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Made in Berlin-Kreuzkölln: Der jüngste Profiboxer Deutschlands

Mit nur 15 Jahren gewinnt Arminius Rolle seine ersten Profi-Boxkämpfe. Nebenbei ist er zweifacher Weltmeister in einer eher ungewöhnlichen Disziplin: Schachboxen.

Arminius Rolle mit Siegerpose nach einem Punktrichter-Urteil zu seinen Gunsten, Nürnberg, Mai 2025
Arminius Rolle mit Siegerpose nach einem Punktrichter-Urteil zu seinen Gunsten, Nürnberg, Mai 2025privat

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Draußen ist es noch hell, die Sonne hängt tief am Horizont, 28 Grad Celsius im Schatten, hohe Luftfeuchte, die Klamotten kleben am Körper. Ein Mittwochabend Anfang Juli. Mitten auf dem Hermannplatz. Der Weg zum Gym führt entlang an den Resten der expressionistischen Originalfassade des Warenhauses Karstadt an der Nahtstelle zwischen Kreuzberg und Neukölln. Durch die Autozufahrt auf den Parkplatz bis zur schweren Pforte zum Aufzug. Kein laues Lüftchen schafft es bis hierher, stattdessen Uringestank. Also rasch in den Fahrstuhl, vierter Stock, gläserne Flügeltür aufstoßen, durch das hüfthohe Drehkreuz, an der Theke vorbei, rein in die Filiale einer internationalen Fitnesscenter-Kette. Hier trainiert Deutschland jüngster Box-Profi. Sein Name: Arminius Rolle, 15 Jahre.

Für den Teenager – Kurzhaarschnitt, Seiten und Nacken ausrasiert – ist die Schwitzbude so etwas wie das zweite Zuhause. Nicht nur für Ihn, auch für Vater, Coach und Manager Robert Rolle. Und für Übungspartner Leo Bockting. „Training, Schule, Training, mein Alltag ist durchgetaktet“, erzählt der junge Rolle, während er sein Outfit ordnet. Schwarzes Achselshirt, schwarze Trainingshose, weiß-silberfarbene Boxschuhe aus Leder und Mesh samt Klettverschluss am Spann.

Das Training ist ein großer Teil von Arminius’ Alltag.
Das Training ist ein großer Teil von Arminius’ Alltag.Mathias Reding/unsplash

Bis zu zehnmal in sechs Tagen – außer sonntags – absolviere er seine Einheiten. Auch abends, wenn Altersgenossen längst Freizeit haben, so der Youngster weiter. Vermisse er nichts? „Nein, ich arbeite auf mein Ziel hin, bin absolut fokussiert auf meinen Sport.“ Erwachsene Aussagen eines Heranwachsenden.

Ensembles von Kraftstationen stehen hier im Raum, dazu eine Batterie von Laufbändern, zwischendrin freie Flächen mit Matten für Gymnastik. Eine Komplettausstattung. Etwas versteckt neben einem Tisch mit Tuchspender und Desinfektionsmittel hängt ein zylindrischer Boxsack, pechschwarz. Montiert an einem Schwerlastwinkel, der tief ins Mauerwerk verdübelt und verschraubt ist. Der blaugraue Anstrich dürfte bereits ein paar Tage her sein; die Wandfarbe stellenweise abgeplackt, fleckig.

Das hier ist die Clinch-Zone für Faustkämpfer. Mehr ein Eckchen, kaum acht Quadratmeter. Aber mit Panoramafenster und Blick über die Traufhöhen Berlins. Davor ein Fensterbrett als Sitzgelegenheit im Marmormuster. Der gräuliche PVC-Untergrund ist rutschfest, Abriebstellen zeugen davon. „Alles spartanisch, alles bodenständig“, sagt Robert Rolle augenzwinkernd. Und eh, egal sei es, wo man trainiert, es zähle nur, wie man trainiert.

