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Espresso für 99 Cent: Wie Cotti Coffee den Berliner Kaffeemarkt aufmischt

In Berlins Coffeeshops wird gerade deutlich, was passiert, wenn Inflation, Wirtschaftskrise und globale Skalierungsmaschinen aufeinandertreffen.

Cotti Coffee hat jüngst zwei Filialen am Bahnhof Friedrichstraße und am Leipziger Platz in Berlin eröffnet.
Cotti Coffee hat jüngst zwei Filialen am Bahnhof Friedrichstraße und am Leipziger Platz in Berlin eröffnet.Horst Galuschka/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Am Bahnhof Friedrichstraße, Ausgang Georgenstraße, kann man den Laden ehrlich gesagt leicht übersehen. Das Logo leuchtet nicht mal. Die Tür ist so schmal, dass man sie für einen Nebeneingang der Apotheke daneben halten könnte. Wären da nicht die Leute mit ihren Pappbechern, man würde glatt vorbeigehen.

Drinnen dann: Vollautomaten, rote Bildschirme, ein Piepton wie im Warteraum vom Bürgeramt, wenn die Nummer aufgerufen wird. Seit Januar betreibt die chinesische Kette Cotti Coffee hier eine ihrer ersten deutschen Filialen. Espresso: 99 Cent. Cappuccino: 2,79 Euro. Hafermilch gab es anfangs nicht – und das in Berlin. Bestellt wird per App, abgeholt nach drei Minuten. Keramiktassen gibt es nicht. Sitzplätze kaum. Das hier ist kein Café. Das ist eine Koffein-Abholstation mit Welteroberungsplan.

Mit einem gemütlichen Ambiente kann Cotti Coffee nicht punkten – will es auch nicht.
Mit einem gemütlichen Ambiente kann Cotti Coffee nicht punkten – will es auch nicht.Sabine Gudath/imago

Wer Cotti Coffee verstehen will, muss kurz nach China schauen, auch wenn die Geschichte dort etwas unappetitlich wird. Gegründet wurde der Laden 2022 von Lu Zhengyao und Qian Zhiya. Beide waren vorher die Köpfe hinter Luckin Coffee, der chinesischen Starbucks-Kopie, die mit Milliarden an Venture Capital hochgezogen wurde, 2019 an die Börse ging und dann 2020 spektakulär implodierte. Hunderte Millionen Dollar Umsatz waren schlicht erfunden. Bilanzfälschung im großen Stil. Lu und Qian mussten gehen.

Die Gründer, der Skandal, der Neustart

Was dann kam, war aber kein stiller Rückzug. Sondern ein Neustart. Dieselbe Spielanleitung, nur schneller, aggressiver, internationaler. Cotti wuchs in vier Jahren auf 18.000 Filialen in 28 Ländern. Man muss das mal sacken lassen: Starbucks hat für seine 40.000 Standorte über fünfzig Jahre gebraucht. Cotti ist heute die Nummer drei weltweit, hinter Starbucks und, ja, ausgerechnet Luckin Coffee, das sich nach dem Skandal irgendwie wieder berappelt hat. Und jetzt steht diese Kette also in Berlin-Mitte und verkauft Kaffee zum Preis einer Tiefkühlpizza.

Die naheliegende Frage: Wie geht das? Quadratmeter in Mitte kosten zweistellig, der Mindestlohn liegt bei 13,90 Euro, und Rohkaffee ist seit 2020 um fast die Hälfte teurer geworden. Die Antwort ist eigentlich simpel, auch wenn sie dem Berliner Café-Romantiker wehtut. Cotti verkauft keinen Ort. Keine Atmosphäre. Kein drittes Wohnzimmer zwischen Büro und Couch. Cotti verkauft ein Getränk. Sonst nichts.

Die Filialen sind winzig, oft kaum größer als ein Späti-Lager. Keine Siebträgermaschine, kein Barista, der mit dem Milchkännchen Herzchen malt, keine kuratierte Spotify-Playlist. Stattdessen Vollautomaten auf Knopfdruck. Die App erledigt den Rest, was Personal spart. Und wer sich mit seiner Handynummer registriert oder einen Instagram-Post mit den richtigen Hashtags absetzt, kriegt die ersten drei Getränke für 1,99. Man zahlt also entweder mit Geld oder mit Daten und kostenlosem Marketing. Oder mit beidem, wenn man ehrlich ist.

