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Berlin, Ende September 1926. Zwischen dem soeben für die dritte Berliner Funkausstellung fertiggestellten Funkturm und den Ausstellungshallen am Kaiserdamm drängen sich Tausende vorbei an ausgestellten Uniformen, Fingerabdrücken, Tatortskizzen und modernster Technik. Kinder staunen über Verkehrspolizisten, Bürger betrachten sichergestellte Beute, Beamte erklären geduldig ihre Arbeit. Über allem steht ein Satz, der bis heute nachwirkt: „Die Polizei – dein Freund und Helfer.“ Nicht weniger als eine Polizei des Volkes sollte entstehen.
Der Spruch ist mehr als ein Slogan. Es ist ein dringend notwendiges politisches Programm. Die Weimarer Republik des Jahres 1926 ist alles andere als stabil. Zwar hat sich die Lage nach Hyperinflation, Attentaten und Putschversuchen etwas beruhigt, doch die Gesellschaft bleibt tief gespalten. Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und rechten Verbänden gehören ebenso zum Alltag wie politische Morde und ein tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen.

Im Zentrum vieler Spannungen steht ausgerechnet die Polizei. Für viele Linke ist sie noch immer die bewaffnete Verlängerung des Kaiserreichs – autoritär, militärisch geprägt, sozial distanziert. Das bekommen neben der Halbwelt vor allem Minderheiten wie Obdachlose, Prostituierte oder „Zigeuner“ zu spüren, die vielen nicht ins Stadtbild passen. Für konservative Kräfte wiederum ist die Polizei oft zu schwach, zu „republikanisch“, zu wenig durchgreifend. Die Presse des Medienzaren Alfred Hugenberg lässt kaum ein gutes Haar an ihr. Der Druck auf die Polizei kommt von allen Seiten. Preußens Innenminister Carl Severing (SPD) erkennt das Problem früh: Eine Demokratie kann nicht mit einer Polizei bestehen, die selbst nicht demokratisch denkt.
Warum die Polizei demokratisiert werden musste
Demokratie muss erlernt werden. Doch die Beamten der Weimarer Republik, geboren und zur Schule gegangen im Kaiserreich, hatten im Ersten Weltkrieg gekämpft. Ältere waren vielleicht bereits kaiserliche Polizisten gewesen und hatten in hierarchischen Organisationsformen zu arbeiten und zu entscheiden gelernt, waren eng mit militärischen Strukturen verwoben und vor allem geübt, auf Befehle zu warten und zu gehorchen. Auch jüngere Beamte waren an Disziplin, Befehl und Gehorsam gewöhnt – nicht an Bürgernähe oder Konfliktvermittlung.
Nach 1918 änderte sich das politische System zwar radikal, die Polizei aber nur langsam. Sie blieb vielerorts ein Fremdkörper in der neuen Republik. Das ist verständlich, denn so wie die verfassungsgebende Nationalversammlung 1919 nach Weimar ausweichen musste, hatte auch die Polizei unter dem Druck der Straße genug damit zu tun, einen Bürgerkrieg zu verhindern und Angriffe auf sich selbst abzuwehren. Severings Plan beabsichtigte daher nicht weniger als einen Mentalitätswechsel: Die Polizei sollte nicht länger Machtinstrument, sondern Garant der demokratischen Ordnung sein.

Die Polizeiausstellung (auch) als politische Inszenierung
Zeitgleich mit der Polizeiausstellung tagte ein internationaler Polizeikongress, denn auch Interpol war schon 1923 gegründet worden. Man zielte unter Federführung des preußischen Innenministeriums auf eine Wirkung nach innen und nach außen, denn noch war Deutschland aufgrund des Versailler Vertrags von vielen internationalen Vorgängen ausgeschlossen oder nur als Beobachter zugelassen.
Die Alliierten wirkten sogar in Berufslaufbahnen hinein und setzten letztlich das Berufsbeamtentum durch. Sie befürchteten nämlich, dass die zunächst begrenzten Dienstlaufbahnen immer neue Kohorten von an Waffen ausgebildeten Männern hervorbrächten und damit der auf 100.000 Soldaten begrenzten Mannstärke der Reichswehr ein schattenhaftes Parallelheer zur Seite träte. Politisch ausgegeben war somit die Absicht, nach außen Anschluss an internationale Polizeiarbeit und nach innen das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen und das Image der deutschen Polizei grundlegend zu verändern.

