Nahost

Unsichtbare Gefahr aus der Luft: Hisbollah setzt neue Drohnen gegen Israel ein

Die Hisbollah setzt im Südlibanon zunehmend Glasfaser-Drohnen gegen israelische Soldaten ein. Die per Kabel gesteuerten Sprengkörper sind elektronisch nicht zu stören und kaum zu orten.

Eine mit Sprengstoff beladene Glasfaser-Drohne bei einem Testflug
Eine mit Sprengstoff beladene Glasfaser-Drohne bei einem TestflugMykhaylo Palinchak/imago

Die libanesische Hisbollah setzt nach einem Bericht von CNN zunehmend Glasfaser-Drohnen (Fiber Optic Drones) gegen israelische Soldaten im Südlibanon ein. Die mit Sprengstoff bestückten Quadrokopter sind nach Einschätzung von Experten kaum zu orten und elektronisch nicht zu stören.

Nach Angaben der israelischen Armee wurde bei einem Hisbollah-Angriff mit einer solchen Drohne am Sonntag der 19 Jahre alte Soldat Idan Fooks getötet, mehrere weitere Soldaten wurden verletzt. CNN zufolge zeigte ein von der Hisbollah veröffentlichtes Video, wie eine Drohne auf einen israelischen Panzer zusteuerte, während die Soldaten den Anflug offenbar nicht bemerkten. Später habe die Miliz weitere Drohnen auf einen Rettungshubschrauber abgefeuert, der Verwundete bergen sollte.

Anders als funkgesteuerte Drohnen werden Glasfaser-Drohnen über ein dünnes Kabel direkt mit dem Bediener verbunden. Eine Quelle aus dem israelischen Militär sagte CNN, die Kabel könnten bis zu 15 Kilometer lang sein und lieferten ein hochauflösendes Bild aus der Perspektive der Drohne, ohne ein Funksignal abzustrahlen.

Yehoshua Kalisky, leitender Forscher am israelischen Institute for National Security Studies, erklärte laut CNN, die Drohnen seien „immun gegen Kommunikationsstörungen“, und mangels elektronischer Signatur lasse sich auch der Startort nicht ermitteln. Die IDF, die im Drohnenkrieg bislang stark auf das Stören von Funksignalen setzt, steht damit vor einem Problem. „Außer physischen Barrieren wie Netzen kann man wenig tun.“ Es handle sich um ein „Low-Tech-System, angepasst an asymmetrische Kriegsführung“.

Die Drohnen seien aber nicht unfehlbar, da Wind – oder andere Drohnen – die Kabel verheddern können. Aber „wenn man weiß, was man tut, sind sie absolut tödlich“, sagte Robert Tollast, Drohnenexperte und Forscher am Royal United Services Institute in London, gegenüber Arab News.

Der Pilot einer Glasfaser-Drohne verfolgt den Flug in Echtzeit. Anders als herkömmliche Systeme senden die Drohnen kein Funksignal und sind schwer zu orten oder zu stören.
Der Pilot einer Glasfaser-Drohne verfolgt den Flug in Echtzeit. Anders als herkömmliche Systeme senden die Drohnen kein Funksignal und sind schwer zu orten oder zu stören.Manuel Kamuf/imago

Erfahrungen aus der Ukraine, andere Ziele im Libanon

Glasfaser-Drohnen tauchten erstmals in größerer Zahl auf dem Schlachtfeld in der Ukraine auf, wo russische Truppen sie laut CNN mit großem Erfolg einsetzten. Russland verband das Glasfaserkabel mit einer Basisstation, die wiederum mit dem Bediener verknüpft war, um diesen weiter vom Einsatzort zu entfernen. So konnten ukrainische Nachschublinien tief hinter der Front angegriffen werden.

Im Südlibanon sind die Bedingungen anders: Israel operiert nahe der eigenen Basen, längere Versorgungslinien gibt es kaum. Die Hisbollah nutzt die Drohnen daher gezielt gegen einzelne Soldaten im Südlibanon und im Norden Israels.

„Das ist ein leistungsfähiges System, das in den richtigen Händen mit einem erfahrenen Bediener gegen eine Truppe, die einen solchen Drohnenangriff nicht erwartet, sehr wirksam sein kann“, sagte Samuel Bendett, Adjunct Senior Fellow am Center for a New American Security, gegenüber CNN. Auch gegen vorbereitete Einheiten könne die Waffe tödlich sein.

Nach Einschätzung der israelischen Quelle importiert die Hisbollah die zivilen Drohnen aus China oder dem Iran und kombiniert sie mit Granaten oder ähnlichen Sprengkörpern. China hat frühere Vorwürfe zurückgewiesen, Konfliktparteien mit Waffen zu beliefern, und auf die Einhaltung internationaler Verpflichtungen verwiesen.

Reaktion auf geschrumpftes Raketenarsenal

Bendett verweist gegenüber CNN auf das bereits umfangreiche Drohnenarsenal der Hisbollah und auf erfahrenes Personal. Mit iranischer finanzieller und technischer Unterstützung hatte die Miliz über Jahre ein großes Raketen- und Marschflugkörperarsenal aufgebaut. Vor dem Gaza-Krieg gingen israelische Stellen von rund 150.000 Raketen aus, inklusive weitreichender und präziser Munition. Im Verlauf des Krieges – durch israelische Angriffe und eigenen Verbrauch – sei dieser Bestand laut israelischen Schätzungen auf rund zehn Prozent geschrumpft.

Da die Miliz weder Feuerkraft noch Technik des israelischen Militärs erreichen könne, setze sie verstärkt auf asymmetrische Kriegsführung, schreibt CNN. Die IDF reagiert mit Netzen und anderen physischen Sperren, wie sie auch in der Ukraine zum Einsatz kommen. Ein israelischer Militärvertreter räumte ein: „Es ist nicht narrensicher – nicht so sehr, wie wir es uns wünschen würden.“

Die IDF arbeite mit dem militärischen Nachrichtendienst an besseren Abwehrmethoden, sagte der Vertreter weiter, doch die Gefahr bleibe: „Es ist eine Bedrohung, an die wir uns noch anpassen.“ Verschärft werde das Problem, wenn die Hisbollah mehrere Drohnen gleichzeitig starte und so die Erkennungssysteme überlaste. „Die Hisbollah lernt schnell. Sie versuchen, Angriffe zu koordinieren, also ist es eine Bedrohung.“