Das mit Spannung erwartete Treffen zwischen Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj ist im Weißen Haus derart eskaliert, dass es vorzeitig abgebrochen wurde. Vor laufenden Kameras kanzelte der US-Präsident den ukrainischen Präsidenten wie einen Schuljungen ab. Nach dem historischen Eklat könnte das Schicksal von Selenskyj besiegelt sein. Das, was am Freitag in Washington passierte, löste Bestürzung und Entsetzen, aber auch Zuspruch und Dank aus. Vor allem aber europäische Spitzenpolitiker und US-Demokraten stellen sich hinter die Ukraine.
Reaktionen zum Streit zwischen Trump und Selenskyj
- Selenskyj schrieb auf X: „Danke Amerika, danke für die Unterstützung, danke für diesen Besuch, danke POTUS, Kongress und dem amerikanischen Volk“. POTUS ist die Abkürzung für Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. „Die Ukraine braucht einen gerechten und dauerhaften Frieden, und genau daran arbeiten wir.“
- Selenskyjs Kanzleichef, Andrij Jermak, verteidigte den Präsidenten. Selenskyj kämpfe um die Ukraine, um jeden, der einen gerechten und langanhaltenden Frieden wolle. „Ich unterstütze den Präsidenten, der die Interessen unseres heldenhaften Volkes vertritt. In jeder Situation. Punkt“, unterstrich Jermak.
- Der ukrainische Außenminister, Andrij Sybiha, war wie Jermak auch im Weißen Haus. Er unterstützte Selenskyj in einem Post auf der Plattform X. Selenskyj habe „den Mut und die Kraft, für das einzutreten, was richtig ist“.
- Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas stellt nach dem Eklat die Führungsrolle der USA in der westlichen Welt infrage: „Heute ist klar geworden, dass die freie Welt einen neuen Anführer braucht. Es liegt an uns Europäern, diese Herausforderung anzunehmen“, schrieb Kallas in Onlinenetzwerken. Sie bekräftigte zudem die Unterstützung der Europäer für die von Russland angegriffene Ukraine.
Stimmen aus Deutschland
- Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) schrieb Scholz auf der Plattform X auf Deutsch und Englisch: „Niemand will Frieden mehr als die Bürgerinnen und Bürger der Ukraine! Deswegen suchen wir gemeinsam den Weg zu einem dauerhaften und gerechten Frieden.“ Angesichts von Trumps Drohung, die Ukraine im Kampf gegen Russland im Stich zu lassen, betonte Scholz: „Auf Deutschland – und auf Europa – kann sich die Ukraine verlassen.“
- Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz sagte der Ukraine allgemein die weitere Unterstützung Deutschlands zu. Merz wandte sich auf der Plattform X direkt an den ukrainischen Präsidenten: „Lieber Wolodymyr Selenskyj“, schrieb er, „wir stehen der Ukraine in guten wie in schwierigen Zeiten zur Seite. Wir dürfen in diesem schrecklichen Krieg niemals Angreifer und Opfer verwechseln.“
- SPD-Chef Lars Klingbeil auf X: „Das Verhalten der US-Regierung zeigt einmal mehr, dass Europa seine Zukunft stärker in eigene Hände nehmen muss. Wir müssen gemeinsam auf allen Ebenen stärker werden. Deutschland muss und wird vorangehen. Auch um der Ukraine zu helfen.“
- AfD-Chef Tino Chrupalla auf X: „Den Frieden muss es trotzdem geben – auch ohne den Bettelpräsidenten Selenskyj. Das ist keine Frage von Rohstoffen, sondern der Vernunft. Da die EU und Deutschland als Mittler leider ausfallen, müssen sich USA und Russland einigen.“
Reaktionen aus dem Ausland
- Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron mahnte zu Respekt für Selenskyj und die Ukraine. „Es gibt einen Aggressor, und das ist Russland, und es gibt ein angegriffenes Volk, und das ist die Ukraine“. Macron telefonierte bereits mit dem ukrainischen Präsidenten. Das teilte der Elysee-Palast mit. Zum Inhalt des Gesprächs wird zunächst nichts bekannt.
