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Kuba im Ausnahmezustand: „Jetzt ist es noch schlimmer als damals“

Das Land wird von der Trump-Regierung wirtschaftlich stranguliert. Der akute Mangel an allem hat massive Auswirkungen auf die Bevölkerung. Eine Reportage.

In Kuba liegt der Nationalstolz am Boden, aber nicht nur das.
In Kuba liegt der Nationalstolz am Boden, aber nicht nur das.Zed Jameson/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Julio Pérez schwelgt in Erinnerungen: „Ich stand damals als junger Mann mit einem Deutschland-Fähnchen am Straßenrand. Tausende von Menschen um mich herum. Und Erich Honecker hat mir gewunken!“

Damals – das war Honeckers Staatsbesuch im Jahr 1974. „Eine gute Zeit“, meint Julio Pérez. Kuba lieferte Orangen und Zitronen in die DDR und importierte Maschinen und Mopeds. Der Geist der Revolution war noch lebendig, Fidel Castro war der unangefochtene Führer der Nation und der kubanische Sozialstaat ein Vorbild in Lateinamerika.

Heute ist Julio Pérez 69 Jahre alt und klagt über den Ausnahmezustand im gesamten Land. „Ich habe Hunger und kann mir nichts zu essen kaufen. Mein ganzes Leben lang habe ich in der Produktion gearbeitet. Und jetzt bekomme ich eine Rente, die gerade dafür reicht, einmal in der Woche ein Pfund Reis zu kaufen!“

Er wohnt in einer heruntergekommenen Straße in der Altstadt und läuft jeden Tag zu Fuß ins Stadtviertel Vedado, wo noch alte Villen und einige Hotels stehen, und bettelt um etwas zu essen. Bei Stromausfällen, wie so häufig in den jüngsten Monaten, macht er sich rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit auf den Weg nach Hause.

Bettelei und Obdachlosigkeit waren früher Fremdwörter in Kuba. Heute liegt der Nationalstolz am Boden, Kinder suchen im Müll nach etwas Brauchbarem und wie in allen Großstädten der Welt schlafen jetzt auch in Havanna Wohnungslose in Hauseingängen und Hinterhöfen.

Das Embargo der Trump-Regierung blockiert seit Monaten die Lebensmittelimporte und Erdöl-Lieferungen. Das verursacht massive Störungen in allen Lebensbereichen – in Landwirtschaft und Verkehr ebenso wie in Krankenhäusern, Schulen und Tourismus.

Wilde Müllberge häufen sich an den Straßenecken Havannas, weil die Müllabfuhr nicht mehr fährt.
Wilde Müllberge häufen sich an den Straßenecken Havannas, weil die Müllabfuhr nicht mehr fährt.Zed Jameson/imago

Gerechnet wird immer in doppelter Währung

Mercedes Hernández, eine würdevolle ältere Dame, die in Havannas Chinatown wohnt, hat einen 500-Peso-Schein und einen US-Dollar in der Tasche. Beide Scheine sind etwa gleich viel wert. Sie erklärt, wie es um ihre Finanzen steht: „Ich bekomme 1700 Pesos Rente im Monat. Zurzeit kostet ein Kilo schwarze Bohnen 850 Pesos, ein Kilo Weizenmehl 650 Pesos. Ohne die Hilfe meiner Nichte, die in Miami lebt und mir ab und zu US-Dollars schickt, wäre ich nicht mehr am Leben!“

Gerechnet wird in Kuba immer in doppelter Währung, in großen Pesos-Summen und in kleinen Dollar-Zahlen. Staatliche Löhne und Renten werden in nationalen Pesos gezahlt, umgerechnet in Dollars ist es immer verschwindend wenig. So beträgt der staatliche Mindestlohn 2100 Pesos, aktuell umgerechnet vier Dollar – im Monat.

In früheren Zeiten, als der Staat die Grundversorgung garantierte und es alles Notwendige zu subventionierten Minipreisen auf Lebensmittelkarten gab, konnte man damit leben. Heute gibt es die Karten immer noch, aber die Lebensmittel nur unregelmäßig. Mal ist Brot Mangelware oder wird ersatzweise aus Süßkartoffelmehl statt Weizen gebacken, mal gibt es wochenlang keinen Reis in den staatlichen Läden.

In allen privaten Geschäften und auf den freien Märkten wird dagegen knallhart mit Dollar-Kursen kalkuliert: Reis, Gemüse und Fleisch gibt es zum Vielfachen des staatlichen Preises. Ein Hähnchen zum Beispiel kostet 2500 Pesos beziehungsweise fünf Dollar, also mehr als einen kompletten Monatsmindestlohn.

Für Familien mit kleinen Kindern ist es besonders fatal. Milch und Milchpulver zum Beispiel sind exorbitant teuer geworden. In den vergangenen Wochen gingen die Devisenkurse fast täglich in die Höhe, entsprechend haben sich die Waren für Pesos-Besitzer verteuert.

