Open Source

Frank Schätzing im Exklusiv-Interview: „David Bowie war für mich von kaum zu überschätzender Wichtigkeit“

Ein Gespräch mit dem Autor der Bestseller „Der Schwarm“ und „Limit“ über den Jahrhundertkünstler David Bowie, dem er ein ganz persönliches Buch gewidmet hat.

Frank Schätzing zu Gast in der NDR-Talk-Show
Frank Schätzing zu Gast in der NDR-Talk-ShowStephan Wallocha/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Frank Schätzing kennt man vor allem wegen seiner zahlreichen Roman-Bestseller wie „Der Schwarm“ oder „Limit“. Aber Schätzing ist auch einer der größten Bowie-Fans überhaupt und hat als solcher nun mit „Spaceboy: Über David Bowie. Über mich.“ eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Jahrhundertkünstler geschrieben. Wir sprachen mit Schätzing über Leistungsdenken, Kompromisslosigkeit und – logisch – David Bowie.

Herr Schätzing, Sie hatten ein Erweckungserlebnis mit David Bowie. Als Sie zwölf Jahre alt waren, hat Ihr damaliger Musiklehrer „Space Oddity“ von David Bowie aufgelegt. Können Sie beschreiben, wie die Situation damals für Sie war?

Düster. Auf der Volksschule hatte man Wert auf musische Begabung gelegt, auf dem Gymnasium versuchten sie uns jede Fantasie auszutreiben: eine Leistungsschmiede, wo es einzig ums Pauken ging. Träumen war abgemeldet. Dann spielte uns der Lehrer „Space Oddity“ vor, und ich war hin und weg. Der da singt, dachte ich, ist der König aller Träumer. Wenn der mit so was Erfolg hat, kann aus mir auch was werden.

David Bowie während eines Open-Air-Konzerts in Hamburg am 14. Juni 1987
David Bowie während eines Open-Air-Konzerts in Hamburg am 14. Juni 1987Werner Baum/dpa

Wodurch hat Bowie sich den Adelstitel „König aller Träumer“ verdient?

Na, durch seinen ganzen Output. Sein Erscheinungsbild, seine Performance, seine Themen. Bowie dachte und agierte nicht in künstlerischen Grenzen, er erfand sich und den Pop immer wieder neu. Um das zu schaffen, musst du in großem Stil und kühn träumen können.

Im Klappentext zum Buch steht: Ab da war alles anders. Was denn genau und inwiefern?

Das damalige Leistungsdenken erforderte, sich dem Lehrstoff bedingungslos anzupassen, für einen Werdegang zu entscheiden und zeitlebens dabei zu bleiben. Nur hatte ich nicht die mindeste Ahnung, wer ich sein und was ich werden sollte. Ich zeichnete, malte, schrieb Kurzgeschichten – und Bowie sagte: Sei einfach alle! Jeder trägt viele Persönlichkeiten in sich. Lass sie raus. Er gab mir den Mut, mich auszuprobieren.

Infobox image
Boris Roessler/dpa
Zur Person
Frank Schätzing, geboren 1957, ist einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller. Nach einem Studium der Kommunikationswissenschaften arbeitete er zunächst in der Werbebranche, war unter anderem auch Geschäftsführer der von ihm mitbegründeten Agentur Intevi. Seinen Durchbruch als Bestseller-Autor feierte er im Jahr 2004 mit dem Wissenschaftsthriller „Der Schwarm“. Auch seine Bücher „Limit“ (2009) und „Breaking News“ (2014) waren äußerst erfolgreich. Schätzing ist verheiratet, lebt in seiner Geburtsstadt Köln.

Bowie hat Sie seither Ihr gesamtes Leben lang begleitet. Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Ein Lebensretter war er, bis ich 16 wurde. Von kaum zu überschätzender Wichtigkeit. Nun bin ich niemand, der Menschen idolisiert. Fortan sah ich ihn als beeindruckende Persönlichkeit und kreatives Genie. Und stellte über die Jahre fest, dass ich seine künstlerische Haltung durchweg teilte. Obwohl ich andere Wege ging und ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen, empfand ich ihn doch als Seelenverwandten.

Demnach war es nur eine Frage der Zeit, ein Buch über David Bowie und seine Bedeutung für Sie persönlich zu schreiben, oder?

