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Judith Holofernes exklusiv: „Ich habe nicht mehr das Gefühl, diese Frau von damals sein zu müssen“

Die ehemalige Frontfrau der Band „Wir sind Helden“ über ihre Jugend in Berlin und Freiburg, eine späte ADHS-Diagnose und ihr neues Buch „Hummelhirn“.

In den 2000er Jahren startete Judith Holofernes ihre Karriere als Frontfrau von „Wir sind Helden“ – jetzt hat sie bereits ihr drittes Buch veröffentlicht.
In den 2000er Jahren startete Judith Holofernes ihre Karriere als Frontfrau von „Wir sind Helden“ – jetzt hat sie bereits ihr drittes Buch veröffentlicht.Thomas Rabsch/Avalon/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Nach ihrem erfolgreichen Buch „Die Träume anderer Leute“, in dem Judith Holofernes vor allem ihre Zeit als Frontfrau von „Wir sind Helden“ verarbeitet hat, hat die Berlinerin mit „Hummelhirn“ nun einen autobiografischen Erfahrungsbericht über ihre Kindheit veröffentlicht. Im Gespräch erzählt die 49-Jährige vom Großwerden in den Achtzigerjahren, ADHS und der Krux an der Freundlichkeit.

Was antworten Sie heutzutage eigentlich auf die Frage, was Sie beruflich tun?

Im Zweifel sage ich tatsächlich: Ich schreibe Bücher. Ich habe ja leider ernsthafte Probleme mit der Stimme, ob ich daher irgendwann wieder singen kann – unwahrscheinlich. Ich habe aber gemerkt, dass ich erstaunlich einverstanden bin damit, nicht zu wissen, was ich jetzt eigentlich gerade für eine bin.

Es wird aber Zeiten gegeben haben, in denen Sie sich als Musikerin bezeichnet haben, irgendwann hat sich das also verändert. War das ein konkreter Moment?

Ja, als ich das letzte Buch geschrieben und währenddessen gemerkt habe, dass ich das weitermachen möchte. Es klingt zwar immer schick zu sagen: „Music was my first love“, aber in meinem Fall, muss ich zugeben, stimmt das auch nicht. Ich war als Kind extrem bücherverliebt, noch vor der Musik. Insofern ist Autorin wahrscheinlich die richtige Bezeichnung – denn da ist das Songschreiben ja auch mit drin.

Wenn man sich Ihre Songtexte ansieht, hat man das Gefühl, dass auch Ihr Zugang zur Musik immer ein stark textlicher war. Würden Sie sagen, dass Ihr Zugang zu Kunst generell stark über das Wort kommt?

Das war auf jeden Fall zuerst da. Meine Mutter ist literarische Übersetzerin, wir hatten immer wahnsinnig viele Bücher zuhause und ich habe ganz früh schon eine Liebe für komische Lyrik gehabt. Ich weiß aber, als Musik dazukam – da war ich etwa acht – und ich die Plattensammlung meiner Mutter entdeckt habe, dass das ganz schön eingeschlagen hat.

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Hannelore Foerster/Imago
Zur Person
Judith Holofernes wurde 1976 in West-Berlin geboren. Als Sängerin, Gitarristin und Songwriterin der Band „Wir sind Helden“ gelang ihr 2002 der musikalische Durchbruch. Nach dem Aus der Band veröffentlichte sie zwei Soloalben, einen Podcast und mehrere Bücher. Ihr zweites autobiografisches Werk „Hummelhirn“ erschien im März 2026.

Wieso?

Wegen dieser Kraft, die das entwickeln kann. Wenn Text und Musik zusammenkommen, kann man Sachen zum Ausdruck bringen, die jenseits von beidem sind. Was ich jetzt aber beim Bücherschreiben herausfordernd finde – auf eine gute Art und Weise – ist, dass einen das mehr auf den Pott setzt. Natürlich kann man auch in einem magischen Raum bleiben und vieles den Leserinnen und Lesern überlassen, aber es fordert einen schon heraus, sich darüber im Klaren zu werden, was genau man eigentlich sagen will. Das Schreiben ist ein bisschen unnachgiebiger – das gefällt mir. Gerade jetzt, wo ich über meine Kindheit geschrieben habe. Man kann nicht so gut ausweichen – auch nicht an Punkten, an denen es schwierig wird.

Haben Sie für sich direkt deutschsprachige Musik entdeckt oder englische?

Englische vor allem. Meine Mutter hatte zwar auch Ton-Steine-Scherben-Platten und ein paar von deutschen Liedermachern, aber die meiste Musik, die ich gehört habe, war auf Englisch. Oder so was wie Jacques Brel. Als Kind habe ich beides nicht verstanden. Ich weiß aber, dass ich schon ganz früh wissen wollte, was die Leute da singen. Ich habe dann gefragt: „Warum ist der Mann so traurig?“ Und ich habe deswegen angefangen, die Sprachen zu lernen.

