Tropensozialismus

Krise um Kuba spitzt sich zu: Warum Trumps Strategie gefährlicher sein könnte als der letzte Showdown 1962

Kuba leidet unter Trumps Blockade. Die Parallelen zu 1962 sind trügerisch. Denn was passiert, wenn Russland diesmal nicht nachgibt?

Britisches Patrouillenschiff HMS Mersey beobachtet russische Fregatte im Ärmelkanal. Die Fregatte begleitete die Anatoly Kolodkin.
Britisches Patrouillenschiff HMS Mersey beobachtet russische Fregatte im Ärmelkanal. Die Fregatte begleitete die Anatoly Kolodkin.-

Im ersten Teil dieses Artikels wird die Zuspitzung der Kuba-Krise im März 2026 nachgezeichnet: Eine faktische US-Blockade kappt die Treibstoffversorgung der Insel, während ein russischer Tanker zum geopolitischen Prüfstein wird. Der Text stellt Parallelen zur Kubakrise 1962 her, kontrastiert Kennedys Scheitern mit Trumps Strategie der ökonomischen Strangulation und beschreibt die bereits spürbaren humanitären Folgen sowie die Angst vor einem ungewissen Regimewechsel.

Das Schicksal des russischen Tankers Anatoly Kolodkin zur Stunde zum Lakmustest für die geopolitischen Machtverhältnisse – nicht nur für den US-kubanischen Konflikt. Denn Kuba ist mehr als eine Karibikinsel mit elf Millionen Einwohnern. Kuba ist ein Symbol.

Für die USA ist Kuba seit 1959 der Stachel im Fleisch, die kommunistische Bastion nur rund 90 Meilen vor der Küste Floridas, der Ort, an dem die Supermächte 1962 beinahe die Welt in die Luft sprengten. Für Russland ist Kuba ein Überbleibsel des sowjetischen Imperiums, ein Brückenkopf in der westlichen Hemisphäre, ein Symbol dafür, dass Moskau auch im Hinterhof der USA Einfluss ausüben kann.

Für China ist Kuba ein potenzieller Partner in einer Region, die Peking zunehmend als strategisch relevant betrachtet. Für Brasilien und andere lateinamerikanische Staaten ist Kuba ein Testfall dafür, ob die USA ungestraft ein souveränes Land in ihrer Nachbarschaft aushungern können.

Russland ist „bereit, jede mögliche Hilfe zu leisten“

Am Morgen nach Trumps Äußerung, er werde „die Ehre haben, Kuba zu nehmen“, erklärte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, Russland stehe in engem Kontakt mit Kuba wegen der Energiekrise und sei „bereit, jede mögliche Hilfe zu leisten.“ Er fügte hinzu: „Kuba ist ein unabhängiger souveräner Staat, der aufgrund des erstickenden Embargos mit großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert ist.“ Er nannte weder die USA noch Trump beim Namen.

Die Anatoly Kolodkin – benannt nach Russlands ehemaligem Vertreter für Seerecht bei den Vereinten Nationen – verließ den russischen Hafen Primorsk an der Ostsee am 9. März. Ihr offiziell ausgestrahltes Ziel: „Atlantis, USA“ – mutmaßlich eine Finte. Der Tanker und sein Eigner, die staatliche russische Reederei Sovcomflot, stehen seit 2024 unter US-Sanktionen. Die Schiffsdatenfirma Kpler berichtet unter Berufung auf einen Brancheninsider, das tatsächliche Ziel sei Matanzas, Kuba. Der Tanker passierte den Ärmelkanal in Begleitung eines russischen Marineschiffs, das abdrehte, als der Tanker den Atlantik erreichte. Er könnte die Karibik bereits am Montag erreichen.

Kuba heute und die Geister von 1962

Man muss sich die Szene vor Augen führen: Ein russischer Staatstanker, unter Sanktionen, eskortiert von der russischen Marine, auf Kurs zu einer Insel, die die USA blockieren. Zwei US-Küstenwachkutter patrouillieren in den Gewässern. Der US-Präsident hat öffentlich erklärt, er könne „alles tun, was er will“ mit Kuba.

Im Oktober 1962 ordnete Kennedy eine „Quarantäne“ – er vermied bewusst das Wort „Blockade“, weil eine Blockade nach Völkerrecht ein Kriegsakt ist – gegen sowjetische Schiffe an, die Raketen nach Kuba transportierten. Die Welt hielt den Atem an, als sich sowjetische Frachter der Blockadelinie näherten. Chruschtschow blinzelte zuerst: Die Schiffe drehten ab. Die Krise wurde diplomatisch gelöst – durch einen geheimen Deal, bei dem die USA ihre Jupiter-Raketen aus der Türkei und Italien abzogen, im Gegenzug für den Abzug der sowjetischen Raketen aus Kuba.

Wird die Anatoly Kolodkin abdrehen? Werden die USA ein russisches Schiff entern – so wie sie es mit dem venezolanischen Tanker getan haben? Werden sie einen russischen Staatstanker, der unter Sanktionen steht, mit militärischer Gewalt aufbringen? Und wenn ja – was antwortet Moskau?