Kiepenheuer & Witsch, mein Verlag, bringt eine musikalische Bibliothek heraus: schmale Bändchen, in denen Personen des öffentlichen Lebens über ihre Pophelden und -heldinnen schreiben. Irgendwann hatte ich versprochen, ein solches Büchlein über Bowie beizusteuern. Nun war schon so viel über Bowie geschrieben worden, da musste es schon eine sehr persönliche Note haben. Also begann ich mit der Szene, wie ich Bowie erstmals hörte. Und fand mich mitten in meiner eigenen Lebensgeschichte wieder. Am Ende wurde es ein richtiges Buch.

Sie haben sich im Zuge der Arbeit an „Space Boy“ vermutlich noch mal intensiv mit David Bowie beschäftigt. Was waren die spannendsten neuen Erkenntnisse, die Sie über ihn (und/oder Sie) dazugewonnen haben?

Wie wenig er sich eigentlich verstellt hat. Selbst in seinen wildesten Kostümen während der Siebziger sah man tatsächlich einen authentischen Bowie – insofern, als er sich keine fremde Identität überstülpte, sondern sein Innerstes nach außen kehrte. So richtig verstand ich das erst, als ich mit 16, mit meiner damaligen Band, auftrat. Ich war furchtbar schüchtern, also schminkte ich mich – und fühlte mich erstmals wie ich selbst.

Selbst in den wildesten Kostümen authentisch: David Bowie
Selbst in den wildesten Kostümen authentisch: David BowiePhotoshot/imago

Sie haben Bowie 2002 mal live gesehen, im Kölner E-Werk, wo Sie direkt vor der Bühne standen. Welche Bedeutung hat dieses Konzert für Sie?

Ich habe ihn etliche Male live gesehen, die meisten dieser Konzerte waren großartig, aber dieses war das intimste. 1300 Leute! Für Bowie ein gut gefülltes Wohnzimmer. Wir standen in der ersten Reihe, er war so zugänglich, persönlich, charismatisch, und er hörte gar nicht mehr auf zu spielen, so wohl fühlte er sich im E-Werk. Er war bei sich angekommen, das spürte man.

Sie haben geschrieben, dass Ihr Leben ohne David Bowie mutmaßlich anders verlaufen wäre. Haben Sie eine Ahnung, wie es womöglich ausgesehen hätte?

Na ja, er hat nichts in mir wachgerufen, das nicht schon in mir angelegt war. Insofern hätten mich wohl andere inspiriert. Vielleicht hätte ich ohne Bowie einen dieser Berufe ergriffen, von denen man uns sagte, sie wären einem soliden Lebenswandel zuträglicher als Schreiben, Malen, Musik machen, Schauspielern usw. Aber ich denke, meine Kreativität hätte sich irgendwie Bahn gebrochen. Das Gefühl der Seelenverwandtschaft allerdings – das hätte sich bei sonst niemandem eingestellt.

Sie haben geschrieben „David Bowies gesamter Werdegang sei die Chronik seiner Obsessionen“. Inwiefern?

Weil er für alles brannte. Lichterloh. Alles auf die Spitze trieb, über jede Grenze ging. Besonders in den Siebzigern, seiner Drogenzeit – er nahm ja Koks, die Hellwachdroge schlechthin – legte er einen manischen Schaffensdrang an den Tag. Später, als er mit Iman und Tochter Lexi ein zufriedenes und ausgeglichenes Leben führte, hat er dennoch wie ein Wilder gegen seine Endlichkeit angearbeitet. Der Mann war kreativ für zehn!

David Bowie mit Iman in Paris, 1991
David Bowie mit Iman in Paris, 1991Keystone/imago

Es gibt gesellschaftlich einschneidende Ereignisse, bei denen die meisten Menschen wissen, wo sie an besagtem Tag waren – wie beim 11. September zum Beispiel. Ich weiß auch noch, wo ich war, als ich von Bowies Tod erfahren habe. Und Sie?