Wie ist das bei Ihren Kindern: Kommt deren Zugang zur Sprache eher über Bücher oder über Musik – oder haben die ganz andere Interessen?

Mehr über Musik tatsächlich. Die hören sehr leidenschaftlich und spezifisch Musik. An mir ist ja auch eine Musikjournalistin verloren gegangen, weil ich immer unheimlich nerdige Musik gehört und mich mit Trivia beschäftigt habe – so sind die auch.

Sie war das „komische Kind“, sagt Holofernes über ihre Jugend.
Sie war das „komische Kind“, sagt Holofernes über ihre Jugend.Hoffmann/imago

Sie haben mit „Hummelhirn“ nun erneut ein biografisches Buch geschrieben, hatten also offenbar das Gefühl, mit dem Vorgänger „Die Träume anderer Leute“ noch nicht alles gesagt zu haben. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie „den Anfang“ noch dazuerzählen möchten?

Eigentlich war es andersrum: Die Idee zu „Hummelhirn“ habe ich schon mit mir rumgetragen, seit ich Anfang zwanzig war. Ich habe mir immer gedacht, dass ich meine Kindheit mal aufschreiben müsse: Lesbische Mutter, alleinerziehend in den Achtzigerjahren – und noch bevor ich wusste, dass ich ADHS habe, hatte ich eine Geschichte, die viel mit vergeigten Anpassungsversuchen zu tun hatte. Das andere Buch hat sich bloß vorgedrängelt. Aber dadurch, dass ich das andere geschrieben habe, hat sich dieses nun auch verändert.

Inwiefern?

Die Bücher haben natürlich miteinander gesprochen. Themen sind wieder aufgetaucht, sodass ich beim Schreiben Zusammenhänge hergestellt habe und Sachen über mich als Kind herausgefunden habe, die mir erklärt haben, warum sich dieses Kind als berühmte Erwachsene in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Art und Weise verhalten hat. Oder warum ich immer so inbrünstig nach Ersatzfamilien gesucht habe. Mir ist auch klargeworden, warum ich als Künstlerin meine Themen gewählt habe. Mein nonkonformistisches, frohsinniges Gezeter über Regeln kam nicht von ungefähr. Das war eine Absage an etwas, das ich als Kind lange Jahre erfolglos versucht habe umzusetzen.

Hatten Sie schon Notizen zu diesem Buch?

Nein, aber ich hatte meine Tagebücher – das war allerdings Fluch und Segen zugleich.

Wieso?

Ich habe Tagebücher geführt, seit ich zwölf Jahre alt war, das war unfassbar viel Stoff. Das war einerseits nützlich, weil ich ab einem gewissen Punkt alles nachlesen konnte, aber es war auch wahnsinnig viel und nicht so leicht runterzubrechen. Im Buch sind auch einige Originaltagebuchtexte drin. Aber herauszufinden, wie man mit dieser zweiten Textform umgeht, das war nicht ganz leicht – mit O-Tönen von einer Zwölfjährigen. Hat aber total Spaß gemacht.

Wie lange haben Sie gebraucht, um sich durch die Tagebücher zu arbeiten?

Sehr, sehr lange – zumal ich auch noch weitergegangen bin und es als Matrize in meinem Kopf noch einen zweiten und/oder sogar dritten Teil von dem Buch gibt, weil ich die Tagebücher weitergelesen habe, bis ich Anfang zwanzig war. Ich würde sagen, dass ich die Tagebücher so vier, fünf Monate bearbeitet habe.

Das stelle ich mir emotional sehr fordernd vor.

Ja, das war es. Ich habe viel geweint, aber auch sehr viel gelacht, das war schon sehr niedlich. Am meisten gelacht habe ich über mein sprunghaftes Verhalten gegenüber den Jungs in meinem Leben. Sehr berührt hat mich vieles vor dem Hintergrund meiner ADHS-Diagnose, die ich ja erst seit vier Jahren habe. Mit diesem Wissen sieht man die Dinge nun natürlich in einem ganz anderen Licht. Allein meine Zeugnisse von der Grundschule bis zur 9. Klasse sind eine 1A-ADHS-Diagnose. Damals fehlte schlichtweg die Einordnung und auch die Offenheit dafür.

Wenn Sie heute diese Teenagerin wären, wäre die Wahrscheinlichkeit wohl deutlich höher, dass Sie da irgendwie aufgefangen worden wären.