- Viktor Orbán dankte Trump für dessen Einsatz. „Starke Männer schließen Frieden, schwache Männer führen Krieg“, schrieb Orbán am Freitag im Onlinedienst X. „Heute hat sich Präsident Donald Trump mutig für den Frieden eingesetzt. Auch wenn es für viele schwer zu verdauen war“, fuhr Orbán fort und schloss mit den Worten: „Danke, Herr Präsident!“.
- Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk sicherte Selenskyj und der Ukraine Polens Solidarität zu: „Lieber @ZelenskyyUa, liebe ukrainische Freunde, ihr seid nicht allein“, schrieb er am Abend wenige Minuten nach Selenskyjs vorzeitiger Abreise aus dem Weißen Haus.
- Der französische Außenminister Jean-Noël Barrot teilte bei X mit, Europa müsse angesichts der russischen Aggression für die „gemeinsame Sicherheit“ zusammenstehen. „Die Zeit der Worte ist vorbei, lasst Taten folgen“, schrieb Barrot.
Wie waren die Reaktionen in Amerika?
Republikaner: „America First in Aktion“
- Einer von Selenskyjs größten Fans, der republikanische Hardliner Lindsey Graham, ging auf Distanz zu Selenskyj: Graham sagte Fox News, Selenskyj soll sein geplantes Interview mit Moderator Bret Baier dazu nutzen, sich zu entschuldigen und der Welt mitzuteilen, dass er „großen Mist gebaut“ habe. Graham war einer von mehreren Senatoren, die Selenskyj vor seinem Treffen mit dem Präsidenten getroffen hatten. „Ich habe ihm heute Morgen gesagt, er solle nicht auf den Köder hereinfallen und sich nicht von den Medien oder sonst jemandem in einen Streit mit Präsident Trump verwickeln lassen“. Er fügte hinzu: „Selenskyj wird sich grundlegend ändern oder gehen müssen.“
- Der Kongressabgeordnete Greg Steube aus Florida warf Selenskyj „lächerliche Effekthascherei im Weißen Haus“ vor und behauptete, die USA hätten „hunderte Milliarden von Dollar zur Verteidigung der Ukraine ausgegeben - und das ist der Dank, den das amerikanische Volk bekommt?“
- „America First in Aktion“, kommentierte der texanische Abgeordnete Brandon Gill. „Danke Donald Trump und JD Vance dafür, dass Sie unser Volk an die erste Stelle stellen und den Frieden fördern!“.
- Der texanische Abgeordnete Keith Self urteilte, mit dem Auftritt im Weißen Haus sei „die Welt Zeuge geworden, wie im Weißen Haus wieder amerikanische Führerschaft“ herrsche.
Demokraten: Knallende Korken im Kreml
- „Im Kreml knallen gerade die Sektkorken“, kommentierte der demokratische Senator von Maryland, Chris Van Hollen. Wie Trump und Vance Selenskyj beschimpften und eine „Show voller Lügen und Desinformation“ abgezogen hätten, „würde Putin erröten lassen“ und sei „eine Peinlichkeit für Amerika“.
- „Wir können nicht zulassen, dass Präsident Trump die Geschichte umschreibt oder bewährte Partnerschaften mit Jahrzehnten der beidseitigen Unterstützung umstürzt“, erklärte der Fraktionschef der Demokraten im Senat, Dick Durbin: „Ich spreche Präsident Selenskyj meine aufrichtige Entschuldigung aus.“
- „Trump baut die Vereinigten Staaten in eine ultrarechte, autoritäre, wertefreie Oligarchie um, die auf einer Linie mit den Autokratien der Welt liegt“, kritisierte der stellvertretende Sicherheitsberater unter Ex-Präsident Barack Obama, Ben Rhodes.
- „Trump und Vance machen Putins Drecksarbeit“, bilanzierte der Minderheitsführer der Demokraten im Senat, Chuck Schumer. (mit AFP)


