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Nachfolgekrise im Handwerk: Hunderttausende Betriebe drohen zu verschwinden

Das deutsche Handwerk steht vor einem tiefgreifenden Generationenwechsel. Gelingt der nur in Ansätzen, wie zu befürchten ist, hätte dies fatale Folgen.

Nach Schätzungen müssen in den kommenden fünf Jahren rund 125.000 Handwerksbetriebe übergeben werden.
Nach Schätzungen müssen in den kommenden fünf Jahren rund 125.000 Handwerksbetriebe übergeben werden.Manuel Kamuf/Imago

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Das Handwerk steht vor einem historischen Generationenwechsel. In den kommenden fünf Jahren müssen nach Schätzungen des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen e.V. (ihf) rund 125.000 Handwerksbetriebe übergeben werden.

„Schon heute ist nahezu jeder vierte Betriebsinhaber älter als 60 Jahre. Es geht dabei längst nicht nur um einzelne Betriebsübergaben. Es geht um die Zukunft einer ganzen Wirtschaftsstruktur“, sagt Dirk Palige, Geschäftsführer vom Zentralverband des Deutschen Handwerks. Gelingt es nicht, ausreichend Nachfolger zu gewinnen, verliert Deutschland längst nicht nur Betriebe im eigentlichen Sinn. „Wir verlieren Erfahrung, Beschäftigung, Ausbildungsorte, Innovationskraft und ein Stück wirtschaftlicher Heimat. Denn jeder Betrieb, der seine Tore mangels Nachfolge schließt, reißt eine Lücke, die weit über den Betrieb selbst hinausgeht“, warnt Palige.

Menschen spüren das folglich durch längere Wartezeiten und weniger Auswahl. In einer Stadt mit hoher Nachfrage werden solche Kapazitätsverluste besonders schnell spürbar – etwa bei Ausbau, Gebäudetechnik sowie Reparatur- und Wartungsleistungen.

Den ländlichen Bereich trifft es noch härter

Obwohl die Lage im urbanen Raum schon äußerst angespannt ist, so trifft es den ländlichen Bereich sogar noch härter. „Dort treffen kleinere Betriebsstrukturen, demografischer Wandel und die Abwanderung junger Fachkräfte oft unmittelbar aufeinander. Findet sich dort keine Nachfolge, verschwindet häufig nicht nur ein Betrieb, sondern ein Stück regionale Infrastruktur“, sagt Palige. Denn Handwerksbetriebe sind gerade außerhalb der Ballungsräume ein unverzichtbarer Teil der örtlichen Versorgung und wirtschaftlichen Stabilität.

Was das im echten Leben bedeuten kann: Schließt eine der wenigen Kfz-Werkstätten vor Ort, müssen Kunden plötzlich viele Kilometer bis zur nächsten Reparaturmöglichkeit fahren. Fehlt einem Heizungs- oder Sanitärbetrieb der Nachfolger, so fehlen schlagartig nahe gelegene Ansprechpartner für Heizungsausfälle oder dringende Reparaturen. Bei möglichen Heizungsausfällen zur Winterzeit kommt der örtliche Installateur plötzlich nicht mehr innerhalb weniger Stunden. Auch bei einem Wasserrohrbruch im Bad würde ein regional ansässiger Installateurbetrieb gewöhnlich kurzfristig reagieren. Fällt dieser jedoch weg, müssen erst Firmen aus der Stadt kontaktiert werden, was die Reaktionszeit deutlich verlängert und aus einem kleinen Defekt schnell einen größeren Schaden werden lässt.

Übergaben dauern Jahre – rechtliche Hürden bremsen

Eine Betriebsübergabe ist selten innerhalb weniger Monate abgeschlossen. Meist bedeutet dies einen Prozess von mehreren Jahren. Allein die Suche nach der passenden Nachfolge bedeutet einen großen Zeitaufwand. „Hinzu kommen Unternehmensbewertung, Finanzierung, Vertragsgestaltung und eine Phase geordneter Einarbeitung“, sagt Palige.

Zusätzliche Komplexität entsteht, wenn Übergaben durch organisatorische und regulatorische Vorgaben erschwert werden. „In der Praxis erleben wir immer wieder, dass bei einem Inhaberwechsel bestehende Genehmigungen, Auflagen oder betriebliche Gegebenheiten plötzlich neu bewertet werden. Das verursacht zusätzliche Kosten, verlängert Prozesse und schafft Unsicherheit, gerade in einer Phase, in der Planungssicherheit besonders wichtig wäre“, so der Geschäftsführer des ZDH.

Gerade in Berlin könne der Standort laut Handwerkskammer zusätzlich zum Risikofaktor werden: etwa durch Mietvertragslaufzeiten, Flächenverfügbarkeit, Umnutzungs- und Genehmigungsthemen, Liefer- und Parksituationen oder Auflagen. Für Nachfolger zähle deshalb neben den Zahlen oft ganz praktisch, ob der Betrieb am Ort überhaupt stabil weiterführbar ist.