Schachmatt im Ring und am Brett

Arminius Rolle macht nicht nur im Seilquadrat eine gute Figur. Der Neuntklässler mit einem Zweier-Notendurchschnitt besucht das Heinrich-Hertz-Gymnasium in Berlin-Friedrichshain in der Rigaer Straße, dem früheren Hotspot der Hausbesetzerszene. Einer Oberschule mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Profil. Das Linke-Urgestein Gregor Gysi, die verstorbene Frontfrau der Rockgruppe „Silly“, Tamara Danz, oder der Sprechfunk-Erfinder bei Radio „Fritz“, Jürgen Kuttner, drückten hier die Schulbank. Gute Zensuren, Abitur machen – das ist wichtig für Arminius Rolle. Schließlich will er an die Uni und Medizin studieren.

Ein weiteres Talent: Schach, das Brettspiel. Kombiniert mit klassischen Boxeinlagen. Schachboxen heißt die Doppeldisziplin im jeweils dreiminütigen Wechsel. Anfangs als Kunstperformance konzipiert, später als Wettkampfsport etabliert. Erst mit zwölf Jahren hat Arminius Rolle damit begonnen. Seine Bilanz nach dreieinhalb Jahren ist sehenswert: zweifacher Schachboxweltmeister bei den Junioren im Leichtgewicht. „Das schnelle Hin und Her zwischen beiden Disziplinen reizt mich sehr“, so der Musterschüler. Puls hochfahren, Puls runterfahren. Taktische Finessen, raffinierte Manöver. „Elemente aus dem Denksport Schach kann ich gut in den Ablauf eines Profikampfs einbauen“, erzählt er. Ganz gleich, ob im Ring, ob am Brett. Künftig will sich Arminius Rolle aber auf Boxen konzentrieren.

Das Schachspiel kombiniert Arminius Rolle mit dem Boxen.
Das Schachspiel kombiniert Arminius Rolle mit dem Boxen.Sebastian Kahnert/dpa

Mit Sondergenehmigung

Ein Teen als Profi im Ring – ist das erlaubt? Ja, mit einer Sondergenehmigung des Bundes Deutscher Berufsboxer (BDB). Klar, und mit Einverständnis der Eltern. Die Auflagen sind streng. Zwei Profikämpfe darf Junge laut BDB im Jahr absolvieren. Höchstens. Ferner musste er vor Verbandsverantwortlichen vorboxen, sorgsam begutachtet von Ärzten. Er bestand den Test; demonstrierte, dass er das Zeug hat, im Profizirkus mitzumischen.

Bereits am 10. Mai stand er auf den Ringbrettern, die für ihn bald die Welt bedeuten sollen: Beim Kampfabend „Die Nacht, die kracht“ in Halle an der Saale. Eine Generalprobe, ein Showkampf, den er nach Punkten gewann.

Drei Wochen später dann das offizielle Debüt bei der „Boxclub 1. FCN Warriors Night“ in Nürnberg. Im Weltergewicht bis 67 Kilogramm. Ein Fight angesetzt auf vier Runden. Sein Gegner Constantin Albrecht, 22, gleichfalls Debütant, gleichfalls Schachboxer. Aber chancenlos. Athletisch, konditionell, mental – und vor allem boxerisch. Der junge Rolle dominierte das Duell von der Ringmitte aus, stand stabil, agierte aus einer gesicherten Doppeldeckung, stieß explosionsartig vor, landete klare und harte Hände. Das Resultat: Technischer Knockout in Runde zwei.

„Ich bin sehr zufrieden mit meiner Leistung“, wird das Ausnahmetalent nach seinem Erstauftritt bei den Profis sagen. Fachportale, Zeitungen, Regionalsender – selbst die „Sportschau“ hat über den ersten Profieinsatz berichtet. Viele arrivierte Boxer würden sich über so viel mediale Resonanz freuen.

„Setzt dich das nicht unter Druck?“, lautet die Frage an ihn. Im Vorfeld des Debüts sei er schon nervös gewesen. Im Klassenzimmer, auf dem Pausenhof sei er immer mal wieder drauf angesprochen worden. Aber nein, deswegen werde er nicht abheben oder arrogant. Kurz gesagt, einer ohne Allüren; einer, der nahbar bleiben will.

