Energiekrieg

Russland, USA und Kuba: Steuert die neue Blockade auf eine gefährliche Eskalation zu?

Ein russischer Tanker, eine Seeblockade und die Frage, ob die USA die letzte sozialistische Bastion der westlichen Hemisphäre in die Knie zwingen. (Teil 1)

Söldner trainieren nahe Miami für den Kampf gegen Castro, April 1961. Sie scheiterten verheerend.
Söldner trainieren nahe Miami für den Kampf gegen Castro, April 1961. Sie scheiterten verheerend.IMAGO / United Archives International

Geschichte wiederholt sich nicht. Sie erreicht uns als Echo der Vergangenheit – verzerrt und düster mitunter, Unheil verkündend. Zur Stunde steuert ein russischer Öltanker namens Anatoly Kolodkin, beladen mit 730.000 Barrel Rohöl, durch den Atlantik. Sein mutmaßliches Ziel: Matanzas, Kuba. Begleitet von einem russischen Marineschiff durch den Ärmelkanal, beobachtet von der Royal Navy, verfolgt von Schiffsdatenanalysten und Satellitenbildern, getrackt von der US-Küstenwache.

In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob die Vereinigten Staaten ein russisches Schiff auf Kurs Kuba abfangen – so wie sie es mit dem venezolanischen Tanker Solar Tarkan getan haben, den die US-Küstenwache im Februar mit kolumbianischem Öl an Bord zur Dominikanischen Republik umleitete.

All das hat es schon einmal gegeben. Russische Schiffe auf Kurs Kuba. Eine amerikanische Blockade. Die Welt, die den Atem anhält. Nur dass damals, im Oktober 1962, Atomraketen auf den Frachtern lagen und ein 35-jähriger Präsident namens John F. Kennedy und ein polternder Parteichef namens Nikita Chruschtschow die Menschheit an den Rand der nuklearen Vernichtung brachten. Heute liegen keine Raketen auf dem Tanker. Nur Öl. Aber Öl ist für Kuba im März 2026 nicht weniger existenziell als Atomsprengköpfe es 1962 für das strategische Gleichgewicht der Supermächte waren.

Kennedys Desaster, Trumps Kalkül

Am 17. April 1961 landeten rund 1.500 von der CIA ausgebildete kubanische Exilanten in der Schweinebucht an der Südwestküste Kubas. Die Operation, geplant unter Eisenhower, genehmigt unter Kennedy, war ein militärisches, geheimdienstliches und diplomatisches Fiasko von historischem Ausmaß.

Die Brigade 2506 wurde innerhalb von drei Tagen von Castros Revolutionsarmee aufgerieben. 114 Kämpfer fielen, über 1.200 gerieten in Gefangenschaft. Kennedy hatte im entscheidenden Moment die versprochene Luftunterstützung verweigert – aus Angst, die ohnehin dünne Fassade der „plausiblen Abstreitbarkeit“ einer US-Beteiligung würde vollends zusammenbrechen.

Die Invasion machte Castro zum Nationalhelden, trieb Kuba endgültig in die Arme Moskaus und legte den Grundstein für die Kubakrise ein Jahr später, als sowjetische Atomraketen auf der Insel die Welt an den Rand des Dritten Weltkriegs brachten.

Trump brutale Lehre aus der Geschichte

Kennedy scheiterte, weil er versuchte, Castro mit Gewalt zu stürzen – halbherzig, schlecht geplant, mit einem Fuß auf dem Gaspedal und dem anderen auf der Bremse. Die Lektion, die Generationen amerikanischer Strategen daraus zogen, war eindeutig: Eine direkte militärische Intervention auf Kuba ist politisch toxisch und operativ ein Albtraum.

Donald Trump hat diese Lektion offenbar verstanden – und daraus eine Strategie entwickelt, die in ihrer Brutalität kaum weniger erschreckend ist, aber ohne einen einzigen amerikanischen Soldaten auf kubanischem Boden auskommt. Keine Invasion. Keine Luftangriffe. Kein zweites Schweinebucht-Desaster. Stattdessen etwas, das in seiner Konsequenz möglicherweise verheerender ist: Er hungert ein ganzes Land aus.

Die Blockade: 100 Prozent Treibstoff – auf null

Seit dem 9. Januar dieses Jahres hat Kuba keine nennenswerte Treibstofflieferung mehr erhalten. Das Datum ist kein Zufall: Es folgte unmittelbar auf die US-Militäroperation in Venezuela, bei der Präsident Nicolás Maduro festgenommen und die venezolanische Ölindustrie unter amerikanische Kontrolle gebracht wurde. Venezuela war Kubas Hauptlieferant für Treibstoff – eine Lebensader, die über Nacht gekappt wurde.

"Sozialismus oder Tod" – diese Frage stellt sich in Kuba verschärft.
"Sozialismus oder Tod" – diese Frage stellt sich in Kuba verschärft.Ramon Espinosa

Was folgte, ist eine Blockade, die nicht mit Kriegsschiffen und Seeminen durchgesetzt wird, sondern mit Drohungen: Wer Kuba Öl liefert, dem drohen US-Sanktionen und Zölle. Mexiko, das zunächst Lieferungen plante, knickte unter dem Druck ein und schickte stattdessen Hilfsgüter – über 2.000 Tonnen, von denen nach Berichten des mexikanischen Senders TV Azteca ein Teil in staatlichen Geschäften verkauft statt kostenlos verteilt wurde.

