Europa verfügt nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) nur noch über einen Kerosinvorrat von etwa sechs Wochen. IEA-Direktor Fatih Birol warnte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP vor massiven Flugstreichungen, sollte die Blockade der Straße von Hormus durch den Iran-Krieg andauern. Die EU arbeitet derweil an einem Notfallplan, um die Raffineriekapazitäten voll auszuschöpfen und die Treibstoffversorgung zu sichern.
„Bald werden wir hören, dass Flüge von Stadt A nach Stadt B wegen fehlenden Kerosins gestrichen werden“, sagte Birol gegenüber AP aus seinem Pariser Büro. Er bezeichnete die aktuelle Lage als „die größte Energiekrise, die wir je erlebt haben“. Die Auswirkungen seien steigende Benzin-, Gas- und Strompreise weltweit.
Am härtesten treffe es zunächst ärmere Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika – also jene Staaten, „deren Stimmen am wenigsten gehört werden“, so Birol. Danach werde die Energiekrise auch Europa und den amerikanischen Kontinent erreichen. Besonders verwundbar seien seinen Angaben zufolge asiatische Länder, darunter Japan, Südkorea, Indien, China, Pakistan und Bangladesch.
Mit einem Verweis auf die britische Rockband „Dire Straits“ kommentierte Birol die Lage an der Meerenge: „Es ist jetzt eine dire strait“ – eine bedrohliche Meerenge – „und je länger die Blockade andauert, desto schlimmer wird es für Wirtschaftswachstum und Inflation weltweit.“

Hohe Kerosinkosten: Lufthansa legt erste Flugzeuge still
Die Lufthansa zieht bereits Konsequenzen aus der angespannten Lage. Der Konzern kündigte am Donnerstag an, das Flugangebot seiner Regionaltochter Cityline mit sofortiger Wirkung einzustellen. Ab Samstag sollen zunächst 27 ältere Maschinen am Boden bleiben. Finanzvorstand Till Streichert erklärte, die „aktuelle Krise“ zwinge das Unternehmen, eine ohnehin geplante Maßnahme vorzuziehen. Als Gründe nannte Lufthansa neben Streiks vor allem die deutlich gestiegenen Kerosinpreise.
Der europäische Flughafenverband ACI Europe warnte die EU-Kommission bereits in der vergangenen Woche vor einem drohenden Kerosinmangel. Sollte die Straße von Hormus nicht bis Ende April wieder ausreichend geöffnet werden, drohe laut einem Schreiben an EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas eine flächendeckende Versorgungskrise in der EU.
„Die Reserven an Kerosin gehen zur Neige, während die Auswirkungen militärischer Aktivitäten auf die Nachfrage die Versorgung zusätzlich belasten“, schrieb der Verband. Besonders besorgniserregend sei der nahende Beginn der Sommerreisesaison, in der der Flugverkehr das gesamte Tourismus-Ökosystem antreibe, auf das viele EU-Volkswirtschaften angewiesen seien.
EU plant Notfallmaßnahmen für Kerosinversorgung
Die EU-Kommission arbeitet laut einem Entwurf, der der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt, an konkreten Gegenmaßnahmen. Ab dem kommenden Monat soll eine EU-weite Erfassung der Raffineriekapazitäten für Ölprodukte eingeführt werden. Ziel sei es sicherzustellen, dass bestehende Raffineriekapazitäten „vollständig genutzt und aufrechterhalten“ werden. Die Veröffentlichung der Pläne ist für den 22. April vorgesehen. Die Kommission wollte den Entwurf vorab nicht kommentieren.
Europa ist bei Kerosin stärker auf Importe angewiesen als bei jedem anderen Transporttreibstoff: Rund 75 Prozent des Flugkraftstoffs stammen aus dem Nahen Osten. Die OECD-Region Europa, zu der neben EU-Staaten auch Großbritannien und Norwegen gehören, importiert laut IEA-Daten mehr als 30 Prozent ihres Kerosins, wobei der Großteil durch die Straße von Hormus transportiert wird.
Die IEA prognostiziert Kerosinengpässe bis Juni, falls die Region nur die Hälfte der üblichen Lieferungen aus dem Nahen Osten ersetzen kann. Zusätzliche Importe aus Afrika und den USA könnten den Ausfall voraussichtlich nicht vollständig kompensieren, so Analysten laut AP. Viele Flughäfen und die Konsortien, die sie mit Treibstoff versorgen, halten demnach keine großen Langzeitvorräte.
Europäische Airlines schlagen Alarm
Die europäischen Fluggesellschaften haben die EU aufgefordert, die Überwachung der Kerosinversorgung zu verbessern und gemeinsame Einkäufe in Betracht zu ziehen. Bislang gebe es keinerlei gesamteuropäische Erfassung oder Bestandsaufnahme der Treibstoffversorgung. Lufthansa-Technikvorständin Grazia Vittadini erklärte gegenüber Reuters in Frankfurt, dass Lieferanten ihre Prognosezeiträume verkürzt hätten: „Unsere Kerosinlieferanten ändern ihre Prognosefenster und sind nicht mehr bereit, einen Ausblick über mehr als einen Monat zu geben.“
Die Versorgungslage ist innerhalb Europas sehr unterschiedlich verteilt. Spanien verfügt laut Reuters über acht Raffinerien und ist Nettoexporteur von Kerosin, während Großbritannien mehr als 60 Prozent seines Bedarfs importiert. Der Londoner Flughafen Heathrow teilte mit, dass der Krieg den Betrieb bislang nicht beeinträchtigt habe, man die Lage aber beobachte. Der Betreiber des Pariser Flughafens Charles de Gaulle, ADP, reagierte nicht auf eine Anfrage von Reuters.
Die EU verpflichtet ihre Mitgliedstaaten zwar, Notreserven für 90 Tage an Öl vorzuhalten, doch eine spezifische Vorgabe für Kerosin gibt es nicht – Flugkraftstoff kann lediglich auf die Gesamtreserven angerechnet werden. Zudem hat Europas Raffineriekapazität in den vergangenen Jahren abgenommen, da die heimische Ölproduktion gesunken ist und Regierungen auf sauberere Energiequellen setzen. Viele europäische Raffinerien arbeiten laut IEA bereits an der Kapazitätsgrenze für Kerosinproduktion.
Birol kritisiert Mautsystem in der Straße von Hormus
Der IEA-Chef sprach sich entschieden gegen das sogenannte „Mautsystem“ aus, das Iran auf einige Schiffe in der Straße von Hormus anwendet – Schiffe dürfen gegen Gebühr passieren. Eine dauerhafte Etablierung dieses Systems berge die Gefahr, einen Präzedenzfall zu schaffen, der auf andere Wasserstraßen wie die Straße von Malakka in Asien übertragen werden könnte. „Wenn wir es einmal ändern, wird es schwer, es rückgängig zu machen“, warnte Birol. Öl müsse „bedingungslos von Punkt A nach Punkt B fließen".
US-Präsident Donald Trump deutete unterdessen in öffentlichen Äußerungen an, der Krieg mit Iran könnte bald enden, und sprach von „erstaunlichen zwei Tagen“, die bevorstünden. Gleichzeitig wiesen US-Streitkräfte im Rahmen einer Seeblockade mehrere Schiffe ab, die iranische Häfen verlassen wollten.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der britische Regierungschef Keir Starmer und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wollen am Freitag in Paris über einen internationalen Einsatz zur Absicherung der Straße von Hormus beraten. Weitere Staats- und Regierungschefs sollen per Video zugeschaltet werden. Welche Konturen der nach dem Ende des Krieges geplante Einsatz haben soll, ist noch offen.




