Die ukrainische Regierung hat den israelischen Botschafter Michael Brodsky einbestellt, nachdem ein Schiff mit mutmaßlich aus russisch besetzten Gebieten der Ukraine stammendem Getreide den israelischen Hafen von Haifa erreicht hat. Kiews Außenminister Andrij Sybiha kündigte am Montag auf der Plattform X an, der Botschafter werde am Dienstagmorgen eine Protestnote überreicht bekommen, verbunden mit der Forderung nach „geeigneten Maßnahmen“.
Konkret geht es um den unter panamaischer Flagge fahrenden Massengutfrachter „Panormitis“, der nach Angaben von Schiffsverfolgungsdiensten vor der israelischen Küste auf eine Anlegeerlaubnis wartet. Das Schiff war laut der Journalistin Kateryna Jaresko vom SeaKrime-Projekt des Myrotworets-Zentrums ursprünglich aus dem russischen Hafen Kawkas in der Region Krasnodar ausgelaufen, wie aus einem Bericht des Kyiv Independent hervorgeht. Es ist demnach beladen mit mehr als 6200 Tonnen Weizen und 19.000 Tonnen Gerste, die zuvor über Schiff-zu-Schiff-Umladungen aus besetzten ukrainischen Gebieten stammten.
Selenskyj kündigt Sanktionspaket an
Auch Präsident Wolodymyr Selenskyj schaltete sich am Dienstag ein. In einem Beitrag auf X bezeichnete er den Ankauf des mutmaßlich gestohlenen Getreides als Hehlerei, die in jedem normalen Land strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehe. „Das ist kein legitimes Geschäft – und kann es auch nicht sein“, schrieb er.
Den israelischen Behörden müsse bekannt sein, welche Schiffe mit welcher Ladung in den Häfen des Landes anlegten. Russland eigne sich systematisch Getreide auf besetztem ukrainischem Gebiet an und organisiere dessen Export über Personen mit Verbindungen zu den Besatzern – ein Vorgehen, das auch gegen israelisches Recht verstoße, so Selenskyj.
Selenskyj kündigte weiter an, das ukrainische Außenministerium angewiesen zu haben, alle Partnerstaaten über den Vorgang zu informieren. Auf Grundlage von Erkenntnissen der ukrainischen Geheimdienste werde zudem ein Sanktionspaket vorbereitet, das sich sowohl gegen die unmittelbar am Transport Beteiligten als auch gegen Personen und Unternehmen richte, die von dem „kriminellen Schema“ profitierten.
Mit europäischen Partnern wolle Kiew darauf hinwirken, die Betroffenen in die EU-Sanktionsregime aufzunehmen. Von Israel erwarte er, „Respekt“ und ein Ende von Handlungen, die die bilateralen Beziehungen beschädigten.
Ukrainischer Außenminister: „Gestohlene Waren“ nach Haifa gebracht
Zuvor hatte Sybiha auf X erklärt: „Es ist schwer nachzuvollziehen, dass Israel auf die berechtigte Bitte der Ukraine in Bezug auf das vorherige Schiff, das gestohlene Waren nach Haifa gebracht hat, nicht angemessen reagiert hat.“ Bereits Anfang April war der russische Frachter „Abinsk“ mit knapp 44.000 Tonnen ukrainischem Weizen in Haifa angedockt. Eine Recherche der israelischen Zeitung Haaretz soll ergeben haben, dass in diesem Jahr bereits mindestens vier Lieferungen mutmaßlich gestohlenen ukrainischen Getreides in Israel entladen worden seien.
Der israelische Außenminister Gideon Saar wies die Vorwürfe umgehend zurück. „Diplomatische Beziehungen, insbesondere zwischen befreundeten Staaten, werden nicht auf Twitter oder in den Medien geführt“, schrieb er auf X. Die Ukraine habe keine Beweise vorgelegt: „Anschuldigungen sind keine Beweise.“ Die Angelegenheit werde geprüft, Israel halte sich an die Rechtsstaatlichkeit. Saars Beitrag wurde mit einer Community-Anmerkung versehen, wonach Kiew sehr wohl seit März Beweise und formelle Rechtshilfeersuchen übermittelt habe.
Dear Minister,
— Gideon Sa'ar | גדעון סער (@gidonsaar) April 27, 2026
Diplomatic relations, especially between friendly nations, are not conducted on Twitter or in the media.
Allegations are not evidence.
Evidence substantiating the allegations have yet to be provided.
You did not even submit a request for legal assistance before… https://t.co/3pWztyRMyk
Streit um Getreide: EU schaltet sich ein
Auch die Europäische Union äußerte sich zu den Vorwürfen. Ein EU-Sprecher erklärte gegenüber der Times of Israel, Brüssel habe die Berichte zur Kenntnis genommen und drohe Beteiligten mit Sanktionen: „Wir verurteilen alle Handlungen, die zur Finanzierung von Russlands illegalem Krieg beitragen und EU-Sanktionen umgehen.“ Bereits 2024 hatte die EU erklärt, es gebe Belege dafür, dass Russland sich Getreide aus den besetzten Gebieten in großem Umfang aneigne und als russische Ware exportiere.
Die Beziehungen zwischen Israel und der Ukraine sind seit Beginn des russischen Angriffskriegs 2022 angespannt. Israel hat auf direkte Militärhilfe an die Ukraine verzichtet und etwa die Lieferung des Raketenabwehrsystems Iron Dome abgelehnt, um Moskau nicht zu verärgern. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte Israel zuletzt vorgeworfen, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wolle eine neutrale Position zwischen Russland und der Ukraine wahren – trotz russischer Geheimdienstunterstützung für den Iran.