Die Sea Horse, ein chinesischer Tanker mit fast 200.000 Barrel russischem Dieselöl, stoppte mitten im Atlantik, weil ihre Eigner Konsequenzen der US-Regierung fürchteten. Drei Wochen trieb das Schiff ziellos auf dem offenen Meer, bevor es Kurs auf einen anderen karibischen Hafen nahm.

Das kann kein Land überleben

„Es gibt kein Land auf der Welt, das eine vollständige Treibstoffblockade überleben könnte“, sagt David Adler, Ko-Koordinator der Progressive International und Mitorganisator eines humanitären Hilfskonvois nach Havanna. „Im Fall Kubas reden wir nicht über eine Reduzierung, sondern über das hundertprozentige Herausreißen von Erdöl aus der gesamten Wirtschaft.“

Die Dimension dieses Vorgehens zeigt sich auch andernorts: Im Iran, wo die USA im Rahmen des Krieges im Persischen Golf Ölanlagen und Gasfelder bombardieren – Gasfelder, die Gas für die Küchen von Millionen iranischer Haushalte produzieren, ausschließlich für den Inlandsverbrauch. Die Schließung der Straße von Hormuz trifft Länder wie Indien und Nepal mit voller Wucht. Trumps Strategie der ökonomischen Strangulation kennt keine geografischen Grenzen – und keine humanitären Skrupel.

„Ich glaube, ich werde die Ehre haben, Kuba zu nehmen“

Am Montag dieser Woche sagte Donald Trump, Kuba sei so geschwächt, dass er glaube, „die Ehre zu haben, Kuba zu nehmen“. Er fügte hinzu: „Ich könnte alles tun, was ich will.“ Es ist ein Satz, der in seiner imperialen Selbstverständlichkeit an die Rhetorik des 19. Jahrhunderts erinnert – an die Monroe-Doktrin, an das Platt Amendment von 1901, das den USA ein Interventionsrecht auf Kuba einräumte, an die Jahrzehnte, in denen der US-Botschafter in Havanna mächtiger war als der kubanische Präsident.

Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel antwortete, die US-Regierung wolle „das Land übernehmen, seine Ressourcen, sein Eigentum und sogar die Wirtschaft, die sie zu ersticken versuchen, um uns zur Kapitulation zu zwingen.“ Er fügte hinzu: „Im schlimmsten Fall wird Kuba von einer Gewissheit geleitet: Jeder externe Aggressor wird auf unnachgiebigen Widerstand stoßen.“

General Francis L. Donovan, der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Lateinamerika, versicherte dem Kongress, das Militär probe keine Pläne zum Sturz der kubanischen Regierung. Gleichzeitig patrouillieren zwei Küstenwachkutter vor Kubas Küste, und Trumps Außenminister Marco Rubio erklärte, die angekündigten Reformen Kubas – darunter die Möglichkeit für Auslandskubaner, auf der Insel zu investieren – gingen nicht weit genug. Was Kuba wirklich brauche, seien „neue Leute an der Spitze“.

Ist Trumps Strategie smarter?

Die Frage drängt sich auf: Ist Trumps Ansatz – keine Invasion, keine Bomben, aber eine totale ökonomische Strangulation – klüger als Kennedys gescheiterter Militärschlag?

Kennedy versuchte 1961, Castro mit Gewalt zu stürzen, und scheiterte katastrophal. Die Invasion machte Castro stärker, nicht schwächer. Sie trieb Kuba in die Arme der Sowjetunion und brachte die Welt an den Rand des Atomkriegs. Trumps Ansatz vermeidet diese Fehler: keine amerikanischen Toten, keine Bilder von Invasionstruppen, keine diplomatische Katastrophe in den Vereinten Nationen, wo der US-Demokrat Adlai Stevenson 1961 die Welt anlog und es später bitter bereute.

Aber die Frage, ob diese Strategie „smarter“ ist, hängt davon ab, welchen Maßstab man anlegt. Militärisch und politisch ist sie risikoärmer für die USA. Humanitär ist sie eine Katastrophe von wachsendem Ausmaß. Und geopolitisch könnte sie Konsequenzen haben, die Washington nicht eingeplant hat.

„Die humanitäre Katastrophe ist bereits im Gang“

Was die Blockade auf der Insel anrichtet, lässt sich nicht aus Washington oder Miami beurteilen. Man muss in die Provinzen fahren – nach Matanzas, Villa Clara, Pinar del Río.

Selbst in Havanna legt sich die Nacht nicht  mehr einfach über die Stadt– sie brichtüber sie hinein. Mit einem Schlag. Ventilatoren verstummen, Kühlschränke geben auf, Straßen versinken in Dunkelheit. „Esto es una locura“, sagt ein 80‑Jähriger bei BBC Mundo. „Wir leben von einem Tag auf den anderen.“ Seine Stimme trägt keine Wut mehr, nur Erschöpfung.

