeziehen.
Aus iranischer Perspektive sind Raketen und Drohnen jedoch zentrale Verteidigungsmittel eines Militärs, dessen Luftwaffe und Panzertechnik größtenteils aus den Siebzigerjahren stammen. Nach dem irakischen Angriffskrieg von 1980, dem Einsatz chemischer Waffen und der Bedrohung durch den IS im Westen und die Taliban im Osten ist die Logik der Abschreckung tief im sicherheitspolitischen Denken der Staatsführung verankert – ebenso wie eine Paranoia gegenüber von außen gesteuerten Unruhen.
Diplomatie im Schredder
Der Angriff während laufender diplomatischer Verhandlungen in Oman und unter Beteiligung hochrangiger Delegationen – darunter Jared Kushner, dem Schwiegersohn des US-Präsidenten Donald Trump, und dessen Sondergesandten Steve Witkoff, beide auch tätig auf anderen nahöstlichen Konfliktfeldern, Witkoff aber vor allem auch im Ukraine-Konflikt – sendet daher ein Signal, das weit über Teheran hinaus gehört werden wird: Wer verhandelt, ist nicht geschützt. Stattdessen: Wer verhandelt, ist womöglich verwundbarer. Der Verhandelnde legt seine Möglichkeiten offen, während der andere insgeheim längst den Verrat plant. Freeman spricht in diesem Zusammenhang von einer Erosion der internationalen Ordnung.
Die Reaktion Europas verstärkt dieses Problem. Deutschland, Frankreich und Großbritannien verurteilten die iranischen Gegenangriffe, nicht jedoch die ursprüngliche militärische Eskalation. Eine solche asymmetrische Bewertung wird nicht nur in Teheran registriert, sondern auch in Ankara, Moskau und Peking. Werden Ursache und Wirkung verwechselt oder selektiv benannt, geht moralische Autorität verloren. Russland und China wiederum, denen der Westen regelmäßig Vertragsbruch und Aggression vorwirft, agieren in diesem Fall auffallend zurückhaltend. Trotz enger wirtschaftlicher Beziehungen zu Iran beschränken sie sich bislang auf diplomatische Unterstützung.
Gerade dies wirft eine wichtige Frage auf: Was lernen andere Großmächte aus einem Westen, der während laufender Verhandlungen militärisch angreift? Wenn ein Abkommen wie das iranische Atomabkommen 2018 einseitig aufgekündigt wird und Gespräche nun erneut in militärische Gewalt münden, stellt sich die Frage nach der Verlässlichkeit diplomatischer Zusagen.

Aus Verzweiflung die ethnische Karte spielen
Dem amerikanischen Präsidenten mögen die Ergebnisse zukünftiger Diplomatie gleichgültig sein, die anstehenden Zwischenwahlen werden es nicht. Er braucht einen schnellen Sieg. Die gestreuten Gerüchte, Iran wolle verhandeln, wurden von diesem umgehend zurückgewiesen. Eigene Bodentruppen einzusetzen scheut sich die amerikanische Administration. Stattdessen werden aktuell angeblich kurdische Milizen im iranischen Nordwesten ermuntert, sich zu bewaffnen und gegen die Zentralregierung vorzugehen. Das wäre die Syrianisierung des Konflikts!
Iran ist ein Vielvölkerstaat mit mehr als zwei Dutzend Ethnien, die teilweise Rechnungen offen haben, die Jahrzehnte und noch länger zurückreichen. Abgesehen von der Frage, ob die Kurden sich nach dem amerikanischen Verrat zuerst im Irak und dann in Syrien noch einmal als Kanonenfutter vor den westlichen Kriegskarren spannen lassen wollen, wird es wohl eine Frage des Preises für ihre Anführer sein. Die Folge wäre aber ein ungeahntes Blutvergießen. Iran ist größer, mit über 80 Millionen Menschen bevölkerungsreicher, ethnisch differenzierter als Syrien. Noch dazu reicher. Jede Partei hat unendlich viel zu gewinnen – oder zu verlieren.
Kurdische Milizen unterscheiden sich äußerlich nicht von Parsen und anderen. Die regierungstreuen Einheiten dürften mit einer gewissen Großzügigkeit vernichtend gegen jeden vorgehen, den sie des Widerstands oder der Kollaboration verdächtigen. Die Milizen indes würden plündern und rauben, was immer sie finden. Wer das anstrebt, wird vermutlich sogar die marxistischen Mörderbanden der Volksmudschahedin in den Kampf schicken. Das Ergebnis wäre buchstäblich ein weiterer westlich verantworteter Bürgerkrieg mit völkermordendem Charakter.
Vertrauen und Wertebasis als Schattenspiel
Diplomatie lebt von Vertrauen in Verfahrensregeln. Wird diese Grundlage zerstört, entsteht ein rationaler Anreiz zur Aufrüstung. Nicht zur Abrüstung. Der gegenwärtige Krieg ist daher mehr als ein regionaler Konflikt. Er ist ein Testfall für die Glaubwürdigkeit westlicher Außenpolitik. Er betrifft nicht nur die Frage eines möglichen Regimewechsels in Iran oder die Gefahr eines Bürgerkriegs. Er betrifft die strukturelle Zukunft internationaler Verhandlungen. Wenn selbst laufende Gespräche keinen Schutz mehr bieten, wenn militärische Überlegenheit als Ersatz für politische Kompromisse gilt, wenn die Zahl ziviler Opfer sekundär erscheint, dann wird die logische Reaktion vieler Staaten lauten: maximale Abschreckung – notfalls nuklear.
Die Beispiele aus Libyen, Irak, Afghanistan oder Syrien stehen als warnende Kulisse im Hintergrund. Entwaffnung und „Nation Building“ führten dort nicht zu Stabilität, sondern zu langfristiger Destabilisierung, Terror, Bürgerkrieg und wirtschaftlichem Zusammenbruch.


