Open Source

Der Berliner Sender Radio Orient: „Dieser Tag veränderte bei uns alles auf einen Schlag“

Die Gründer des Radiosenders wollen Brücken zwischen den Kulturen bauen. Von dieser Absicht lassen sie sich trotz einiger Rückschläge nicht abbringen.

Radio Orient ist seit 2020 „On Air“.
Radio Orient ist seit 2020 „On Air“.Zoonar.com/Marvin Samuel/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Sie hören gern „Cheb Nacim“ von Moul Djalabe? Vielleicht lieber die sanfte Stimme von Souad Massi, wie sie „Ghir Enta“ singt? Oder Sie lieben das ruhige „Amel chante la Méditerranée“ aus Souvenirs d’Al-Andalus mit Gitarrenbegleitung? Willkommen im Orient. Die Vielfalt der orientalischen Musik ist gleichzeitig das Programm von Radio Orient.

Seit rund neun Monaten ist der Sender auch auf UKW zu hören und nicht mehr nur auf DAB+, dem digitalen Nachfolger von UKW. „Das macht einen Riesenunterschied, denn viele Radios empfangen auch heute nur UKW“, sagt Mesut Türkmen, einer der Gründer des neuen arabischen Radios in Berlin.

Die Entstehungsgeschichte des Senders reicht zurück ins Jahr 2019. Da hatte Türkmen, der an der Technischen Universität Berlin Verkehrstechnik studierte und heute im Bildungssektor arbeitet, die Idee, einen arabischsprachigen Radiosender zu gründen. Die Sendelizenz erhielt man im Jahr 2020 von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg. 40.000 Euro waren das Startkapital der GmbH der vier Gründer; nach und nach flossen aber noch einige hunderttausend Euro in den Sender, berichtet Türkmen.

Erster Sendetag zu Beginn des Corona-Lockdowns

Jeder der vier Gesellschafter hat ein eigenes, mittelständisches Unternehmen. Einer ist Bauunternehmer, einer hat eine Prüforganisation für Kraftfahrzeugtechnik, einer hat eine Agentur für Werbemittel und dann ist da noch Mesut Türkmen, der im Bildungsbereich arbeitet. „Am 18. März 2020 haben wir angefangen zu senden. Das Datum weiß ich auswendig, denn an diesem Tag wurde der erste Lockdown in Deutschland von Frau Merkel ausgerufen“, sagt Türkmen.

Damit waren die hoffnungsvollen Anfänge erst einmal durchkreuzt. Radio Arabica, wie der Sender am Anfang noch hieß, erhielt keine öffentlichen Gelder und hielt sich hauptsächlich mit Werbeeinnahmen über Wasser. Rund zwölf Mitarbeiter mussten bezahlt werden, doch die Einnahmen waren dank der Corona-Pandemie gleich null. Am Anfang war die Programmsprache Arabisch. „Wir haben dann aber gemerkt, dass wir viele Hörer aus der Türkei, Indien oder auch Deutschland haben, die kein Arabisch verstehen“, so Türkmen. Nach einigen Jahren habe man sich dann entschlossen, auf Deutsch zu senden.

Ein weiterer Grund war der Umstand, dass das Radio sich als Brückenbildung zwischen den Kulturen sieht. Und die Brücke zwischen der deutschen und der arabischen Kultur ist, wenn es nach Türkmen geht, noch ausbaufähig: „Die, die uns noch nicht kennen, beziehen ihre Informationen immer noch aus den Ursprungsländern, auch wenn sie schon lange in Berlin wohnen. Und welche Qualität diese Information hat, darüber müssen wir nicht lange reden.“ Für die Medienanstalt Berlin-Brandenburg war dieser Mangel der ausschlaggebende Punkt, Radio Orient die Sendelizenz zu erteilen.

Abseits von Dur und Moll

Was die orientalische Musik im Allgemeinen anbetrifft, teilen sich die Auffassungen der europäisch geprägten Ohren. Denn die arabische Musik klingt anders, weil sie auf anderen Tonskalen aufbaut. Statt Dur und Moll und den zwölf gleichmäßig verteilten Halbtönen pro Oktave verwendet sie Mikrointervalle, zum Beispiel Vierteltöne. Das hat den Effekt, dass sie für europäische Ohren erst einmal schief klingt. Außerdem sind die orientalischen Musiktraditionen stärker melodisch und modal, die europäische Musik baut hingegen auf Akkorden und Harmonie auf. Das Fremde wird verstärkt durch andere Klangfarben der orientalischen Musik und eine andere Rhythmik.