Im März 2026 trifft es fast die ganze Insel. Millionen sitzen im Finstern, manche über Tage. In einem Viertel kehrt der Strom kurz zurück, ein flackerndes Versprechen – zwei Straßen weiter bleibt es schwarz. „Apagones constantes“, berichtet ein junger Mann aus Havanna in einem Interview. Stromausfälle, Lebensmittelknappheit, kein Benzin – und ein Gehalt, das kaum für eine Woche reicht.

Die Hitze macht die Nächte unerträglich. Eine Frau erzählt in einem verbreiteten Video von 26 Stunden ohne Elektrizität. Das Essen ist verdorben, die Luft steht, Kinder weinen. Was bleibt, ist Improvisation: Kerzen, Generatoren, Nachbarn, die teilen, solange noch etwas da ist.

Auch die Prioritäten sind sichtbar: Krankenhäuser werden zuerst versorgt, sagen Bewohner gegenüber AP News. Für den Rest heißt es warten. Oder hoffen.

Doch es ist mehr als ein Stromproblem. Die Blackouts legen frei, was längst bröckelt: ein System ohne Reserven, eine Infrastruktur am Limit. In den Berichten aus den Straßen tauchen immer wieder dieselben Worte auf – „escasez“, Mangel, und „día a día“, von Tag zu Tag leben.

Wenn das Licht zurückkehrt, ist es kein Triumph. Es ist nur eine Pause, bevor die Dunkelheit wiederkommt.

Die Angst vor dem, was nach der Post-Castro-Ära kommt

Eine Haltung, die nicht von allen Beobachtern geteilt wird. Denn wer glaubt, die kubanische Bevölkerung warte einhellig auf ihre „Befreiung“ durch Washington, verkennt die Komplexität der Lage. Der Kölner Historiker Michael Zeuske, einer der profiliertesten Kuba-Experten Deutschlands, der als Kind zwei Jahre auf der Insel lebte, bis zu seiner Emeritierung 2018 den Lehrstuhl für iberische und lateinamerikanische Geschichte an der Universität zu Köln innehatte, und gerade von Feldforschungen auf Kuba zurückgekehrt ist, sieht die Situation differenzierter.

„Ich sehe es immer noch nicht so negativ für Cuba Castrista wie in den meisten Berichterstattungen“, sagt Zeuske, der heute Senior Research Professor am Bonn Center for Dependency and Slavery Studies ist. „Zwar hoffen große Teile der Bevölkerung aus Verzweiflung über die apagones auf Änderung – das heißt: auf Trump. Aber sie wissen auch, dass bei einer wirtschaftlichen Öffnung die Cubano-americanos kommen, die nicht nur Rache wollen, sondern sus casas y tierras zurück.“ Ihre Häuser und ihr Land. Dort, wo heute auch Funktionäre, Militärs, Mediziner und Lehrer leben.

Havanna: Eine Frau geht auf einer Straße vorbei an Müllbergen.
Havanna: Eine Frau geht auf einer Straße vorbei an Müllbergen.Ramon Espinosa/AP/dpa

Zeuske verweist auf drei Aspekte, der in der westlichen Berichterstattung kaum vorkommen: Erstens: Kuba ist das einzige Land in den Amerikas, dass mit seinen bewaffneten Apparaten unter Führung der Castro-Familie sein gesamtes Territorium kontrolliert; zweitens: Exilkubaner in den USA sind meist Weiße und drittens auf die Angst der kubanischen Bevölkerung vor dem, was nach einem Regimewechsel kommen könnte.

„Im Grunde wissen auch alle auf Kuba, auch die, die auf Trump hoffen, dass listas de comunistas vorliegen – Listen, die nicht nur Militär und Partei erfassen, sondern auch Grundschullehrerinnen." Jeder, der für den Staat gearbeitet hat – Mediziner, Ingenieure, Journalisten, Wissenschaftler – steht potenziell auf diesen Listen. In einem Land, in dem der Staat praktisch der einzige Arbeitgeber war, bedeutet das: fast jeder.

„Kuba ist nicht Venezuela", betont Zeuske. In Venezuela gab und gibt es eine Opposition, eine Privatwirtschaft, Strukturen jenseits des Staates. Das Territorium des Landes ist praktisch unkontrollierbar von einer Führung in Caracas. Kuba ist seit über sechs Jahrzehnten ein sozialistischer Einparteienstaat. Ein Regimewechsel wäre nicht nur ein politischer Umbruch, sondern eine gesellschaftliche Implosion – mit unabsehbaren Folgen für Millionen Menschen.

Im zweiten Teil dieses Artikels wird der russische Tanker zum Symbol globaler Machtpolitik: USA, Russland und andere Akteure ringen um Einfluss in Kuba. Die Situation erinnert an 1962, ist aber anders gelagert. Trumps Strategie setzt auf Sanktionen statt Militär und bringt Kuba an den Rand des Kollapses. Das russische Öl könnte kurzfristig helfen, löst aber nicht die Krise. Die kommenden Tage entscheiden über Eskalation oder Entspannung.