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Mein drittes Leben: Von der DDR geprägt, von Corona gezeichnet und für immer Optimist

Was unser Autor nicht schon alles war: FDJler, Hausbesetzer, Elektriker, Schulgründer etc. Nach einer größeren Krise möchte er wieder mit etwas Neuem beginnen.

Bereit für einen weiteren Neuanfang: Raimar Fritsch
Bereit für einen weiteren Neuanfang: Raimar FritschNyree Fritsch

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Eins

Ich wurde 1966 geboren; habe die DDR-Zeit also sehr bewusst erlebt. Als Jung- und Thälmannpionier, FDJler – distanziert dabei, aber mitlaufend. Meine Eltern lebten mir einen wohlgemeinten Opportunismus vor. Im Familienkreis mal vom Leder ziehen, aber ansonsten darauf bedacht, nicht zu sehr anzuecken. Ich maße mir kein Urteil an; diese Haltung resultiert vor allem aus einem Beschützerinstinkt und ist wohl mehr als typisch nicht nur für diese Zeit der deutschen Geschichte.

Meine Rebellion kam erst später: mit der Pubertät. Metal und Punk, Partys in Absteigen im Umland und in besetzten Wohnungen in Berlin. Erste – naive und doch so logische – ernsthafte Hinter- und Infragestellungen des real existierenden Sozialismus.

Meine Zukunft war mir immer unklar, diffus. Und weit weg. Ich wollte Schauspieler werden, oder Archäologie studieren. Aber da gab es nur einen Studienplatz in zwei Jahren – sagten meine Eltern. Wahrscheinlich stimmte es sogar. Warum ich mir das ausreden ließ, weiß ich bis heute nicht. Also ein Beruf mit Zukunft: was mit Computern und Informatik. Mein Westonkel stand Pate bei dieser Idee, und ich mochte ihn. Abitur, eineinhalb Jahre Grundwehrdienst, das Übliche. Informatikstudium in Ilmenau. Was soll’s, wird schon werden.

Wurde nicht. Nach dem obligatorischem Studentenherbst als billige Arbeitskraft auf den Apfelplantagen der anhaltinischen Börde ging es an den KC 85-3, Basic-Programmiersprache lernen via Kassette. Und Turbo-Pascal. Es interessierte mich null. Dazu der ganze Formelkram. Zu viele Dinge, die sich mir nicht erschlossen. Ich verlegte mich darauf, meine Informatikkommilitonen mithilfe meiner Westverwandtschaft mit Floppy-Discs zu versorgen. Das war ein mehr als einträgliches Geschäft. Es ließ sich damit sehr gut leben – und feiern.

Unser Autor war FDJler, distanziert dabei, aber mitlaufend, wie er es nennt.
Unser Autor war FDJler, distanziert dabei, aber mitlaufend, wie er es nennt.Wolfram Weber/imago

Im Hintergrund lief jedoch die ganze Zeit ein Countdown: Wer zu diesen Zeiten ein Hochschulstudium abschließen wollte, kam an einer vierwöchigen militärischen „Weiterbildung“ inklusive Beförderung im dritten Studiensemester nicht vorbei. Das hieß in meinem Fall: Seelingstädt – oder ebenso landläufig wie lax: Stalinstädt – und Armee. Nach meiner Pflichtzeit bei den Muckern in Brandenburg unvorstellbar. Selbst, wenn es mein Traumstudium wäre: niemals wieder!

Kurz vor der Deadline – die damals noch nicht so hieß – ließ ich mich exmatrikulieren. Arbeitslos im Osten. Damit war ich raus aus dem schon sterbenden System. Für fünf Mark freiwillig sozialversichert, das ging. Ich musste nur regelmäßig am Schalter erscheinen, bezahlen und die Marke in meinen Ausweis kleben. Keiner fragte.

Ansonsten: Schwarzarbeit. Auf dem Bau. Im Forst: Wald beräumen, Bäume pflanzen. Fichten brachten wenig ein, aber für Kiefern gab es 25 Pfennige pro Setzling. Das war an den thüringischen Waldhängen ein harter Job im Brombeergeflecht. Legte ich richtig los, schaffte ich neunzig die Stunde. „Kyrill“ mähte knapp zwanzig Jahre später innerhalb von wenigen Stunden meinen mühevollen Beitrag zur Monokultur in breiten Schneisen nieder.

Ich pendelte zwischen Berlin und Ilmenau. In Thüringen wohnte ich mit Freunden zusammen mitten im Wald – ohne Strom, mit einer Handschwengelpumpe für das Wasser aus dem Kellerbrunnen und einem Plumpsklo fünfzig Meter hinterm Haus.

In der Hauptstadt besetzte ich wie so viele eine Wohnung: in Mitte, zweiter Hinterhof. Direkt vor dem Eingang in der Brunnenstraße schlummerte der namenlos vergitterte U-Bahnhof, der jetzt wieder Bernauer Straße heißt. Manchmal gingen Grenzsoldaten da runter, ich hörte dumpfe Zuggeräusche aus den Eingeweiden der Stadt. Die Dimension war mir damals nicht wirklich bewusst.