Die Ermittler – zwischen Wissenschaft und Inszenierung
Die Ausstellung sollte nicht nur ein neues Polizeibild vermitteln. Sie zeigte auch, wie sehr sich die Polizeiarbeit wandelte, und war damit ein Schaufenster der Innovation. Bereits in den 1920er-Jahren arbeitete die Kriminalpolizei mit Methoden, die heute selbstverständlich sind. Spurenkunde und Tatortarbeit zur Rekonstruktion eines Tathergangs waren bereits bekannt, daktyloskopische Verfahren zur Sicherung von Fingerabdrücken oder Blutuntersuchungen zur Unterscheidung wenigstens von tierischem und menschlichem Blut waren möglich. Systematische Fallanalysen bedienten sich statistischer Verfahren. Besucherinnen und Besucher konnten aktiv dabei zuschauen.
Besonders eindrucksvoll wirkte die Verbindung verschiedener Methoden: Fotografie, Vermessung, Spurensicherung und Dokumentation wurden erstmals systematisch kombiniert. Die Polizei begann, Fälle nicht mehr nur aufgrund von Zeugenaussagen, sondern durch objektivierbare Beweise zu lösen.
Berühmte Kriminalisten wie Ernst Gennat, Leiter der Berliner Mordinspektion, trieben diese neue, wissenschaftliche Polizei mit voller Kraft voran. Er hatte sich ein spezielles Fahrzeug bereitstellen lassen, mit dem am Tatort gleich die Arbeit beginnen konnte. Ernst Gennats Leute hatten eine nahezu hundertprozentige Aufklärungsquote. Dass während der Ausstellung ein spektakulärer Raubüberfall geschah – und natürlich schnell aufgeklärt wurde –, nutzte man prompt zur Demonstration kriminalistischer Leistungsfähigkeit.
Auch verdeckte Ermittlungen gab es bereits. Sie waren weniger formalisiert als heute, aber längst Teil kriminalpolizeilicher Praxis, insbesondere im Bereich Organisierter Kriminalität und politischer Überwachung.
Frauen in der Polizei – ein vorsichtiger Anfang
Besucherinnen erfuhren staunend, dass auch Frauen zum neuen Leitbild gehörten, wenn auch zunächst in begrenzter Zahl und meist in speziellen Bereichen, etwa Jugendfürsorge, Sittlichkeitspolizei oder soziale Betreuung. Die Polizeiführung versprach sich durch weibliche Beamte weniger Gewalt, mehr Vermittlung, mehr soziale Kompetenz. Man wollte nicht länger nur Recht durchsetzen, sondern auch soziologische und soziale Hintergründe von Verbrechen verstehen. Severing und andere Reformpolitiker sahen in weiblichen Polizeikräften zudem eine Möglichkeit, das Bild der Polizei zu verändern. Sie sollten vermitteln statt einschüchtern, Vertrauen schaffen statt Distanz verstärken.
In der Berliner Polizeiausstellung wurden Frauen als Teil einer modernen, zivilen Polizei präsentiert – ein sichtbarer Bruch mit der rein männlich-militärischen Tradition des Kaiserreichs. Gleichzeitig blieb ihre Rolle allerdings vorerst begrenzt. Frauen hatten kaum Aufstiegschancen und ihre Aufgaben waren klar abgegrenzt. Die Öffnung war symbolisch wichtig, strukturell aber noch vorsichtig.

Technik, Verkehr, Moderne
Die Ausstellung war nicht zuletzt ein Schaufenster der Moderne. Funktechnik, Telefonnetze und Motorradstreifen ermöglichten schnellere Reaktionen. Die Polizei wurde damit Teil einer neuen, beschleunigten Gesellschaft – und musste lernen, mit dieser Geschwindigkeit Schritt zu halten.
Kaum ein Bereich machte die Modernisierung so sichtbar wie der Verkehr, der in der Ausstellung ebenfalls abgebildet wurde. Berlin war Mitte der 1920er-Jahre eine der dynamischsten Städte der Welt. Autos, Straßenbahnen, Fahrräder und Fußgänger konkurrierten um denselben Raum. Chaos war die Regel.
Die Polizei reagierte darauf mit neuen Formen der Steuerung. Ein Beispiel: die Verkehrslenkung. Während der Ausstellung wurde erstmals eine koordinierte Ampelsteuerung erprobt. Die Polizei inszenierte sich als Ordnungsmacht einer neuen, technischen Urbanität. Besonders symbolträchtig war der Verkehrsturm am Potsdamer Platz, von dem aus ein Polizist den Verkehr koordinierte – ein Vorläufer moderner Ampelsysteme. Zugleich erwies sich die Verkehrsregelung als Feld, in dem Bürger die Polizei im Alltag unmittelbar erlebten. Freundlichkeit, Klarheit und Präsenz wurden hier ebenso wichtig wie Durchsetzungsfähigkeit.
Erfolg – und Grenzen
Zumindest kurzfristig war die Ausstellung erfolgreich. Sie brachte der Polizei Aufmerksamkeit, Sympathie und ein neues Leitbild. Der Satz „Freund und Helfer“ wurde zum Motiv einer ganzen Generation und wirkt bis heute. Die Politik entnahm ihm bedeutende Impulse zur Weiterentwicklung der Polizei als Ordnungsmacht sozialer Prozesse. Doch angesichts der innenpolitischen Zuspitzungen und von Straßenkämpfen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten geriet die Polizei zunehmend zwischen die Fronten.