Ja, bestimmt. Damals galt ich einfach als „komisch“. Und diese Ratlosigkeit als Kind: Die anderen immer wieder zu beobachten und zu versuchen, herauszufinden, wie man eigentlich sein soll, das war schwierig – insbesondere im Hinblick auf den Kulturschock, als wir aus Berlin nach Freiburg gezogen sind. In Berlin, wo es viel Toleranz gab, da fiel das nicht weiter auf. Aber das Freiburg von damals war deutlich konservativer – das war für mich ein Supergau, weil ich gemerkt habe: Ich gehöre hier einfach nicht hin. Und dabei war ich gar nicht besonders frech oder rebellisch, ich wollte ja niemandem etwas Böses. Ich habe bloß einfach die Regeln nicht verstanden – und das ist ein bisschen auch so geblieben.

Als Solomusikerin war Holofernes noch bis 2018 aktiv. Aufgrund einer Stimmstörung kann sie seitdem nicht mehr singen.
Als Solomusikerin war Holofernes noch bis 2018 aktiv. Aufgrund einer Stimmstörung kann sie seitdem nicht mehr singen.Holger John/imago

Als wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben, habe ich Sie gefragt, was Sie davon abgehalten hat, sich Ihr Leben zurückzuholen, als Sie noch lange unzufrieden in den Strukturen einer Profimusikerin festgehangen haben. Sie haben daraufhin gesagt: „Mein größtes Hindernis war ganz sicher meine eigene Unklarheit und meine pathologische Freundlichkeit.“ Beidem sind Sie mit „Hummelhirn“ nun auf den Grund gegangen. Welche „neuen“ Erkenntnisse haben Sie beim Schreiben darüber für sich gewonnen?

Diese pathologische Freundlichkeit war einfach mein Versuch, nicht mehr anzuecken. Ich habe mich in die Freundlichkeit geflüchtet. Viele Leute haben das in meiner Musik, in meinen Texten gar nicht so empfunden, aber im direkten Kontakt war ich das immer – und das hat mir noch mal viel über meinen Weg mit den Helden und meine Solokarriere verraten.

Ziehen Sie aus der intensiven Auseinandersetzung damit nun irgendwelche Konsequenzen hinsichtlich Ihres jetzigen Umgangs mit Ihnen selbst und anderen?

Ich versuche es. Das Fazit im Buch lautet ja, dass ich eine gewisse Freundlichkeit bereits mitgebracht habe und daran auch nichts falsch ist. Ich bin vom Wesen her relativ freundlich.

Dafür schätzt man Sie ja auch.

Ja, und das ist schön. Das Geheimnis besteht darin, rauszugehen und besser zu erkennen, wo das verrutscht. Wo es Höflichkeit ist und wo es wirklich nur pathologisches People Pleasing ist. Bei mir war es lange so, dass ich wirklich jeden Wunsch, der irgendwo im Raum stand, als Befehl verstanden habe. Und alle Leute, die mir nahe sind, haben mir über Jahrzehnte hinweg immer wieder gesagt: „Judith, es ist dir doch egal, was der denkt. Hör doch auf, dem gefallen zu wollen.“ Aber ich konnte das nicht abstellen. Und zu verstehen, wo diese Hypervigilanz in Bezug auf die Wünsche anderer herkommt, das hat mir sehr geholfen.

Nun schreiben Sie in Ihren Büchern zwar auch über Ihre Helden-Zeit, aber dennoch ist die Band nun bereits seit 14 Jahren Geschichte. Nervt Sie das auf eine Art, dass immer noch überall steht „die ehemalige Wir-sind-Helden-Sängerin“ anstatt einfach Judith Holofernes?

Es nervt mich nicht mehr – seit ich das erste Buch geschrieben habe. Und das liegt an der transformatorischen Kraft des Schreibens. Davor und auch während des Schreibens war das noch ganz oft schwierig für mich, weil ich das Gefühl hatte, dass man mich nicht weiterziehen lässt. Ich habe immer ganz viel Verletzung daraus gezogen, nach dem Motto: Ihr wollt nicht, was ich jetzt bin. Das ist ja auch eine Ablehnung: Ihr wollt alle, dass ich nur das bin, was ich immer war. Aber dadurch, dass ich darüber durchs Schreiben so tief nachdenken musste, ist das jetzt verarztet. Wenn ich nun alte Heldensachen sehe, dann entzückt mich das im Großen und Ganzen und ich habe so ein Gefühl dazu von: Ach ja, das war ich auch mal. Aber ich habe nicht mehr das Gefühl, diese Frau von damals sein zu müssen.

Daniel Schieferdecker arbeitet seit 15 Jahren als freier Autor für verschiedene Medien wie Zeit Online, Esquire und den Rolling Stone. Er war außerdem drei Jahre lang Chefredakteur von Europas größtem HipHop-Magazin Juice und hat zwei Bücher geschrieben: das chinesische Reisekochbuch „Forever Yang“ und die autorisierte Biografie des Rappers RAF Camora.


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