Wegen der US-Blockade und des Energienotstands kommen weitaus weniger Touristen nach Kuba als üblich.
Wegen der US-Blockade und des Energienotstands kommen weitaus weniger Touristen nach Kuba als üblich.Zed Jameson/imago

Reisewarnungen zeigen Wirkung

Ernesto Lopéz, wettergegerbtes Gesicht und muskulöse Beine, verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Fahrrad und hat damit Glück und Unglück. Sein Gefährt ist eine Art Lastenrad. Vorn tritt er in die Pedale, hinten sind zwei Sitze für Passagiere. Sein Glück ist, dass Touristen sich gern durch die Altstadt fahren lassen und dafür zwei, manchmal drei oder vier Dollar zahlen. Sein Unglück ist jedoch, dass wegen der US-Blockade und des Energienotstands kaum noch Touristen in Havanna sind.

Die Reisewarnungen ausländischer Botschaften zeigen Wirkung. Internationale Fluggesellschaften können nicht mehr in Havanna auftanken und canceln Flüge. Die häufigen Stromausfälle schrecken ab.

Auch Dieselgeneratoren in Geschäften, Hotels und Pensionen helfen nicht, wenn die Tanks leer sind. Bei den jüngsten Stromausfällen war die Hauptstadt komplett finster, der Himmel sternenklar. Der Straßenverkehr ist ruhig geworden, Taxi- und Busfahrten sind eingeschränkt. Auf dem schwarzen Markt gibt es noch hin und wieder Benzin, allerdings zu horrenden Preisen (letzter Stand: 9,50 US-Dollar pro Liter).

Was die Touristen abschreckt, ist für die Einheimischen eine Katastrophe: Lebensmittel verderben, Betriebe und Behörden werden stillgelegt, Banken schließen, wenn der Strom ausfällt, das mobile Internet ist dann tot, wilde Müllberge häufen sich an den Straßenecken, weil die Müllabfuhr nicht mehr fährt, Schulunterricht fällt aus, Krankenhäuser schalten auf Notversorgung um.

Juan García ist Rettungssanitäter. Aber zurzeit arbeitslos, sagt der 37-Jährige, weil es kein Benzin gibt und sein Rettungswagen nur noch in absoluten Notfällen zum Einsatz kommt. Er jobbt jetzt in einer lukrativeren Branche: Geldwechsel. Der Staat hat das Devisenmonopol längst aufgegeben. Planwirtschaft hin, Sozialismus her – es herrscht jetzt der freie Markt von Angebot und Nachfrage, der den Wert der Geldscheine bestimmt.

Die Dollars und Euros von Exilkubanern und bis vor kurzem von Touristen befeuern den Devisenmarkt und das Geldwechslergewerbe nach kapitalistischem Muster. „Das kann zwar so nicht weitergehen“, sagt Juan García, „aber was soll ich machen. Ich denke, es wird sich bald alles ändern. Ob zum Guten oder zum Schlechten, wird man sehen.“

Was die Touristen abschreckt, ist für die Einheimischen eine Katastrophe: Lebensmittel verderben, Betriebe und Behörden werden stillgelegt, Banken schließen.
Was die Touristen abschreckt, ist für die Einheimischen eine Katastrophe: Lebensmittel verderben, Betriebe und Behörden werden stillgelegt, Banken schließen.Sandrine Huet/Le Pictorium

Protest regt sich im Schutz der Dunkelheit

Auch Vladimir González will keine Prognose über die politische Zukunft des Landes geben. Der 62-Jährige mit dem ungewöhnlichen Vornamen, früher Lehrer, jetzt arbeitslos, redet gern über Politik und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die kubanische Regierung geht.

„In den Neunzigerjahren mussten wir durch die Zeit des periodo especial, als keine Unterstützung mehr von der Sowjetunion kam und Fidel Castro das ganze Land auf Mangelwirtschaft einstellte“, erklärt er. „Jetzt ist es noch schlimmer als damals. Die Regierung schafft es nicht. Viele Menschen sind in Not geraten. Und wem geben wir die Schuld daran? Wer hat das Elend verursacht? Gegen wen sollen wir protestieren?“

Lautstarker Protest regt sich nachts im Schutz der Dunkelheit. Dann hört man in den Straßen von Havanna den Lärm von Holzlöffeln, die auf Töpfe und Pfannen trommeln. Der Ärger richtet sich gegen die kubanische Regierung, nicht etwa gegen die externen Antreiber der aktuellen Misere in Washington. Keine Wut auf die Trump-Regierung ist zu hören. Zu verlockend ist der Reichtum im Nachbarland, der Lebensstil in den USA, der Dollarsegen, der von der Verwandtschaft im Ausland geschickt wird. Zu groß die Enttäuschung, dass Kuba von fast allen Seiten allein gelassen wird.

Selbst ein Wahrzeichen des kubanischen Nationalstolzes ist verschwunden: An der Uferstraße Malecon, direkt gegenüber der US-Botschaft, gab es viele Jahre lang eine „Antiimperialistische Bühne“ mit einem Wandgemälde, auf dem ein fröhlicher Kubaner dem wütenden Uncle Sam spöttisch zurief: „Senores Imperialistas, no les tenemos absolutamente ningun miedo!“ („An die Herren Imperialisten: Wir haben nicht die geringste Angst vor euch“). Die Bühne wurde vor einigen Jahren abgebaut, das Wandbild entfernt. Keine Provokation mehr. Die Zeiten haben sich geändert.

Norbert Schnorbach hat als Korrespondent in Lateinamerika gearbeitet und Kuba häufig besucht, zuletzt im März 2026.

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