Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
In meiner Diele stapeln sich wegen fehlenden Platzes im Regal Bücher auf dem Boden. Auf einem Stoß lag oben, an dessen Konterfei unschwer auszumachen, ein Druckwerk von Hans Modrow. Der letzte Ministerpräsident der DDR mit SED-Parteibuch ist inzwischen drei Jahre tot und Geschichte, nur wenige werden sich an den glaubwürdigen Politiker und ehrlichen Parteisoldaten noch erinnern. Modrow war etliche Jahre Leiter der Abteilung Agitation im SED-Zentralkomitee und danach, etwa anderthalb Jahrzehnte lang, der Erste der Partei im Bezirk Dresden, ehe er im Herbst 1989 nach Berlin gerufen wurde, um eine Regierung zu bilden und zu führen.
Das Buch mit seinem Bild lag monatelang mit dem Gesicht zuoberst auf diesem Stapel, doch eines Tages, als uns ein Handwerker aufsuchen wollte, war das Buch am Morgen gewendet. Da der Personenkreis überschaubar war, der es hatte wenden können, war die Tätersuche kurz …

Ein wenig Provokation im Pfarrhaus musste sein
Der Vorgang erinnerte mich an meine Jugend. Unser Pfarrhaus war ein sehr offenes, und ständig wurden Geburtstage, Jubiläen, Kindtaufen und Konfirmationen gefeiert. Zu diesen kamen Verwandte und Freunde der Familie aus allen deutschen Ländern und Gauen, wie man in den Fünfziger- und Sechzigerjahren noch zu sagen pflegte.
Aus Lüdenscheid reisten Edith und ihr Mann an, aus Berlin (West) Onkel Otto mit dem VW-Käfer und aus Berlin (Ost) Onkel Günter mit Gefolge. Sein Bruder Rudi, der Klavierkünstler und Komponist, kam aus Frankfurt an der Oder mit der Bahn. Beide Brüder waren in der SED, was sie auch mit dem sogenannten Bonbon bekundeten. Sie hängten ihre Jacken wie alle anderen an die Garderobe, aber so, dass auch jeder das Parteiabzeichen sah. Ein wenig Provokation im Pfarrhaus musste sein. Sie blieb auch die einzige. Die Feiern verliefen in der Regel sehr harmonisch.
Was sich gewiss auch meine Mutter zuschrieb, denn sie wendete regelmäßig die Sakkos ihrer beiden Schwäger. Sie entzog die Reverse den Augen der anderen und rollte, so wohl ihre naive Vorstellung, damit mögliche Steine des Anstoßes aus dem Blickfeld. Eine Vorsichtsmaßnahme. Als wenn Beelzebub auf diese Weise aus des Pastoren Haus verbannt sei.
Dabei wusste doch jeder an der Tafel, dass Günter im Ministerrat arbeitete und Rudi im Auftrag der Partei Kultur aufs Land brachte. Er selbst unterhielt uns doch mit Berichten von seinen Radfahrten zwischen Frankfurt und Seelow, um in den Oderbruchdörfern Schulorchester zu formieren und diese zu unterrichten. Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften stellten die Instrumente und die Heranwachsenden ihre Talente in den Dienst der musischen Erbauung und Erziehung der Dorfgemeinschaft. Und Rudi hielt überdies Ausschau nach Begabten unter seinen Schäfchen, deren besondere Förderung an staatlichen Musikschulen er empfahl.
Ach Jottchen, wie isses nur möglich, bemitleidete Edith aus Lüdenscheid den Musikus, dass man Sie bei Wind und Wetter über die Dörfer jagt. Und dabei setzte sie hinter ihren Ausruf kein Frage-, sondern vernehmlich ein vorwurfsvolles Ausrufezeichen. Diese diktatorische Partei!