Mit einer Handvoll Freunden gründeten wir eine Spaßguerilla. Wir machten Linolschnitte zur Kommunalwahlfälschung im Mai 1989 und druckten diese mit einer Wäschemangel in einem feuchten Keller, um sie nächtens, mit einem Glas Tapetenleim in der Tasche, an Litfaßsäulen und Häuserwände zu kleben. Nahmen Kontakt zu anderen Gruppierungen auf. Zur Umweltbibliothek. Oder zu jenen, aus denen später das Neue Forum oder die Vereinigte Linke entstanden. Aber so richtig gehörten wir nie dazu.

Ich ging weiter unter dem Radar arbeiten. Bewarb mich in Babelsberg für Kamera – keine Chance. Ein kurzes Bewerbungsgespräch in Adlershof, beim Staatsfernsehen. Was halten Sie von den Vorgängen in Peking? So lautete die einzige Frage. Nach meiner Antwort: Ein müdes Lächeln: Lernen Sie Maurer …

An langen Tagen ehemals ein Zufluchtsort für unseren Autor: das Kino International
An langen Tagen ehemals ein Zufluchtsort für unseren Autor: das Kino Internationalimagebroker/imago

Hatte ich gerade keinen Auftrag, ging ich um zehn Uhr ins Kino International: Die Vormittagsvorstellung für Schichtarbeiter. Eine schöne Idee, aber im Saal saßen nur Gestalten wie ich selbst. Die Tage waren lang, trat ich mittags auf die Karl-Marx-Allee, lag noch alle Zeit vor mir. Aber die Dinge nahmen an Fahrt auf, wurden brisanter. Und wir hatten ebenso viel Angst wie Glück: Beim Abwerfen der Protestzettel von einem Dach oder dem Aufhängen mit Losungen beschriebener Bettlaken: DEMOKRATIE IN CHINA UND HIER!

Wir waren und nahmen uns nicht wichtig, bildeten aber einen der vielen Tropfen, die das Fass letztlich zum Überlaufen brachten. Rückblickend denke ich manchmal an das Zitat von Helmut Kohl über die Gnade der späten Geburt. Das meinte eine andere Zeit, traf aber auch auf meine Wirklichkeit zu. Wenige Jahre eher geboren – die Möglichkeiten wären überschaubar: Opportunist werden oder standhaft bleiben: mit Knastgarantie. Oder der Rückzug ins Private auf einem Hof in der Uckermark.

Bei der dritten und häufigsten Variante: Ausreise – fällt mir immer die Szene aus „Herr der Ringe“ ein: In Lothlorien bietet Frodo Galadriel den Ring der Macht an. Nach innerem Kampf sagt sie: „Ich habe die Prüfung bestanden. Ich werde schwächer werden – und in den Westen gehen …“ Aber das kam viel später. Auch aus unserer losen Gemeinschaft verschwand der eine oder andere. Aber insgesamt hatten wir Glück. Und profitierten von der Verunsicherung und zunehmenden Überforderung eines maroden, erodierenden Staates.

Mein erstes Leben endete somit am historischen 9. November. Genauer betrachtet, war der 4. November mit dieser unglaublichen Demonstration bereits die Erlösung. Ich erinnere mich genau an die Angst am 7./8. Oktober auf dem Alexanderplatz und rund um die Gethsemanekirche. Und an die Hetzjagden der Staatssicherheit und Volkspolizei in den Nebenstraßen von Mitte und Prenzlauer Berg. Da war noch alles ungewiss. Aber am 4. November war klar: Wir haben gewonnen und es gibt kein Zurück. Diese Diktatur des Proletariates wird Geschichte sein. Wie immer auch die Zukunft aussehen mag …

Zwei

Zu der Zeit machte ich eine berufsbegleitende Ausbildung zum Feinmechaniker. Früh ab halb acht Fotoapparate auseinander- und zusammenbauen. Danach ein politisches Treffen nach dem anderen in diesen offenen, unruhigen, wilden Zeiten. Mit unserem Spaßkollektiv gründeten wir einen alternativen Jugendverband. Um Freiräume zu schaffen und der FDJ die Geldtöpfe streitig zu machen.

Wenn ich heute in meinen 90er-Kalender schaue, glaube ich gar nicht, dass ich das alles wirklich gemacht habe. Und trotzdem pünktlich zur Arbeit erschien. Das war pures Adrenalin. Schnell war klar, dass niemand mehr Kameras von Carl Zeiss Jena kaufen wollte, geschweige denn sie reparieren lassen wollte. Die Stasi-Zentrale wurde gestürmt und besetzt. Wenige Tage später war ich mittendrin: hauptamtlich in der Arbeitsgruppe „Sicherheit“. Bezahlt vom Betrieb, finanziert vom Innenministerium. Die gerade noch so existierende DDR kam selbst für die Auflösung ihres eigenen Machtapparates auf.