Dirk Palige, Geschäftsführer vom Zentralverband des Deutschen Handwerks
Dirk Palige, Geschäftsführer vom Zentralverband des Deutschen HandwerksSven Simon/Imago

Bürokratie und Fachkräftemangel als Belastungsfaktoren

Kosten, Risiken und Finanzierung sind zentrale Entscheidungsfaktoren. Eine Übernahme bedeutet häufig Investitionen (Maschinen, Fuhrpark, IT und Modernisierung), zeitgleich aber auch laufende Belastungen (Personal, Energie, Miete). „Übernehmende brauchen daher Klarheit über Investitionsbedarf, Ertragskraft und Risiken wie Altverbindlichkeiten, Gewährleistungsfälle oder offene Forderungen. Unterstützung gibt es grundsätzlich über Banken, Bürgschaftslösungen und Förderinstrumente“, erklärt Arne Lingott von der Handwerkskammer Berlin. Wie wirksam das ist, hänge aber stark davon ab, ob der Betrieb bankfähig aufbereitet ist – mit plausibler Planung, nachvollziehbaren Auswertungen, sauberer Nachkalkulation und einem realistischen Übergabemodell.

Auch Bürokratie, Fachkräftemangel und wirtschaftlicher Druck sind Faktoren, die sich gegenseitig negativ verstärken. „Wer einen Betrieb übernimmt, übernimmt heute neben diesem auch eine hohe Komplexität an Pflichten – von Dokumentation über Arbeitsschutz bis zu Nachweisen und teils Vergabethemen – und muss parallel dazu Personal gewinnen und binden“, so Lingott. Das erhöht die Risiko- und Belastungslage. In Berlin verschärfen hohe Wohn- und Lebenshaltungskosten sowie der Wettbewerb mit anderen Branchen die Personalfrage zusätzlich.

Die vergangenen Jahre waren von außergewöhnlichen Belastungen geprägt: Pandemie, Materialengpässe, instabile Rohstoffmärkte, massive Energiepreissteigerungen und eine zuletzt deutlich gestiegene Zahl an Unternehmensinsolvenzen. Wer heute unternehmerische Verantwortung übernimmt, muss deshalb unter deutlich schwierigeren Bedingungen kalkulieren als noch vor einigen Jahren. „Es braucht daher eine Entlastung durch schlankere Verfahren, mehr digitale Standards und im Betrieb selbst mehr Professionalität bei Kalkulation, Planung und Führung, damit Selbstständigkeit attraktiv und machbar bleibt“, sagt Lingott.

Wertewandel junger Menschen

Die Frage nach der Nachfolge im Handwerk wird häufig vorschnell mit mangelnder Bereitschaft junger Menschen zur Verantwortung erklärt. Tatsächlich zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Bei der Handwerkskammer Berlin beobachtet man weniger eine „Scheu vor Verantwortung“, sondern veränderte Erwartungen an Arbeit und Führung: Planbarkeit, Teamorientierung, faire Arbeitszeiten und moderne Arbeitsbedingungen würden eine größere Rolle spielen. „Viele junge Fachkräfte fragen, ob Selbstständigkeit möglich ist, ohne dauerhaft an die Grenze der Belastbarkeit zu gehen; das ist ein Signal, dass Betriebe übernahmefähiger werden, wenn sie Prozesse standardisieren, Verantwortung verteilen und digital organisieren“, so Lingott.

Auch die Ausbildung selbst kann sich bereits positiv auf die Nachfolgebereitschaft auswirken. „Vor allem, wenn früh Einblicke in Kalkulation, Kundenkommunikation, Führung und Unternehmertum entstehen – und wenn junge Leute erleben, dass Handwerk professionell und modern geführt werden kann“, so der Abteilungsleiter Betriebsberatung der Handwerkskammer Berlin.

Moderne Strukturen machen Übernahmen attraktiver

Betriebsübergaben werden attraktiver, wenn Verantwortung und Risiko schrittweise wachsen und nicht alles auf einmal übernommen werden muss. Bewährt haben sich laut Experten Stufenmodelle, bei denen zunächst die operative Leitung übernommen wird und später Firmenanteile folgen. Ebenso funktionieren Beteiligungsmodelle für Meister oder Führungskräfte. Auch Modelle, bei denen ein Teil des Kaufpreises erst aus zukünftigen Gewinnen bezahlt wird, gelten als sinnvoll. „Zusätzlich können Kooperationen helfen, bei denen etwa Verwaltung oder Einkauf gemeinsam organisiert werden. Solche Modelle helfen, Wissen im Betrieb zu halten, Schlüsselpersonal zu binden und die Finanzierung schrittweise tragfähig zu machen“, sagt Lingott.

Die Übernahme eines Betriebs hängt aber nicht nur von wirtschaftlichen Kennzahlen ab, sondern zunehmend auch davon, wie modern und gut organisiert ein Unternehmen aufgestellt ist. Gerade digitale Strukturen spielen dabei eine wichtige Rolle. „Digitalisierung ist für die Attraktivität einer Übernahme ein echter Hebel, weil sie Führung planbarer macht: transparente Zahlen, saubere Angebots- und Rechnungsprozesse, verlässliche Einsatzplanung, digitale Baustellendokumentation und professionelle Kundenkommunikation“, sagt Lingott.

Potenzielle Übernehmer eines Betriebs prüfen zunächst, ob sie ein funktionierendes System übernehmen oder zunächst grundlegende Strukturen schaffen müssen. Attraktiv wird ein Betrieb besonders dann, wenn er organisatorisch und digital so aufgestellt ist, dass er trotz Fachkräftemangel effizient und verlässlich geführt werden kann. So gewinnt der Satz „Handwerk hat goldenen Boden“ heutzutage immer mehr an Bedeutung.

Markus Keimel ist freier Journalist, Künstler und Autor aus Österreich.

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