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Abiturient und Boxprofi: Der Berliner Darian Strehse ist der etwas andere Teenager

Darian Strehse ist erst 17 – und seit einem halben Jahr Boxprofi. Sein Erfolgsrezept: Das Toptalent trainiert mit Erwachsenen. Ein Sparringbesuch.

Darian Strehse attackiert den Tschechen Pavel Hermann mit einer linken Geraden.
Darian Strehse attackiert den Tschechen Pavel Hermann mit einer linken Geraden.Torsten Helmke/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Dumpfe Töne rollen durch den Ring über die Seile: „Bampf“, „Paff“ – und noch einmal „Paff“, „Bampf“. Zwei Haken mit der Rechten, einer mit der Linken. Schläge, die in der Doppeldeckung hängen bleiben. Der Ältere, Größere, Schwerere kontert nach der Kombination des Jüngeren, Kleineren, Leichteren mit einem Aufwärtshaken: „Fwuusch.“ Er geht ins Leere, schafft aber Raum. Der Konternde setzt nach, drängt seinen Kontrahenten mit der linken Führhand in die Seile. Eine Sequenz aus dem Sparring – vier Runden à drei Minuten. Gegenüber stehen sich: Darian Strehse und Rico Müller.

20 Jahre und 15 Kilogramm trennen sie. Strehse, 17, drei Fights, drei Knock-outs. Müller, 37, 41 Kämpfe, 35 Siege. Zwei Erfahrungswelten im Ring – ein ungleiches Paar im Clinch. Ein Lehrstück zwischen Routinier und Newcomer – kontrolliert, mit angezogener Handbremse. Aber: Ein Teen als Profi – geht das?

Ja, das geht. Und wie. Intensiv beäugt vom Trainerduo: Carsten Strehse (52) und Michel Trabant (47). Der Vater des Jungen zückt sein Foldable Phone, klappt es auf, richtet die Linse aufs weitere Kampfgeschehen, hält Szenen fest für später. Neben ihm lehnt der Ex-Europameister am Seil, beobachtet konzentriert.

Michel Trabant, ehemals ein ausgezeichneter Boxer, ist jetzt als Coach aktiv.
Michel Trabant, ehemals ein ausgezeichneter Boxer, ist jetzt als Coach aktiv.Camera 4/imago

Und korrigiert aus der Ecke: „Dari, bleib in der Ringmitte“, ruft Trabant seinem Schützling zu. In der Rundenpause beugt er sich zu ihm: „Sobald er steht – Jab. Versuch’s, meen Kleener.“ Darian nickt, ruckelt den Kopfschutz mit den Wangenpolstern zurecht. Das Signal der Zeitnahme schrillt – Runde zwei. Müller zieht das Tempo an. Strehse wechselt die Auslage, links, rechts – ein taktischer Move, um Müller aus dem Rhythmus zu bringen. „Schön geblockt“, ruft Trabant. Der Junge rackert. Dritte Runde. Die Intensität bleibt hoch. Müller drückt erneut. „Dreh dich raus“, ruft Trabant. Strehse pariert, sucht Distanz. Noch eine Runde.

Sichtbare Zeichen der Deckungsarbeit

In der Pause holt Vater Strehse ein Liquid Gel aus der Sporttasche, schraubt es auf, hält es ihm hin. Ein Kraftspender. Letzte drei Minuten. Darian zieht den Tiefschutz nach unten, richtet die Hüftpolsterung – weiter. „Komm, komm, schnelle Hände, Dari.“ Der Junge mobilisiert seine Reserven. „Du bist zu verkrampft – steh ordentlich, Digga“, sagt Trabant, fast fürsorglich. Beim Signalton zum Rundenschluss hebt der Coach die Arme: „Reicht, Jungs. Gut gemacht, danke.“

Darian hält sich wacker, hält stand – und er trägt Spuren davon. Rötliche Striemen ziehen sich über den Rücken, zwei, drei quer über die Schulterblätter. Sichtbare Zeichen der Deckungsarbeit an den Seilen. Eine Übungseinheit im Grenzbereich. „Darian, war das härter als deine Profifights?“, lautet die Frage. Das Toptalent, tief Luft holend, richtet sich auf, presst die Handschuhe in die Hüften – und sagt schmunzelnd durch den Zahnschutz: „Absolut“ – und verschwindet unter die Dusche.

