Das neue elektronische Ein- und Ausreisesystem der Europäischen Union sorgt an Flughäfen in mehreren Ländern für massive Probleme. Betreiber berichten von Wartezeiten von bis zu drei Stunden an den Grenzkontrollen. Betroffen sind laut dem Branchenverband Airports Council International (ACI) unter anderem Flughäfen in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und Griechenland. Insgesamt melden Betreiber aus 15 Ländern Störungen.
„Diese Situation wird in den kommenden Wochen und insbesondere in der Hauptreisezeit schlicht unbeherrschbar sein“, sagte ACI-Europachef Olivier Jankovec der Financial Times.
EES-Grenzsystem führt zu langen Wartezeiten
Das sogenannte Entry/Exit System (EES) ist seit Freitag vollständig in Kraft. Es erfasst erstmals systematisch Daten von Reisenden aus Nicht-EU-Staaten, darunter auch Großbritannien. Neben persönlichen Angaben werden biometrische Daten wie Fingerabdrücke und Gesichtsscans gespeichert. Ziel ist es, die Außengrenzen der EU besser zu sichern und Ein- und Ausreisen digital zu dokumentieren.
In der Praxis führt das System jedoch zu erheblichen Verzögerungen. Laut ACI kann die Registrierung eines Passagiers zu Stoßzeiten bis zu fünf Minuten dauern – ein Vielfaches der bisherigen Abfertigung.
Technische Probleme und Personalmangel
Die Flughafenbetreiber sehen mehrere Ursachen für die Engpässe. Viele automatische Registrierungssysteme funktionieren nicht zuverlässig, zudem fehlt es an Personal bei den Grenzbehörden. Hinzu kommen technische Schwierigkeiten beim zentralen IT-System. „Wir brauchen ein System, das vollständig und stabil funktioniert. Es gibt weiterhin Ausfälle“, sagte Jankovec. Auch deshalb fordert der Branchenverband mehr Flexibilität – bis hin zur Möglichkeit, das System bei extremen Wartezeiten zeitweise auszusetzen.
EU-Kommission widerspricht: „System funktioniert“
Die EU-Kommission weist die Kritik zurück. Nach ihren Angaben läuft das System „in der überwältigenden Mehrheit der Mitgliedstaaten“ reibungslos. Die durchschnittliche Abfertigungszeit liege bei rund 70 Sekunden pro Person. Probleme gebe es nur in einzelnen Ländern, sie würden derzeit behoben. Es liege in der Verantwortung der Mitgliedstaaten, das System vor Ort korrekt umzusetzen.
Seit der schrittweisen Einführung im Oktober wurden laut Kommission mehr als 52 Millionen Einreisen registriert. Rund 27.000 Personen sei die Einreise verweigert worden, darunter etwa 700 mit möglichem Sicherheitsrisiko.
Branche warnt vor Kollaps im Sommer
Für die Luftfahrtbranche kommt die Situation zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Der Reiseverkehr nimmt gerade erst wieder Fahrt auf – mit Blick auf die Sommermonate erwarten Flughäfen deutlich steigende Passagierzahlen. Schon jetzt treten die Probleme laut ACI zu Stoßzeiten auf, obwohl das Verkehrsaufkommen noch unter dem Sommerniveau liegt. „Wir sehen diese Warteschlangen bereits jetzt – und der Verkehr nimmt gerade erst zu“, sagte Jankovec der Financial Times.
Zusätzlicher Druck durch Energiekrise
Die Schwierigkeiten an den Grenzen treffen die Branche in einer ohnehin angespannten Lage. Im Zuge des Krieges im Nahen Osten warnen Behörden vor möglichen Engpässen bei Kerosin. Grund ist die eingeschränkte Nutzung der Straße von Hormus, eine der wichtigsten Öltransportrouten der Welt. Die EU-Kommission erklärte, Versorgungsprobleme könnten „in naher Zukunft“ auftreten.
Damit droht der Luftfahrt eine doppelte Belastung: operative Störungen an den Flughäfen und steigende Kosten durch mögliche Treibstoffengpässe.
Digitale Kontrolle: So erfasst die EU Ein- und Ausreisen
Das Bild zeigt die Erfassung von Fingerabdrücken im Rahmen des neuen EU-Grenzsystems Entry/Exit System (EES). Seit Freitag werden Ein- und Ausreisen von Nicht-EU-Bürgern an den Außengrenzen aller 29 teilnehmenden Staaten digital erfasst. Dabei speichert eine zentrale Datenbank biometrische Daten wie Gesichtsbilder und Fingerabdrücke, der klassische Passstempel entfällt. Die Registrierung gilt für Kurzaufenthalte von bis zu 90 Tagen innerhalb von 180 Tagen und kann auch bei langen Warteschlangen nicht mehr vollständig ausgesetzt werden. Aus Sicht der Branche verschärft das die Lage zusätzlich.
Probleme bekannt – Warnungen verhallten
Die aktuellen Verzögerungen kommen nicht überraschend. Bereits beim vollständigen Start des Systems am 10. April hatte es an mehreren Grenzübergängen Probleme gegeben. Am portugiesischen Flughafen Faro etwa mussten Reisende laut lokalen Medien rund eine Stunde warten. Auch an zentralen Verkehrsachsen läuft das System bis heute nur eingeschränkt. An den wichtigsten Übergängen über den Ärmelkanal fehlt weiterhin die nötige Technik: Frankreich hat die biometrischen Erfassungssysteme weder am Hafen Dover noch am Eurotunnel vollständig bereitgestellt. Passagiere werden dort weiterhin mit klassischen Passstempeln kontrolliert, wie der Guardian berichtete.
Branchenvertreter hatten früh vor genau solchen Szenarien gewarnt. Bereits während der schrittweisen Einführung seit Oktober meldeten der Flughafenverband ACI Europe und der Airline-Verband Airlines for Europe Wartezeiten von mindestens bis zu zwei Stunden. Ryanair-Chef Michael O’Leary sprach von bis zu vier Stunden und forderte eine Verschiebung des Systems.