Cotti versteht sich selbst auch gar nicht als Kaffeehaus. Auf der Website steht als Ziel: weltweit führender Anbieter von Lieferketten- und Technologielösungen für Kaffee. Das klingt nach McKinsey-Deutsch, meint aber im Kern: Der Laden an der Friedrichstraße ist kein Ziel, sondern ein Endpunkt in einem logistischen System. Temu für Koffein, wenn man so will.

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Drei Stufen, die es vor drei Jahren nicht gab

Was gerade in Berlin passiert, versteht man am besten, wenn man sich drei Preisstufen vorstellt. Oben stehen die Szenecafés und Spezialitätenröster, die inhabergeführten Läden in Neukölln und Kreuzberg, dazu Starbucks mit seinem ganzen Premiumgetue. Cappuccino zwischen 3,50 und sechs Euro. Dahinter stecken Mieten, Barista-Gehälter, handgerösteter Kaffee, Porzellan, funktionierende Toiletten und der Anspruch, mehr zu sein als eine Getränkeausgabe.

Dann ist da LAP Coffee, seit 2023 in Berlin, inzwischen über 24 Filialen, finanziert von Insight Partners aus New York und anderen VCs (Venture Capital). Cappuccino 2,50, Espresso 1,50. Kleine Läden, To-go, Vollautomaten, App-Bestellungen. Dazu Morning Raves und Running-Club-Events, damit es nach Community aussieht und nicht nach Discounter. Die Bohnen kommen immerhin von 19grams, einer Berliner Rösterei, die in der Szene was gilt.

Und jetzt, noch eine Stufe tiefer: Cotti. 99 Cent. Vor fünf Jahren wäre ein Espresso unter einem Euro in einer Berliner Innenstadt nicht mal als Witz durchgegangen.

Wer ein Café mit Ambiente besucht, muss oft mehr für den Kaffee zahlen.
Wer ein Café mit Ambiente besucht, muss oft mehr für den Kaffee zahlen.Joko/imago

Es geht nicht um Kaffee, es geht ums Geld

Warum das alles ausgerechnet jetzt passiert, hat weniger mit Bohnen zu tun als mit dem, was in den Geldbörsen los ist. Kaffee im Supermarkt ist laut Statistischem Bundesamt seit 2020 um rund 45 Prozent teurer geworden. Die Mieten steigen sowieso, die Reallöhne stagnieren oder wachsen langsamer als die Preise. Deutschland steckt in etwas, das Volkswirte vorsichtig Stagnation nennen und das sich für viele wie eine handfeste Krise anfühlt. Wer morgens in Neukölln oder Wedding in die U-Bahn steigt, rechnet inzwischen nach, ob der Cappuccino auf dem Weg noch drin ist oder ob das Geld nicht besser im Supermarkt aufgehoben wäre.

Da trifft billiger Kaffee auf fruchtbaren Boden. Derselbe Mechanismus, der Temu und Shein groß gemacht hat: Wenn das Geld knapper wird, wächst die Bereitschaft, auf Herkunftstransparenz und Nachhaltigkeit zu pfeifen, solange der Preis stimmt. Das ist kein moralisches Versagen. Wenn der Cappuccino im Szenecafé sechs Euro kostet und das BVG-Ticket bei 58 im Monat liegt, sind 99 Cent für einen Espresso keine Verlockung, sondern schlichte Mathematik. Jeder Preis darüber wird zur erklärungsbedürftigen Premiumleistung.

Plötzlich muss das Szenecafé nicht nur guten Kaffee machen, sondern auch erklären, warum er das Dreifache kostet. Und diese Erklärung wird schwieriger, je ärmer sich die Kundschaft fühlt.

Konsumenten handeln rational

Es gibt in dieser Geschichte keinen einfachen Schuldigen. Die Konsumenten handeln rational. Die Ketten bedienen eine reale Nachfrage. Die Szenecafés kämpfen mit realen Kosten. Und Starbucks zahlt den Preis dafür, jahrelang ein Premiumversprechen verkauft zu haben, das für immer weniger Menschen einlösbar ist.

Was bleibt, ist die etwas unbequeme Erkenntnis, dass der Berliner Kaffeemarkt gerade in Echtzeit vorexerziert, was passiert, wenn Inflation, Wirtschaftskrise und globale Skalierungsmaschinen aufeinandertreffen. Und dass 99 Cent für einen Espresso kein guter Preis sind, sondern ein Symptom des Zeitgeistes.

Sakib Mehanovic ist Dozent für Betriebswirtschaftslehre.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit
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