Die Ironie des Namens unserer Arbeitsgruppe ging mir erst einige Jahre später auf. Ohne Angst Flyer richtig drucken, Plakate kleben: Das war eine völlig neue Erfahrung. Und ernüchternd: Es interessierte keinen mehr. Sowohl der Gegner als auch der Spaß gingen unserer Guerilla abhanden; wir zerbröselten.

Manche schlossen sich den damals omnipräsenten Trotzkisten an und suchten ihr Heil in der Vierten Internationale. Ich war vollauf mit der Stasi-Auflösung beschäftigt. Und hielt es nach einem Dreivierteljahr nicht mehr aus. Flucht nach vorn: Für gut drei Monate verließ ich mein nicht mehr existentes Land der unmöglichen Begrenztheiten, um das der unbegrenzten Möglichkeiten zu erkunden. Ein Jugendtraum – und ein wahrer Kulturkollaps. Zurück in Berlin studierte ich Kultur- und Filmwissenschaften, arbeitete als Elektriker und genoss die Endphase der anarchischen Zeiten.

Mit meiner schwangeren Frau zog ich wieder in meine Heimatstadt Strausberg und fing bei einem kleinen Kulturverein an. Das ganze Programm: Kleinkunst, Kneipe, Theater, Kino, Konzerte, Großveranstaltungen. Um die Nullerjahre tröpfelten die Kulturfinanzen nur noch; mit Enthusiasmus und leichtem Größenwahn gründeten wir eine private Grundschule. Ein Gymnasium, Waldkindergarten und eine Oberschule folgten. Da arbeitete ich schon lange in der Geschäftsführung. Alles fügte sich: Zur richtigen Zeit waren über viele Jahre hinweg die richtigen Menschen am richtigen Ort – und stampften gegen alle Widerstände mit viel Engagement etwas Sinnvolles aus dem Nichts.

Wir schrammten nicht nur einmal am Abgrund vorbei. Aber mit Geduld und Mühen manövrierten wir unser Schiff in halbwegs sichere Gewässer. Und: es funktionierte. Obwohl es manchmal so ein bisschen wie bei „Raumschiff Enterprise“ war, wenn Spock zu Kirk sagt: „Die Wahrscheinlichkeit liegt bei …“ – „Spock! Es funktioniert!“ Bauordnungsamt, Denkmalschutz, Bildungsministerium, Arbeits- und Brandschutz: Das war kein Spaß. Die Erfüllung aller Auflagen glich der Quadratur des Kreises. Zermürbte, und machte mir zunehmend zu schaffen.

Dann kam Corona. Jede Woche seitenlange Verfügungen, die ebenso kryptisch wie undurchdringlich und im wahren Leben nahezu undurchführbar waren. Die zuständigen Ämter eskalierten und liefen zu Höchstformen auf. Immerhin erfreuten wir uns an sprachlichen Wiederentdeckungen wie „Tanzlustbarkeiten“, die aus einhundert Jahre alten Hygienevorschriften plötzlich wieder auftauchten. Aber bitter schmeckten vor allem eine Politik und mediale Doktrin, die ich 1989 überwunden glaubte. Und wieder wurde deutlich: Macht macht etwas mit vielen Menschen, auch wenn sie nur dafür verantwortlich sind, dass man ohne einen Einkaufswagen keinen Supermarkt betreten darf.

Ich hätte 1990 gern einen anderen Weg mitgestaltet. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich dreißig Jahre in diesem Land nicht unwohl. Aber jetzt war alles anders. Burnout, Krankschreibung, Depressionen. Tage, über die ich mich mit dem morgendlichen Teebeutelspruch hangelte: Schließe Frieden mit Deiner Vergangenheit! – Schaffe Raum für die Zukunft!

Drei

Ich bin hoffnungsloser Optimist. Ich schaffte es über diese Zeit: mit Familie, Freunden und Therapie. Was bleibt, ist ein flauer, verunsicherter Blick auf unsere Gesellschaft. Und eine gewisse Hilflosigkeit ob der vielen Baustellen und Konflikte nicht nur in unserem Land.

Wieder sind die Möglichkeiten überschaubar. Im System sehe ich mich nicht mehr, aus Ausreise würde Auswanderung. Aber Rückzug ins Private fühlt sich auch nicht gut an. Was tun mit dieser Ratlosigkeit? Ich weiß es nicht. Immerhin sind meine Tage wieder lang, die Zukunft wieder ungewiss. Auch dass ist eine Chance. Ich bin neugierig.

Raimar Fritsch, geboren 1966 in Strausberg, gelernter Feinmechaniker, ab 1991 Studium der Kultur- und Filmwissenschaft, ab 1997 in der Bildungsarbeit, als Fotograf und Filmvorführer tätig, seit 2023 Rückkehr zu den Wurzeln – Fotografie und Text.

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