An einem Samstagmittag um halb eins Mitte März. In Lichterfelde, rund 60 Kilometer nördlich von Berlin. Ein historischer Ortsteil der Gemeinde Schorfheide. Ein Kreuzangerdorf, eine Feldsteinkirche, ein Herrenhaus – und abseits der Dorfstraße das moderne Trainingszentrum des örtlichen Box- und Sportvereins.

In der Mitte des Gyms steht ein roter Hochring, umgeben von Sandsäcken, Spiegelwand und Kraftbereich. Alles wirkt funktional und klar strukturiert – ein professionelles Sports Lab. Das war nicht immer so. Die Halle war früher ein Aktenlager, davor ein Gartencenter, erzählt Peter Kories, der vor Trainingsbeginn auf eine Stippvisite vorbeischaut. Projektgründer, Urberliner – bodenständig und ohne Allüren. Ein Unternehmer aus der Baubranche – und jemand mit einem Faible für Boxsport und sozialem Engagement. Nach dem Umbau wurde das Zentrum Anfang 2024 eröffnet. Weitere Anbauten im Außenbereich sollen folgen, sagt Kories stolz.

Für Hertha BSC im Seilquadrat

Bei der Eröffnung stand Darian im Ring, erzählt der Vater. Sein Sohn war das erste Vereinsmitglied. Vater Strehse ist für die Athletik zuständig, Familienfreund Trabant für die Boxtechnik. Eine kollegiale Aufteilung der beiden, die sich seit Jahrzehnten kennen, die früher als Amateure für die Boxabteilung von Hertha BSC im Seilquadrat standen. Darian Strehse und Rico Müller sind nicht die Einzigen in der Trainingsgruppe. Gurgen Hambardzumyan gehört dazu, ein erfolgreicher ehemaliger Amateur, und seit Jahren schon Profi mit reiner Weste. Und dann ist da noch Hamzat Katciev. Ein Boxinfluencer mit 1,2 Millionen Followern auf TikTok. Einer, der wie einige Berufskollegen bald ins Profibusiness einsteigen wird. Ein illustres Quartett.

Für den Jungspund im Team sind Sparringsduelle mit arrivierten Akteuren nichts Neues. „Darian sparrt bereits seit seinem 13. Lebensjahr mit erwachsenen Profis“, erzählt Vater Strehse, während er sein Smartphone in die linke Hosentasche seines schwarzen Trainingsanzugs verstaut. Der Spross konnte kaum laufen, da wollte er sich schon „kabbeln“. Mit zwei, drei Jahren hieß es: „Papa, boxen.“ Sein Vater hielt die Pratzen, der Junge ahmte die Schläge nach, die er beim gemeinsamen Fernsehgucken von Faustkämpfen gesehen hatte. Weiter auspowern konnte er sich im Kinderzimmer – am Mini-Boxsack. Das Motto von Darian Strehse: „Born 4 Battle.“

Wobei Boxen nicht der erste Kampfsport war. Jüngster in der Ju-Jutsu-Nationalmannschaft, Berliner Meister, Vize-Deutscher Meister im Brazilian Jiu-Jitsu, Taekwondo-Braungurt, Ringerabzeichen. Variabilität sei ein Vorteil, vor allem athletisch, sagt Carsten Strehse. Die besten Berufsboxer haben eine generalistische Ausbildung, spezialisierten sich erst später.

Mit elf, zwölf Jahren entschied sich Darian fürs Boxen – „den Sport, den ich immer am meisten geliebt habe“. Ein Athlet, der sechsmal die Woche trainiert, wenn es Schule und Prüfungsstress zulassen.

