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Die Berlin-Wahl naht. Und pünktlich erwacht das tot geglaubte Freibad in Marzahn-Hellersdorf zu neuem Leben. „Ja, das soll wohl kommen“, sagt Frau Simon, die auf dem Helene-Weigel-Platz zum Supermarkt geht, „aber das wird vielleicht nie was. Wir hören das nämlich schon seit Jahren.“ Auch Frau Vila, auf dem Weg zum Bahnhof Springpfuhl, ist enttäuscht. „Das wurde immer wieder versprochen, aber wir warten jetzt schon ewig.“ Ihr 20-jähriger Sohn steht neben ihr – als Kind wäre er im Sommer gern mit Freunden ins Freibad gegangen. Über die lange Planungszeit ist er erwachsen geworden. Viele Bürgerinnen und Bürger bezweifeln, dass das Bad jemals gebaut wird.
„Das Bad ist finanziert, der Standort steht fest und die Planung läuft“, heißt es im Herbst 2025 in einer gemeinsamen Pressemitteilung von Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) und Bezirksbürgermeisterin Nadja Zivkovic (CDU). 2027 sei Baubeginn, zunächst für eine neue Schwimmhalle am Jelena-Šantić-Friedenspark. Ein Außenbecken käme später dazu, „für sommerlichen Badespaß im Herzen des Bezirks“.
Bei der Bezirksverordnetenversammlung in Marzahn-Hellersdorf Ende Januar 2026 wird die Hoffnung auf ein Freibad erneut befeuert. Heike Wessoly (CDU), Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung, verkündet die Neuigkeit, dass Schwimmhalle und Außenschwimmbecken gleichzeitig statt nacheinander kommen sollen. Beides sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit finanzierbar und somit realisierbar“. Das hätten die Berliner Bäderbetriebe dem Bezirksamt im Januar mitgeteilt. „Sie haben sich tatsächlich nicht verhört“, ruft die Bezirksstadträtin den ungläubigen Verordneten zu. Applaus. Zum Zeitplan befragt, erklärt sie, dazu könne sie nichts sagen, denn wegen der neuen Situation sei zunächst eine Machbarkeitsstudie erforderlich.
„Nur finanzierte Projekte sind realistische Projekte“
Papier wurde viel bewegt in den zurückliegenden Jahrzehnten, und reichlich Geld ausgegeben: für ein Konzept, einen Planungsentwurf, zwei Bebauungsplanverfahren, zwei Öffentlichkeitsbeteiligungen, eine Unterschriftenaktion, eine Bürgerumfrage sowie ein Baugrundgutachten und eine Artenschutzuntersuchung. Die neu angekündigte Machbarkeitsstudie wird die dritte sein, die Kosten belaufen sich auf etwa 50.000 Euro.
„Nur finanzierte Projekte sind realistische Projekte“, sagt Alexander King (BSW), Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Ihm hatte die Senatsverwaltung für Finanzen im Oktober 2025 auf eine Anfrage geantwortet: Die neue Schwimmhalle werde aus dem Sondervermögen Infrastruktur Wachsende Stadt (SIWA) finanziert. Hier seien 68 Millionen Euro verfügbar, das Geld sei eigentlich für ein Kombibad in Pankow geplant gewesen. Das sei gestrichen, der Senat habe stattdessen beschlossen, es für „mehrere Schwimmbäder“, darunter in Marzahn-Hellersdorf, zu verwenden. King befürwortet die Umschichtung der Mittel zugunsten des Kombibades in Marzahn-Hellersdorf. „Dabei ist es aber notwendig, dass die konkrete Finanzierung für die Schwimmhalle und das Außenbecken verbindlich festgelegt wird. Bislang sehe ich das noch nicht.“
Was genau soll von den 68 Millionen Euro gebaut werden? Auf eine Presseanfrage antwortet die Senatsverwaltung für Inneres und Sport, die Summe sei für drei Schwimmhallen vorgesehen: in Pankow, Spandau und Marzahn-Hellersdorf. King bezweifelt, dass das umgeschichtete Geld wirklich für drei Schwimmhallen plus ein Außenbad reicht: „Das ist aus meiner Sicht leider mehr als fraglich.“
Die Zweifel sind berechtigt. Die Senatsverwaltung für Inneres und Sport bestätigt: Nach „derzeitigem Stand des vorläufigen Grobkonzeptes“ sei in Marzahn-Hellersdorf eine Schwimmhalle, „nebst Anschluss für ein mögliches Außenbecken, vorgesehen“. Statt des in der Bezirksverordnetenversammlung unter Applaus verkündeten Freibades ist für Marzahn-Hellersdorf beim Land lediglich ein Anschluss für ein mögliches Außenbecken finanziell gesichert.