Zurück zur Trainingseinlage. Voll ist es. Fitnessbegeisterte tummeln sich an den schweren Geräten. Ächzen, stöhnen, seufzen; knarzen, scheppern, poltern. Menschliche Laute, metallische Töne, dumpf überlagert durch Popmusik aus der Konserve. Alles amalgamiert zur einschlägigen Geräuschkulisse eines Sportstudios. „Was machen wir heute“, fragt der Junior den Senior. „Schnellkraft, Ausdauer, Zirkel. Volles Programm.“ Während der Aufwärmphase flachsen die Drei noch. Um fiktive Verträge als Profi geht es, ums Big Business im Boxen. Wenn er volljährig sei, so der Vater zum Sohne, könne er, der Sohn, vertraglich tun, was er wolle. „Aber bis dahin hab’ ich die Aufsicht.“

Spaß beiseite, Robert Rolle legt den Schalter um. „Bist Du warm?“ „Ja.“ Zögling und Trainingskollege Bockting machen sich bereit für Partnerübungen, touchieren mit der linken und rechten Geraden jeweils die Schulter des anderen. Rhythmisch, fast tänzerisch. Ein paar Minuten geht das so, das reicht. Beide legen sich nun ihre Bandagen an, stülpen ihre Handschuhe drüber. Links-rechts-Kombinationen am Boxsack. Immer im Wechsel. „Explosiver, Arminius, du bist zu nah dran.“ Das Duo kommt langsam auf Temperatur. „Nimm’ die Schulter zurück, Rumpf mehr, mehr reindrehen!“ Der Spross befolgt die Anweisung, das Elternteil ist zufrieden: „Ja, das ist ein Schlag.“ Arminius schnauft durch, nutzt die Pause, streift das ledernde Schlagwerkzeug ab. Schweißperlen tropfen von seiner Nasenspitze, zerspringen auf dem Boden. „Ich hol’ mir Wasser nach.“ Nach zwei, drei Minuten kommt er mit aufgefüllter Buddel zurück – und weiter geht’s. Mit Sparring. Rolle jr. und Bockting schenken sich nichts. Beide gehen in den Infight, setzen Seitwärtshaken, Aufwärtshaken. Der Coach korrigiert, kommandiert seine Schützlinge. Die parieren. Nach fünf mal drei Minuten ertönt der vorerst letzte Gong aus Robert Rolles Handy. „Ging ganz schön zur Sache, Jungs, richtig so.“ Training sei das Abbild des Wettkampfes, erklärt er noch.

Im Boxring soll die Karriere von Arminius Rolle Fahrt aufnehmen.
Im Boxring soll die Karriere von Arminius Rolle Fahrt aufnehmen.Prateek Katyal/unsplash

„Verletzungen passieren beim Bolzen, nicht beim Boxen“

Minutenlang im Clinch zu sein, fordert. Arminius Rolle hockt auf dem Fensterbrett der Boxsackecke, Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, Unterarme auf die Oberschenkel gestützt. Der Jungspund zupft an den farblich verblassten Bandagen – und verzieht die Mundwinkel. Er presst die rechte Hand zur Faust, öffnet und schließt sie wieder. Mehrfach. Die Wunde am rechten Handballen schmerzt, reißt immer mal wieder auf, verschorft schlecht. Kein Wunder bei dem Dauereinsatz. Wie ist das passiert? „Beim Fußballspielen“, sagt er genervt. Bei einem Tackling sei er auf den Steinboden außerhalb des Spielfeldrands gefallen, habe sich beim Abstützen eine tiefe Schürfwunde zugezogen. „Ja, das war Mist.“ Vater Rolle steht leicht abseits, blickt rechts über die Schulter und sagt: „Siehst du, Verletzungen passieren beim Bolzen, nicht beim Boxen.“ Beide schmunzeln.

