Ukraine-Krieg

Neue Taktik? Massiver Angriff trifft Ukraine – wohl strategische Bomber im Einsatz

Nach schweren Luftangriffen am helllichten Tag auf Kiew und weitere Regionen meldet die Ukraine Tote und Verletzte. Es kommt zu landesweiten Stromabschaltungen.

Ein Feuerwehrmann löscht ein Feuer an einem Ort eines Angriffs in der Stadt Browary nahe Kiew.
Ein Feuerwehrmann löscht ein Feuer an einem Ort eines Angriffs in der Stadt Browary nahe Kiew.Genya Savilov/AFP

Russland hat die Ukraine am Freitag nach Angaben aus Kiew mit einem der schwersten Luftangriffe der vergangenen Wochen überzogen. Wie der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha auf der Plattform X mitteilte, seien fast 500 Drohnen und Marschflugkörper auf ukrainisches Gebiet abgefeuert worden. Der Sprecher der ukrainischen Luftwaffe, Jurij Ihnat, bestätigte im Staatsfernsehen, dass binnen 24 Stunden mehr als 400 Langstreckendrohnen sowie zehn ballistische Raketen registriert worden seien.

Die Angriffe begannen Berichten zufolge bereits in der Nacht und setzten sich bis in die Morgenstunden fort – eine Taktik, die laut Ihnat zunehmend zum Muster wird. Bereits gegen 4 Uhr morgens Ortszeit wurden demnach erste Drohnen erfasst. Um 7 Uhr befanden sich 240 Drohnen gleichzeitig im ukrainischen Luftraum, bis 9 Uhr hatte sich diese Zahl nahezu verdoppelt, wie Ihnat gegenüber dem Kyiv Independent erklärte.

Auch strategische Bomber im Einsatz

Russland setzte zudem dem Bericht zufolge strategische Bomber vom Typ Tu-95 und Tu-160MS ein, die jeweils bis zu zwölf Marschflugkörper tragen können. Gegen 10.20 Uhr wurde zusätzlich ein MiG-31-Kampfjet registriert.

In der Region Kiew wurde nach Angaben des Gouverneurs Mykola Kalaschnyk mindestens eine Person getötet und acht weitere verletzt, darunter ein Kind. Die Angriffe beschädigten den Angaben zufolge Wohnhäuser, Hochhäuser, Fahrzeuge und Verwaltungsgebäude in drei Bezirken. Auch eine Tierklinik wurde getroffen, wobei rund 20 Tiere starben.

In der östlichen Region Charkiw meldete Gouverneur Oleh Synehubov insgesamt einen Toten und 25 Verletzte durch Raketen-, Bomben- und Drohnenangriffe innerhalb von 24 Stunden. Im Stadtbezirk Schewtschenkiwskyj wurden sieben Menschen durch Drohnen verletzt, drei davon schwer. In der Stadt Schostka in der Region Sumy töteten gelenkte Fliegerbomben eine Frau und verletzten vier weitere Personen. Später traf eine Drohne ein Einkaufszentrum in der Regionalhauptstadt Sumy, wobei sechs Menschen verletzt wurden, darunter ein 17-jähriges Mädchen, wie die örtliche Militärverwaltung mitteilte.

Schäden an einem Gebäude nach einem Angriff auf Charkiv
Schäden an einem Gebäude nach einem Angriff auf CharkivSergey Bobok/AFP

Der ukrainische Netzbetreiber Ukrenergo ordnete infolge des Angriffs landesweit Notabschaltungen an. Drohnen wurden über den Regionen Kirowohrad, Winnyzja, Sumy, Tscherkassy, Poltawa, Schytomyr und Kiew gemeldet. Ballistische Raketen zielten zudem auf die Regionen Saporischschja und Dnipropetrowsk.

Ukraine sieht in russischen Angriffen neue Taktik

Ihnat verglich das Angriffsmuster mit den Attacken vom 23. und 24. März sowie vom 31. März bis 1. April, bei denen nächtliche Angriffe ebenfalls in den Tag hinein fortgesetzt wurden. „Der Feind nutzt neue Routen, neue Drohnen, die ständig modernisiert werden, und neue Taktiken“, sagte er im Staatsfernsehen. Großflächige Angriffe legten so den öffentlichen Nahverkehr, Behörden und Bildungseinrichtungen lahm, so Ihnat.

Der ukrainische Reserveoberst und Analyst Viktor Kevliuk vom Zentrum für Verteidigungsstrategien erklärte gegenüber dem Kyiv Independent, die langanhaltenden Angriffe zielten darauf ab, die ukrainische Flugabwehr über den Tag hinweg zu erschöpfen und so spätere Schläge wirksamer zu machen. Zugleich dienten sie der Einschüchterung der Zivilbevölkerung. „Das Ziel ist es, ein Gefühl ständiger Gefahr zu erzeugen“, sagte Kevliuk.

Außenminister Sybiha warf Russland vor, bewusst am helllichten Tag zuzuschlagen, „um möglichst viele zivile Opfer zu treffen und möglichst großen Schaden anzurichten“. Moskau reagiere mit brutaler Gewalt auf den ukrainischen Vorschlag einer Osterfeuerpause, so Sybiha.

Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuvor die Bereitschaft Kiews zu einer Waffenruhe über die Feiertage erklärt. Der Kreml teilte laut AFP mit, keinen entsprechenden Vorschlag erhalten zu haben. Die von den USA vermittelten Gespräche zwischen den Kriegsparteien stocken derzeit.