Taiwan hat am Sonntag die Rückkehr groß angelegter chinesischer Militärflüge in der Nähe der Insel gemeldet. Das taiwanische Verteidigungsministerium registrierte demnach innerhalb von 24 Stunden 26 chinesische Militärflugzeuge, die sich vor allem in der Taiwanstraße konzentrierten. 16 davon überquerten laut dem Wall Street Journal die Mittellinie der rund 160 Kilometer breiten Meerenge oder drangen in Taiwans Luftverteidigungszone ein. Zusätzlich seien sieben chinesische Marineschiffe in den Gewässern um Taiwan gesichtet worden.
Die Flüge beenden eine rund zehntägige Pause, die in Taipeh und Washington für erhebliche Spekulationen gesorgt hatte. Zwischen dem 27. Februar und dem 7. März hatte Taiwan nach Angaben seines Verteidigungsministeriums kein einziges chinesisches Militärflugzeug registriert – ein Novum, da Peking seit Ende 2020 nahezu täglich Kampfjets, Drohnen und andere Militärflugzeuge in Richtung Taiwan entsendet, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. In den vergangenen zwei Wochen erfasste Taiwan insgesamt nur sieben Flugzeuge, im Vorjahreszeitraum waren es 92.
China betrachtet die demokratisch regierte Insel mit rund 23 Millionen Einwohnern als Teil seines Staatsgebiets und schließt eine militärische Einnahme nicht aus.
Peking schweigt zu den Gründen
China hat weder die Pause noch die Wiederaufnahme der Flüge erklärt und reagierte laut Reuters auch nicht auf Anfragen dazu. Das Taiwanbüro des Staatsrats in Peking griff allerdings am Samstag Taiwans Präsidenten Lai Ching-te scharf an, nachdem dieser höhere Verteidigungsausgaben und den Schutz der Demokratie gefordert hatte. „Menschen wie Lai Ching-te sollten sich nicht verkalkulieren; wenn sie es wagen, leichtsinnige Risiken einzugehen, werden sie sich ihr eigenes Grab schaufeln“, erklärte ein Sprecher des Büros laut Reuters.
Analysten diskutieren mehrere Erklärungen für die ungewöhnliche Unterbrechung. Der frühere US-Verteidigungsbeamte Drew Thompson sagte der Nachrichtenagentur AP: „Es gibt viele Theorien, und gerade das Unwissen über Chinas Absichten ist beunruhigend. Wenn Informationen fehlen, entsteht Unsicherheit – und Unsicherheit erhöht das Risiko.“
Gipfeltreffen, Korruption oder neue Taktik?
Ein hochrangiger taiwanischer Sicherheitsbeamter erklärte gegenüber Reuters, Peking wolle vor dem geplanten Besuch von US-Präsident Donald Trump in China ab dem 31. März den Eindruck von Friedfertigkeit vermitteln. Andere Analysten vermuten laut dem Wall Street Journal, dass Peking Washington dazu bringen wollte, eine geringere militärische Bedrohung wahrzunehmen und die Wachsamkeit zu senken.
K. Tristan Tang vom National Bureau of Asian Research hält es laut AP für möglich, dass Chinas Militär derzeit neue gemeinsame Übungsformate zwischen Luftwaffe, Marine und Bodentruppen erprobt, die bewusst weiter entfernt von Taiwan stattfinden, um ausländische Beobachtung zu erschweren.
Su Tzu-yun vom taiwanischen Verteidigungsforschungsinstitut sieht dagegen laut Reuters die laufende Antikorruptionskampagne in Chinas Streitkräften als wahrscheinlicheren Grund, da Umstrukturierungen in der Kommandokette die Einsatzbereitschaft beeinträchtigen könnten.
Taiwans Verteidigungsminister Wellington Koo warnte laut Wall Street Journal davor, die Pause als Entspannung zu deuten. „Wir können uns nicht auf ein einzelnes Signal wie das Ausbleiben von Flugzeugen verlassen“, sagte er und verwies auf die weiterhin präsenten chinesischen Marineschiffe.