Apropos Blessuren. Tatsächlich ein wunder Punkt. Kritiker meinen: Wie kann der Vater nur den Sohn, ein halbes Kind noch, zu den Profis schicken? Allein wegen der Gesundheitsrisiken, ohne Kopfschutz in den Ring zu klettern. Fraglos, Schläge aufs Haupt sind schädlich. Auf Dauer jedenfalls. Bloß, ein Kopfschutz etwa – der in den olympischen Nachwuchsklassen und bei Frauen weiterhin Pflicht ist – schützt vor Cuts, nicht unbedingt vor den Folgen gegnerischer Power in den Fäusten. Und eine Laufbahn mit hundert und mehr Amateurkämpfen „geht sicher spurlos an einem vorbei“, bemerkt Robert Rolle ironisch. Ernsthaft: „Umso mehr Kämpfe du hast, desto früher bist du durch.“ Es stimmt, Todesfälle gibt es auch bei jungen Amateurboxern.

Das Boxen liegt im Blut

Arminius Rolle weiß das. Und überhaupt, erinnert er sich an die erste Boxszene in der Familie? Er hält kurz inne – sagt dann: „Ach, da saß ich noch im Kinderwagen mit großen Augen.“ Sein Vater habe damals noch gekämpft. Arminius konnte kaum stehen, da bekam er schon Pratzen übergestreift. „Die waren natürlich übertrieben groß.“ Spiegelwände, Boxsäcke, Ringe. Das hat den Spross beeindruckt. Aber es war nie geplant, dass er Profi werden würde. Es habe kein Drehbuch dafür gegeben – geschweige denn Druck.

Dennoch, der Boxsport liegt in der Familie. Bereits in der dritten Generation. Großmutter Eva Rolle (Spitzname „Lady Pitbull“) galt Anfang der Nullerjahre als erste deutsche Boxpromoterin. Sohn Robert stieg mit 19 Jahren erstmals in den Profiring, brachte es bis zum Europameister im Halbschwergewicht. Nach 18 Fights war Schluss, eine schwere Augenverletzung zwang ihn zum Karriereende.

Arminius Rolle bei seinem Profi-Debüt in Nürnberg
Arminius Rolle bei seinem Profi-Debüt in Nürnbergprivat

Gleich der Sprung ins Profilager ohne Amateurlaufbahn – warum? Alles andere wäre ein Umweg, findet Robert Rolle. Beispielsweise hätten Deutschlands Nummer eins im Supermittelgewicht, Simon Zachenhuber, oder Agit Kabayel, der Weltranglistendritte im Schwergewicht, keine Amateurkämpfe bestritten. Beide waren zuvor Kickboxer. Hinzu kommt: „Arminius hat den typischen Kampfstil der Profis.“ Der ist? „Fester Stand, große Schlagkraft, Lücke beim Gegner ausmachen, Entscheidung suchen.“ Und finden. Für den Niederschlag, für den K.-o.

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Endspurt für das dynamische Duo Arminius Rolle und Leo Bockting. „Zehn Sekunden auspowern“, ruft Robert Rolle. Übersetzt: Schlagsalven abfeuern. Immer wieder im Zehnsekundentakt. Bis zur Erschöpfung. Irgendwann hat der Trainer ein Einsehen: „Schicht für heute!“ Nur für heute. Denn: Die Rolles haben viel vor. Wurden etwa zur „Box Fan Expo“ nach Las Vegas, Nevada, im September eingeladen. Das größte Event für Boxfans in den USA. Für den jüngsten deutschen Boxprofi eine ideale Plattform.

Und bis Ende des Jahres will Arminius Rolle seinen zweiten Profifight über die Bühne gebracht haben. Bestenfalls in Berlin seine Homebase aufbauen. „Ich will zeigen, was ich drauf habe.“ Mehr noch, Geschichte wolle er schreiben. Das erste Kapitel ist geschafft.

Oliver Rast ist Sportreporter und schreibt seit 2017 als freier Autor unter anderem für das Magazin BOXSPORT sowie für das Fachportal Boxen1.com.

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