Ich kam aus der Dusche. Hatte vor, an dem Tag Mike Garson anzurufen, Bowies Pianist, mit dem ich zu der Zeit an meinem Album „Taxi Galaxi“ arbeitete. Zwei Tage zuvor war „Blackstar“ erschienen. Meine Frau nahm mich in die Arme: „David Bowie ist gestorben. Das ist so traurig.“ Ich konnte es nicht glauben. Du bringst doch kein solches Album, so ein Meisterwerk raus uns stirbst zwei Tage später. Ich rief Mike an: „Wir können es verschieben. Du musst doch total unter Schock stehen.“ „Nein“, sagte Mike. „Wir ziehen das durch, das hätte David auch getan.“ Also spielte er für mich Klavier. Bowies Pianist. Too big to handle.

Was hat sein Tod mit Ihnen gemacht?

Einerseits war es, als ginge ein langjähriger Gefährte. Obgleich wir uns ja gar nicht kannten und ich mein Leben nun wirklich nicht nach Bowie ausgerichtet hatte. Aber da war immer dieses tiefe Einverständnis gewesen. Ich wusste, damit geht auch ein Teil meines Lebens zu Ende. Bowie hatte ja noch jede Menge Pläne, die er nicht mehr umsetzen konnte. Schlagartig wurde mir klar, dass auch ich nicht mehr alles würde tun können, was ich mir vorgenommen hatte. Sein Tod führte mir meine Endlichkeit vor Augen. Aber auch, dass ich bis zum letzten Atemzug etwas Neues beginnen würde.

Welcher Aspekt von Bowies Persona und/oder seinem Werk fasziniert Sie am meisten und warum?

Seine immense Vielseitigkeit, die ihn befähigte, fünf Jahrzehnte lang vorne zu sein, die meiste Zeit jedenfalls. Bis zuletzt ein Avantgardist. Vor allem aber bewunderte ich seine Bereitschaft, Risiken einzugehen. Wer sich ständig neu erfindet, setzt jedes Mal seine Fanbase aufs Spiel. Aber das muss so sein. Es gibt eine Kunst der Kompromisse. Aber keine Kompromisse in der Kunst.

David Bowie in Paris, 2003
David Bowie in Paris, 2003BESTIMAGE/imago

Ihr Lieblings-Bowie-Album?

Bei so einem Œuvre gibt es nicht ein Lieblingsalbum. Aus der Frühzeit finde ich „Diamond Dogs“ berauschend. „Low“ war bahnbrechend. Ein Meilenstein der Ungefälligkeit ist „1. Outside“. Und natürlich „Blackstar“.

Ihr drei Lieblings-Songs?

Geniale Songs hat Bowie ohne Zahl geschrieben, herausragend ist „Life on Mars“, ein harmonisch irre anspruchsvoller, gleichwohl traumhaft eingängiger Song und Paradebeispiel für Bowies dramaturgisches Genie und Sangeskunst. „Aladdin Sane“ schon wegen Make Garsons Klavier-Solo. „Jump They Say“ aus den Neunzigern klingt grandios, eine Hommage an seinen Halbbruder Terry, der großen Einfluss auf Bowie hatte. Und „Lazarus“. Sein finales Monument.

Wenn Sie sich das heutige Pop-Geschehen ansehen mit Musikerinnen und Musiker wie Billie Eilish, Taylor Swift, Harry Styles etc. Gibt es da welche, die es künstlerisch mit Bowie aufnehmen könnten?

Seine legitime Erbin ist zweifellos Annie Clark aka St. Vincent, in den USA weit populärer als hier. Eine begnadete Songschreiberin und Gitarristin, Gestaltwandlerin, Grenzgängerin zwischen den Genres, flamboyante und charismatische Erscheinung, ebenso wie Bowie mit großer theatralischer Kraft ausgestattet. Hierzulande sehe ich keine direkte Bowie-Nachfolge, mit Sophia Kennedy allerdings eine faszinierende Songschreiberin und Sängerin, deren Stimme und Musik im deutschen Pop einzigartig sind. Sie finde ich wirklich grandios!

Daniel Schieferdecker arbeitet als freier Autor für verschiedene Medien wie Zeit Online, Esquire und den Rolling Stone. Er war außerdem drei Jahre lang Chefredakteur von Europas größtem HipHop-Magazin Juice und hat zwei Bücher geschrieben: das chinesische Reisekochbuch „Forever Yang“ und die autorisierte Biografie des Rappers RAF Camora.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.