Wahlversprechen, die nie eingelöst werden
Schon oft haben Parteien mit dem Freibad um Wählerstimmen im Bezirk Marzahn-Hellersdorf geworben. Sie haben Bürgerinnen und Bürgern immer wieder Hoffnungen gemacht, die sich bis heute nicht erfüllt haben. Mehrfach gab es Positivmeldungen, zufällig oder nicht, kurz vor dem Wahltag.
Einige Beispiele: Im September 2011 wird in Berlin gewählt. Wenige Wochen vorher, im August, startet Die Linke im Bezirk eine Unterschriftenaktion „Freibad-jetzt“. Im September 2016, wenige Tage vor den Berlin-Wahlen, verkündet der damalige SPD-Bezirksbürgermeister das Ergebnis einer Studie: Ein Kombibad, also Hallenbad plus Freibad, sei wirtschaftlich ganzjährig tragfähig.
Im August 2021, wenige Wochen vor den beiden Wahlen für das Berliner Abgeordnetenhaus und den Bundestag, verkündet das Bezirksamt, geführt von einer Bürgermeisterin der Linkspartei: „Entscheidender Schritt auf dem Weg zum Freibad – Land Berlin bekennt sich zum Kombibad in Marzahn-Hellersdorf“. Es stehe nun auf der Vorhabenliste der Berliner Bäderbetriebe.
Am 12. Februar 2023 musste die Wahl in Berlin wegen Fehlern wiederholt werden. Wenige Tage zuvor, am 6. Februar, bestätigen die Berliner Bäderbetriebe den Bedarf für ein Freibad in Marzahn-Hellersdorf. Und Sport-Senatorin Iris Spranger (SPD) erklärt: „Mir ist wichtig, dass wir nicht nur über Projekte diskutieren, sondern konkret werden.“
2025 streicht der schwarz-rote Senat das Kombibad von der Investitionsliste. Aber jetzt, im Wahljahr 2026, taucht es wieder auf, verkündet von der CDU-Stadträtin des Bezirks.

Die Unzufriedenheit zeigt sich mit jeder Wahl deutlicher
Wie oft können solche Versprechen gemacht werden, ohne dass das Vertrauen in die Wirkmacht von Politik sinkt? King ärgert sich darüber, „dass dieses Thema regelmäßig im Vorfeld von Wahlen aufgegriffen wird und anschließend wieder in der Schublade verschwindet“. Damit müsse endlich Schluss sein, „ganz gleich, welche politische Farbenkombination gerade das Sagen hat“.
Das Kombibad ist nur eines von vielen regionalen Projekten, die immer weiter nach hinten geschoben werden. Auch die Tangentialverbindung Ost, also die Verbindung zwischen Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick, lässt seit den 90er-Jahren auf sich warten. Genau wie die dringend benötigte Ortsumfahrung Ahrensfelde: Der Rückstau aus dem angrenzenden Brandenburger Dorf reicht täglich bis weit in das Marzahner Straßennetz. Die Unzufriedenheit über verschleppte Versprechen zeigt sich mit jeder Wahl deutlicher.
Der Bezirk ist auf Landesmittel angewiesen, er kann das Freibad nicht selbst bauen. Doch um den zu kleinen Investitionstopf für den Erhalt und Neubau von Berliner Schwimmbädern gibt es einen harten Konkurrenzkampf zwischen den Bezirken. Und so ist Marzahn-Hellersdorf bis heute der einzige Berliner Bezirk ohne Sommerbad, obwohl der Bedarf mehrfach untersucht und bestätigt wurde.