Ein Athlet, der sechsmal die Woche trainiert, wenn es Schule und Prüfungsstress zulassen: Darian Strehse.
Ein Athlet, der sechsmal die Woche trainiert, wenn es Schule und Prüfungsstress zulassen: Darian Strehse.Torsten Helmke/imago

Ein Teenie im Profisport polarisiert

Er besucht ein musikbetontes Gymnasium, spielt Gitarre und Klavier, mag Englisch und Geschichte. Ob er später studiert? Sicher. Vielleicht Geisteswissenschaften, vielleicht Immobilienwirtschaft. Jetzt zählt erst einmal das Abitur – „unter 2,0“, hofft er. Und er weiß: Ohne die Unterstützung seiner Eltern, seiner Freunde, seiner Freundin und durch Sponsoren wäre all das kaum möglich – zumindest nicht in dieser Form.

Und nein, die Geschichte von Darian Strehse ist kein Ghetto-Epos. Er wohnt bei seinen Eltern in Frohnau, einem Ortsteil von Reinickendorf. Als Gartenstadt konzipiert, geprägt von Villen, Landhäusern und Einfamilienhäusern – dazu viel Grün, Waldnähe. Frisch geduscht und frisiert kommt Darian Strehse aus dem Bad und steuert zielstrebig die kleine Sitzecke neben dem Eingang an – ein paar Drehstühle, ein Zweisitzer, ein Tisch. Er ist bereit zum Abschlusstalk – und nimmt Platz auf einem der Drehstühle.

Helles Sweatshirt, dunkle Jeans, weiße Sneaker – ein lässiger Look. Das kastanienbraune Haar an den Seiten und im Nacken ausrasiert, nach oben hin stufenlos länger. Ein jugendtypischer Schnitt.

Jubel hier, Zweifel dort: Ein Teenie im Profiboxen polarisiert. Wie reagiert er darauf? Gelassen. Die Kritik kennt er. Manche halten es für fahrlässig, im Teenageralter schon Profi zu werden – die Physis sei noch nicht ausgereift, sagen sie. Darian Strehse hört sich das an, ohne die Stirn zu runzeln. Er verstehe diese Bedenken, erklärt er, aber bei ihm laufe nichts unkontrolliert. „Wir gehen jeden Schritt bewusst“, sagt er. Sein Team sei erfahren, die sportmedizinischen Checks Routine. Sein Aufbau, betont er, sei technisch wie körperlich präzise geplant – nicht jugendlicher Leichtsinn, sondern eine Laufbahn, die wissenschaftlich begleitet wird.

Lampenfieber? Das kennt er nicht

Wacher Blick, weiche Gesichtszüge, wendiger Körperbau. Der junge Strehse gestikuliert oft im Gespräch. Er führt etwa Daumen, Zeige- und Mittelfinger spitz zusammen, betont damit seine Aussagen. Es sind reife Aussagen. Lampenfieber? Das kenne er nicht. Warum auch? Er liebe es zu kämpfen, Kräfte zu messen, zu siegen. Und Angst vor einer Niederlage? „Eigentlich nicht.“

Prognosen sind schwierig, aber: Wenn er in drei Jahren 20 ist, was will er erreicht haben? Er antwortet prompt: „Titelkämpfe.“ Deutsche oder Europameisterschaft, Junioren-WM – alles sei denkbar, sagt er – und dreht sich dabei um die eigene Achse im Stuhl. So, als wolle er seiner jungen Laufbahn zusätzlich Schwung geben – und beweisen, dass er als Teen im Profibusiness mithalten kann. Mindestens.

Der nächste Praxistest ist am 6. Juni beim renommierten Berliner Promoter Almin Kuc in Falkensee in der Stadthalle. Bis dahin stehen noch einige Sparringsrunden auf dem Trainingsplan. Für heute ist aber erst einmal Schluss. Nicht ganz, denn in Darians Kopf hallen einzelne Sequenzen nach: Haken, Jab, Konter – „Bampf“, „Paff“.

Oliver Rast ist Sportreporter und schreibt seit 2017 als freier Autor unter anderem für das Magazin Boxsport sowie für das Fachportal Boxen1.com.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.