Dass Menschen auch von Idealismus getrieben werden konnten, den sie mit anderen teilten, kam ihr nicht in den Sinn. Wie es auch in Lüdenscheid unvorstellbar war, dass ein Pfarrer kein Auto besaß und seinen Pflichten in den drei Gemeinden seines Sprengels bei Wind und Wetter mit dem Berliner Roller nachkam. Gut, irgendwann ließ die Patengemeinde in Hessen christliche Nächstenliebe walten und bestellte bei Genex, der Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH im Osten, für wenige Tausend D-Mark einen Trabant und sicherte sich Verbundenheit und Dank auf Jahre.
Ziemlich beste Freunde
Der Klassenkampf wurden bei uns im Hause immer sehr moderat ausgetragen. Und wir Heranwachsenden gewannen den Eindruck, ohne dies artikulieren zu können, dass Selbst- und Fremdbestimmung nicht unbedingt Gegensätze sein mussten und unter „Freiheit“ und „Demokratie“ Unterschiedliches verstanden werden konnte.
Die Familie gibt es schon lange nicht mehr, Gevatter Hein ist nicht untätig gewesen. Doch augenscheinlich hatte er Vor- und Rücksicht nicht mitgenommen, bestimmte Charaktereigenschaften und Reflexe sind geblieben – obgleich doch das System gewechselt hat. Heute ist die Furcht in den Fokus zu geraten nach meinem Eindruck größer als einst. Bloß nicht auffallen, nur nicht anecken! Private Gesinnung zu offenbaren, könnte Probleme bereiten, wirtschaftlich tödlich sein. Nicht grundlos sind Parteiabzeichen aus der Mode, Flaggen am Fenster auch. Wer hängt schon am 1. Mai eine rote Fahne raus?
In der DDR gab es bestimmte Tage, an denen es jedermanns Pflicht war, Farbe zu bekennen. (Ob das gut war, steht dahin.) Einmal hängte ich in der Gubener Straße die Fahne aus dem Fenster, die ich hatte mitgehen lassen, als ich am Ende meiner Dienstzeit vom Minen-, Such- und Räumschiff „Wittstock“ in Prora am Strelasund abgestiegen war.
Gegenüber unserem Wohnhaus befand sich das Büro des Abschnittsbevollmächtigten. Keine fünf Minuten später klingelte es an der Tür. Ein junger Leutnant forderte mich mit scharfem Ton auf, sofort die Dienstflagge der Volksmarine niederzuholen, sie zu hissen sei mir als Zivilisten nicht erlaubt.
Ich bat den neuen ABV in die Wohnung, um auf den Feiertag zu trinken, und nachdem wir die Flasche geleert hatten, waren wir ziemlich beste Freunde, und die rote Fahne mit schwarzrotgelben Streifen, auf denen Lorbeerlaub den Ährenkranz mit Hammer und Zirkel umkränzte, flatterte weiter im Maienwind. Genosse, sagte der Genosse Abschnittsbevollmächtigte beim Abschied, du bist ein richtiger Kumpel. Du aber auch, sagte ich.
Das wechselseitig wohlmeinende Urteil war nicht allein dem Alkohol geschuldet. Und es war nicht singulär, will heißen: In dieser Partei gab es nicht wenige, denen man auch nüchtern dieses Etikett anheften konnte.

Begriff und Dogma wurden aufgehoben
Da war z. B. der Bürgermeister, der sich im Bergwerk eine Staublunge zugezogen hatte. Er kam regelmäßig zu uns ins Pfarrhaus, um mit meinem Vater aktuelle politische Fragen zu diskutieren. Da war der Parteisekretär im Flachglaskombinat, der mich für seinen Verein werben wollte, als ich dort tätig war, ehe ich zur Fahne eingezogen wurde. Ich war jetzt Arbeiter, nicht mehr Pastorensohn und „Sonstiger“, wie bislang meine soziale Herkunft hieß.
Damals wollte ich nicht Mitglied werden, und Jahre später, als ich es aus Überzeugung zu werden wünschte, wollte man mich nicht mehr: Ich war jetzt Student und kein Arbeiter mehr, weil doch die vorgeblich proletarische Partei mehrheitlich aus Arbeitern bestehen musste. Irgendwann löste man den Begriff und das Dogma auf und erklärte selbst Parteiarbeiter zu Arbeitern.