Von der jährlichen Radionutzermessung, die wichtig für den Anteil am Werbekuchen ist, verspricht sich Türkmen kaum etwas. Dort werden nämlich nur Radiohörer angerufen, die ein Festnetztelefon haben – etwas, was in der jungen und ausländisch geprägten Hörerschaft des Senders eine absolute Seltenheit ist. Deshalb erhalten Sender wie Radio Orient von diesem Kuchen nichts, die Radiohörerreichweite ist nach dieser Messung nahe Null. „Archaisch, sehr archaisch“, meint Türkmen.

Am Anfang sendete Radio Arabica jeden Morgen eine Morning Show. Der Rest der Zeit lief Musik: arabische Lieder aus verschiedenen Ländern und Musik aus Israel. Das ging bis zum 7. Oktober 2023. „Dieser Tag veränderte bei uns alles auf einen Schlag“, berichtet Türkmen. Es gab auf einmal ernstzunehmende Drohungen gegen die Mitarbeiter von Radio Arabica. Deshalb wurden alle Fotos der Mitarbeiter von der Internetseite gelöscht, auch das Impressum. Man fürchtete – nicht ganz zu Unrecht – Anschläge auf den Sender. Israel war auf einmal der große Feind.

Dabei war der Sender nie religiös oder extrem. Man setzte immer auf eine neutrale Musikmischung und Features aus dem Orient. „Bei den Muslimen gibt es unzählige Richtungen, die untereinander verfeindet sind und zum Teil auch extrem. Davon haben wir uns immer schon distanziert, wir wollten neutrale Wortbeiträge und Nachrichten. Wir haben schon immer mit dpa gearbeitet und nicht mit Al Jazeera oder Ähnlichem“, sagt Türkmen. Anfragen von gewissen Vereinen oder Moscheen aus Berlin, die gern ins Programm wollen, werden rundherum abgelehnt. Seit Oktober 2023 ist auf Radio Orient keine Musik aus Israel mehr zu hören. Dieses Zugeständnis musste der Sender machen.

Läuft auf Radio Orient: die algerische Sängerin Souad Massi
Läuft auf Radio Orient: die algerische Sängerin Souad MassiGökhan Balcı/Imago

Ein komplizierter Werbemarkt

Die Wortbeiträge auf Radio Orient, die sich zum Teil auch als Podcast zum Beispiel auf Spotify abrufen lassen, sind vielfältig. Da erzählt eine polnische Dolmetscherin von ihrem schwierigen Start in Berlin und ihrer Liebe zur brandenburgischen Gelassenheit; Pflegekräfte aus dem Tschad, die jetzt im Barnim tätig sind, sprechen über ihre neue Heimat; der älteste Sohn der Al-Sukaris, der von Damaskus nach Luckenwalde geriet, berichtet von seinem zwiegespaltenen Verhältnis zu der brandenburgischen Kleinstadt. Und der Jude Yotam Roth und der Palästinenser Yousef Hammoudah, die in Berlin die Galerie Fotografiska aufgemacht haben, sprechen über das Konzept der Galerie. Beiträge, die es durchaus wert sind, ein größeres Publikum zu erreichen.

Der Werbemarkt im arabischstämmigen Bereich ist laut Türkmen äußerst schwierig. Die arabischen Unternehmen in Berlin wollen ihr Geld meist für sich behalten und zeigen kaum Interesse an Werbemaßnahmen. Radio Orient ist bis jetzt im Berliner Stadtbild fast unsichtbar. Das soll sich in naher Zukunft ändern, verspricht Türkmen. Außenwerbung ist in Planung, einige aserbaidschanische Restaurants in Berlin hätten auch schon Werbeschaltungen angefragt.

Das Potenzial für Radio Orient ist groß. Und mit jedem Beitrag, jeder Sendung und jedem neuen Hörer wächst ein kleines Stück der Brücke, die Mesut Türkmen von Anfang an bauen wollte.

Dirk Engelhardt hat Publizistik und Nordamerikastudien an der FU Berlin studiert. Seit 1994 arbeitet er als freier Journalist für verschiedene Zeitungen und schreibt Reisebücher.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.