Ukrainekrieg

Selenskyj enthüllt: Russland und Nato verhandeln offenbar über neues Abkommen

Der ukrainische Präsident berichtet im Interview mit einem YouTuber über geheime Gespräche zu einem neuen Nato-Russland-Abkommen. Es könnte auch die Zukunft der Ukraine betreffen.

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, hat über ein mögliches Abkommen zwischen der Nato und Russland berichtet.
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, hat über ein mögliches Abkommen zwischen der Nato und Russland berichtet.Michael Kappeler/dpa

Die USA und Russland verhandeln offenbar derzeit über ein neues Abkommen zwischen der Nato und Moskau. Das erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einem ausführlichen Interview mit dem britischen Journalisten Piers Morgan, das auf YouTube veröffentlicht wurde. Kiew sei an diesen Gesprächen bislang nicht beteiligt, obwohl das Dokument auch die mögliche Rolle der Ukraine in der Nato regeln könnte.

„Ich weiß, dass die Amerikaner und vielleicht auch einige Europäer über ein neues Dokument zwischen der Nato und Russland verhandeln“, sagte Selenskyj in dem Interview. „Wenn sie ein solches Dokument verfassen, können sie vieles besprechen.“ Genaue Details über den Inhalt nannte er nicht.

Selenskyj fordert Mitsprache über die eigene Zukunft

Der ukrainische Präsident machte jedoch deutlich, dass er es für inakzeptabel halte, wenn über die Zukunft seines Landes ohne dessen Beteiligung entschieden werde. „Für mich ist es wichtig, dass sie unseren potenziellen Platz in der Nato mit uns besprechen. Nicht nur mit den Russen, sondern mit uns, denn es geht um uns“, sagte er. Gleichzeitig räumte er ein, dass die Nato-Staaten dies auch ohne die Ukraine tun könnten: „Vielleicht wissen wir etwas nicht. Wir werden in jedem Fall auf Überraschungen reagieren.“

Selenskyj betonte, dass eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine derzeit weder von der aktuellen noch von der vorherigen US-Regierung ernsthaft verfolgt werde. Die Ukraine habe ihrerseits alles getan. „Der Ball liegt jetzt auf der Seite unserer Partner.“

Genfer Verhandlungen: Militärisch näher, politisch weit entfernt

Selenskyj äußerte sich in dem Interview auch zum Stand der Friedensverhandlungen. In Genf hatten zuletzt trilaterale Gespräche zwischen den USA, Russland und der Ukraine stattgefunden – aufgeteilt in eine militärische und eine politische Gruppe.

Auf militärischer Ebene sind die Parteien Selenskyj zufolge deutlich weiter: Die Vertreter hätten konkret über die Überwachung eines künftigen Waffenstillstands gesprochen, einschließlich technischer Details. Die USA würden die Führungsrolle bei einer Beobachtungsmission übernehmen, so Selenskyj. Er dränge jedoch darauf, dass auch europäische Vertreter beteiligt werden.

Auf politischer Ebene hingegen gebe es „drei verschiedene Sichtweisen“ auf die Territorialfrage. Russland fordere einen ukrainischen Rückzug aus Teilen des Donbass – eine Forderung, die Selenskyj als „unvorstellbar“ zurückwies. „Es ist unser Territorium, und natürlich ist auch das vorübergehend besetzte Gebiet unser Territorium.“

Kompromiss bei der Waffenstillstandslinie

Selenskyj verwies zudem auf einen Vorschlag, den die USA bereits vor etwa einem Jahr in Saudi-Arabien unterbreitet hätten: einen Waffenstillstand entlang der aktuellen Frontlinien, gefolgt von rein diplomatischen Verhandlungen über die besetzten Gebiete. Diesen Vorschlag habe die Ukraine als „großen Kompromiss“ akzeptiert. Nun hätten die USA jedoch eine Freihandelszone ins Gespräch gebracht, was die Verhandlungsposition verschoben habe.

Der ukrainische Präsident betonte in dem Interview, er unterstütze jedes Gesprächsformat, werde aber niemals einem Rückzug ukrainischer Truppen aus aktuell kontrollierten Gebieten zustimmen. Die Städte an der Frontlinie dienten als Verteidigungslinien mit bestehenden Befestigungen. Ein Rückzug in offenes Feld würde mindestens ein Jahr Aufbauzeit für neue Stellungen erfordern. Dieses Argument habe er amerikanischen Generälen persönlich anhand von Zeichnungen erläutert.

Selenskyj pocht auf Sicherheitsgarantien

Selenskyj machte in dem Interview zudem unmissverständlich klar, dass er Putin persönlich nicht vertraue. „Ich kann einer Person nicht vertrauen, die so viele Menschen in der Ukraine getötet hat“, sagte er.

Deshalb brauche die Ukraine institutionelle Sicherheitsgarantien: von den USA, durch eine EU-Mitgliedschaft und durch die Präsenz europäischer und amerikanischer Vertreter auf ukrainischem Boden. Russlands Ablehnung internationaler Beobachter deute darauf hin, dass Moskau sich die Option einer erneuten Aggression offenhalten wolle.

Selenskyj äußerte sich zudem differenziert über US-Präsident Donald Trump. Er glaube, dass Trump den Krieg tatsächlich beenden wolle und ihm die menschlichen Verluste nahegingen. Gleichzeitig sei Trumps Haltung gegenüber Putin „manchmal wohlwollender, als Putin es verdient".

Weder die USA noch die Nato oder Russland haben die von Selenskyj genannten Verhandlungen über ein gemeinsames Dokument bislang bestätigt. Moskaus Position zur ukrainischen Nato-Mitgliedschaft bleibt unverändert ablehnend, wie aus einem Bericht der russischen Onlineplattform Dzen zu dem Interview hervorgeht.