Avantgarde wurde zur Nachhut
Am Ende waren es über zwei Millionen, die mit Unterstützung zweier Bürgen und nach einer einjährigen Kandidatenzeit als Mitglied aufgenommen worden waren. Nicht wenige darunter, die aus Opportunitätsgründen um das rote Büchlein gebeten hatten. Sie warfen es im Herbst 1989 auch als Erste rasch weg.
Das vormalige Millionenheer schrumpfte binnen Monaten auf den idealistischen Kern, die einstige Avantgarde war zur Nachhut geworden. Beschimpft, geschmäht, moralisch in Haft genommen für alles, was sich seit 1945 zwischen Rügen und Thüringen zugetragen hatte. Ausschließlich Schreckliches natürlich, denn Freude und Frohsinn, Zufriedenheit und Glück hatte es in der Diktatur bekanntlich nicht gegeben. Jene, die bestritten, ihr Leben in der Hölle verbracht zu haben, attestierte man Deformation und die nachhaltige Wirkung der Indoktrination.
Ich rechne mich den Kranken zu, die noch immer glauben, dass diese DDR nicht das schlechteste Kapitel der deutschen Geschichte war. Wie ich auch meine, dass die vor achtzig Jahren aus SPD und KPD gebildete Sozialistische Einheitspartei Deutschlands daran ihren Teil hatte.
Gegensätze bilden immer eine Einheit
Die nach Bildung der Bundesrepublik in den Westzonen gegründete zweite deutsche Republik war nicht nur der zwangsläufige Reflex auf die Spaltung Deutschlands, sondern auch die notwendige wie legitime Antwort auf all die Verbrechen, die in deutschem Namen bis zum 8. Mai 1945 verübt worden waren: an Juden, Russen, Polen, Franzosen, Ukrainern, Ungarn … Diese Untaten waren systemischen Ursprungs. Also musste mit dem System gebrochen werden. Das meinte auch die Adenauer-CDU auf ihrem Parteitag in Ahlen am 3. Februar 1947: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.“
Auf dem Gründungsparteitag der SED am 21. April 1946 im Berliner Admiralspalast hatte es kaum anders geklungen. In den Grundsätzen und Zielen hieß es: „Mit der Verwirklichung der Gegenwartsforderungen ist jedoch das System der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung nicht beseitigt und die Anarchie der kapitalistischen Produktionsweise nicht aufgehoben, der Frieden nicht endgültig gesichert. Das Ziel der SED ist die Befreiung von jeder Ausbeutung und Unterdrückung, von Wirtschaftskrise, Armut, Arbeitslosigkeit und imperialistischer Kriegsdrohung.“ Und wie wollte man dahin kommen? „Auf demokratischem Wege, durch die Gewinnung der Mehrheit des Volkes“. Die Einheitspartei orientiere „auf die Durchführung der sozialistischen Revolution mit friedlichen Mitteln“.
In der deutschen Parteigeschichte sind Hunderte Programme verfasst und verbreitet worden, und es ist ein offenes Geheimnis, dass nie eins – und das gilt bis in die Gegenwart – jemals realisiert worden ist. So gesehen besitzen Programme allenfalls Bedeutung für die Geschichtsbücher, um zitiert zu werden. Gleichwohl sollte man die Lauterkeit der Frauen und Männer nicht in Zweifel ziehen, die die politischen Intentionen in Sprache gossen. Programme sind verschriftliche Visionen, Ziele, die Menschen eint, welche sich hinter einer Fahne versammeln.
Wenn also heute – sofern dies überhaupt geschieht – an die Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (nicht der DDR!) vor achtzig Jahren erinnert wird, sollte dies nicht ausschließlich mit dem Blick auf ihr Ende geschehen. Wie man auch nicht annehmen sollte, dass DDR und das Leben in diesem Staat für die meisten Ostdeutschen nicht trotz dieser SED so erträglich war, wie es für die meisten war, sondern auch wegen dieser Partei. Denn das gehört zu einer dialektischen Betrachtung dazu. Gegensätze bilden immer eine Einheit, und aus der Lösung von Widersprüchen erwächst Fortschritt.