Die Parallelen zu 1962 sind offensichtlich, die Unterschiede ebenso. Damals standen sich zwei annähernd gleichwertige Supermächte gegenüber, beide nuklear bewaffnet, beide bereit, bis an den Rand des Abgrunds zu gehen. Heute ist Russland in einen Krieg in der Ukraine verstrickt, seine konventionellen Streitkräfte gebunden, seine Marine ein Schatten der sowjetischen Flotte. Aber Russland ist immer noch eine Atommacht. Und die Symbolik eines amerikanischen Angriffs auf ein russisches Schiff wäre gewaltig.

Jorge Piñón, ein ehemaliger Ölmanager, der an der University of Texas Kubas Energiesektor erforscht, hat die Zahlen durchgerechnet: Die 730.000 Barrel Rohöl auf der Anatoly Kolodkin könnten Diesel, Benzin und Kerosin produzieren und das Stromnetz stabilisieren. Aber das Öl müsste erst raffiniert werden, und Kubas Raffinerien sind hochgradig ineffizient. Es würde Wochen dauern und einen Teil des Öls verschwenden. Kuba braucht 100.000 Barrel pro Tag, produziert aber nur 40.000 aus eigenen Quellen. Das russische Öl wäre lebenswichtig, aber nur eine vorübergehende Lösung – „Atemraum von nicht mehr als 30 Tagen“, sagt Piñón.

Donald Trump: Die smartere Brutalität?

Ist Trumps Strategie also smarter als Kennedys? Die Antwort ist unbequem: Ja – wenn man „smart“ rein machtpolitisch definiert.

Kennedy schickte 1.500 schlecht ausgerüstete Exilanten in eine Invasion, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Er log die Welt an, blamierte die USA vor den Vereinten Nationen, stärkte Castro und provozierte eine nukleare Konfrontation. Trumps Blockade kostet keinen einzigen amerikanischen Soldaten. Sie erzeugt keine Bilder brennender Schiffe oder gefangener Invasoren. Sie lässt sich als Sanktionspolitik verkaufen, nicht als Kriegsakt. Und sie funktioniert: Nach zehn Wochen ohne Treibstoff steht Kuba vor dem Kollaps.

Aber „smart“ ist nicht dasselbe wie „richtig“. Kennedy hat bei der Schweinebucht-Invasion eine militärische Dummheit begangen. Trump begeht eine humanitäre.

Er hungert elf Millionen Menschen aus – nicht mit Bomben, sondern mit Drohungen, Sanktionen und der Kontrolle über die Ölströme der westlichen Hemisphäre. Es ist eine Strategie, die keine Toten auf US-amerikanischer Seite produziert, aber Tote auf kubanischer Seite in Kauf nimmt – in den Dörfern von Pinar del Río, in den Krankenhäusern ohne Strom, in den Haushalten ohne Wasser.

David Adler von der Progressive International, der im vergangenen Jahr bei dem gescheiterten Versuch, humanitäre Hilfe nach Gaza zu bringen, von der israelischen Marine festgenommen wurde, sieht eine direkte Linie: „Die Taktik der Belagerung wurde in jenem Teil der Welt normalisiert. Jetzt importieren die Vereinigten Staaten diese Taktik in die westliche Hemisphäre.“

Am Samstag werden Gruppen aus Nordamerika, Lateinamerika und Europa in Havanna zusammenkommen, um über 20 Tonnen humanitäre Hilfe zu übergeben – darunter Solaranlagen im Wert von einer halben Million US-Dollar, medizinische Versorgung aus Mailand, Lebensmittel aus Großbritannien, Irland, Argentinien, Mexiko und der Türkei.

Was kommt als Nächstes?

Die nächsten Tage werden zeigen, wie diese neue Konfrontation ausgeht. Erreicht die Anatoly Kolodkin Matanzas? Fangen die USA das Schiff ab? Und wenn ja – was passiert dann?

Die Parallelen zur Kubakrise 1962 sind verlockend, aber sie führen in die Irre. Damals ging es um das nukleare Gleichgewicht des Schreckens, um das Überleben der Menschheit. Heute geht es um Öl, um Macht und um die Frage, ob die USA ein souveränes Land in ihrer Nachbarschaft in die Knie zwingen können – und ob der Rest der Welt das zulässt.

Russland hat signalisiert, dass es helfen will. China beobachtet. Brasilien schweigt. Europa ist mit sich selbst beschäftigt. Und auf Kuba sterben Menschen – nicht an Bomben, sondern an Hunger, an fehlenden Medikamenten, an einem Stromnetz, das jeden Tag näher am vollständigen Zusammenbruch ist.

Donald Trump hat möglicherweise verstanden, was John F. Kennedy nicht verstand: dass man Kuba nicht mit einer Invasion erobert. Aber ob man es mit einer Blockade erobern kann, ohne dabei die moralische Autorität zu verlieren, die die USA in der westlichen Hemisphäre beanspruchen – das ist eine andere Frage.

Eine Frage, die sich in den nächsten Tagen beantworten wird. Auf dem Atlantik, wo ein russischer Tanker durch die Wellen pflügt. Und in den Dörfern von Pinar del Río, wo die Lichter schon lange ausgegangen sind.