Migration

Tod im Mittelmeer: Hunderte Menschen verschwinden spurlos – die Behörden schweigen

Nie zuvor sind so viele Menschen so früh im Jahr im Mittelmeer verschwunden. Wie Mittelmeer-Anrainer das Sterben von Migranten verschleiern.

Migranten schwimmen neben ihrem umgestürzten Holzboot im Mittelmeer (Archivbild).
Migranten schwimmen neben ihrem umgestürzten Holzboot im Mittelmeer (Archivbild).Francisco Seco/AP

Nie zuvor sind in den ersten Wochen eines Jahres so viele Menschen auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer verschwunden. Der Jahresbeginn 2026 ist nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen der tödlichste seit Beginn der Aufzeichnungen für Menschen auf der Mittelmeerroute. Bis zum 16. März seien 682 Menschen als vermisst bestätigt worden – die tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen. Gleichzeitig schränkten die zuständigen Staaten Italien, Tunesien und Malta den Zugang zu Informationen über Rettungseinsätze und Schiffsunglücke systematisch ein, wie die Nachrichtenagentur AP berichtet.

„Es ist eine Strategie des Schweigens“, sagte Matteo Villa, Migrationsforscher am Italienischen Institut für Internationale Politische Studien, gegenüber AP. Menschenrechtsorganisationen könnten Todeszahlen kaum noch verifizieren, Medien fehlten bestätigte Fakten für ihre Berichterstattung.

Das zentrale Mittelmeer zwischen Nordafrika und Italien gilt laut IOM als die tödlichste Migrationsroute weltweit. Seit 2014 hat die Organisation dort Zehntausende Todesfälle und Vermisstenmeldungen erfasst. Die Überfahrten dauern oft mehrere Tage, Schleuser setzen überfüllte, seeuntaugliche Schlauchboote ein, und staatliche Rettungskapazitäten sind lückenhaft. Hinzu kommen Einschränkungen für die Arbeit ziviler Seenotretter. Viele Schiffbrüche bleiben nach IOM-Angaben „unsichtbar“ – Boote verschwinden, ohne dass es Überlebende oder Zeugen gibt.

Zyklon Harry verschärfte die Lage drastisch

Besonders dramatisch war die Lage laut AP Ende im Januar, als Zyklon Harry mit Windgeschwindigkeiten von 100 km/h und neun Meter hohen Wellen auf die Region traf. Die Organisation Refugees in Libya sammelte Hinweise von Angehörigen und Migranten in Tunesien, wonach über 1000 Menschen nach der Abfahrt aus der tunesischen Küstenregion Sfax verschwunden seien. Die Behörden hätten diese Berichte weder bestätigt noch dementiert, so AP. In den Wochen danach seien mehr als 20 Leichen an Küsten Italiens und Libyens angespült worden.

Lediglich ein einziger Überlebender aus den verschwundenen Booten während des Zyklons sei bekannt, so AP. Ein Frachtschiff habe den Mann am 22. Januar aus dem Wasser gezogen. Die EU-Grenzagentur Frontex erklärte gegenüber AP, acht Boote mit etwa 160 Insassen registriert zu haben – über zwei davon gebe es keinerlei weitere Erkenntnisse.

AP wandte sich nach eigenen Angaben fünfmal schriftlich an die italienische Küstenwache – ohne inhaltliche Antwort. Malta und Tunesien ignorierten die Anfragen ebenfalls.

Immer mehr Vermisste nicht verifizierbar

Auch die IOM stößt an ihre Grenzen: Projektleiterin Julia Black sagte gegenüber der AP, man habe eine gesonderte Erfassung für nicht überprüfbare Fälle einrichten müssen. 2025 seien mindestens 1500 gemeldete Vermisste nicht verifizierbar gewesen, 2026 bereits über 400.

Die Abschottung gegenüber der Öffentlichkeit hat laut AP System. Tunesien veröffentlicht seit Juni 2024 keine Migrationsdaten mehr. Der FTDES-Sprecher Romdhane Ben Amor vermutet dahinter politisches Kalkül: Die Zahlen hätten dem Selbstbild widersprochen, kein verlängerter Grenzposten Europas zu sein. In Italien seien monatliche Rettungsberichte schrittweise abgeschafft und ältere Statistiken sogar von der Webseite der Küstenwache gelöscht worden, erklärte Forscher Villa.

„Europa sollte begreifen, dass hinter jedem Ertrunkenen eine Familie steht, Träume und ein ganzes Leben“, sagte Josephus Thomas, Gemeindeleiter aus Sierra Leone im tunesischen El Amra, gegenüber AP.